Marš Mira

„In Bosnien endet der Weg, doch die Verantwortung bleibt“

Der „Marš Mira“ erinnert jährlich an die Opfer und Überlebenden des Genozids von Srebrenica. Zehra Karataş, Vorsitzende der IGMG-Frauenjugendorganisation, spricht über die gelebte Erinnerungskultur und warum Geschichte vor Ort anders erfahrbar wird.

08
07
2026
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Srebrenica, Mars Mira
Zehra Karataş, Vorsitzende der IGMG-Frauenjugendorganisation @ IGMG KGT, bearbeitet by iQ.

IslamiQ: ⁠Die IGMG nimmt in diesem Jahr wieder am Marš Mira teil. Was bedeutet der Friedensmarsch für sie persönlich und was bedeutet Ihre Teilnahme angesichts der aktuellen Debatten über Erinnerungskultur und Genozidleugnung in Europa?

Zehra Karataş: Die Kriegsverbrechen und der Völkermord in Bosnien in den 1990er-Jahren haben meine Kindheit tief geprägt. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Schulfreundin, die damals vor dem Krieg nach Deutschland fliehen musste; ihre Geschichte hat mich zutiefst bewegt. Vor diesem Hintergrund entstand in unserer Gemeinschaft schon vor langer Zeit der Wunsch, ein aktives Zeichen des Gedenkens zu setzen. Die ersten konkreten Schritte unternahmen wir in den Jahren 2024 und 2025, als wir als Frauenjugendorganisation mit einer Gruppe von Ehrenamtlichen aus unserer Zentrale an der Gedenkfeier am 11. Juli in Srebrenica teilgenommen haben.

Um die Gegenwart zu verstehen, müssen wir die Geschichte kennen – und in Srebrenica wird diese Geschichte jedes Jahr aufs Neue spürbar. Angesichts der aktuellen Debatten über Erinnerungskultur und die besorgniserregende Genozidleugnung in Europa ist es für uns als IGMG Pflicht, dem Vergessen entgegenzuwirken. Ganz im Sinne von Alija Izetbegović, der sagte: „Was immer ihr tut, vergesst den Völkermord nicht. Denn ein Völkermord, der vergessen wird, wiederholt sich.“

Deshalb weiten wir unser Engagement in diesem Jahr aus und werden gemeinsam mit rund 300 Jugendlichen am Friedensmarsch „Marš Mira“ teilnehmen. Wir wollen den Weg, den die Menschen damals voller Angst und Ungewissheit auf sich nehmen mussten, im bewussten Gedenken gehen, um die Erinnerung lebendig zu halten und ein starkes Signal für den Frieden zu setzen.

IslamiQ: Wie bereiten Sie die Jugendlichen auf diese besondere Erfahrung vor, damit sie den Weg nicht nur als körperliche Herausforderung, sondern als Begegnung mit der Geschichte verstehen?

Karataş: Bereits vor der Abreise regen wir eine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik an. Dazu haben wir den Jugendlichen ausgewählte Bücher, Dokumentationen und Filme empfohlen, um ihnen ein fundiertes Hintergrundwissen zu vermitteln. Und auch die gemeinsame Fahrt nach Bosnien und Herzegowina kann als Vorbereitungsraum gesehen werden, um den Jugendlichen die komplexe Geschichte des Balkans und die Hintergründe des Völkermords näherzubringen, Fragen zu beantworten und Raum für erste Reflexionen zu bieten.

Der wichtigste Baustein ist jedoch die Begegnung mit der Realität vor Ort. Die Jugendlichen werden die Möglichkeit haben, direkt mit Überlebenden des Völkermords von Srebrenica und des Bosnienkriegs zu sprechen. Diese persönlichen Berichte und erlebten Geschichten verwandeln abstrakte Historie in greifbare Realität. Dadurch wird den Jugendlichen bewusst, dass sie nicht nur eine körperliche Herausforderung meistern, sondern aktiv die Würde der Opfer und Hinterbliebenen weitertragen.

IslamiQ: Viele Formen des Erinnerns finden heute in Klassenzimmern oder Gedenkstätten statt. Der Marš Mira hingegen verlangt, den Weg der Flüchtenden zu Fuß nachzuvollziehen. Was kann dieser körperlich erfahrbare Zugang vermitteln, was Bücher oder Dokumentationen allein nicht leisten können?

Karataş: Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Ganz gleich, wie viel man liest oder wie gut man sich informiert – das wahre Ausmaß von Srebrenica und dem Schicksal Bosniens begreift man erst, wenn man am 11. Juli an der Gedenkfeier vor Ort teilnimmt, auf dem Friedhof steht, mit den Angehörigen spricht und die Beisetzungen miterlebt.

