Serious-Game

Die blinden Flecken von „Wer ist Bilal?”

Ein neues Serious-Game soll Jugendliche gegen Radikalisierung sensibilisieren. Doch birgt das Projekt Risiken: Es kann stereotype Bilder verstärken und muslimische Lebensrealitäten verzerren. Yunus Semerci hat es gespielt. Ein Kommentar.

18
04
2026
Radikalisierung
"Wer ist Bilal?" - Serious-Game um Muslime für Radikalisierung zu sensibilisieren © Land NRW, bearbeitet iQ

Digitale Bildungsangebote gewinnen zunehmend an Bedeutung. Insbesondere dann, wenn sie junge Menschen in ihrer Lebenswelt erreichen sollen. Auch das Spiel „Wer ist Bilal?“ der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen verfolgt diesen Ansatz. Ziel des Spieles ist es, Jugendliche – im Rahmen der Extremismusprävention – Radikalisierung zu sensibilisieren und Radikalisierungsprozesse interaktiv erfahrbar zu machen. Nach Darstellung des Landes soll das Spiel Lehrkräfte dabei unterstützen, Radikalisierungsprozesse am Beispiel einer fiktiven Figur lebensnah im Unterricht zu behandeln und pädagogisch aufzuarbeiten.

Doch gerade aus pädagogischer und wissenschaftlicher Perspektive wird deutlich: Gut gemeinte Prävention kann problematische Nebenwirkungen haben.

Ein zentraler Kritikpunkt liegt in der Darstellung muslimischer Identität. Bereits die Wahl des Namens „Bilal” für eine Figur, die in ein Radikalisierungsnarrativ eingebettet ist, ist nicht neutral. Denn: Bilal ibn Rabah al-Habaschi war einer der engsten Gefährten des Propheten Muhammad (s). Eine solche Assoziation – um nur eine von mehreren zu nennen – kann dazu beitragen, dass Muslime implizit als Risikogruppe markiert werden – ein Effekt, den die Forschung als „Racialization of Religion“ beschreibt.

Stereotypische Rollenbilder über Muslime

Hinzu kommt, dass das Spiel komplexe Lebensrealitäten stark vereinfacht. Muslimische Rollenbilder erscheinen teilweise stereotyp und homogen, während die innerreligiöse Vielfalt kaum sichtbar wird. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, bestimmte soziale oder patriarchale Strukturen seien typisch für den Islam. Diese Verkürzung widerspricht jedoch wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Besonders deutlich wird dies an konkreten Darstellungen im Spiel: So werden visuelle Marker wie Bart, bestimmte Kleidung oder Kopfbedeckungen als beobachtbare Veränderungen und damit als „Hinweise“ gewertet. Auch sprachliche Veränderungen – etwa die zunehmende Verwendung religiös geprägter Begriffe oder arabischer Ausdrücke durch die Figur – erscheinen als auffällige Entwicklung. Was jedoch ebenso Ausdruck einer persönlichen oder religiösen Identitätsfindung sein kann, wird hier in die Logik eines entstehenden Radikalisierungsprofils eingebettet.

Kein offener Lernprozess

Besonders kritisch ist auch der Umgang mit zentralen religiösen Begriffen. Wenn Konzepte wie „Umma” im Kontext von Radikalisierung erscheinen, werden sie aus ihrem theologischen Zusammenhang gelöst und problematisiert. Dadurch rückt religiöse Normalität in die Nähe von Extremismus – eine Verschiebung, die nicht nur fachlich fragwürdig, sondern auch pädagogisch riskant ist.

Dies zeigt sich auch in der Darstellung religiöser Praxis: Mehr Zeit im Gebet, häufigerer Moscheebesuch oder intensiveres Lesen religiöser Texte werden als auffällige Veränderungen markiert. Einzelne Aussagen wie „Wer das Gebet vernachlässigt, verlässt den Glauben“ werden isoliert präsentiert und sollen bewertet werden. Ohne entsprechenden Kontext können solche Aussagen jedoch schnell als extrem interpretiert werden, obwohl sie im religiösen Diskurs nicht ungewöhnlich sind.

Im Spiel gibt es nur einen Ausgang

Ein weiterer entscheidender Schwachpunkt liegt in der Spielmechanik selbst. Es gibt nur einen einzigen Ausgang. Unabhängig von den Entscheidungen der Spielenden radikalisiert sich die Hauptfigur am Ende. Dadurch wird kein offener Lernprozess ermöglicht, sondern ein vorgezeichneter Verlauf präsentiert. Das ist pädagogisch problematisch, weil alternative Entwicklungen – etwa gelingende Prävention, Widerspruch oder Ausstieg – gar nicht sichtbar werden. Anstatt Handlungsspielräume zu eröffnen, vermittelt das Spiel implizit eine gewisse Unausweichlichkeit.

