Studie

Frauen mit Kopftuch erleben besonders häufig Diskriminierung

Ob beim Shopping, im Restaurant oder im Job: Millionen Menschen in Deutschland berichten von Alltagsdiskriminierung. Musliminnen mit Kopftuch sind stärker betroffen als andere Gruppen.

10
03
2026
Muslimin mit Kopftuch © Shutterstock, bearbeitet by iQ.
Muslimin mit Kopftuch © Shutterstock, bearbeitet by iQ.

Jeder achte Mensch in Deutschland hat innerhalb eines Jahres Diskriminierung erlebt. Laut einer repräsentativen Untersuchung sind Menschen mit ungerechtfertigter Ungleichbehandlungen häufig auch dort konfrontiert, wo sie als Kundinnen und Kunden unterwegs sind – etwa beim Einkaufen, in der Bank, im Restaurant oder am Eingang zum Club. Das zeigen Daten des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP), einer beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung angesiedelten repräsentativen Wiederholungsbefragung, an der sich jährlich etwa 30.000 Menschen bundesweit beteiligen.

Die Teilnehmer der Befragung waren unter anderem gefragt worden, ob und wenn ja wo sie in den zurückliegenden zwölf Monaten diskriminiert worden seien. Außerdem sollten sie selbst einschätzen, was wohl Hintergrund der Ungleichbehandlung war.

Sondersituation durch die Pandemie

Die Autoren der Untersuchung weisen darauf hin, dass bei der Interpretation der Ergebnisse zu berücksichtigen sei, dass sich die berichteten Diskriminierungserfahrungen auf den Zeitraum zwischen Mai 2021 und Januar 2023 beziehen, als das Leben in Deutschlands stark durch die Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie geprägt war.

Ataman: Belastungsprobe für Deutschland

Den Angaben zufolge berichteten insgesamt 13,1 Prozent der Menschen davon, in den zurückliegenden zwölf Monaten Diskriminierung erlebt zu haben. Die Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, erzählt exemplarisch von einer Frau, die sich im Supermarkt aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert fühlte. Eine Angestellte habe den Kinderwagen der Frau ohne erkennbaren Anlass durchsucht und dies mit den Worten begründet: „Sorry, aber so eine wie Sie hat erst neulich hier geklaut, da muss ich eben sichergehen.“

Eine Gesellschaft, in der sich neun Millionen Menschen als Bürgerinnen und Bürger zweiter Klasse fühlten, sei „instabil und anfällig“, sagt Ataman. Die Studie zählt als Folgen von Diskriminierung etwa geringere Lebenszufriedenheit, schlechtere Gesundheit, psychische Belastung und ein sinkendes Vertrauen in den Staat auf.

Ataman war im Juli 2022 vom Bundestag für fünf Jahre zur Antidiskriminierungsbeauftragten gewählt worden. Laut dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ist eine einmalige Wiederwahl möglich.

Rassistische Gründe

Die eigene ethnische Herkunft beziehungsweise rassistische Gründe werden von Menschen mit Diskriminierungserfahrungen am häufigsten (41,9 Prozent) als Diskriminierungsmerkmal genannt. Gut jeder vierte Betroffene nennt das Aussehen (25,9 Prozent). Aufgrund des Geschlechts oder der Geschlechtsidentität fühlten sich 23,8 Prozent diskriminiert. 13,9 Prozent der Menschen, die von Diskriminierung berichteten, nannten eine Behinderung oder chronische Krankheit als Diskriminierungsmerkmal.

Starke Betroffenheit muslimischer Frauen

Von den befragten Muslimen berichteten 28,6 Prozent von Diskriminierung in den letzten zwölf Monaten. Damit ist der Anteil deutlich höher als unter den Nichtmuslimen (10,4 Prozent). Ein besonders hoher Anteil von Betroffenheit findet sich unter muslimischen Frauen, die Kopftuch tragen. Mehr als 38 Prozent der Teilnehmerinnen der Befragung, die dieser Gruppe angehören, wurden demnach nach eigener Einschätzung binnen eines Jahres diskriminiert.

Laut Studie nannten 40,7 Prozent der Befragten mit Diskriminierungserfahrung den Bereich „Güter und Dienstleistungen“ als Lebensbereiche, in denen sie Diskriminierung erlebt haben. Ähnlich hoch (39,2 Prozent) ist der Anteil jener, die das Arbeitsleben nannten. Auf der Straße kam es demnach bei 41,5 Prozent der Betroffenen zu Diskriminierung, in öffentlichen Verkehrsmitteln bei 20,6 Prozent. 19,5 Prozent derjenigen, die sich ungleich behandelt fühlten, berichteten von entsprechenden Erfahrungen im Umgang mit Ämtern, Behörden und der Polizei.

Wie reagieren Betroffene?

Die Mehrheit der Menschen in Deutschland, die Diskriminierung erleben, unternimmt nichts, laut Studie 56 Prozent. Knapp 30 Prozent der Betroffenen gaben an, sie hätten den Menschen oder die Stelle darauf angesprochen. Eine offizielle Beschwerde reichten 8,1 Prozent derjenigen, die sich diskriminiert fühlten, ein.

