Moscheeanschlag in San Diego

Wenn antimuslimischer Hass zur Gefahr wird

Der Terroranschlag in San Diego ist mehr als eine isolierte Gewalttat. Antimuslimische Narrative und gesellschaftliche Verrohung schaffen ein Klima, in dem Ausgrenzung und Hass wachsen. Ein Beitrag von Murat Gümüş.

23
05
2026
Anschlag auf ein islamisches Zentrum in San Diego (c) AA, bearbeitet by iQ
Anschlag auf ein islamisches Zentrum in San Diego (c) AA, bearbeitet by iQ

Der Anschlag auf ein islamisches Zentrum in San Diego erschüttert weit über die Grenzen des Landes hinaus. Besonders erschütternd ist die Vorstellung, dass sich in unmittelbarer Nähe Kinder befanden und die Tat noch weitaus mehr Opfer hätte fordern können. Dass ein selbstaufopfernder Sicherheitsmitarbeiter durch sein Eingreifen offenbar Schlimmeres verhindert hat und dabei selbst getötet wurde, macht die Brutalität dieser Tat noch deutlicher.

Antimuslimischer Hass beginnt selten mit Gewalt. Er beginnt mit der ständigen Wiederholung von Narrativen, die Muslime unter Generalverdacht stellen, sie als Bedrohung für ihr Leben, ihre religiöse oder kulturelle Identität, für ihren gesellschaftlichen Status markieren oder ihre religiösen Einstellungen bzw. ihre religiöse Praxis als gesellschaftliches Risiko darstellen.

Wenn Menschen über Jahre hinweg vermittelt bekommen, der Islam sei nicht Teil der Gesellschaft, muslimisches Leben grundsätzlich verdächtig oder muslimische Organisationen per se problematisch, dann entsteht ein gesellschaftliches Klima, in dem Entmenschlichung zur Normalität wird.

In Deutschland erleben wir seit Jahren eine zunehmende Verrohung der Debatte. Antimuslimische Ressentiments werden vielerorts nicht mehr als ernstes gesellschaftliches Problem behandelt, sondern normalisiert oder relativiert. Besonders problematisch ist dabei, wenn Medien durch undifferenzierte oder alarmistische Berichterstattung zur weiteren Zuspitzung beitragen.

Öffentliche Narrative prägen gesellschaftliche Wahrnehmung

Der jüngst diskutierte Videobeitrag des Bayerischen Rundfunks über einen angeblich unterschwellig grassierenden Islamismus in halal-zertifizierten Produkten oder auf Schulhöfen wurde von vielen Muslimen als pauschalisierend und stigmatisierend wahrgenommen. Nicht zuletzt ein Blick in die Kommentarspalten zeigte, wie schnell solche Narrative von Menschen aufgegriffen werden, die längst nicht mehr zwischen Islam, “Islamismus” und muslimischem Alltag unterscheiden wollen. Klar ist ein einzelner Beitrag nicht allein verantwortlich für gesellschaftliche Entwicklungen. Aber: öffentliche Narrative prägen gesellschaftliche Wahrnehmung. Und damit auch die Grenze des Sagbaren.

Immer wieder wird argumentiert, “Islamisten” selbst seien verantwortlich für die zunehmende Ablehnung gegenüber Muslimen, weil sie das öffentliche Bild des Islam prägen würden. Natürlich existieren extremistische Strömungen. Doch problematisch wird es dort, wo diesen Stimmen in öffentlichen Debatten eine derart überproportionale Aufmerksamkeit geschenkt wird, dass der Eindruck entsteht, sie seien repräsentativ für Millionen friedlicher Muslime.

Antimuslimischer Rassismus ist gegenwärtig

Diese Mechanismen tragen Früchte: Gesellschaftliche Entwicklungen – nicht zuletzt die Zustimmungswerte in Umfragen für die AfD –, dass antimuslimischer Rassismus längst in breitere gesellschaftliche Milieus vorgedrungen ist. Vieles, was noch vor einigen Jahren als Tabubruch galt, wird heute achselzuckend hingenommen. Die ständige Verschiebung der Grenzen des Sagbaren bleibt nicht folgenlos.

Gleichzeitig wäre es falsch, ausschließlich ein düsteres Bild zu zeichnen. Denn es gibt auch Entwicklungen, die Hoffnung machen. Muslimisches Leben ist längst sichtbarer und selbstverständlicher Teil der Gesellschaft geworden: muslimische Professorinnen und Professoren an Universitäten, muslimische Lehrerinnen und Lehrer in Schulen, Muslime in hohen politischen Ämtern (wenn auch vereinzelt), in der Medizin, in Lietaratur und Publizistik, in der Wissenschaft, in den Medien oder im öffentlichen Dienst. Auch die Präsenz schöner und offener Moscheen im Stadtbild vieler europäischer Städte zeigt, dass muslimisches Leben Teil der gesellschaftlichen Realität geworden ist.

