Scham, familiärer Druck und religiöse Vorstellungen können die Suche nach Hilfe erschweren. Lukas Müller hat deshalb den Verein „Al-Mudmin“ gegründet, der muslimische Menschen mit Suchterkrankungen begleitet

IslamiQ: Was hat Sie dazu bewegt, den Verein „Al-Mudmin“ zu gründen?
Lukas Müller: Ich arbeite seit mehr als zehn Jahren in der Jugendsozialarbeit. Unter anderem war ich als Schulsozialarbeiter tätig und habe später eine Streetwork-Einrichtung aufgebaut, die ich fast acht Jahre lang geleitet habe. In der aufsuchenden Arbeit mit jungen Menschen begegneten mir immer wieder Suchterkrankungen. Dabei fiel mir auf, dass junge Menschen mit muslimischem Hintergrund häufig besonders schwer zu erreichen waren.
Die Angst vor Ausgrenzung, Scham und die Sorge vor den Reaktionen des eigenen Umfelds führten dazu, dass viele Betroffene isoliert blieben und kaum Hilfe in Anspruch nahmen. Es war deshalb schwierig, Zugang zu ihnen zu finden und Vertrauen aufzubauen. Das hat mich sehr betroffen gemacht, weil wir trotz unserer Bemühungen oft nur begrenzt helfen konnten. Deshalb gründeten wir vermutlich 2021 eine Initiative, unterstützt von einigen weiteren Engagierten.
Bei unseren Recherchen stellten wir fest, dass es kaum Angebote gab, die sich ausdrücklich an Muslime richteten. Zwar wurde in verwandten Bereichen gearbeitet, etwa unter den Begriffen „Migrationsarbeit“ oder „interkulturelle Arbeit“, doch die spezifische Ansprache muslimischer Betroffener fehlte weitgehend.
Genau hier wollten wir ansetzen. Aus unserer Praxiserfahrung und der Forschung wissen wir, dass Scham und die Angst vor Stigmatisierung große Hürden bei der Suche nach Hilfe darstellen. Mit einem ausdrücklich an Muslime gerichteten Angebot wollten wir Vertrauen schaffen und Menschen erreichen, die eine reguläre Suchtberatungsstelle möglicherweise nicht aufsuchen würden.
IslamiQ: Welche besonderen Herausforderungen erleben Muslime mit Suchterkrankungen in Deutschland, die in der klassischen Suchthilfe bislang zu wenig berücksichtigt werden?
Müller: Ein häufiges Argument gegen ein spezielles Angebot lautet, dass es bereits genügend Suchtberatungsstellen gebe und Betroffene diese nutzen könnten. Doch entscheidend ist, ob die Menschen diese Angebote tatsächlich erreichen. Unser Ansatz setzt deshalb bei der Niedrigschwelligkeit und dem Zugang zur Suchthilfe an.
Hinzu kommt, dass es bislang kaum wissenschaftliche Erkenntnisse zur spezifischen Situation muslimischer Menschen mit Suchterkrankungen im deutschsprachigen Raum gibt. International gibt es zwar einzelne Forschende, die sich mit dem Thema beschäftigen, doch eine solide Datengrundlage fehlt weitgehend. Wir wollen deshalb auch Forschung anstoßen, um unsere Beobachtungen empirisch zu untermauern.
Ein wichtiger Schritt war die Teilnahme am Deutschen Suchtkongress in Köln, wo wir ein Symposium zu diesem Thema gestalten konnten. Auch eine Veranstaltung im Klinikum Stuttgart im vergangenen Winter war ein Höhepunkt. Gemeinsam mit Fachleuten aus der Suchtmedizin und Suchtforschung diskutierten wir unter anderem Erkenntnisse aus einer Studie zu Geflüchteten und Suchterkrankungen. Die Ergebnisse lassen sich zwar nicht unmittelbar auf Muslime übertragen, bieten aber Anknüpfungspunkte.
Unsere Arbeit ist bislang vollständig ehrenamtlich, und wir haben noch keine Förderung erhalten. Deshalb können wir nur begrenzte Unterstützung leisten. Dennoch erreichen uns Anfragen, die häufig von sehr komplexen und prekären Lebenssituationen zeugen. Oft bleibt uns nur, Betroffene an bestehende Hilfsangebote weiterzuvermitteln. Doch auch das ist wichtig: Viele wissen nicht, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt. Weil wir mit den Strukturen der Suchthilfe vertraut sind, können wir ihnen helfen, Zugänge zu schaffen, die ihnen sonst möglicherweise verschlossen blieben.
