Gastbeitrag

Warum die muslimische Welt eine neue Soziologie braucht

Frieden, Menschenrechte und gesellschaftlicher Wandel prägen die Debatte um die Rolle der Soziologie in muslimischen Gesellschaften. Die Autorin fordert interne Lösungsansätze und eine Abkehr von eurozentristischen Perspektiven.

04
07
2026
Masse von Menschen im Dialog © shutterstock, bearbeitet by IslamiQ.
Masse von Menschen im Dialog © shutterstock, bearbeitet by IslamiQ.

Die Bedeutung der Soziologie für die Menschenrechte und die Friedensforschung in der muslimischen Welt wird bis heute häufig unterschätzt. Dabei bieten soziologische Ansätze wichtige Möglichkeiten, die Ursachen von Konflikten zu analysieren und Wege für gesellschaftliche Transformationen aufzuzeigen.

Ausgehend von Max Webers Konzept der „verstehenden Soziologie“ sollte die Soziologie gesellschaftliche Phänomene nicht nur beschreiben, sondern mit interdisziplinärem Wissen durchdringen, um interne Lösungsansätze für Probleme zu entwickeln, die mit Aufrüstung, Militarisierung und Gewalt verbunden sind. Wahrer Frieden im Nahen Osten kann demnach nicht allein auf politischer Ebene entstehen, sondern bedarf einer aktiven gesellschaftlichen Mitwirkung und Transformation.

Frieden braucht gesellschaftlichen Wandel

Die Friedensbewegung von „unten“ bietet eine solche interne Lösung. Sie kann sich der „verstehenden“ Soziologie bedienen, wenn diese interdisziplinär und hermeneutisch argumentiert und diese Glaubenssätze einer innovativen Soziologie für die dynamische Transformation und die Menschenrechte auch gesellschaftlich umsetzt, um sich Krieg, Kolonialismus, Aufrüstung und Militarisierung aktiv und dynamisch von „unten“ zu widersetzen.

Es braucht heute in den muslimischen Gesellschaften eine interne Lösung, die von einer muslimischen bzw. islamischen Perspektive ausgeht, die auf Egalitarismus und Multiperspektivismus basiert. Eine Soziologie der Menschenrechte und des Friedens muss sich aber vor allem auf die Partizipation und Kompetenz muslimischer Frauen stützen.

Eine muslimische Perspektive auf Menschenrechte

Meine Perspektive zur Überwindung eurozentristischer Ansätze in soziologischen Forschungsarbeiten über die muslimische Welt stützt sich auf Edward Saids (1935-2003) Aussage in seinem Werk „Orientalismus“, das für mich bis heute als wesentliches Forschungsparadigma gilt.

Said schreibt hierzu treffend: „Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs beherrschten Frankreich und Großbritannien den Orient und den Orientalismus; seit dem Zweiten Weltkrieg hat Amerika den Orient beherrscht und vertritt seinen Ansatz wie einst Frankreich und Großbritannien. Aus jenem nahen Kontakt, dessen Dynamik enorm produktiv gestaltet ist, auch wenn sie immer die vergleichsweise größere Stärke des Abendlandes (Briten, Franzosen oder Amerikaner) demonstriert, entsteht die große Fülle an Texten, die ich als orientalistisch bezeichnen möchte“. (Vgl. Said W. E., Orientalism, Routledge & Kegan Paul and Henley, London 1978, S. 12.)

Kritik am Orientalismus als Ausgangspunkt

Die von Edward Said beschriebene Haltung gegenüber allen Kulturen, Gesellschaften und Religionen, die nicht als typisch westlich gelten, ist „orientalistisch“ in dem Sinne, dass der sogenannte Orient objektiviert wird, indem er seiner eigenen Subjektivität beraubt wird. Auf diese Weise missbraucht die westliche Kultur den dialektisch entgegengesetzten „Orient“, um sich selbst zu definieren und ihre eigene Identität zu finden, indem sie sich dem sogenannten „Anderen“ widersetzt.

Die Soziologie darf sich nicht auf die akademischen Kreise reduzieren, sondern muss Methoden und Theorien anwenden, die einen gesellschaftlichen Wandel in der muslimischen Welt hervorbringen, und dies im Namen der Menschenrechte, des Egalitarismus, der sozialen Gerechtigkeit und der Gleichwertigkeit.

Genau deshalb brauchen wir eine innovative Soziologie, die eine Semantik aus inter-kultureller und multikultureller Sicht kommuniziert und sich darauf fokussiert, indem sie eine Welt des Friedens schafft, wie der Forscher A.C. Leyton bereits 1956 in seinem Artikel bestätigte, in dem er Folgendes festhielt:
„Allein im Bereich der internationalen Politik ist es dringend erforderlich, die semantischen, gesellschaftlichen und psychologischen Probleme, die dem Sprachgebrauch innewohnen, zu untersuchen und ihr Verständnis in internationalen beratenden Gremien und Gerichten anzuwenden; dies ist dringend erforderlich, wenn wir auf eine sicherere und stabilere Welt hoffen wollen und dringend erforderlich, wenn wir jemals die Begründung für den Frieden erreichen wollen.“

Soziologie als Motor gesellschaftlicher Veränderung

Die an der Schnittstelle zwischen Hermeneutik, „verstehender Soziologie“, Konflikttheorie im Sinne des deutschen Philosophen Karl Marx und Lebensweltphänomenologie im Sinne von Edmund Husserl entwickelte soziologische Methode ist der Grund, wofür ich zur folgenden Überzeugung gelangt bin: Soziologie kann und darf nicht positivistisch und evolutionistisch im Sinne des französischen Philosophen Auguste Comte und der sogenannten „ersten“ westlichen akademischen Soziologie sein. Denn die Soziologie muss verschiedene Ansätze miteinander verbinden und auf diese Weise ein offenes, flexibles und selbstinnovierendes Paradigma hervorbringen, das auf Zweifel, Konfliktakzeptanz, Multikulturalismus und Reformismus/Transformismus/sozialem Wandel von innen basiert und die Integration der Makro- und Mikroebenen soziologischer Studien und Praxis einschließt.

