Moscheeanschlag in San Diego

Wenn antimuslimischer Hass zur Gefahr wird

Der Terroranschlag in San Diego ist mehr als eine isolierte Gewalttat. Antimuslimische Narrative und gesellschaftliche Verrohung schaffen ein Klima, in dem Ausgrenzung und Hass wachsen. Ein Beitrag von Murat Gümüş.

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05
2026
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Anschlag auf ein islamisches Zentrum in San Diego (c) AA, bearbeitet by iQ
Anschlag auf ein islamisches Zentrum in San Diego (c) AA, bearbeitet by iQ

Der Anschlag auf ein islamisches Zentrum in San Diego erschüttert weit über die Grenzen des Landes hinaus. Besonders erschütternd ist die Vorstellung, dass sich in unmittelbarer Nähe Kinder befanden und die Tat noch weitaus mehr Opfer hätte fordern können. Dass ein selbstaufopfernder Sicherheitsmitarbeiter durch sein Eingreifen offenbar Schlimmeres verhindert hat und dabei selbst getötet wurde, macht die Brutalität dieser Tat noch deutlicher.

Antimuslimischer Hass beginnt selten mit Gewalt. Er beginnt mit der ständigen Wiederholung von Narrativen, die Muslime unter Generalverdacht stellen, sie als Bedrohung für ihr Leben, ihre religiöse oder kulturelle Identität, für ihren gesellschaftlichen Status markieren oder ihre religiösen Einstellungen bzw. ihre religiöse Praxis als gesellschaftliches Risiko darstellen.

Wenn Menschen über Jahre hinweg vermittelt bekommen, der Islam sei nicht Teil der Gesellschaft, muslimisches Leben grundsätzlich verdächtig oder muslimische Organisationen per se problematisch, dann entsteht ein gesellschaftliches Klima, in dem Entmenschlichung zur Normalität wird.

In Deutschland erleben wir seit Jahren eine zunehmende Verrohung der Debatte. Antimuslimische Ressentiments werden vielerorts nicht mehr als ernstes gesellschaftliches Problem behandelt, sondern normalisiert oder relativiert. Besonders problematisch ist dabei, wenn Medien durch undifferenzierte oder alarmistische Berichterstattung zur weiteren Zuspitzung beitragen.

Öffentliche Narrative prägen gesellschaftliche Wahrnehmung

Der jüngst diskutierte Videobeitrag des Bayerischen Rundfunks über einen angeblich unterschwellig grassierenden Islamismus in halal-zertifizierten Produkten oder auf Schulhöfen wurde von vielen Muslimen als pauschalisierend und stigmatisierend wahrgenommen. Nicht zuletzt ein Blick in die Kommentarspalten zeigte, wie schnell solche Narrative von Menschen aufgegriffen werden, die längst nicht mehr zwischen Islam, “Islamismus” und muslimischem Alltag unterscheiden wollen. Klar ist ein einzelner Beitrag nicht allein verantwortlich für gesellschaftliche Entwicklungen. Aber: öffentliche Narrative prägen gesellschaftliche Wahrnehmung. Und damit auch die Grenze des Sagbaren.

Immer wieder wird argumentiert, “Islamisten” selbst seien verantwortlich für die zunehmende Ablehnung gegenüber Muslimen, weil sie das öffentliche Bild des Islam prägen würden. Natürlich existieren extremistische Strömungen. Doch problematisch wird es dort, wo diesen Stimmen in öffentlichen Debatten eine derart überproportionale Aufmerksamkeit geschenkt wird, dass der Eindruck entsteht, sie seien repräsentativ für Millionen friedlicher Muslime.

Antimuslimischer Rassismus ist gegenwärtig

Diese Mechanismen tragen Früchte: Gesellschaftliche Entwicklungen – nicht zuletzt die Zustimmungswerte in Umfragen für die AfD –, dass antimuslimischer Rassismus längst in breitere gesellschaftliche Milieus vorgedrungen ist. Vieles, was noch vor einigen Jahren als Tabubruch galt, wird heute achselzuckend hingenommen. Die ständige Verschiebung der Grenzen des Sagbaren bleibt nicht folgenlos.

Gleichzeitig wäre es falsch, ausschließlich ein düsteres Bild zu zeichnen. Denn es gibt auch Entwicklungen, die Hoffnung machen. Muslimisches Leben ist längst sichtbarer und selbstverständlicher Teil der Gesellschaft geworden: muslimische Professorinnen und Professoren an Universitäten, muslimische Lehrerinnen und Lehrer in Schulen, Muslime in hohen politischen Ämtern (wenn auch vereinzelt), in der Medizin, in Lietaratur und Publizistik, in der Wissenschaft, in den Medien oder im öffentlichen Dienst. Auch die Präsenz schöner und offener Moscheen im Stadtbild vieler europäischer Städte zeigt, dass muslimisches Leben Teil der gesellschaftlichen Realität geworden ist.

Das alles zeigt: An vielen Stellen findet durchaus eine Normalisierung statt – eine wachsende Akzeptanz muslimischer Präsenz und Zugehörigkeit. Es gibt jedoch weiterhin große Herausforderungen und vielerorts noch erheblichen Nachholbedarf. Dennoch zeigen diese Entwicklungen, dass Muslime eine Zukunft in Deutschland und Europa haben und längst aktiv an der Gestaltung dieser Gesellschaften mitwirken.

Muslimisches Leben steht auf wackeligen Füßen

Dieser gesellschaftliche Fortschritt ist leider nicht unumkehrbar. Zustimmungswerte für die Alternative für Deutschland und ähnliche politische Kräfte in Europa zeigen das ebenso wie rassistische Aussagen oder pauschalisierende Verdächtigungen muslimischen Lebens.

Auch das dauerhafte Schlechtmachen muslimischen Engagements verdeutlicht, wie fragil diese Fortschritte sein können. Hinzu kommen das fortwährende Herauspicken und Zurschaustellung einzelner problematischer Akteure bei gleichzeitigem Verschließen beider Augen vor der überwältigenden Mehrheit positiver muslimischer Aktivitäten und Einflüsse im öffentlichen Raum. Ebenso zeigt die öffentliche Aufwertung und Hofierung sogenannter „Islamkritiker“, wie fragil diese Fortschritte bleiben.

Während sich Muslime auf der einen Seite als selbstverständlicher Teil Deutschlands und Europas verstehen und sich entsprechend einbringen, steht muslimisches Leben vielerorts auf zunehmend wackeligen Füßen.

Terrorangriff in San Diego als Warnsignal verstehen

Der terroristische Angriff in den USA mag geografisch weit entfernt sein. Doch der gesellschaftliche Nährboden, auf dem antimuslimischer Hass wächst, existiert in Europa und Deutschland seit Langem. Deshalb sollte eine solche Tat als Warnsignal verstanden werden – von Politik, Medien, Institutionen und allen gesellschaftlichen Akteuren. Wer ständig Ängste schürt, pauschalisiert oder Musliminnen und Muslime als gesellschaftliches Problem behandelt, oder diesen einen Raum und Möglichkeiten bietet, darf sich nicht wundern, wenn daraus irgendwann reale Gewalt erwächst.

Die Frage ist nicht, ob wir weit genug von solchen Taten entfernt sind. Die eigentliche Frage ist, ob wir die Warnzeichen als solche ernst nehmen.