Gastbeitrag

9/11 in der Schule – der Appell einer muslimischen Mutter

Als ihre Tochter im Unterricht die Anschläge vom 11. September kennenlernt, gerät ihr bisher selbstverständliches Bild vom Islam ins Wanken. Dr. Zeyneb Sayılgan erklärt, warum Schulen muslimisches Leben differenzierter vermitteln sollten.

11
09
2026
Islamfeindlichkeit, Muslime
Symbolbild: Muslime in den USA © shutterstock, bearbeitet by iQ.

Am 11. September vergangenen Jahres kam meine damals in der fünften Klasse befindliche Tochter sichtlich aufgewühlt aus der Schule nach Hause. Ich machte mir Sorgen. „Was ist passiert?“, fragte ich sie. Sie bat mich, mich zu ihr zu setzen und gemeinsam mit ihr ein Video anzusehen.

Ihr Sozialkundelehrer hatte der Klasse einen kurzen Ausschnitt über die schrecklichen Anschläge auf das World Trade Center gezeigt, die zu diesem Zeitpunkt bereits fünfundzwanzig Jahre zurücklagen. Meine Tochter war zutiefst erschüttert darüber, dass Menschen, die sich selbst als Muslime bezeichnet hatten, diese Tragödie verübt hatten.

Der schmerzerfüllte Ausdruck auf ihrem Gesicht verfolgt mich bis heute. Während ich diese Zeilen schreibe, laufen mir die Tränen über das Gesicht. In diesem Augenblick brach ihre Welt zusammen.

Islam bedeutete für sie Liebe und Güte

Seit sie denken konnte, hatte Islam für sie Liebe, Schönheit und Güte bedeutet. Islam bedeutete, sich um unsere Nachbarn zu kümmern und sie zum gemeinsamen Essen in unseren Garten einzuladen. Islam bedeutete auch, sich mit den Tanten und Onkeln unserer Gemeinde für wohltätige Zwecke einzusetzen, etwa indem sie während des Ramadan gemeinsam Lebensmittelspenden sammelten – und dabei viel Freude mit ihren Freunden hatte.

Islam ermutigte sie, in der Schule fleißig zu lernen und zu einer verantwortungsvollen Bürgerin heranzuwachsen, die dazu beiträgt, diese Welt für alle Menschen ein wenig besser zu machen.

Vor allem aber war Islam für sie auch inmitten tiefster Trauer und großen Schmerzes eine Quelle von Sinn und Trost. Nachdem ihre kleine Schwester Meryem bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen und sie dadurch zum Einzelkind geworden war, hatte der Islam ihr Kraft und Hoffnung gegeben. Doch wie konnte irgendjemand im Namen des Islam solche Gräueltaten begehen?

Für sie – und für die fast zwei Milliarden Muslime weltweit – waren die Lehren des Koran (Sure 28:77) und das geistliche Vermächtnis des Propheten Muhammad lebensbejahend. Meine Tochter war von einer wunderbaren, vielfältigen muslimischen Gemeinschaft umgeben, die ihr diese Werte vorlebte.

Mehr noch: Schon früh in der vierten Klasse beschloss sie, ihre muslimische Identität selbstbewusst zum Ausdruck zu bringen und das Kopftuch zu tragen.

Als Eltern waren wir aufgrund ihres jungen Alters entschieden dagegen. An ihrer öffentlichen Schule war sie mit ihrem Kopftuch das einzige sichtbar muslimische Mädchen. Ich bewunderte ihren Mut und ihr Selbstvertrauen, doch als Mutter und Pädagogin war ich zugleich zutiefst besorgt. Ich wollte sie vor dem grausamen Phänomen der Islamfeindlichkeit bewahren.

„Ich fühle mich betrogen“

An jenem 11. September wurde mir klar, dass ich sowohl als Mutter als auch als Pädagogin auf schmerzliche Weise versagt hatte. Ich fühlte mich schuldig und voller Reue, weil ich sie nicht besser auf diese Realität vorbereitet hatte.
Nach einer langen, schmerzhaften Stille fragte ich meine Tochter, wie sie sich fühlte, nachdem sie von den Anschlägen des 11. September erfahren hatte.