Das alles zeigt: An vielen Stellen findet durchaus eine Normalisierung statt – eine wachsende Akzeptanz muslimischer Präsenz und Zugehörigkeit. Es gibt jedoch weiterhin große Herausforderungen und vielerorts noch erheblichen Nachholbedarf. Dennoch zeigen diese Entwicklungen, dass Muslime eine Zukunft in Deutschland und Europa haben und längst aktiv an der Gestaltung dieser Gesellschaften mitwirken.

Muslimisches Leben steht auf wackeligen Füßen

Dieser gesellschaftliche Fortschritt ist leider nicht unumkehrbar. Zustimmungswerte für die Alternative für Deutschland und ähnliche politische Kräfte in Europa zeigen das ebenso wie rassistische Aussagen oder pauschalisierende Verdächtigungen muslimischen Lebens.

Auch das dauerhafte Schlechtmachen muslimischen Engagements verdeutlicht, wie fragil diese Fortschritte sein können. Hinzu kommen das fortwährende Herauspicken und Zurschaustellung einzelner problematischer Akteure bei gleichzeitigem Verschließen beider Augen vor der überwältigenden Mehrheit positiver muslimischer Aktivitäten und Einflüsse im öffentlichen Raum. Ebenso zeigt die öffentliche Aufwertung und Hofierung sogenannter „Islamkritiker“, wie fragil diese Fortschritte bleiben.

Während sich Muslime auf der einen Seite als selbstverständlicher Teil Deutschlands und Europas verstehen und sich entsprechend einbringen, steht muslimisches Leben vielerorts auf zunehmend wackeligen Füßen.

Terrorangriff in San Diego als Warnsignal verstehen

Der terroristische Angriff in den USA mag geografisch weit entfernt sein. Doch der gesellschaftliche Nährboden, auf dem antimuslimischer Hass wächst, existiert in Europa und Deutschland seit Langem. Deshalb sollte eine solche Tat als Warnsignal verstanden werden – von Politik, Medien, Institutionen und allen gesellschaftlichen Akteuren. Wer ständig Ängste schürt, pauschalisiert oder Musliminnen und Muslime als gesellschaftliches Problem behandelt, oder diesen einen Raum und Möglichkeiten bietet, darf sich nicht wundern, wenn daraus irgendwann reale Gewalt erwächst.

Die Frage ist nicht, ob wir weit genug von solchen Taten entfernt sind. Die eigentliche Frage ist, ob wir die Warnzeichen als solche ernst nehmen.

