Muslime in Deutschland

„Für viele Muslime ist Diskriminierung Teil des Alltags“

Viele Muslime blicken mit Sorge auf gesellschaftliche Entwicklungen und erleben zugleich starken Zusammenhalt. Im Interview spricht KRM-Sprecher Ali Mete über Diskriminierungserfahrungen, politische Erwartungen und das Engagement junger Menschen.

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03
2026
Ali Mete - Sprecher des Koordinationsrat der Muslime
Ali Mete - Sprecher des Koordinationsrat der Muslime

IslamiQ: Der Fastenmonat Ramadan ist zu Ende. Was war für Sie persönlich in diesem Jahr der prägendste Moment?

Ali Mete: Am meisten geprägt hat mich auch in diesem Jahr die Hingabe, mit der Menschen in den Moscheegemeinden diesen Monat gestaltet haben. Gerade in einer Zeit, die von Krisen, Kriegen und gesellschaftlichen Spannungen geprägt ist, war es beeindruckend zu sehen, mit wie viel Kraft, Geduld und Mitgefühl sich so viele Menschen eingebracht haben. Das gibt Hoffnung.

IslamiQ: Viele Moscheegemeinden haben im Ramadan gemeinsame Iftarabende organisiert oder Essen für Bedürftige verteilt. Was sagt dieser Monat über den Zusammenhalt muslimischer Gemeinden in Deutschland aus?

Mete: Der Ramadan hat eine spirituelle, aber immer auch eine soziale Dimension. In diesem Jahr war besonders sichtbar, wie stark dieser soziale Gedanke in den Gemeinden gelebt wird. An vielen Orten wurde Abend für Abend Essen für Bedürftige, Alleinstehende und Menschen in schwierigen Lebenslagen vorbereitet. Wer nicht kommen konnte, bekam das Iftar-Mahl sogar nach Hause gebracht. Das alles wäre ohne die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, junge wie ältere, gar nicht möglich gewesen.

Das zeigt: Muslimische Gemeinden sind nicht nur Orte des Gebets, sondern auch Orte der Verantwortung, der Fürsorge und des Zusammenhalts. Gerade im Ramadan wird sichtbar, wie viel Gemeinsinn, Verlässlichkeit und Hoffnung in diesen Gemeinden steckt.

IslamiQ: Sie haben sicher auch beobachtet, dass in diesem Ramadan viele junge Menschen in die Moscheen gekommen sind. Sei es zum Tarâwîh-Gebet oder um sich ehrenamtlich zu engagieren. Wie erklären Sie sich dieses wachsende Interesse bei der jüngeren Generation?

Mete: Wir leben insgesamt in einer Zeit, in der Religion für viele Menschen längst nicht mehr dieselbe Rolle spielt wie früher. Das sieht man nicht nur an den Kirchenaustritten, sondern auch an einer oft distanzierten oder sogar religionskritischen Haltung in Teilen der Gesellschaft. Umso bemerkenswerter ist, dass wir in muslimischen Gemeinden gerade im Ramadan etwas anderes erleben.

Viele junge Menschen kommen nicht nur zum Iftar, sondern bleiben auch zum Gebet, zum Gespräch und zum ehrenamtlichen Engagement. Der Ramadan schafft eine besondere Atmosphäre: Er stiftet Sinn, Gemeinschaft und Ruhe in einer oft hektischen und verunsichernden Zeit. Für viele junge Menschen ist das offenbar ein echter Anker.

Die wichtige Frage ist, was nach dem Ramadan passiert. Es wäre gut, wenn die Gemeinden diese jungen Menschen auch darüber hinaus stärker einbinden, ihnen Verantwortung übertragen und noch mehr Räume zur Mitgestaltung eröffnen. Davon würden wir alle als Gesamtgesellschaft profitieren.

IslamiQ: Die Kriege im Nahen Osten werden auch hier in Deutschland intensiv diskutiert. Welche Auswirkungen hat das auf die Stimmung in muslimischen Gemeinden – und welche Sorgen oder Ängste nehmen Sie derzeit bei vielen Muslimen wahr?

Mete: Die Bilder aus den Krisengebieten gehen an niemandem spurlos vorbei. Viele Menschen in unseren Gemeinden verfolgen das Leid in Gaza, im Sudan, in der Ukraine, im Iran und in anderen Teilen der Welt sehr aufmerksam. Sie betrauern jedes unschuldige Menschenleben, sie beten für die Unterdrückten und hoffen auf Gerechtigkeit und Frieden.