Dann antwortete sie – auf eine beinahe unheimlich erwachsene Weise und mit Worten, die sie zuvor in ihrem Leben noch nie gebraucht hatte: „Ich fühle mich betrogen.“

Ich war wie erstarrt. Mir fehlten die Worte. Ich schwieg einfach. Dann stand sie auf und verließ den Raum.
Aus irgendeinem Grund hatte ich mir eingeredet, dass die Tragödie des 11. September – selbst fünfundzwanzig Jahre später – nicht dieselben negativen psychologischen Auswirkungen auf meine Tochter haben würde, wie sie meine Generation erlebt hatte. Ich hatte mich geirrt. Ich war naiv gewesen.

Als muslimische Schülerin, die im Klassenzimmer immer wieder Islamfeindlichkeit erfahren hatte, wusste ich, wie es sich anfühlt, aufgrund der eigenen Religionszugehörigkeit Schuld zu empfinden. Ich kannte Scham und Wut. Ich kannte auch das Gefühl des Verrats.

Jeden Tag hatte ich hart daran gearbeitet, der Außenwelt zu beweisen, dass ich eine „gute Muslima“ war. Im Handumdrehen hatten Terroristen all diese Bemühungen zunichtegemacht und mir ein Bild aufgezwungen, das sich zutiefst ungerecht anfühlte und nicht widerspiegelte, wer ich wirklich war. Genau so hatte sich meine Tochter im Klassenzimmer gefühlt.

Nicht für die Taten anderer verantwortlich

Es dauerte Jahre, bis ich verstanden hatte, dass ich nicht für die ungeheuerlichen Taten anderer Erwachsener verantwortlich gemacht werden kann. Der muslimische Gelehrte Bediüzzaman Said Nursi erinnert im Anschluss an den koranischen Ruf nach Gerechtigkeit an die Worte: „Keine Seele trägt die Last einer anderen Seele“ (Koran 35:18).

Als Mutter und Pädagogin hatte ich meiner Tochter die schönsten Seiten des Islam nahegebracht. Doch die Wahrheit ist: Gemeinschaften können zugleich schön und fehlerhaft sein. Sie spiegeln die ganze Fülle und Widersprüchlichkeit menschlicher Existenz und Natur wider: die Stärken und Schwächen, die Erfolge und Misserfolge, die Einfachheit und Komplexität, das Gute und das Böse. Selbst in jedem individuellen menschlichen Leben ist diese Dynamik mehr oder weniger sichtbar.

Aus unterschiedlichen Gründen werden Muslime jedoch immer wieder als besonders verwerflich und gefährlich dargestellt.
An jenem Tag entschied sich ihr Lehrer bewusst dafür, die vielfältigen und schönen Erfahrungen von Muslimen auszublenden. Stattdessen stellte er ein erschütterndes Beispiel für die dunkelsten menschlichen Impulse in den Mittelpunkt: Hass, Feindseligkeit und Zerstörung.

In den Köpfen dieser jungen Schüler*innen erschien der Islam nun als eine gefährliche Ideologie, vor der man sich fürchten müsse. Muslimen war nicht zu trauen. Der Kreislauf der Islamfeindlichkeit setzte sich fort.

Muslime bleiben im Unterricht unsichtbar

Fünf Jahre lang kamen Islam und Muslime im Lehrplan meiner Tochter nicht vor. Zwei Milliarden Muslime auf der Welt werden in den Bildungsplänen schlicht nicht berücksichtigt. Auch in Schulbüchern bleiben Muslime weitgehend unsichtbar.

Fünf Jahre lang hatten die Mitschüler*innen meiner Tochter kein einziges Wort über die Geschichte der Muslime, über ihre bedeutenden Beiträge zu Wissenschaft und menschlicher Zivilisation, über ihr Zusammenleben mit unterschiedlichen Gemeinschaften auf der ganzen Welt oder über persönliche Erfahrungen von Muslimen gehört.

Die Einbeziehung dieser und vieler weiterer hilfreicher Materialien in den Unterricht hätte den Schüler*innen ermöglicht, die Vielfalt, Komplexität und Vielschichtigkeit muslimischen Lebens kennenzulernen.