Hinzu kommt die Perspektive der Spielenden: Sie nehmen eine beobachtende, analysierende Rolle ein – fast wie Ermittler –, sammeln Hinweise und bewerten Verhaltensänderungen. Diese implizite Verdachtslogik kann dazu führen, dass alltägliche Handlungen automatisch unter einem sicherheitslogischen Blickwinkel gelesen werden.

Gerade vor diesem Hintergrund stellt sich eine zentrale Frage: Wer begleitet diesen Lernprozess eigentlich? Ein derart sensibles Thema setzt voraus, dass Lehrkräfte entsprechend ausgebildet und sensibilisiert sind – andernfalls besteht die Gefahr, dass die Inhalte nicht differenziert eingeordnet werden und problematische Deutungsmuster unreflektiert bleiben.

Effektive Maßnahmen brauchen mehr als gute Absichten

Dadurch wird die Verbindung von religiösen Merkmalen und Radikalisierung zusätzlich verstärkt. Wenn es keine Gegenbeispiele gibt, kann leicht der Eindruck entstehen, dass bestimmte Identitätsmerkmale zwangsläufig in eine problematische Richtung führen. Dadurch wird ein grundlegendes Dilemma verschärft: Präventionsarbeit, die stereotype Deutungsmuster reproduziert, riskiert genau die Gruppen zu entfremden, die sie erreichen will.

Das Vertrauen in Bildungsangebote und staatliche Institutionen wird so eher geschwächt statt gestärkt. „Wer ist Bilal?” macht deutlich, wie schmal der Grat zwischen Aufklärung und Problematisierung ist. Effektive Maßnahmen brauchen mehr als gute Absichten: Sie müssen differenziert, diskriminierungssensibel und offen für verschiedene Entwicklungen sein. Andernfalls laufen sie Gefahr, Teil des Problems zu werden, das sie eigentlich lösen will. eigentlich lösen will.