Was viele Muslime dabei besonders belastet, ist nicht nur das Ausmaß des Leids, sondern auch der Eindruck, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Viele erleben, dass die Würde des Menschen und das Völkerrecht zwar oft beschworen, aber nicht immer mit derselben Konsequenz verteidigt werden. Gerade junge Menschen nehmen diese Widersprüche sehr genau wahr.

Hinzu kommt, dass sich das gesellschaftliche Klima auch in Deutschland verändert. Die Polarisierung nimmt zu, Misstrauen wächst, und nicht wenige Muslime haben das Gefühl, ihre Trauer, ihre Solidarität und ihre Stimmen hätten nicht den gleichen Stellenwert oder stünden sogar unter einem Verdacht. Das erzeugt Verunsicherung. Umso wichtiger ist es, dass wir als Gesellschaft Räume offenhalten für Empathie, für differenzierte Debatten und für einen Zusammenhalt, der niemanden ausschließt.

IslamiQ: Eine aktuelle Untersuchung des Sozio-Ökonomischen Panels zeigt: Jeder achte Mensch in Deutschland hat innerhalb eines Jahres Diskriminierung erlebt. Bei Muslimen liegt der Anteil deutlich höher, besonders bei Frauen mit Kopftuch. Was sagen diese Zahlen über den Alltag vieler Muslime in Deutschland aus?

Mete: Diese Zahlen zeigen sehr deutlich: Für viele Musliminnen und Muslime ist Diskriminierung kein Ausnahmefall, sondern Teil des Alltags. Das betrifft nicht nur große Konflikte, sondern oft ganz alltägliche Situationen: die Wohnungssuche, das Bewerbungsgespräch, den Gang zur Behörde, die Schule der Kinder oder den Einkauf. Besonders Frauen mit Kopftuch trifft diese Form der sichtbaren Ausgrenzung. Studien zeigen, dass fast die Hälfte von ihnen sich gar nicht erst auf Stellen bewerben, weil sie sich schlechte Chancen ausrechnen.

Das ist nicht nur für die Betroffenen belastend. Es ist auch ein Problem für unsere Gesellschaft insgesamt. Denn wo Menschen sich zurückziehen, Chancen gar nicht erst wahrnehmen oder sich dauerhaft nicht als gleichwertig behandelt fühlen, leidet am Ende auch das Vertrauen in Gerechtigkeit und Teilhabe.

IslamiQ: Auch die Studie „Institutionen und Rassismus“ kommt zu dem Ergebnis, dass Diskriminierung in Behörden auf individueller, institutioneller und struktureller Ebene vorkommen kann. Das Bundesinnenministerium hat sich zu den Ergebnissen bislang nicht öffentlich geäußert. Was erwarten Sie jetzt von Politik und Verwaltung – und welche Konsequenzen sollten aus der Studie gezogen werden?

Mete: Entscheidend ist jetzt, dass diese Studie nicht folgenlos bleibt. Sie beschreibt rassistische Diskriminierung in den untersuchten Behörden nicht als bloße Summe einzelner Vorfälle, sondern als strukturelles Risiko, das in Routinen, Ermessensspielräumen und Organisationskulturen verankert sein kann. Genau darin liegt ihre Bedeutung.

Politik und Verwaltung sollten deshalb nicht defensiv reagieren, sondern lernbereit. Es braucht unabhängige Beschwerdestrukturen, verbindliche Antirassismuskonzepte, regelmäßige Fortbildungen, bessere Datenerhebung, externe Evaluation und klare Verantwortlichkeiten in den Behörden selbst. Wer Vertrauen in staatliche Institutionen stärken will, muss auch den Mut haben, ihre blinden Flecken offen zu benennen.

Aus juristischer Sicht kommt noch etwas hinzu: Der Diskriminierungsschutz gegenüber staatlichem Handeln ist in Deutschland weiterhin lückenhaft. Dass das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz den Staat nicht in gleicher Weise erfasst wie viele private Bereiche, ist seit langem ein Problem. Auch hier braucht es endlich eine ernsthafte Reform.

IslamiQ: Eine letzte Frage: Wir befinden uns in einem Jahr mit mehreren wichtigen Wahlen in Deutschland. Was erwarten Sie von den Parteien im Umgang mit antimuslimischem Rassismus und Diskriminierung – und welche konkreten Maßnahmen halten Sie jetzt für notwendig?

Mete: Ich erwarte von den Parteien vor allem eines: dass sie muslimische Bürgerinnen und Bürger endlich als selbstverständlichen Teil dieses Landes behandeln – nicht nur als sicherheitspolitisches Thema, nicht nur im Kontext von Integration, und erst recht nicht als Projektionsfläche für gesellschaftliche Ängste.