Wie Jason Creeger, Programmleiter für Lehrkräfte und Schulen am Institute for Islamic, Christian and Jewish Studies in Baltimore, feststellt: „Was bedeutet es, wenn Schülerinnen dem Islam im Lehrplan begegnen – aber ausschließlich durch die Perspektive des Konflikts oder Krieges? Was entgeht ihnen, wenn sie nichts über muslimische Werte oder die reiche Geschichte des interreligiösen Dialogs zwischen Juden, Christen und Muslimen erfahren? Die Erkenntnis, dass es in unseren Lehrplänen wahrscheinlich blinde Flecken oder zumindest verpasste Chancen gibt, ist etwas, worüber alle Pädagoginnen stärker nachdenken müssen.“

Das Klassenzimmer als Ort der Begegnung

Die von dem Psychologen Gordon Allport formulierte Kontakthypothese besagt, dass persönliche Begegnungen zwischen Angehörigen unterschiedlicher sozialer Gruppen Vorurteile wirksam abbauen können – allerdings nur dann, wenn bestimmte unterstützende Bedingungen gegeben sind. Das Klassenzimmer kann ein solcher Ort der Begegnung und Zugehörigkeit sein.

Als Mutter und Akademikerin im Bereich interreligiöser Bildung sehe ich Lehrkräfte als meine Verbündeten und Partner bei der Aufgabe, die nächste Generation von Führungspersönlichkeiten heranzubilden.

Unsere Schülerinnen sollten die Möglichkeit erhalten, die Komplexität und Schönheit verschiedener Religionen kennenzulernen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen – ebenso wie ihre reichen Kulturen und vielfältigen Gemeinschaften. Dies könnte uns helfen, eine Generation von Weltbürgerinnen heranzubilden, die Unterschiede nicht nur akzeptiert, sondern ihnen offen und wertschätzend begegnet.

Und es könnte dazu beitragen, eine vielfältige, engagierte und lebendige Gesellschaft zu fördern.

