Berlin

KRM verurteilt Anschlag in Berlin und ruft zu Zusammenhalt auf

Nach dem tödlichen Anschlag in Berlin hat der Koordinationsrat der Muslime (KRM) die Tat scharf verurteilt. Zudem warnt er davor, Hass und Spaltung Raum zu geben.

27
07
2026
Migrantenquote, rassistische Delikte,
Symbolbild: Berlin © by Daniel Mennerich auf flickr.com (CC BY 2.0), bearbeitet IslamiQ

Der Koordinationsrat der Muslime (KRM) hat den tödlichen Anschlag in Berlin scharf verurteilt und den Opfern sowie ihren Angehörigen sein Mitgefühl ausgesprochen. Als muslimische Religionsgemeinschaften in Deutschland verurteile man „jedwede Form von Gewalt, Extremismus, Terror und Menschenverachtung aufs Schärfste“, erklärte der KRM.

Ein Anschlag auf Menschen wegen ihrer Lebensweise oder Weltanschauung sei zugleich ein Angriff auf die Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Deren Stärke liege darin, dass Menschen mit unterschiedlichen Religionen, Überzeugungen und Lebensentwürfen friedlich zusammenlebten. Diese Pluralität sei „keine Schwäche, sondern eine tragende Säule unserer demokratischen Gesellschaft“, hieß es.

Der KRM wünschte den Verletzten eine schnelle Genesung und sprach den Hinterbliebenen sein Beileid und seine Solidarität aus. Zugleich rief der Zusammenschluss muslimischer Religionsgemeinschaften dazu auf, in der aktuellen Situation besonnen zu handeln. Angst, Hass und Spaltung dürften nicht die Oberhand gewinnen. Stattdessen gelte es, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und jeder Form von Gewalt, Extremismus und Menschenfeindlichkeit entschieden entgegenzutreten.

Am Samstagabend war nach der CSD-Parade in Berlin ein Auto in die Menschenmenge am Tiergarten gefahren. Dabei wurde eine Person getötet, mindestens 29 weitere teils schwer verletzt. Der mutmaßliche Täter wurde später bei einem Polizeizugriff erschossen. Er soll in der Vergangenheit mehrfach versucht haben, sich im Ausland der sogenannten „IS“ anzuschließen.