Muslime in Deutschland haben im Kern dieselben Anliegen wie andere Menschen auch: gute Bildung für ihre Kinder, bezahlbaren Wohnraum, faire Chancen auf dem Arbeitsmarkt, Sicherheit, Respekt und politische Mitwirkung. Wer sie ernst nimmt, muss ihre Stimmen hören, ihre Lebensrealitäten wahrnehmen und antimuslimischen Rassismus klar benennen, statt ihn zu relativieren oder im Wahlkampf stillschweigend in Kauf zu nehmen.

Notwendig sind jetzt konkrete Schritte: ein besserer Schutz vor Diskriminierung in Schule, Arbeitswelt und Behörden, eine stärkere Förderung unabhängiger Beratungsstellen, ein entschlosseneres Vorgehen gegen antimuslimische Hetze und Gewalt sowie mehr Repräsentanz und Teilhabe in öffentlichen Institutionen.

Und ja, dazu gehört auch die politische Geste der Anerkennung im Alltag. Wenn Bürgermeisterinnen, Bürgermeister und politische Verantwortliche bei Iftar-Einladungen selbstverständlich dabei sind oder öffentlich zum Ramadanfest grüßen, dann ist das kein Nebenschauplatz. Es ist ein Zeichen dafür, ob muslimische Bürgerinnen und Bürger wirklich als Teil des gemeinsamen „Wir“ gesehen werden.

Das Interview führte Muhammed Suiçmez.

Leserkommentare

grege sagt:
Der Beitrag von Ali Mete („Für viele Muslime ist Diskriminierung Teil des Alltags“) bedient erneut ein vertrautes Narrativ: Die gesellschaftliche Situation von Muslimen in Deutschland wird pauschal dramatisiert, Differenzierungen bleiben aus, Ursachen werden externalisiert. Herr Mete blendet aus, dass Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten Hunderttausende Muslime als Flüchtlinge, Asylbewerber und Einwanderer aufgenommen hat – aus humanitären Gründen, dauerhaft und mit weitreichenden Integrationsangeboten. Wer von struktureller Ausgrenzung spricht, sollte erklären, warum kaum jemand dieses Land verlassen möchte und warum Deutschland weiterhin ein bevorzugtes Zielland ist. Diese Realität passt schlecht zur permanenten Opfererzählung. Ebenso problematisch ist die reflexhafte Gleichsetzung von Skepsis mit Feindlichkeit. Skepsis entsteht nicht aus Vorurteilen allein, sondern auch vor dem Hintergrund eines erkennbaren Anteils extremistischer und terroristischer Gewalt, die sich explizit auf den politischen Islam beruft. Diese Tatsachen existieren – sie zu benennen ist keine Diskriminierung, sondern Voraussetzung für eine ehrliche Debatte. Islamverbände tragen zu dieser Skepsis selbst bei. Organisationen wie die IGMG haben ideengeschichtliche Altlasten, die bis heute nicht überzeugend aufgearbeitet sind. Ihr Gründungsvater Necmettin Erbakan hat wiederholt offen antisemitische Rhetorik verwendet und Juden pauschal diffamiert. Solche Positionen sind dokumentiert und historisch unstrittig. Umso befremdlicher ist es, dass von führenden Repräsentanten islamischer Dachverbände bis heute keine klare und unmissverständliche Distanzierung von dieser Ideologie erfolgt. Stattdessen wird jede kritische Nachfrage schnell moralisch delegitimiert. Selbst der Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit (UEM) tut sich schwer, sauber zwischen Islamkritik, politischem Islam, Extremismus und tatsächlicher Diskriminierung zu unterscheiden. Wer jedoch jede Kritik als Feindlichkeit framet, leistet dem gesellschaftlichen Zusammenhalt einen Bärendienst. Ja, es gibt Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und sie muss benannt und bekämpft werden. Aber wer pauschalisiert, instrumentalisiert und Verantwortung konsequent nach außen verlagert, trägt nicht zur Lösung bei. Vertrauen entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Transparenz, Selbstkritik und eine glaubwürdige Abgrenzung von antisemitischen und extremistischen Traditionen. Vielleicht sollte Herr Mete weniger Narrative bedienen – und stattdessen erklären, welchen konkreten Beitrag Islamverbände leisten wollen, um das Vertrauen der nichtmuslimischen Mehrheit tatsächlich zu gewinnen
01.04.26
16:20