Leserkommentare

grege sagt:
Mit wachsendem Befremden habe ich Ihren Beitrag zum 11. September gelesen. Was mich dabei besonders irritiert: Dies ist meines Wissens die erste und bislang einzige Veröffentlichung von IslamiQ zum diesjährigen Jahrestag von 9/11. Die Themenwahl und Schwerpunktsetzung fallen deshalb besonders ins Gewicht. Der 11. September 2001 war einer der schwersten Terroranschläge der Neuzeit. Fast 3.000 Menschen wurden ermordet, Tausende Familien verloren Angehörige, und die politischen Folgen prägten die Welt über Jahrzehnte. Dennoch spielen die Opfer, die Hinterbliebenen und die historische Bedeutung dieses Verbrechens in Ihrem Beitrag praktisch keine Rolle. Stattdessen steht fast ausschließlich die Betroffenheit einer muslimischen Schülerin im Mittelpunkt. Das empfinde ich als eine bemerkenswerte Verschiebung der Perspektive. An einem Jahrestag wie diesem hätte ich erwartet, dass zunächst der Opfer gedacht wird. Stattdessen wird die Aufmerksamkeit auf das Leid einer Schülerin gelenkt, die erstmals mit den historischen Tatsachen von 9/11 konfrontiert wurde. Besonders problematisch finde ich den Eindruck, die Thematisierung des 11. September im Unterricht könne Teil eines „Kreislaufs der Islamfeindlichkeit“ sein. Schule hat die Aufgabe, historische Ereignisse zu vermitteln. Der 11. September war kein Randereignis und keine Episode, die man aus Rücksicht auf mögliche Betroffenheit aus dem Unterricht ausklammern dürfte. Wer junge Menschen zu mündigen Bürgern erziehen möchte, muss ihnen auch die dunklen Kapitel der Geschichte vermitteln. Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Der 11. September war leider kein isolierter Einzelfall. In den vergangenen Jahrzehnten wurden weltweit zahlreiche Terroranschläge unter ausdrücklicher Berufung auf den Islam verübt. Die Täter selbst begründeten ihre Taten religiös und verstanden ihr Handeln als Dienst an ihrer Religion. Das ist eine historische Tatsache. Darüber zu sprechen, ist weder unfair noch islamfeindlich, sondern notwendig. Selbstverständlich sind die allermeisten Muslime friedliche Menschen. Dennoch wäre es falsch, die dahinterstehenden Probleme als bloße Randerscheinung abzutun. Die Vielzahl islamistischer Anschläge weltweit, die anhaltende Bedrohung durch islamistische Organisationen sowie die wiederkehrenden Debatten über religiös begründeten Antisemitismus oder Homophobie zeigen, dass hier reale Herausforderungen bestehen. Gerade deshalb müssen diese Themen offen angesprochen werden und dürfen nicht unter dem Vorwurf der Islamfeindlichkeit tabuisiert werden. Was mich seit Jahren an der öffentlichen Kommunikation vieler islamischer Verbände und islamischer Medien stört, ist die mangelnde Bereitschaft zur sichtbar selbstkritischen Auseinandersetzung mit diesen Problemen. Über Islamfeindlichkeit, Diskriminierung und gesellschaftliche Vorurteile wird regelmäßig und ausführlich gesprochen. Die kritische Beschäftigung mit islamistischem Extremismus oder anderen dunklen Seiten, die im Namen des Islam auftreten, nimmt hingegen deutlich weniger Raum ein. Dabei geht es ausdrücklich nicht um Schuld. Für die Verbrechen des 11. September sind allein die Täter verantwortlich. Es geht um moralische Verantwortung und um die Bereitschaft zur kritischen Selbstreflexion. Als Deutscher empfinde ich es als selbstverständlich, mich mit den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen, obwohl ich dafür keinerlei persönliche Verantwortung trage. Meine Nationalität habe ich mir nicht ausgesucht. Sie wurde mir durch Geburt, Herkunft und den Ort vorgegeben, an dem ich aufgewachsen bin. Wer religiös ist, hat seine Religionszugehörigkeit hingegen zumindest in weit stärkerem Maße bewusst angenommen und macht sie oft sogar zu einem zentralen Bestandteil seiner Identität. Gerade deshalb erscheint mir die moralische Verpflichtung umso größer, sich den Verbrechen zu stellen, die im Namen dieser Religion begangen wurden. Wer die schönen Seiten seiner Religion hervorhebt, sollte auch bereit sein, sich mit ihren Schattenseiten auseinanderzusetzen. Das ist keine Frage juristischer Schuld, sondern der Glaubwürdigkeit. Umso mehr befremdet mich ein Beitrag zum 11. September, der nahezu ausschließlich das Leid einer muslimischen Schülerin thematisiert, während die Opfer des Anschlags, die Hinterbliebenen und die notwendige Auseinandersetzung mit islamistischem Extremismus weitgehend ausgeblendet werden. Hinzu kommt eine Doppelmoral, die mir bei