IslamiQ: Wie läuft eine Beratung ab und wie unterscheidet sich euer Ansatz von klassischen Suchtberatungsangeboten?
Müller: Der Ablauf ist zunächst relativ klassisch. Betroffene kontaktieren uns telefonisch, per E-Mail oder über einen Chat, beispielsweise WhatsApp. Manche möchten anonym bleiben und nutzen dafür eigens eingerichtete E-Mail-Adressen oder einen anderen Namen. Das ist für uns völlig in Ordnung. Wenn es räumlich möglich ist, bieten wir auch persönliche Treffen an.
Der wesentliche Unterschied liegt in unserem Menschenbild und unserem ganzheitlichen Ansatz. Für uns ist die spirituelle Ebene ein wichtiger Bestandteil des Menschseins. Gleichzeitig berücksichtigen wir die Migrationsbiografie, mögliche Rassismuserfahrungen, familiäre Prägungen und Traumatisierungen. Auch Schuld- und Schamgefühle spielen eine große Rolle, etwa wenn Betroffene sich fragen, wie sie mit ihrer Sucht und religiösen Pflichten umgehen sollen.
Fragen wie „Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich meine Gebete nicht regelmäßig verrichten kann?“ oder „Was bedeutet es für mich, wenn ich wegen meiner Sucht den Ramadan nicht einhalten kann?“ haben bei uns Raum. Wir können solche Fragen einordnen und bei weiterführenden theologischen Fragen auf Fachleute aus unserem Team und unserem Netzwerk zurückgreifen.
Unser Verständnis von Sucht ist, dass sie häufig auch eine Form der Selbstregulation darstellt. Belastende Erfahrungen oder Traumatisierungen können dazu führen, dass Menschen nach Möglichkeiten suchen, innere Spannungen und Schmerzen zu lindern. Das kann über klassische Suchtmittel geschehen, aber auch über Arbeit, Sport, Essen oder Beziehungen. Was kurzfristig Erleichterung verschafft, kann langfristig jedoch schaden.
Unser Ziel ist deshalb, Betroffene dabei zu unterstützen, wieder einen Zugang zu sich selbst zu finden und gesündere Wege im Umgang mit belastenden Gefühlen zu entwickeln. Dabei beziehen wir auch Ressourcen aus der islamischen Tradition ein. Wir wollen Sucht nicht nur aus einer einzelnen Perspektive betrachten, sondern den Menschen in seiner Gesamtheit verstehen.
IslamiQ: Welche Formen von Sucht treten unter muslimischen Betroffenen besonders häufig auf? Und gibt es Unterschiede zu anderen Gruppen?
Müller: Zu den häufigen Themen gehören Cannabis, Alkohol und problematischer Pornografiekonsum, insbesondere bei Jungen und Männern. Auch Glücksspiel und exzessive Bildschirmnutzung beschäftigen uns stark. Bei Jungen geht es häufig ums Gaming, bei Mädchen und Frauen eher um soziale Medien. Durch die weite Verbreitung und den Gruppendruck ist es besonders schwierig, problematische Nutzung zu erkennen.
Auch Essstörungen sind ein wichtiges Thema. Dabei beobachten wir geschlechtsspezifische Unterschiede: Frauen scheinen noch stärker mit Tabus konfrontiert zu sein. Bislang haben sich kaum Frauen direkt an uns gewandt. Das zeigt, dass wir sie mit unseren Angeboten bisher nur schwer erreichen und hier besondere Zugangshürden bestehen.
Wie häufig diese Suchtformen unter Muslimen im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen auftreten, können wir mangels belastbarer Daten nicht verlässlich sagen. Unsere Einschätzungen beruhen vor allem auf unseren Erfahrungen und den Anfragen, die uns erreichen.
IslamiQ: Welche Rolle spielen Scham, gesellschaftlicher Druck und religiöse Vorstellungen dabei, dass Menschen mit Suchterkrankungen in muslimischen Gemeinden häufig zögern, Hilfe zu suchen?
Müller: Ein großes Problem ist die Vorstellung, dass es in einer religiösen Familie keine Sucht geben dürfe, weil sie religiös verboten ist. Dadurch wird das Thema häufig verdrängt. Wenn eine Suchterkrankung nicht länger zu verheimlichen ist, werden Betroffene mitunter zum schwarzen Schaf der Familie oder sogar aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.