Leserkommentare

Veritas Emet sagt:
Empathie darf keine Einbahnstraße sein. Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD haben muslimische Verbände die Tat verurteilt und zum Zusammenhalt aufgerufen. Menschlich ist Mitgefühl selbstverständlich. Politisch halte ich die Form dieser öffentlichen Distanzierung jedoch für problematisch. Warum fühlen sich muslimische Verbände verpflichtet, sich von einer Tat zu distanzieren, zu der sie keinerlei Nähe haben? Weder Moscheen noch muslimische Organisationen tragen Verantwortung für die Tat. Wer sich dennoch reflexhaft distanziert, akzeptiert damit ungewollt die Logik, dass Muslime als Kollektiv in einer besonderen Bringschuld stünden. Eine Minderheit sollte ihre Unschuld nicht ständig öffentlich beweisen müssen. Diese Erwartung wird an andere Gruppen kaum gestellt. Fordert jemand regelmäßig die israelische Diaspora in Deutschland auf, sich von jedem völkerrechtswidrigen Handeln der israelischen Regierung zu distanzieren? Werden andere Religionsgemeinschaften kollektiv für die Taten Einzelner in Haftung genommen? Gerade deshalb sollten muslimische Verbände nicht in die Rolle der Angeklagten schlüpfen, sondern als Kläger auftreten: gegen antimuslimischen Rassismus, gegen die pauschale Kollektivierung von Muslimen und gegen staatliches Versagen beim Schutz aller Bürger. Denn die eigentliche Frage lautet: Warum konnte es überhaupt zu dieser Tat kommen? Hat der Staat seine Schutzpflicht erfüllt? Welche Konsequenzen wurden aus Fällen wie dem Mord an Marwa El-Sherbini oder dem NSU-Komplex gezogen? Diese Fragen geraten zu schnell in den Hintergrund. Empathie ist nur dann glaubwürdig, wenn sie universell ist. Wer um die Opfer des CSD trauert, sollte ebenso entschieden gegen das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza, gegen antimuslimischen Hass und gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit eintreten. Menschenwürde ist unteilbar. Muslimische Verbände sollten sich daher nicht von einem gesellschaftlichen Erwartungsdruck treiben lassen. Ihre Aufgabe ist nicht die permanente Distanzierung von Taten, mit denen sie nichts zu tun haben, sondern die Verteidigung rechtsstaatlicher Prinzipien: individuelle Schuld statt kollektiver Verantwortung, gleiche Maßstäbe für alle und Solidarität mit jedem Opfer – unabhängig von Religion, Herkunft oder politischer Opportunität.
29.07.26
0:08
grege sagt:
Der Leserbrief „Empathie darf keine Einbahnstraße sein“ enthält einen berechtigten Hinweis: Muslime dürfen nicht kollektiv für die Taten eines einzelnen Terroristen verantwortlich gemacht werden. Dieses rechtsstaatliche Prinzip steht außer Frage. Doch genau dieses Prinzip dient allzu oft als Ausweichmanöver, um eine andere, unbequeme Debatte zu vermeiden. Die Stellungnahme des Koordinationsrats der Muslime nach dem Anschlag auf den Berliner CSD war keine unzulässige „Distanzierung“, sondern eine notwendige Positionierung gegen Terrorismus, Extremismus und Menschenfeindlichkeit. Wer als Verband den Anspruch erhebt, muslimisches Leben in Deutschland zu repräsentieren, sollte dies selbstverständlich tun. [islamiq.de] Problematisch ist vielmehr etwas anderes: Der Leserbrief fordert mit Nachdruck individuelle Schuld statt kollektiver Verantwortung, verweigert aber jede ernsthafte Diskussion über gesellschaftliche und ideologische Ursachen islamistischer Gewalt. Dabei sind die Fakten seit Jahren bekannt. Die schwersten religiös motivierten Terroranschläge in Europa der letzten Jahrzehnte wurden von islamistischen Extremisten verübt. Niemand behauptet deshalb, alle Muslime seien Extremisten. Aber die Tatsache, dass sich religiös motivierter Terror in Europa ganz überwiegend auf islamistische Ideologien beruft und nicht auf andere Religionen, wirft zwangsläufig Fragen auf. Wer diese Fragen bereits für illegitim erklärt, betreibt keine Aufklärung, sondern Verdrängung. Noch bemerkenswerter ist die unterschiedliche Anwendung von Maßstäben. Nach rechtsextremen oder fremdenfeindlichen Anschlägen wird von muslimischen Verbänden und ihren Unterstützern regelmäßig darauf hingewiesen, dass man nicht nur den Täter betrachten dürfe. Dann werden gesellschaftliches Klima, politische Rhetorik, Vorurteile und Milieus analysiert. Plötzlich soll Ursachenforschung also legitim sein. Geht es jedoch um islamistischen Terrorismus, wird dieselbe Analyse häufig als Generalverdacht zurückgewiesen. Dann heißt es nur noch: Einzeltäter, individuelle Schuld, keine Kollektivierung. Beides zugleich kann nicht überzeugen. Entweder gesellschaftliche Milieus und ideologische Prägungen spielen eine Rolle oder sie spielen keine Rolle. Wer Ursachenforschung beim Rechtsextremismus fordert, muss sie auch beim Islamismus zulassen. Hinzu kommt ein weiterer unangenehmer Befund. Zahlreiche Untersuchungen renommierter Wissenschaftler und