Religionsmonitor 2026

„Religion verbindet dort, wo sie gelebte soziale Praxis wird“

Der neue Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung zeigt einen Zusammenhang zwischen Religiosität und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Dr. Yasemin El-Menouar erklärt, welche Rolle religiöse Praxis und soziale Einbindung dabei spielen.

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Dr. Yasemin El-Menouar, Senior Expert – Religion, Werte und Gesellschaft Demokratie und Zusammenhalt bei der Bertelsmann-Stiftung © Privat, bearbeitet by IslamiQ.
Dr. Yasemin El-Menouar, Senior Expert – Religion, Werte und Gesellschaft Demokratie und Zusammenhalt bei der Bertelsmann-Stiftung © Privat, bearbeitet by IslamiQ.

IslamiQ: Der gesellschaftliche Zusammenhalt hat sich seit 2023 wieder verbessert. Gleichzeitig bleiben das Vertrauen in die Politik und das Gerechtigkeitsempfinden niedrig. Wie lässt sich dieser scheinbare Widerspruch erklären?

Dr. Yasemin El-Menouar: Das ist kein Widerspruch, sondern verweist auf unterschiedliche Ebenen des Zusammenhalts: Viele Menschen erleben in ihrem persönlichen Umfeld Vertrauen und gegenseitige Unterstützung, beurteilen Politik und gesellschaftliche Verhältnisse aber deutlich kritischer. Erholt haben sich seit 2023 vor allem die sozialen Beziehungen und die Gemeinwohlorientierung. Die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen bleibt dagegen schwach. Besonders niedrig sind, das Vertrauen in die Bundesregierung und das Empfinden, dass es in Deutschland gerecht zugeht. Das soziale Fundament unserer Gesellschaft ist also vergleichsweise stabil, während das Verhältnis zu staatlichen Institutionen und Politik angespannt bleibt.

IslamiQ: Der Religionsmonitor zeigt einen Zusammenhang zwischen Religiosität und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Worin genau liegt die verbindende Kraft von Religion?

El-Menouar: Religion verbindet vor allem dort, wo sie gelebte soziale Praxis wird: Sie schafft Beziehungen, vermittelt Verantwortung füreinander und eröffnet konkrete Möglichkeiten zum Engagement. Religiöse Gemeinden bringen Menschen regelmäßig zusammen, organisieren Hilfe und schaffen Netzwerke gegenseitiger Unterstützung. Religiöse Überzeugungen können zudem dazu motivieren, Verantwortung für andere und für das Gemeinwesen zu übernehmen. Unsere Ergebnisse sprechen deshalb dafür, dass weniger die bloße Zugehörigkeit zu einer Religion entscheidend ist als die tatsächlich gelebte Religiosität und die soziale Einbindung.

IslamiQ: Bei Muslimen zeigt sich ein bemerkenswerter Befund: Mit zunehmender Religiosität nehmen soziale Beziehungen und Gemeinwohlorientierung zu, während die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen abnimmt. Wie erklären Sie diesen Zusammenhang?

El-Menouar: Religiöse Einbindung kann starkes soziales Kapital hervorbringen, ohne dass daraus automatisch mehr Vertrauen in Politik und gesellschaftliche Institutionen entsteht. Die höheren Werte bei sozialen Beziehungen und Gemeinwohlorientierung zeigen zunächst, dass auch muslimische Religiosität Hilfsbereitschaft, Engagement und stabile soziale Netzwerke fördern kann. Die geringere Verbundenheit mit dem Gemeinwesen ist daher nicht mit mangelndem gesellschaftlichem Beitrag gleichzusetzen. Eine mögliche Erklärung sind Erfahrungen von Diskriminierung, fehlender Repräsentation und mangelnder Anerkennung sowie häufig negativ geführte Debatten über den Islam. Zugleich können eine stärkere Orientierung an der eigenen Gemeinschaft und fehlende Brücken in andere gesellschaftliche Bereiche eine Rolle spielen.

IslamiQ: Religion kann, wie Ihre Studie zeigt, gesellschaftliche Bindungen stärken, aber auch Abgrenzungen fördern. Welche Bedingungen sind dafür ausschlaggebend, welche Wirkung überwiegt?

El-Menouar: Nicht Religion an sich verbindet oder trennt. Entscheidend ist, ob starke Beziehungen innerhalb einer religiösen Gemeinschaft durch Brücken zu anderen gesellschaftlichen Gruppen ergänzt werden. Religiöse Gemeinden können Vertrauen, gegenseitige Unterstützung und Engagement fördern. Für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt wird dieses Potenzial besonders dann wirksam, wenn sie sich nach außen öffnen, mit anderen Organisationen kooperieren und ihr Engagement nicht auf die eigenen Mitglieder beschränken. Abgrenzung wird dagegen wahrscheinlicher, wenn Außenkontakte fehlen, Religion politisch instrumentalisiert wird oder Gemeinschaften dauerhaft Ausgrenzung erfahren. Unsere Befunde sprechen insgesamt für ein positives Potenzial von Religiosität.

IslamiQ: Sie empfehlen eine stärkere strukturelle und symbolische Anerkennung religiöser Vielfalt. Was müsste sich dafür im konkreten Alltag von Politik, Verwaltung und Gesellschaft verändern?

El-Menouar: Anerkennung bedeutet gleichberechtigte Sichtbarkeit, verlässliche Beteiligung und die selbstverständliche Einbeziehung religiöser Minderheiten. Kommunen und Verwaltungen sollten ihre Vertreterinnen und Vertreter beispielsweise über Beiräte, Runde Tische und Kooperationen mit Schulen, Wohlfahrtsverbänden oder sozialen Einrichtungen frühzeitig beteiligen.

Gleichzeitig müssen institutionelle Benachteiligungen und Diskriminierung konsequent abgebaut werden. Gemeinsame Projekte und Begegnungsorte können zudem Kontakte zwischen religiösen und nicht religiösen Menschen fördern. Auch symbolische Zeichen wie eine Ramadan-Beleuchtung in der Innenstadt analog zu einer Adventsbeleuchtung können Zugehörigkeit vermitteln, dürfen strukturelle Gleichstellung aber nicht ersetzen.

Das Interview führte Muhammed Suiçmez.