Interview mit Kaan Orhon

Plakataktion: „Wir sind alle Marwa“ – Tag gegen antimuslimischen Rassismus

„Wir sind alle Marwa“ sagt der Rat muslimischer Studierender & Akademiker (RAMSA) und ruft zu einem „Tag gegen antimuslimischen Rassismus“ am 1. Juli 2014 auf. Wir sprachen mit Kaan Orhon über die Hintergründe der Aktion.

28
06
2014

Der Rat muslimischer Studierender & Akademiker (RAMSA) hat anlässlich des Jahrestags der Ermordung von Marwa El-Sherbini eine Plakataktion unter dem Titel „Wir sind alle Marwa“ gestartet. Der RAMSA ruft zudem dazu auf den 1. Juli zu einem „Tag gegen antimuslimischen Rassismus“ zu machen.

Hintergrund: Am 1. Juli 2009 wurde die Pharmazeutin Marwa El-Sherbini vor dem Landgericht Dresden aus islamfeindlichen und ausländerfeindlichen Motiven heraus ermordet. Der Mord hatte für internationales Aufsehen gesorgt und die muslimische Community in Deutschland schockiert – auch wegen der Ignoranz von Medien und Politik.

Wir sprachen mit Kaan Orhon, Vize-Präsident des RAMSA, über die Hintergründe der Aktion, über antimuslimischen Rassismus und was der RAMSA sonst dagegen macht. Wir wollten auch wissen, ob ein solcher Tag nicht auch für andere Gruppen nötig sein könnte.

 

Kaan Orhon, Vize-Präsident des RAMSA © Foto: Privat

IslamiQ: Herr Orhon, worin besteht konkret die Aktion „Wir sind alle Marwa“? Was ist für den 1. Juli im Einzelnen geplant?

Kaan Orhon: Primärer Bestandteil ist die Fotoaktion. Dabei fotografieren die Teilnehmer sich mit Plakaten, auf denen darauf hingewiesen wird, dass antimuslimischer Rassismus noch immer eine Gefahr ist. Diese Fotos sammeln wir und veröffentlichen sie über soziale Medien und eine eigens dafür eingerichtete Internetseite. Ergänzend veranstalten einzelne, dem RAMSA angeschlossene Hochschulgruppen in verschiedenen Städten am oder um den 1. Juli in ganz Deutschland inhaltliche Veranstaltungen; Vorträge zum Themenbereich Islamfeindlichkeit, Rassismus und etc.

 

IslamiQ: Was bezweckt der RAMSA mit dieser Aktion? Welche Motivation und welche Ziele werden verfolgt? Welche Wirkung soll erzielt werden?

Kaan Orhon: Wir wollen das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Ideologie, die den Nährboden für Verbrechen wie den Mord an Marwa El-Sherbini liefert, nach wie vor eine Gefahr darstellt. In den vergangenen fünf Jahren ist viel Positives geleistet worden, von Muslimen und Nichtmuslimen, um antimuslimischen wie auch jeden anderen Rassismus zu bekämpfen. Dennoch gibt es weiter eine akute Gefahr, dass sich eine solche Tat wiederholt. Übergriffe gegen Moscheen, gegen Muslime oder solche, die dafür gehalten werden, sind leider keine Seltenheit. Mit Slogans wie „Wir sind alle Marwa“ oder „Ich hätte auch Marwa sein können“ soll ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, wie Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland die Bedrohung empfinden, die durch solche Taten entsteht. Jeder der sich in irgendeiner Weise als muslimisch zu erkennen gibt, könnte Opfer werden. Und wie bei anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit braucht es keine spezielle Handlung des Opfers, die Identität reicht bereits als „Grund“ für einen Übergriff. Die Kampagne soll gerade auch die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft erreichen und Ängste und Sorgen muslimischer Mitbürger verständlich machen.