Forschungseinrichtungen weisen seit Jahren darauf hin, dass antisemitische, homophobe und religiös-extremistische Einstellungen unter Muslimen in Europa teilweise stärker verbreitet sind als in anderen Bevölkerungsgruppen. Darauf haben unter anderem Studien von Wilhelm Heitmeyer, Ruud Koopmans sowie Forschungsarbeiten der Universitäten Leipzig und Münster hingewiesen. Diese Befunde sind keine „islamfeindlichen Vorurteile“, sondern Ergebnisse empirischer Sozialforschung. Daraus folgt selbstverständlich nicht, dass Muslime insgesamt antisemitisch, homophob oder extremistisch wären. Genau so wenig folgt aus hohen rechtsextremen Wahlergebnissen in manchen Regionen Ostdeutschlands, dass alle Ostdeutschen rechtsextrem sind. Gesellschaftliche Probleme zu benennen ist nicht dasselbe wie ganze Bevölkerungsgruppen zu verurteilen. Gerade deshalb stellt sich die Frage, warum Verbände wie IGMG, Islamrat, ZMD oder VIKZ zwar regelmäßig und zu Recht auf antimuslimischen Rassismus aufmerksam machen, aber deutlich seltener und weniger sichtbar gegen Judenhass, Homophobie und islamistische Ideologien innerhalb muslimischer Milieus auftreten. Wer gesellschaftliche Verantwortung beansprucht, muss sie auch dort wahrnehmen, wo es unangenehm wird. Vollends fragwürdig wird die Argumentation des ursprünglichen Leserbriefs, wenn plötzlich Gaza und andere internationale Konflikte ins Spiel gebracht werden. Der Anschlag auf den CSD fand in Berlin statt. Die Opfer lebten in Deutschland. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, was im Nahen Osten geschieht, sondern warum Menschen hier in Europa im Namen einer extremistischen Ideologie bereit sind, andere Menschen zu töten. Ebenso irritierend ist der Verweis auf Islamfeindlichkeit. Niemand würde akzeptieren, wenn nach einem fremdenfeindlichen Anschlag argumentiert würde, die Tat sei letztlich eine Reaktion auf islamistischen Terrorismus. Warum sollte umgekehrt eine angeblich islamfeindliche Stimmungslage als Erklärung für islamistisch motivierte Gewalt herangezogen werden? Wer eine solche Logik akzeptiert, übernimmt genau jene Form der Kollektivzuschreibung, die er sonst selbst zu Recht kritisiert. Der Rechtsstaat kennt individuelle Schuld. Die Gesellschaft hat jedoch das Recht, nach Ursachen zu fragen. Genau das geschieht beim Rechtsextremismus seit Jahrzehnten. Wer dieselbe Analyse beim Islamismus ablehnt, misst mit zweierlei Maß. Gleiche Maßstäbe bedeuten keine Kollektivschuld. Gleiche Maßstäbe bedeuten, Probleme überall dort offen anzusprechen, wo sie tatsächlich existieren. Und genau diese Konsequenz vermisse ich im ursprünglichen Leserbrief.
30.07.26
17:35
grege sagt:
Ein weiterer Aspekt betrifft die Rolle der DITIB innerhalb des KRM. Die DITIB ist nicht irgendein unabhängiger Moscheeverband, sondern steht in einer engen organisatorischen und personellen Beziehung zur türkischen Religionsbehörde Diyanet. Diese entsendet traditionell einen erheblichen Teil der Imame nach Deutschland und nimmt damit unmittelbaren Einfluss auf die religiöse Arbeit in den DITIB-Gemeinden. Vor diesem Hintergrund erscheint die Aussage, DITIB habe mit den Positionen der Diyanet nichts zu tun, wenig überzeugend. [thepinknews.com] Umso bemerkenswerter ist, dass weder von der DITIB noch vom KRM eine deutliche öffentliche Distanzierung von den Äußerungen des Diyanet-Präsidenten Ali Erbaş zu hören war. Erbaş erklärte in einer Ramadan-Predigt, der Islam verurteile Homosexualität, Homosexualität bringe „Krankheiten“ hervor und „verderbe Generationen“. Zudem rief er dazu auf, die Menschen vor einem solchen „Übel“ zu schützen. [thepinknews.com], [thepinknews.com] Niemand wird daraus eine Verantwortung für konkrete Straftaten ableiten können. Die Verantwortung für einen Anschlag trägt allein der Täter. Dennoch stellt sich die Frage, ob solche Aussagen dazu beitragen können, ein gesellschaftliches Klima zu fördern, in dem Homosexuelle als moralisches Problem oder als Bedrohung wahrgenommen werden. Genau diese Argumentationslinie wird nach fremdenfeindlichen Anschlägen regelmäßig vertreten, wenn über die Wirkung politischer oder gesellschaftlicher Rhetorik diskutiert wird. Würde ein prominenter Politiker oder Kirchenvertreter über Muslime in vergleichbarer Weise sprechen, würden islamische Verbände zu Recht auf die möglichen Folgen solcher Aussagen aufmerksam machen. Es ist daher legitim zu fragen, warum derselbe Maßstab nicht auch gegenüber homophoben Aussagen religiöser Autoritäten angelegt wird. Schweigen begründet keine Schuld an den Taten anderer, wohl aber Zweifel an der Glaubwürdigkeit jener, die für sich in Anspruch nehmen, für Toleranz, Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt einzutreten. In dem Zusammenhang muss man die Frage stellen, inwieweit die Verurteilung dieses Anschlags durch Ditib wriklich legitim ist.
30.07.26
23:40