Leserkommentare

gregek sagt:
Selektive Empörung und doppelte Maßstäbe Der Beitrag von Herrn Gümüş ist ein Beispiel für selektive Empörung: Ein schrecklicher Anschlag wird aufgegriffen und unmittelbar zur Bestätigung eines bekannten Deutungsmusters genutzt – ohne die notwendige Differenzierung und ohne erkennbare Selbstkritik. Zunächst ist festzuhalten: Die hohe Sensibilität von Medien und Öffentlichkeit gegenüber islamistisch motivierter Gewalt ist kein Ausdruck von Vorurteilen, sondern eine nachvollziehbare Reaktion auf reale Ereignisse. Deutschland, aber insbesondere Länder wie Frankreich oder Belgien, haben in den vergangenen Jahren schwerste Anschläge mit zahlreichen Opfern erlebt. Dass Medien diese Hintergründe beleuchten, ist notwendig und legitim. Der Artikel ignoriert jedoch zentrale Zusammenhänge. Er reduziert komplexe Ursachen von Gewalt auf ein einfaches Schema („Diskurs führt zu Gewalt“) und blendet dabei aus, dass problematische Entwicklungen innerhalb bestimmter Milieus selbst Radikalisierungsprozesse begünstigen können. Dazu gehören nicht nur offen extremistische Ideologien, sondern auch Entwicklungen im Vorfeld, die seit Jahren öffentlich diskutiert werden: Hasspredigten, pauschale Abwertungen von Nichtmuslimen, sozialer Druck auf Andersgläubige oder die Ausgrenzung nichtmuslimischer Schüler in bestimmten sozialen Brennpunkten. Ebenso wird immer wieder über Fälle berichtet, in denen nichtmuslimische Asylbewerber in Unterkünften unter Druck geraten oder eingeschüchtert werden. Solche Phänomene sind keine bloßen Randerscheinungen, sondern Teil der Realität, die in eine ehrliche Analyse einbezogen werden muss. Auch konkrete Beispiele sind seit Jahren bekannt: Berichte über Hasspredigten im Umfeld einzelner Moscheen – etwa frühere Vorgänge im Zusammenhang mit der Mevlana-Moschee in Berlin – sowie die vielfach kritisierten, teils antisemitisch eingeordneten Aussagen von Necmettin Erbakan zeigen, dass es innerhalb bestimmter ideologischer Strömungen Narrative gibt, die Abgrenzung und Feindbilder fördern können. Solche Rhetorik schafft ein Klima, das Radikalisierung nicht verhindert, sondern im Gegenteil begünstigen kann. Umso auffälliger ist die selektive Wahrnehmung von Gewalt: Ein Vorfall im weit entfernten Ausland wird ausführlich und wiederholt als gesellschaftliches Warnsignal interpretiert. Ein islamistisch motivierter Mord an einem homosexuellen Menschen hier in Deutschland – also unmittelbar vor unserer Haustür – wird dagegen nicht annähernd vergleichbar thematisiert. Diese Diskrepanz ist so deutlich, dass sie Fragen nach Maßstäben und Prioritäten aufwirft. Ein gravierendes Glaubwürdigkeitsproblem entsteht zudem in der politischen Einordnung. Herr Gümüş, der der IGMG zugerechnet wird, warnt vor Rechtspopulismus in Deutschland – was grundsätzlich berechtigt ist. Gleichzeitig ist seit Jahren Gegenstand öffentlicher Debatten, dass die IGMG politische und ideologische Nähe zur türkischen AKP aufweist. Beispiele hierfür sind personelle Überschneidungen sowie Diskussionen über politische Aktivitäten im Zusammenhang mit türkischen Wahlen in Moscheen. Die AKP wiederum ist politische Bündnisse mit der MHP eingegangen, die wegen nationalistischer und gegenüber Minderheiten – etwa Kurden, Juden oder politischen Gegnern – feindlicher Positionen kritisiert wird. Vor diesem Hintergrund stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Konsistenz: Warum wird Rechtspopulismus in Deutschland scharf kritisiert, während vergleichbare oder zumindest kontrovers diskutierte politische Konstellationen im eigenen Umfeld kaum reflektiert werden? Auch die Darstellung Deutschlands bleibt einseitig. Ja, es gibt Rassismus und gesellschaftliche Spannungen, die klar benannt werden müssen. Gleichzeitig wird ausgeblendet, dass Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten hunderttausenden Menschen aus Kriegs- und Krisenregionen – etwa aus Bosnien, dem Libanon, Irak, Syrien oder Libyen – Schutz, Sicherheit und wirtschaftliche Perspektiven geboten hat. Eine solche Realität gehört ebenso zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Zudem fällt auf, dass Medien aus diesem Umfeld selbst häufig genau jene Einseitigkeit zeigen, die sie anderen vorwerfen: Deutschland wird dort überwiegend als fremdenfeindlich oder rechtspopulistisch dargestellt, während positive Entwicklungen oder Integrationsleistungen deutlich weniger Beachtung finden. Fazit: Der Beitrag überzeugt nicht durch Ausgewogenheit, sondern durch Perspektive. Wer glaubwürdig vor Extremismus, Hass und gesellschaftlicher Spaltung warnen will, muss bereit sein, alle problematischen Entwicklungen zu benennen – auch die im eigenen Umfeld und auch die im Vorfeld von Radikalisierung und Gewalt. Alles andere bleibt selektive Empörung. Wenn Sie möchten, kann ich jetzt noch eine sehr kurze, maximal pointierte Version (ca. 8–10 Sätze für ein Online-Kommentarformat) oder eine bewusst noch härtere Variante mit stärkerer Zuspitzung formulieren. Geben Sie Ihr Feedback zu BizChat ab.You said: auch erwähnen, dass solche entwicklungen auch radikalisiereungen begünstigen, wie von gümüs selber am beispiel der islamfeindlichkeit benannt, spiegel ihm bitte vorhaltenCopilot said: CopilotHier ist die final geschärfte Fassung, in der ich Ihren letzten Punkt zentral eingebaut habe: 👉 Spiegelargument gegen Gümüş („Radikalisierung durch Diskurs“) – aber angewendet auf radikalisierende Entwicklungen im eigenen Milieu. 