 

Interessierte können sich an der Fotoaktion beteiligen, um ihre Solidarität mit der Forderung und den Opfern antimuslimischer Gewalt zu zeigen. Weite Details zur Aktion und Plakate zum Ausdrucken gibt es unter:
www.tag-gegen-antimuslimischen-rassismus.de

IslamiQ: Warum fordern Sie speziell einen Tag gegen anti-muslimischen Rassismus, wo doch schon ein Tag gegen Rassismus existiert? Was bezwecken Sie mit dieser Spezifizierung? Worin unterscheidet sich das Phänomen des anti-muslimischen Rassismus von anderen Formen des Rassismus?

Kaan Orhon: Der antimuslimische Rassismus ist insofern besonders und besonders gefährlich, als er – dadurch, dass er sich auf das Merkmal Religion bezieht – oft unter dem Deckmantel der Religionskritik daherkommt und so versucht, sich Kritik und Bekämpfung zu entziehen. Das fängt mit dem von antimuslimischen Rassisten standardmäßig verwendeten Argument an, es könne keinen Rassismus speziell gegen Muslime geben, weil Muslime keine „Rasse“ seien. Ihre Angriffe auf den Islam und Muslime seien Religionskritik, und diese sei durch Meinungs- und Religionsfreiheit gedeckt. So lässt sich etwa eine Äußerung, die in ihrer Natur eindeutig rassistisch ist, wie „Türken sind kriminell“, „Afrikaner sind weniger intelligent“, „Araber sind faul“ durch die Verwendung von „Muslime“ anstelle der Nationalität bzw. Volkszugehörigkeit als nicht rassistisch darstellen.

Des Weiteren versuchen antimuslimische Rassisten die Verantwortung für Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt auf die Opfer abzuwälzen. Da man seinen Glauben anders als Hautfarbe oder Herkunft frei wählen kann, seien Muslime selbst „schuld“ an ihrer Situation. Die kopftuchtragende Frau sei selbst schuld, wenn sie diskriminiert wird. Wenn sie das Kopftuch ablegen würde, würde es nicht passieren. Damit wird die Rolle von Täter und Opfer auf den Kopf gestellt.

Und schließlich ist da die Situation von Menschen muslimischen Glaubens ohne Migrationshintergrund. Konvertiten, aber auch Menschen, die als Muslime aufgewachsen sind, nachdem ihre Eltern oder sogar Großeltern den Islam angenommen haben, sind von antimuslimischer Hetze, von Übergriffen auf Moscheen und dergleichen natürlich auch betroffen. Aber bei einer deutschen Muslima in der dritten Generation, die wegen ihres Hijab auf der Straße beleidigt oder angegriffen wird, kann man nicht von Rassismus, von Fremden- oder Ausländerfeindlichkeit sprechen. Daher braucht es unserer Meinung nach einen spezifischen Begriff und eine speziell darauf ausgerichtete Kampagne, um das Phänomen verständlich zu machen. Nur was man versteht, kann man wirksam bekämpfen.

 

IslamiQ: Sollten Ihrer Meinung nach auch weitere spezifische Rassismus-Tage wie ein möglicher Tag gegen Anti-Ziganismus eingeführt werden?

Kaan Orhon: Durchaus, bzw. vielleicht eher für spezifische Arten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Es gibt Tage gegen Antisemitismus und gegen Homophobie. Konkret das Beispiel Anti-Ziganismus ist ein weiterer Fall von Menschenfeindlichkeit, die droht, salonfähig zu werden, bis weit in die Mitte der Gesellschaft reicht und unzureichend wahrgenommen und bekämpft wird.

Jeder Mensch hat eine komplexe Identität mit verschiedenen Bestandteilen, die ihn bereichern und zu dem machen, was er ist, aber auch Gegenstand von Diskriminierung sein können. Die Roma sind zum Teil Muslime, können Opfer von Anti-Ziganismus wie auch von antimuslimischem Rassismus werden. Und Muslime können wie andere Menschen auch leider durchaus Anti-Ziganistische Vorurteile haben, egal was die Roma die akut davon betroffen sind, für einen Glauben haben. Kurz: es ist sehr wichtig, Phänomene gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit genau zu verstehen, zu unterscheiden und entsprechend anzugehen. Ob dazu die Einrichtung eines solchen Gedenktages gehört, dass müssen die jeweils Betroffenen entscheiden, es kann auch innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft durchaus diskutiert werden, wir jedoch halten die Idee für sinnvoll.