IslamiQ seit Langem auffällt. Einerseits wird beklagt, Muslime würden in Medien und Öffentlichkeit zu häufig mit Terrorismus, Extremismus und Konflikten in Verbindung gebracht. Andererseits wird auf Ihrer Plattform die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft häufig vor allem im Zusammenhang mit Islamfeindlichkeit, Diskriminierung, rechten Straftaten oder Vorurteilen thematisiert. Positive Entwicklungen finden deutlich weniger Beachtung. Deutschland hat Millionen Muslimen Heimat, Sicherheit, Religionsfreiheit und zahlreiche Chancen eröffnet. Millionen Muslime leben hier friedlich, erfolgreich und frei. Diese Realität gehört ebenso zur Wahrheit wie Diskriminierungserfahrungen. Wer von Medien, Schulen und Politik mehr Differenzierung gegenüber Muslimen verlangt, sollte dieselbe Differenzierung auch gegenüber Deutschland und der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft anwenden. Differenzierung ist keine Einbahnstraße. Mein Eindruck nach der Lektüre Ihres Beitrags ist leider, dass am Jahrestag eines beispiellosen Terrorverbrechens nicht die Opfer und die notwendige Auseinandersetzung mit islamistischem Extremismus im Mittelpunkt stehen, sondern erneut die Frage, wie Muslime auf die Erinnerung an dieses Verbrechen reagieren. Das wird weder der historischen Bedeutung des 11. September noch den Opfern dieses Tages gerecht.
11.09.26
10:04
M.Yildiz sagt:
Liebe(r) Kommentator(in) Grege, sehen Sie, jeder schreibt aus seiner Perspektive. Sie haben diesen Artikel gelesen und kommentiert. Zwischen den Zeilen las ich auch jahrelang angesammelte Unverständnis, Unzufriedenheit, ja sogar Wut...auf etwas, das Sie selber noch nicht zu begreifen scheinen...es zerstört ihr Gesamtbild über das Leben überhaupt...befassen Sie sich damit intensiver, damit Sie Ihren inneren Frieden wiederfinden... unabhängig von schrecklich Ereignissen aus der Welt....denn Sie passieren im Wechsel... ausgeübt von verschieden Menschen unterschiedlicher Religionen Regionen und Ansichten...diese Geschehnisse haben ein gewisses Muster, welches sich wiederholt, über die ganze Menschheitsgeschichte hinaus...seit Kain und Abel...es fing an mit Unverständnis und endete mit etwas "Schrecklichem"....in diesem Zusammenhang wünsche ich allen, die etwas "Schreckliches" nicht begreifen, der Ursache auf den Grund zu gehen und es zu erforschen...dadurch wird das Geschehene nicht rückgängig gemacht...Tote bleiben tot, Hinterblienene bleiben verzweifelt, der Rest bleibt in Unverständnis, Wut oder Hass. Davon wird man instabil und längerfristig psychisch, seelisch, physisch krank. Nicht das Geschehniss macht es, sondern die Perspektive dazu. Wenn man es nicht so erweitert, um es zu begreifen, wird jeder seine Unverständnis und Wut und Hass in sich tragen, bis zum bitteren Lebensende...wer Gerechtigkeit erfahren möchte, sollte sich nicht auf die begrenzte Gerechtigkeit durch Menschen stützen, sondern überzeugt sein, dass weit darüber hinaus, die eigentliche Gerechtigkeit existiert...nichts und niemand kann sich dem entgegenstellen und entkommen und das alleine wird für tausende Millionen Verstorbenen und leidenden Hinterbliebenen Seelen nicht nur wahrer Trost, sondern auch eine wahre Gerechtigkeit werden ..mein Mitgefühl an alle Verstorbenen und Hinterbliebenen am 11.September 2001...davor und danach...
13.09.26
7:43
grege sagt:
Lieber Kommentator, vielen Dank für Ihre Antwort. Allerdings fällt mir auf, dass Sie auf keinen der wesentlichen Punkte meines Kommentars eingehen. Sie setzen sich weder mit meiner Kritik auseinander, dass die Opfer des 11. September und ihre Angehörigen im Ausgangsartikel nahezu keine Rolle spielen. Sie gehen auch nicht auf die Frage ein, ob ein Beitrag zum Jahrestag eines der schwersten Terroranschläge der Neuzeit nicht zunächst dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein sollte. Ebenso bleiben meine Einwände zur Rolle des Schulunterrichts unbeantwortet. Schule hat die Aufgabe, historische Ereignisse zu vermitteln, auch wenn sie schmerzhaft oder belastend sind. Der 11. September war kein Randereignis, sondern ein weltgeschichtlicher Einschnitt. Warum die Behandlung dieses Themas im Unterricht Teil eines „Kreislaufs der Islamfeindlichkeit“ sein soll, darauf gehen Sie nicht ein. Auch meine Anmerkung, dass islamistischer Terrorismus leider kein einmaliges Ereignis geblieben ist, sondern zahlreiche weitere Anschläge folgten, bleibt unerwähnt. Ebenso äußern Sie sich nicht zu meiner Kritik, dass