Bücher und Dokumentationen vermitteln Fakten, aber der Marš Mira bietet einen emotionalen und körperlichen Zugang, den kein Medium der Welt ersetzen kann. Diese prägende Erfahrung beginnt für uns schon in Sarajevo. Die Jugendlichen werden dort direkt mit den sichtbaren Wunden der Geschichte konfrontiert. Wenn man durch die Straßen geht und Häuser sieht, die damals gezielt unter Beschuss genommen wurden, während das Nachbarhaus unversehrt blieb, versteht man sofort die Willkür, die Grausamkeit und die psychologische Belastung dieses Krieges. Es ist etwas völlig anderes, diese Einschusslöcher und zerstörten Fassaden mit eigenen Augen zu sehen, als sie auf einem Bildschirm zu betrachten.

Die Jugendlichen legen zu Fuß dieselbe Strecke zurück, auf der die Menschen damals tagelang um ihr Überleben und das Leben ihrer Liebsten bangen mussten. Sie werden am eigenen Leib erfahren, dass dieser Weg selbst unter friedlichen Bedingungen eine enorme körperliche Anstrengung ist.

Die körperliche Erschöpfung auf dem Marsch wirft unweigerlich eine Frage auf: Wie muss es gewesen sein, diesen Weg nicht wie wir in Sicherheit und mit Verpflegung zu gehen, sondern auf der Flucht vor dem Tod? Dieser Gedanke schlägt die Brücke vom eigenen Erleben zur historischen Tragödie.

Dieser physische Zugang verwandelt theoretisches Wissen in tiefes, bleibendes Mitgefühl. Er macht das unvorstellbare Leid und die historische Tragödie für die Jugendlichen auf eine Weise nachvollziehbar, die sie ihr Leben lang nicht vergessen werden.

IslamiQ: Viele der Jugendlichen sind in Europa geboren und haben den Genozid nur aus Erzählungen ihrer Familien oder aus dem Geschichtsunterricht kennengelernt. Was wünschen Sie sich, dass sie nach dem Marš Mira anders sehen oder anders verstehen als zuvor?

Karataş: Zunächst wünsche ich mir, dass die Jugendlichen erkennen, dass diese Geschichte gar nicht so fern ist, wie es im Klassenzimmer oft scheint. Sie sollen verstehen, dass die Berichte, die sie von ihren Familien hören, und die Bilder, die sie in den sozialen Medien sehen, für viele Menschen auf dieser Welt bittere Realität waren und sind.

Die Reise soll in ihnen auf zwei Ebenen ein tiefes Verantwortungsbewusstsein wecken: Unser Prophet (s) sagte: „Die Gläubigen sind wie die Körperteile eines Körpers. Wenn ein Körperteil schmerzt, spürt das der gesamte Körper.“ Ich wünsche mir, dass dieses Verständnis der Umma die Jugendlichen tief prägt, damit sie das Leid ihrer Geschwister auf der Welt nicht nur intellektuell begreifen, sondern aufrichtig mitfühlen.

Dieses Mitgefühl darf jedoch nicht an den Grenzen der eigenen Gemeinschaft aufhören. Als Muslime tragen wir die Verantwortung, für Gerechtigkeit einzustehen und jedem leidenden Menschen – völlig unabhängig von seiner Herkunft oder seinem Glauben – beizustehen und zu helfen.

Ich wünsche mir, dass die Jugendlichen nach dem Marš Mira mit einem geschärften Blick nach Hause zurückkehren: dass sie ihre Rolle als Muslime in Europa neu verstehen und lernen, aktiv Verantwortung zu übernehmen, Empathie zu leben und dem Leid auf der Welt niemals mit Gleichgültigkeit zu begegnen.

IslamiQ: Wie wollen Sie das gewährleisten bzw. fördern?

Karataş: Unsere Jugendlichen engagieren sich bereits heute gegen jede Form von Hass und Rassismus. Doch der Marš Mira soll sie von Teilnehmern zu aktiven Gestaltern und Botschaftern machen. Deshalb nehmen wir sie nach der Rückkehr bewusst in die Pflicht und geben ihnen Verantwortung: Sie kehren als sogenannte Multiplikatoren in ihre Gemeinden zurück.

Die Jugendlichen werden das Erlebte nicht für sich behalten. In ihren lokalen Moscheegemeinden und Regionalverbänden werden sie Vorträge halten, Diskussionsabende organisieren und von ihren Erfahrungen berichten. Wenn Jugendliche mit Gleichaltrigen über diese emotionalen Themen sprechen, erreicht das die Herzen oft viel tiefer als jeder Frontalunterricht.

Es ist immens wichtig, das Erlernte auf die Gegenwart zu übertragen. Wer die Spuren eines Genozids mit eigenen Augen gesehen hat, entwickelt eine feine Sensorik für die Anfänge von Entmenschlichung. Wir wollen die Jugendlichen ermutigen, diese geschärfte Achtsamkeit in ihren Alltag in Europa einzubringen – sei es in der Schule, an der Universität, im Beruf oder im alltäglichen Miteinander –, um dort couragiert jeder Form von Diskriminierung entgegenzutreten.

Der Friedensmarsch endet vielleicht in Bosnien, aber der Auftrag, den die Jugendlichen im Herzen tragen, begleitet sie ein Leben lang. Sie werden zu aktiven Brückenbauern für eine gerechtere und friedlichere Gesellschaft.

Das Interview führte Muhammed Suiçmez.