 

IslamiQ: Wie stehen Sie zu der Forderung einiger Intellektueller eine positive Forderung zu formulieren und einen Tag der Menschlichkeit, Gerechtigkeit oder des Friedens einzuführen anstelle eines Tages gegen Rassismus?

Kaan Orhon: Ein schöner Gedanke ohne Zweifel; dagegen ist nichts einzuwenden, wenn es ergänzend geschieht, aber ich denke, als Ersatz würde es den Einsatz gegen einen konkreten Sachverhalt verwässern. Ich will ein anderes Beispiel heranziehen: Es gibt einen internationalen Tag für den Frieden aber trotzdem einen Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten. Die Kultur vergleichbarer Gedenk- oder Aktionstage hat sich etabliert, weil sie Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Thema zieht, Aktionen bündelt und öffentliche Resonanz verstärkt. Ein solcher Tag wirkt wie ein Brennglas: Wer gegen Rassismus arbeitet, tut dies natürlich das ganze Jahr, aber an einem solchen Tag wird diese Arbeit meist anders und vor allem viel mehr wahrgenommen. Ein Titel wie der in der Frage genannte könnte fast alle wichtigen gesellschaftlichen Kämpfe gegen Probleme und Bedrohungen umfassen, spricht aber kein Thema konkret an – ich glaube nicht, dass diese Variante effektiv wäre, sie würde eine scharfe Waffe stumpf werden lassen.

 

IslamiQ: Wie reagiert der RAMSA auf zunehmenden antimuslimischen Rassismus an Hochschulen. Erst kürzlich hat IslamiQ über die in Brandsetzung von Gebetsteppichen an einer Fachhochschule in Hamburg berichtet. Wie geht RAMSA mit solchen Vorfällen um? Welches Potenzial hat gerade Ihre Organisation solchen Entwicklungen entgegenzuwirken?

Kaan Orhon: Seit der Gründung des RAMSA haben vergleichbare Fälle, die leider auch im Lebensbereich Universität nicht selten sind, dokumentiert und uns, wo wir konnten, aktiv eingebracht. Als bundesweiter Dachverband können wir anders auftreten als eine einzelne Hochschulgruppe an ihrer Uni. Wenn wir Rektoren oder sonstige Verantwortliche kontaktieren, können wir auf jahrelange Erfahrung im Bereich antirassistischer Arbeit zurückgreifen, viele unserer Akademiker sind ausgewiesene Experten der Thematik, wir haben eigene Organe im Verein, die spezifisch mit solchen Fällen befasst sind, die dokumentieren und telefonisch oder persönlich beraten, wo immer es nötig ist. Das sind Dinge, die eine einzelne Hochschulgruppe in der Regel nicht leisten kann. Durch unsere Arbeit haben wir ein weites Netz von Partnern, Freunden und Unterstützern religiösen, politischen und kulturellen Hochschulorganisationen und auch zahlreichen Akteuren außerhalb des akademischen Raumes aufgebaut, auf das wir in solchen Fällen ebenfalls zurückgreifen können. Aus ihren Reihen unterstützen zum Beispiel viele aktuell die Kampagne für den Tag gegen antimuslimischen Rassismus.

 

IslamiQ: Wie setzt sich RAMSA sonst noch gegen Rassismus und Diskriminierung ein? Welche anderen Projekte wurden und werden auch weiterhin diesbezüglich durchgeführt?

Kaan Orhon: Wir organisieren und unterstützen die Teilnahme unserer Mitgliedshochschulgruppen an lokalen Aktionen und Initiativen etwa im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus, wir organisieren auch außerhalb von konkreten Kampagnen wie dieser regelmäßig Vorträge und andere Veranstaltungen in ganz Deutschland, wir sind eine eingetragene Beratungsstelle der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und seit Jahren aktiv nicht nur im muslimisch-christlichen, sondern gerade auch im muslimisch-jüdischen Dialog, durch den wir uns auch für die Bekämpfung des Antisemitismus engagieren.

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30.06.2014 … Presseschau — Antifa Netzwerk sagt:
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30.06.14
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