Leserkommentare

Marco Polo sagt:
Es wäre besonders wünschenswert, wenn es auch speziell ein sensibles Serious-Game zu den blinden Flecken des radikalen und extremistischen Islam geben würde. Das könnte schon ein echter Renner werden und großen Zuspruch bekommen.
20.04.26
2:19
grege sagt:
Die anhaltende Kritik an Studien und Präventionsprojekten zur islamistischen Radikalisierung wirft nicht nur fachliche Fragen auf, sondern zunehmend auch ein Glaubwürdigkeitsproblem. Dieses betrifft weniger einzelne Argumente als vielmehr den Kontext, aus dem sie wiederkehrend vorgebracht werden. Auffällig ist, dass entsprechende Vorwürfe – etwa der angeblichen „Stigmatisierung“ muslimischer Lebensrealitäten – häufig aus Medien und Milieus stammen, die konservativen islamischen Verbänden nahestehen. Gerade dort ist jedoch eine kritische Distanz zu islamistischen oder antisemitischen Strömungen historisch nicht durchgängig erkennbar. So hat etwa die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) in der Vergangenheit wiederholt wegen antisemitischer Vorfälle oder mangelnder Abgrenzung von einschlägigem Gedankengut öffentliche Kritik auf sich gezogen. Hinzu kommt das ideologische Erbe ihres Gründers Necmettin Erbakan, dessen antisemitische Hetz‑ und Verschwörungsnarrative gut dokumentiert sind und bis heute eine überzeugende Distanzierung vermissen lassen. Vor diesem Hintergrund wirkt es wenig überzeugend, wenn aus genau diesem Umfeld präventive Bildungs‑ oder Forschungsansätze reflexhaft delegitimiert werden – und zwar nicht anhand ihrer Methodik oder Befunde, sondern über den Vorwurf einer „Risikogruppenmarkierung“. Dies schafft kein Vertrauen, sondern nährt den Eindruck, dass Antidiskriminierungsargumente vorgeschoben werden, um einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit problematischen innerreligiösen Entwicklungen auszuweichen. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der in der Debatte über Präventionsspiele regelmäßig verkannt wird: Didaktische Formate wie Serious Games arbeiten notwendigerweise mit Zuspitzung, Reduktion und klarer Zielrichtung. Von einem Warn‑ oder Präventionsspiel zu verlangen, es müsse jede denkbare Lebensrealität abbilden oder mehrere gleichwertige Ausgänge – womöglich ein „Happy End“ – bieten, verkennt seinen pädagogischen Zweck. Eine Warnung verliert ihre Wirkung, wenn der dargestellte Gefahrenprozess folgenlos bleibt. Präventionsformate entfalten ihre Wirkung gerade dadurch, dass sie Fehlentwicklungen mit erkennbaren Konsequenzen verknüpfen. Selbstverständlich müssen Präventionsspiele differenziert und diskriminierungssensibel gestaltet sein. Doch die aktuelle Kritik liefert keine konkreten Verbesserungsvorschläge, sondern arbeitet mit pauschalen Einwänden, die solche Formate grundsätzlich delegitimieren würden. Eine Kritik, die jede Zuspitzung verbietet, macht Prävention unmöglich – und läuft damit Gefahr, Teil des Problems zu werden, das sie vorgeblich lösen will. Bemerkenswert ist zudem die Asymmetrie im öffentlichen Diskurs: Forschung und Präventionsarbeit gegen Islam‑ oder Muslimfeindlichkeit werden – zu Recht – selten mit dem Argument zurückgewiesen, sie seien gesellschaftlich gefährlich, weil sie vereinfachen oder typisieren. Sobald jedoch islamistische, autoritäre oder antisemitische Tendenzen innerhalb religiöser Milieus thematisiert werden, verschiebt sich die Debatte von der Sachebene auf die Frage, ob man darüber überhaupt sprechen dürfe. Eine offene, pluralistische Gesellschaft sollte beides leisten können: den Schutz vor Diskriminierung und die nüchterne Analyse real existierender Probleme – insbesondere dann, wenn es um Prävention, Bildung und den Schutz junger Menschen geht. Wer Kritik schon im Vorfeld delegitimiert, statt sich ihr zu stellen, ersetzt Erkenntnis durch Gesinnungsprüfung und untergräbt langfristig das Vertrauen in Forschung, Prävention und öffentliche Debatte
23.04.26
16:18
Johannes Disch sagt:
@grege Chapeau. Prima auf den Punkt gebracht. In dem Artikel wird nicht "differenziert", sondern das Problem-- islamische Radikalisierung-- wird verwässert und damit letztendlich geleugnet.
26.04.26
20:52
Johannes Disch sagt:
@grege Auf den Punkt gebracht. Diese "Differenzierung", die hier im Artikel vorgebracht wird ist nichts weiter als eine Relativierung des Problems islamische Radikalisierung.
27.04.26
15:27
Johannes Disch sagt:
Diese Einwände verwässern einfach nur die Problemaitik. Hier wird "differenziert" bis das Problem nicht mehr besteht.
27.04.26
18:35
grege sagt:
vielen Dank für die Rückmeldung, schön von Ihnen zu hören. Ich hoffe Ihnen geht es gut. Mich irritiert, dass sich islamiq.de bisher keinen Deut von den antisemitischen Parolen ihres Gründungsvaters Erbakan distanziert. Diese Haltung wäre gerade jetzt dringend erforderlich, weil antisemische Attacken in Deutschland wieder zunehmen.
03.05.26
7:21
Ibn Battuta sagt:
Studien zu dem Thema der Radikalisierung zeigen immer wieder, dass Radikale/Extremisten eben NICHT aus Milieus bzw. Familien stammen, in denen der Traditionelle Islam (= Rechtsschulen+Theologie+Sufik) gelebt wird. Ganz im Gegenteil, es sind eher junge Leute betroffen, die aus säkularen Elternhäusern stammen und aufgrund von Krisen, Enttäuschungen oder Suche nach Identität in die Netze radikaler sogenannter "Salafisten" gelangen. Sie gelangen häufig nicht wegen einer für junge Leute typischen spirituellen Sinnsuche bei Extremisten, sondern können hier meist psychologisch nicht vearbeitete Dinge ausleben, z.b. Wut. Und hat man keine gesunde Psyche, ist es viel bequemer Teil einer Gegenkultur zu sein, die den vermeintlich "moralisch verdorbenen Westen" verteufelt. Das weder etwas mit "Islam" noch mit Spiritualität an sich zu tun. EIN Ansatzpunkt - von mehreren, versteht sich - ist es, dass man den Islam in der Gesellschaft - ob in der Schule oder in den Medien - eben nicht als "das fremde, Exotische, außerhalb der Gellschaft stehende" darstellt, eben nicht die üblichen Klischees bedient, die mit der Realität häufig nichts zu tun haben. Die Mili Gorüs ist ja gerade der schlagende Beweis, dass die gerne gescholtenen "konservativen Kreise" ihre Lektion gelehrt haben und radikalisierungs-vorbeugende Maßnahmen nciht nur ergreifen, sondern schon sehr viel weiter sind, und sich z.b. mit Themen wie Nachhaltigkeit beschäftigen und den Beitrag, den man z.b. bei Moscheebau hier berücksichtigen kann. Manche Kommentatoren scheinen auf den Stand von 1995 zu sein und dementprechend damalige Bild-Artikel nachzuplappern. Aber wie ein arabisches Sprichwort sagt: "Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter."
03.05.26
13:39
grege sagt:
Der Leserbrief greift zwar zutreffend auf individuelle Faktoren wie Krisen, Identitätssuche und persönliche Brüche als Elemente von Radikalisierungsprozessen zurück, verengt die Analyse jedoch in problematischer Weise, indem er religiöse und ideologische Bezüge weitgehend ausblendet, was wenig sachgerecht ist. Spätestens seit den 1990er‑Jahren hat sich islamistischer Extremismus weltweit sichtbar ausgeweitet. Die Anschläge vom 11. September 2001, zahlreiche weitere Attentate sowie der Aufstieg des sogenannten „Islamischen Staates“ zeigen, dass religiöse Narrative in der Praxis eine zentrale Rolle als ideologischer Bezugsrahmen spielen. Diese Dimension vollständig zu relativieren oder als irrelevant zu erklären, greift analytisch zu kurz. Ebenso wenig überzeugt die implizite These, Radikalisierung sei im Wesentlichen ein Randphänomen weniger fehlgeleiteter Individuen. Vielmehr stellt sich die Frage, in welchem gesellschaftlichen oder religiösen Umfeld bestimmte Narrative anschlussfähig sind oder widerspruchslos stehen bleiben. Problematisch ist weniger allein die Existenz gewaltbereiter Gruppen, sondern das Maß an Akzeptanz, Gleichgültigkeit oder fehlender Abgrenzung gegenüber problematischen Positionen in breiteren Kreisen. Vor diesem Hintergrund erscheint auch der Verweis auf Organisationen wie die IGMG als „Beleg“ für erfolgreiche Prävention zu einseitig. Ohne die positiven Entwicklungen pauschal in Abrede zu stellen, gehört zur ehrlichen Analyse auch die Auseinandersetzung mit problematischen Vorfällen und Narrativen. So wurde etwa in der Mevlana‑Moschee – einer IGMG‑Moschee – im Jahr 2002 davon berichtet, dass Deutsche als „stinkende Ungläubige“ bezeichnet wurden. Bemerkenswert ist dabei nicht nur der Inhalt solcher Aussagen, sondern auch das Ausbleiben klarer öffentlicher Gegenrede aus dem Umfeld. Solche Beispiele zeigen, dass es nicht ausreicht, allein auf institutionelle Fortschritte zu verweisen, ohne zugleich die Frage nach gelebter Praxis und innerer Kritikfähigkeit zu stellen. Hinzu kommt, dass gesellschaftliche Reaktionen auf Ereignisse wie die Mohammed‑Karikaturen, die Anschläge auf „Charlie Hebdo“ oder Proteste im Zusammenhang mit Koranverbrennungen erkennen lassen, dass extremistische Deutungsmuster oder zumindest starke Empörungsdynamiken keineswegs ausschließlich auf kleine Randgruppen beschränkt sind. Verschiedene sozialwissenschaftliche Studien – unter anderem von Ruud Koopmans sowie im Rahmen der Arbeiten von Wilhelm Heitmeyer – weisen zudem darauf hin, dass antisemitische und homophobe Einstellungen unter Muslimen im Durchschnitt stärker verbreitet sein können als unter nicht‑muslimischen Vergleichsgruppen. Auch das spricht gegen die These, es handele sich lediglich um ein randständiges Problem weniger Extremisten. Vor diesem Hintergrund überzeugt auch die häufige Aussage „Das hat nichts mit Islam zu tun“ in ihrer Absolutheit nicht. Extremistische Akteure berufen sich explizit auf religiöse Begriffe und Traditionen – wenn auch selektiv und verzerrt. Diese Bezüge vollständig zu negieren, würde im Ergebnis bedeuten, ideologische Faktoren grundsätzlich auszublenden. Vergleichend ließe sich fragen, ob man auch andere historische Gewaltphänomene vollständig von ihren jeweiligen ideellen oder kulturellen Kontexten lösen würde. Eine solche Argumentation führt analytisch nicht weiter. Auffällig ist dabei, dass dem Leserbrief – wie auch anderen Beiträgen dieses Autors – eine konsequente Bereitschaft zur Selbstkritik fehlt. Statt problematische Aspekte zumindest mitzudenken, werden sie weitgehend ausgeblendet oder relativiert. Gerade darin liegt jedoch ein zentrales Hindernis für eine sachgerechte und glaubwürdige Debatte. Diese verkürzte Sichtweise reproduziert damit letztlich genau das Niveau an Vereinfachung und Verzerrung, das der Autor selbst an anderer Stelle kritisiert.
06.05.26
22:08