viele islamische Verbände und Medien sehr ausführlich über Islamfeindlichkeit sprechen, sich aber deutlich seltener sichtbar mit den Problemen auseinandersetzen, die im Namen des Islam selbst auftreten. Schließlich bleiben auch meine Ausführungen zur moralischen Verantwortung unbeantwortet. Ich habe ausdrücklich zwischen Schuld und Verantwortung unterschieden. Niemand trägt Schuld für die Verbrechen anderer. Die Frage ist jedoch, ob man bereit ist, sich auch mit den dunklen Seiten jener Gemeinschaft auseinanderzusetzen, der man sich selbst zugehörig fühlt. Auch hierzu nehmen Sie keine Stellung. Stattdessen verlagern Sie die Diskussion auf eine allgemeine philosophische Ebene. Sie sprechen von Perspektiven, von innerem Frieden, von wiederkehrenden Mustern der Menschheitsgeschichte und schließlich von Kain und Abel. Genau hier stellt sich mir eine wichtige Frage: Würden Sie dann auch dem serbischen Kommentator beipflichten, der anlässlich des Jahrestages von Srebrenica nicht über die ermordeten muslimischen Opfer schreibt, sondern vor allem darüber, dass seine Kinder heute wegen ihrer serbischen Herkunft angefeindet oder mit den Verbrechen von Srebrenica in Verbindung gebracht würden? Würden Sie auch ihm antworten, man müsse die Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten? Würden Sie auch dort erklären, Gewalt begleite die Menschheit seit Kain und Abel? Würden Sie die Ursachen des Konflikts bis zur osmanischen Fremdherrschaft auf dem Balkan oder noch weiter zurückverfolgen? Würden Sie auch dort schreiben, dass letztlich nicht das Geschehene selbst, sondern die Perspektive darauf entscheidend sei? Oder würden Sie in diesem Fall darauf bestehen, dass zunächst die Opfer des Massakers, ihr Leid, die Hinterbliebenen und die Verantwortung der Täter im Mittelpunkt stehen müssen? Ich vermute, dass viele Menschen, gerade auch Vertreter islamischer Verbände und islamischer Medien, eine solche Argumentation bei Srebrenica als unangemessen empfinden würden. Sie würden vermutlich zu Recht darauf hinweisen, dass die Opfer nicht hinter die Betroffenheit von Angehörigen der Tätergruppe zurücktreten dürfen und dass die historische Verantwortung nicht durch allgemeine Betrachtungen über die Menschheitsgeschichte, jahrhundertealte Konfliktlinien oder philosophische Reflexionen relativiert werden sollte. Genau deshalb habe ich Schwierigkeiten mit Ihrer Argumentation. Unterschiedliche Perspektiven sind für mich grundsätzlich kein Problem. Jeder Mensch betrachtet Ereignisse aus der Sicht seiner eigenen Erfahrungen. Eine offene Gesellschaft lebt davon, dass verschiedene Perspektiven nebeneinander bestehen. Problematisch wird es jedoch, wenn sich die Perspektive und die moralischen Maßstäbe je nach Herkunft der Täter und Opfer verändern. Wer bei Verbrechen an Muslimen fordert, dass die Opfer im Mittelpunkt stehen, dass historische Verantwortung klar benannt wird und dass nichts relativiert werden darf, sollte denselben Maßstab auch bei Verbrechen anwenden, die von Muslimen im Namen des Islam begangen wurden. Wer bei Srebrenica die ermordeten Muslime nicht hinter die Betroffenheit serbischer Kinder zurücktreten lassen würde, sollte bei 9/11 die Opfer ebenfalls nicht hinter die Betroffenheit einer muslimischen Schülerin zurücktreten lassen. Genau darin besteht für mich der Unterschied zwischen unterschiedlichen Perspektiven und unterschiedlichen Maßstäben. Unterschiedliche Perspektiven sind legitim. Unterschiedliche moralische Maßstäbe sind es nicht. Ein moralischer Kompass zeigt sich gerade darin, dass man dieselben Prinzipien auf alle Menschen anwendet, unabhängig von Religion, Nationalität oder Herkunft. Wer dagegen je nach Täter- und Opfergruppe den Maßstab wechselt, riskiert nicht nur Widersprüche in der eigenen Argumentation, sondern auch jene Unzufriedenheit und jenes Gefühl der Ungerechtigkeit, von denen Sie selbst sprechen. Das eigentliche Problem ist aus meiner Sicht nicht, dass Menschen unterschiedliche Perspektiven haben. Das Problem entsteht, wenn die Perspektive davon abhängt, ob die Opfer zur eigenen Gruppe gehören oder nicht. Dann wird aus Perspektive Parteilichkeit. Deshalb bleibt mein ursprünglicher Einwand bestehen: Am Jahrestag des 11. September sollten zunächst die Opfer, ihre Angehörigen und die kritische Auseinandersetzung mit dem islamistischen Extremismus im Mittelpunkt stehen. Alles andere kann und sollte ebenfalls besprochen werden, aber nicht an ihrer Stelle.
18.09.26
22:05