Knapp jeder zehnte (9,8 Prozent) Betroffene suchte selbst Informationen zu rechtlichen Möglichkeiten. Rechtliche Beratung nutzten 5,7 Prozent der Menschen, die sich diskriminiert fühlten. Nur 2,6 Prozent der Menschen mit Diskriminierungserfahrung leiteten in der Folge rechtliche Schritte ein. Vor allem jüngere Menschen setzen sich laut den Angaben selten juristisch zur Wehr.

Valide Datengrundlage und Zeitfaktor

Das SOEP ist eine der zuverlässigsten und umfassendsten Quellen für sozialwissenschaftliche Forschung in Deutschland. Die hohe Fallzahl von jährlich etwa 30.000 Menschen und die Befragung derselben Personen beziehungsweise Haushalte über mehrere Jahre hinweg ermöglicht Aussagen zu langfristigen Trends. Der Aufwand für Gewichtung, Plausibilitätsprüfungen und Abgleich mit anderen Datenquellen haben zur Folge, dass die Veröffentlichung der Ergebnisse mit Verzögerung erfolgt. (dpa/iQ)

Leserkommentare

Timotheus sagt:
Bitte auch eine andere Studie durchführen und hier aktuell vorstellen, die in der Überschrift wie folgt präsentiert wird: Queere Personen - mit und ohne Kopftuch - erleben besonders häufig Diskriminierung durch Muslime und Islamstrukturen. Jegliche Einseitigkeit nervt mich nämlich zunehmend immer mehr.
10.03.26
18:11
grege sagt:
Natürlich gibt es Diskriminierung in Deutschland, die bekämpft werden muss. Aber: Ausgerechnet IslamiQ inszeniert sich hier als moralische Instanz. Faktisch wird IslamiQ von der PLURAL Publications GmbH (Colonia‑Allee 3, Köln) betrieben – exakt der Adresse der IGMG‑Zentrale. Das Magazin porträtiert und platziert die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) regelmäßig positiv; die IGMG wiederum ist aus der Milli‑Görüş‑Bewegung um Necmettin Erbakan hervorgegangen und bis heute an dessen Ideologie ideell gebunden. Von diesem Erbe hat man sich nicht konsequent gelöst. [welt.de], [berliner-kurier.de], [asylumineurope.org], [bz-berlin.de] Dabei war Erbakan nicht nur politischer Mentor, sondern ausgewiesener Antisemit. In Interviews mit der WELT wetterte er gegen eine „zionistische Weltordnung“ und nannte Erdoğan einen „Kassierer des Zionismus“ – klassische Verschwörungssemantik. Selbst die WELT bilanzierte nüchtern: „Antisemit“ Erbakan. Von diesen Hasstiraden hat sich die IGMG nie klar und glaubwürdig distanziert. [deutsche-i...nferenz.de], [motra.info], [motra.info] Zugleich ist Deutschland für Millionen Schutzsuchende zum Zufluchtsort geworden – mit über 2,6 Mio. Geflüchteten und Schutzsuchenden (u. a. aus Syrien, Afghanistan, der Ukraine) und Hunderttausenden Asylentscheidungen pro Jahr. Das zeigt Deutschlands Rolle als sicherer Hafen und als einer der größten Aufnahmestaaten und UNHCR‑Geber weltweit. Allein 2024 wurden über 250.000 Asylanträge gestellt; Syrer, Afghanen und Türken zählten zu den Top‑Herkunftsländern. Das ist ein starkes Bekenntnis zum Schutz von Verfolgten – gerade auch vieler muslimischer Flüchtlinge. [unhcr.org], [asylumineurope.org], [bamf.de] Hinzu kommt: Erdoğan regiert autokratisch und lässt Andersdenkende systematisch unterdrücken. Internationale Menschenrechtsorganisationen dokumentieren politische Verfahren gegen Oppositionelle, Missachtung von EGMR‑Urteilen (u. a. Kavala, Demirtaş) und massiv überhöhte Inhaftierungsraten; 2024 saßen über ein Drittel aller Gefangenen Europas in der Türkei. Das sind harte, überprüfbare Fakten – keine „Narrative“. [motra.info], [bosch-stiftung.de], [ekiba.de], [jura.uni-hamburg.de] Fazit: Wer hierzulande Diskriminierung zu Recht beklagt, sollte zugleich das eigene ideologische Erbe und die Nähe zu autoritär‑repressiven Strukturen kritisch aufarbeiten – einschließlich der antisemitischen Tiraden des Gründers Erbakan und der dokumentierten Unterdrückung Andersdenkender im heutigen Erdoğan‑System. Andernfalls bleibt der moralische Zeigefinger selektiv. Antidiskriminierung ist unteilbar: Sie gilt für Musliminnen in Deutschland – und gegen Antisemitismus und Repression im eigenen Traditionsmilieu. Und sie anerkennt, dass Deutschland vielen – auch muslimischen – Menschen realer Schutz ist. [bpb.de], [bz-berlin.de], [welt.de], [berliner-kurier.de], [unhcr.org]
14.03.26
12:40