Ein neues Serious-Game soll Jugendliche gegen Radikalisierung sensibilisieren. Doch birgt das Projekt Risiken: Es kann stereotype Bilder verstärken und muslimische Lebensrealitäten verzerren. Yunus Semerci hat es gespielt. Ein Kommentar.

Digitale Bildungsangebote gewinnen zunehmend an Bedeutung. Insbesondere dann, wenn sie junge Menschen in ihrer Lebenswelt erreichen sollen. Auch das Spiel „Wer ist Bilal?“ der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen verfolgt diesen Ansatz. Ziel des Spieles ist es, Jugendliche – im Rahmen der Extremismusprävention – Radikalisierung zu sensibilisieren und Radikalisierungsprozesse interaktiv erfahrbar zu machen. Nach Darstellung des Landes soll das Spiel Lehrkräfte dabei unterstützen, Radikalisierungsprozesse am Beispiel einer fiktiven Figur lebensnah im Unterricht zu behandeln und pädagogisch aufzuarbeiten.
Doch gerade aus pädagogischer und wissenschaftlicher Perspektive wird deutlich: Gut gemeinte Prävention kann problematische Nebenwirkungen haben.
Ein zentraler Kritikpunkt liegt in der Darstellung muslimischer Identität. Bereits die Wahl des Namens „Bilal” für eine Figur, die in ein Radikalisierungsnarrativ eingebettet ist, ist nicht neutral. Denn: Bilal ibn Rabah al-Habaschi war einer der engsten Gefährten des Propheten Muhammad (s). Eine solche Assoziation – um nur eine von mehreren zu nennen – kann dazu beitragen, dass Muslime implizit als Risikogruppe markiert werden – ein Effekt, den die Forschung als „Racialization of Religion“ beschreibt.
Hinzu kommt, dass das Spiel komplexe Lebensrealitäten stark vereinfacht. Muslimische Rollenbilder erscheinen teilweise stereotyp und homogen, während die innerreligiöse Vielfalt kaum sichtbar wird. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, bestimmte soziale oder patriarchale Strukturen seien typisch für den Islam. Diese Verkürzung widerspricht jedoch wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Besonders deutlich wird dies an konkreten Darstellungen im Spiel: So werden visuelle Marker wie Bart, bestimmte Kleidung oder Kopfbedeckungen als beobachtbare Veränderungen und damit als „Hinweise“ gewertet. Auch sprachliche Veränderungen – etwa die zunehmende Verwendung religiös geprägter Begriffe oder arabischer Ausdrücke durch die Figur – erscheinen als auffällige Entwicklung. Was jedoch ebenso Ausdruck einer persönlichen oder religiösen Identitätsfindung sein kann, wird hier in die Logik eines entstehenden Radikalisierungsprofils eingebettet.
Besonders kritisch ist auch der Umgang mit zentralen religiösen Begriffen. Wenn Konzepte wie „Umma” im Kontext von Radikalisierung erscheinen, werden sie aus ihrem theologischen Zusammenhang gelöst und problematisiert. Dadurch rückt religiöse Normalität in die Nähe von Extremismus – eine Verschiebung, die nicht nur fachlich fragwürdig, sondern auch pädagogisch riskant ist.
Dies zeigt sich auch in der Darstellung religiöser Praxis: Mehr Zeit im Gebet, häufigerer Moscheebesuch oder intensiveres Lesen religiöser Texte werden als auffällige Veränderungen markiert. Einzelne Aussagen wie „Wer das Gebet vernachlässigt, verlässt den Glauben“ werden isoliert präsentiert und sollen bewertet werden. Ohne entsprechenden Kontext können solche Aussagen jedoch schnell als extrem interpretiert werden, obwohl sie im religiösen Diskurs nicht ungewöhnlich sind.
Ein weiterer entscheidender Schwachpunkt liegt in der Spielmechanik selbst. Es gibt nur einen einzigen Ausgang. Unabhängig von den Entscheidungen der Spielenden radikalisiert sich die Hauptfigur am Ende. Dadurch wird kein offener Lernprozess ermöglicht, sondern ein vorgezeichneter Verlauf präsentiert. Das ist pädagogisch problematisch, weil alternative Entwicklungen – etwa gelingende Prävention, Widerspruch oder Ausstieg – gar nicht sichtbar werden. Anstatt Handlungsspielräume zu eröffnen, vermittelt das Spiel implizit eine gewisse Unausweichlichkeit.
Hinzu kommt die Perspektive der Spielenden: Sie nehmen eine beobachtende, analysierende Rolle ein – fast wie Ermittler –, sammeln Hinweise und bewerten Verhaltensänderungen. Diese implizite Verdachtslogik kann dazu führen, dass alltägliche Handlungen automatisch unter einem sicherheitslogischen Blickwinkel gelesen werden.
Gerade vor diesem Hintergrund stellt sich eine zentrale Frage: Wer begleitet diesen Lernprozess eigentlich? Ein derart sensibles Thema setzt voraus, dass Lehrkräfte entsprechend ausgebildet und sensibilisiert sind – andernfalls besteht die Gefahr, dass die Inhalte nicht differenziert eingeordnet werden und problematische Deutungsmuster unreflektiert bleiben.
Dadurch wird die Verbindung von religiösen Merkmalen und Radikalisierung zusätzlich verstärkt. Wenn es keine Gegenbeispiele gibt, kann leicht der Eindruck entstehen, dass bestimmte Identitätsmerkmale zwangsläufig in eine problematische Richtung führen. Dadurch wird ein grundlegendes Dilemma verschärft: Präventionsarbeit, die stereotype Deutungsmuster reproduziert, riskiert genau die Gruppen zu entfremden, die sie erreichen will.
Das Vertrauen in Bildungsangebote und staatliche Institutionen wird so eher geschwächt statt gestärkt. „Wer ist Bilal?” macht deutlich, wie schmal der Grat zwischen Aufklärung und Problematisierung ist. Effektive Maßnahmen brauchen mehr als gute Absichten: Sie müssen differenziert, diskriminierungssensibel und offen für verschiedene Entwicklungen sein. Andernfalls laufen sie Gefahr, Teil des Problems zu werden, das sie eigentlich lösen will. eigentlich lösen will.