In diesem Zusammenhang ist die Schaffung einer bidirektionalen Wechselbeziehung zwischen Mikro- und Makrosoziologie von großer Bedeutung, weil sowohl die Mikro- als auch die Makrosoziologie genutzt werden müssen, um das gesellschaftliche Leben und die Gesellschaft als Ganze und gleichzeitig im Detail bzw. eingehend zu erfassen.

Bedeutend ist auch die Fundierung einer sozialistischen muslimischen Friedenssoziologie, welche feministische Ansätze, die aus den muslimischen Gesellschaften stammen, als innovatives Transformationspotenzial nutzt. Das Zusammenspiel zwischen Konflikttheorie und Analyse der Lebenswelt und die parallele Theorie und Praxis auf mikro- und makrosoziologischer Ebene machen aus der muslimischen Soziologie ein Instrument für die authentische Umsetzung aktiver und dynamischer Friedenspotenziale im Sinne der koranischen Gerechtigkeitsideale.

Fazit

Die muslimische Soziologie ist eine Disziplin an der Schnittstelle zahlreicher Studienrichtungen und sollte die Bedeutung theologischer Standpunkte nicht außer Acht lassen. Diese können in eine Soziologie integriert werden, die ich wie folgt definieren würde: Sie ist egalitär und kreationistisch und fördert den sozialen Wandel und die Gleichheit/Gleichwertigkeit in der Gesellschaft, was zum Aufbau und zur Erhaltung des friedlichen Zusammenlebens beiträgt.

Um jedoch jegliche Art von fatalistischem Immobilismus zu vermeiden, müssen wir die Bedeutung eines offenen soziologischen Projekts für die muslimischen Gesellschaften verstehen, in dem Forscher um eine interne Lösung kämpfen, die auf den Kernprinzipien des islamischen Egalitarismus und den in der Kernbotschaft des Korans zum Ausdruck gebrachten Gerechtigkeitskonzepten basiert.

Leserkommentare

gregek sagt:
Der Beitrag „Warum die muslimische Welt eine neue Soziologie braucht“ spricht einen wichtigen Punkt an: Gesellschaften sollten nicht ausschließlich durch äußere Perspektiven betrachtet werden, sondern auch aus ihrer eigenen historischen und kulturellen Entwicklung heraus verstanden werden. Eine differenzierte Betrachtung ist immer notwendig. Allerdings entsteht der Eindruck, dass die Rolle der Religion als möglicher gesellschaftlicher Faktor teilweise zu stark zurückgedrängt wird. Es ist zweifellos richtig, dass die muslimisch geprägte Welt vielfältig ist und gesellschaftliche Entwicklungen nicht allein durch Religion erklärt werden können. Wirtschaftliche Bedingungen, Kolonialgeschichte, politische Institutionen, internationale Konflikte und Machtstrukturen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Dennoch wäre es ebenso problematisch, Religion als Einflussfaktor grundsätzlich auszublenden. In vielen muslimisch geprägten Ländern ist Religion nicht nur eine private Glaubensangelegenheit, sondern Teil von Alltagskultur, gesellschaftlichen Normen, politischen Institutionen und teilweise auch der Gesetzgebung. Wenn religiöse Vorstellungen das öffentliche Leben und politische Systeme mitprägen, gehört dies selbstverständlich zu einer ernsthaften soziologischen Analyse. Dabei geht es nicht darum, „den Islam“ pauschal für gesellschaftliche Probleme verantwortlich zu machen. Entscheidend ist die konkrete Ausprägung: Welche religiösen Interpretationen setzen sich durch? Welche Institutionen vertreten sie? Welche gesellschaftlichen Auswirkungen haben sie? Auch der Hinweis auf eine angeblich „westliche Perspektive“ sollte differenziert betrachtet werden. Kritik ist nicht allein deshalb falsch, weil sie aus dem Westen kommt. Ebenso wenig ist eine Kritik automatisch richtig, weil sie aus der eigenen Gesellschaft stammt. Entscheidend sind die Argumente, die verwendeten Daten und die wissenschaftliche Qualität der Analyse. Eine externe Perspektive kann durchaus berechtigte Beobachtungen enthalten, genauso wie eine interne Perspektive wichtige Einsichten liefern kann. Gerade die Geschichte Europas zeigt, dass gesellschaftliche Entwicklungen nicht verstanden werden können, wenn die prägende Rolle der Religion ausgeblendet wird. Das Christentum und die Kirche waren im Mittelalter zentrale Institutionen, die Recht, Politik und soziale Ordnung beeinflussten. Niemand würde heute ernsthaft behaupten, diese Faktoren dürften bei einer historischen Analyse keine Rolle spielen. Eine moderne Soziologie sollte daher nicht einzelne Faktoren aus ideologischen Gründen ausschließen. Sie sollte offen untersuchen, welchen Einfluss Religion, Politik, Wirtschaft und Geschichte in einem konkreten gesellschaftlichen Kontext tatsächlich haben. Nur eine solche Herangehensweise wird der Komplexität menschlicher Gesellschaften gerecht.
12.07.26
18:20