📄 Leserbrief (final, mit Spiegelargument) Selektive Empörung und doppelte Maßstäbe Der Beitrag von Herrn Gümüş ist ein Beispiel für selektive Empörung: Ein schrecklicher Anschlag wird aufgegriffen und unmittelbar zur Bestätigung eines bekannten Deutungsmusters genutzt – ohne die notwendige Differenzierung und ohne erkennbare Selbstkritik. Zunächst ist festzuhalten: Die Sensibilität von Medien und Öffentlichkeit gegenüber islamistisch motivierter Gewalt ist kein Ausdruck von Vorurteilen, sondern eine nachvollziehbare Reaktion auf reale Ereignisse. Deutschland, aber insbesondere Länder wie Frankreich oder Belgien, haben schwerste Anschläge erlebt. Dass Medien diese Hintergründe beleuchten, ist notwendig. Der Artikel selbst bleibt jedoch einseitig. Er reduziert komplexe Ursachen auf ein einfaches Schema („Diskurs führt zu Gewalt“) und blendet aus, dass problematische Entwicklungen innerhalb bestimmter Milieus selbst Radikalisierung begünstigen können. Dazu gehören – seit Jahren öffentlich diskutiert – nicht nur offen extremistische Ideologien, sondern auch Entwicklungen im Vorfeld: Hasspredigten und religiös begründete Abwertungen von Nichtmuslimen sozialer Druck oder Einschüchterung Andersgläubiger Ausgrenzung nichtmuslimischer Schüler in einzelnen Brennpunktbezirken Berichte über Konflikte und Bedrohungssituationen für nichtmuslimische Asylbewerber Ebenso gibt es bekannte Beispiele für problematische Rhetorik und ideologische Prägung: etwa frühere Vorfälle im Umfeld der Mevlana-Moschee in Berlin, in denen Nichtmuslime pauschal abgewertet worden sein sollen, oder die vielfach kritisierten Aussagen von Necmettin Erbakan, die als antisemitisch und stark polarisierend eingeordnet wurden. Der entscheidende Punkt ist: Genau solche Entwicklungen können – ebenso wie der von Herrn Gümüş kritisierte gesellschaftliche Diskurs – Radikalisierungsprozesse begünstigen. 👉 Wer behauptet, Sprache, Narrative und gesellschaftliches Klima könnten in Gewalt münden, muss diese Logik konsequent anwenden – auch auf das eigene Umfeld. Hier jedoch bleibt der Artikel auffällig still. Besonders deutlich wird die selektive Perspektive bei der Gewichtung von Gewalt: Ein Vorfall im weit entfernten Ausland wird ausführlich und wiederholt als Warnsignal interpretiert. Ein islamistisch motivierter Mord an einem homosexuellen Menschen hier in Deutschland – also unmittelbar vor unserer Haustür – wird dagegen nicht vergleichbar thematisiert. Diese Diskrepanz wirft zwangsläufig Fragen nach Maßstäben und Prioritäten auf. Ein weiteres Glaubwürdigkeitsproblem entsteht in der politischen Einordnung. Herr Gümüş, der der IGMG zugerechnet wird, warnt vor Rechtspopulismus in Deutschland – was grundsätzlich berechtigt ist. Gleichzeitig ist seit Jahren Gegenstand öffentlicher Debatten, dass die IGMG politische Nähe zur türkischen AKP aufweist, etwa im Kontext personeller Überschneidungen oder politischer Aktivitäten im Umfeld türkischer Wahlen. Die AKP wiederum ist politische Bündnisse mit der MHP eingegangen, die aufgrund nationalistischer und gegenüber Minderheiten – etwa Kurden, Juden oder politischen Gegnern – feindlicher Positionen kritisiert wird. Hier entsteht ein klarer Widerspruch: 👉 Wer rechtspopulistische oder extremistische Tendenzen kritisiert, muss dies konsistent tun – nicht selektiv je nach politischem Umfeld. Auch die Darstellung Deutschlands bleibt unvollständig. Ja, es gibt Rassismus und gesellschaftliche Spannungen. Gleichzeitig wird ausgeblendet, dass Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten hunderttausenden Menschen aus Kriegs- und Krisenregionen Schutz, Sicherheit und wirtschaftliche Perspektiven geboten hat. Eine ehrliche Analyse muss beide Seiten einbeziehen. Zudem fällt auf, dass Medien aus diesem Umfeld selbst häufig genau jene Einseitigkeit praktizieren, die sie kritisieren: Deutschland wird überwiegend negativ dargestellt, während Integrationsleistungen und positive Entwicklungen selten Beachtung finden. Fazit: Der Beitrag verliert durch seine Einseitigkeit an Überzeugungskraft. Wer glaubwürdig vor Radikalisierung warnen will, muss bereit sein, alle Faktoren zu benennen, die sie begünstigen – auch im eigenen Umfeld und auch im Vorfeld von Gewalt. Alles andere bleibt einseitige Argumentation – und letztlich das, was man dem gesellschaftlichen Diskurs selbst vorwirft.
25.05.26
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