Scham und die Angst vor diesem Ausschluss sind deshalb zentrale Themen. Viele Betroffene fürchten, ihre familiären Beziehungen und ihren Platz in der Gemeinschaft zu verlieren. Um den äußeren Schein zu wahren, wird die Sucht verschwiegen. In manchen Familien entstehen dadurch über Jahre Strukturen, die das Problem ungewollt aufrechterhalten. Angehörige, häufig auch Frauen, versuchen, die Folgen aufzufangen und Betroffene immer wieder aus Schwierigkeiten zu retten. Eine wirkliche Auseinandersetzung findet jedoch nicht statt. Darunter leiden oft auch die Kinder, die in einem dauerhaft belastenden Umfeld aufwachsen.
Für Betroffene entsteht ein großes Dilemma: Sie leiden unter ihrer Situation, können aber nicht offen darüber sprechen, weil sie befürchten, dadurch wichtige Beziehungen zu gefährden. Wut, Trauer und Angst werden unterdrückt, während die Sucht zu einem verborgenen Weg wird, mit dem eigenen Schmerz umzugehen.
In der Beratung versuchen wir, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen und Betroffene zu entlasten. Dabei orientieren wir uns an einer Frage des Traumaforschers Gabor Maté: Nicht nur, warum jemand süchtig wird, sondern auch, woher der Schmerz kommt, den die Sucht lindern soll. Wir wollen verstehen, welche Erfahrungen hinter der Abhängigkeit stehen, statt sie allein als persönliches Versagen zu betrachten.
Dabei stellen wir religiöse und familiäre Werte nicht grundsätzlich infrage. Wir respektieren religiöse Überzeugungen und die Haltung, dass bestimmte Substanzen verboten sind. Gleichzeitig ist es uns wichtig, Betroffene zu unterstützen, statt sie wegen ihrer Suchterkrankung auszugrenzen. Beides muss möglich sein.
IslamiQ: Sind muslimische Männer häufiger von Suchterkrankungen betroffen als Frauen?
Müller: Dazu habe ich keine belastbaren Daten, sondern kann nur aus meinen Erfahrungen berichten. Mein Eindruck ist, dass Männer häufiger auffallen. Bei Frauen sind Suchterkrankungen und andere problematische Verhaltensweisen oft weniger sichtbar, weil sie nach außen weiterhin funktionieren und ihren Alltag bewältigen.
Bei Frauen begegnen uns häufiger Themen wie Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten. Dahinter können tiefe seelische Verletzungen und ein belastetes Verhältnis zum eigenen Körper stehen. Manche Betroffene versuchen, inneres Unbehagen durch selbst zugefügten Schmerz kurzfristig zu lindern. Auch traumatische Erfahrungen und gesellschaftliche Erwartungen können dabei eine Rolle spielen.
Ich würde deshalb sagen: Männer und Frauen leiden gleichermaßen, aber auf unterschiedliche Weise. Bei Männern äußert sich das Leid häufiger nach außen, etwa durch Eskalationen oder Gewalt. Frauen richten die Aggression dagegen häufiger gegen sich selbst. Diese Formen des Leidens sind oft stiller und bleiben deshalb leichter unbemerkt.
IslamiQ: Welche Rolle spielen Angehörige, insbesondere Frauen, im Umgang mit einer Suchterkrankung innerhalb der Familie?
Müller: Hier spielt das Konzept der Co-Abhängigkeit eine Rolle. Wenn beispielsweise ein suchtkranker Mensch seine Arbeit verliert oder Schulden macht, versuchen Angehörige häufig, die Folgen aufzufangen. Sie kümmern sich um finanzielle Probleme, übernehmen die Kommunikation mit Behörden und sorgen dafür, dass der Familienalltag weiter funktioniert. Dahinter stehen meist Liebe und der Wunsch, dem betroffenen Menschen zu helfen.
Problematisch kann es werden, wenn dadurch die bestehenden Strukturen unverändert bleiben und der suchtkranke Mensch keinen Anlass sieht, sein Verhalten zu verändern. Das geschieht in der Regel nicht bewusst, sondern entwickelt sich aus den familiären Dynamiken heraus.
Wir beobachten, dass Frauen dabei häufig ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen und sich über Jahre hinweg für andere aufopfern. Langfristig kann das auch ihre eigene Gesundheit beeinträchtigen. Solche Verhaltensmuster hängen unter anderem mit der eigenen Biografie, der Erziehung und den familiären Wertvorstellungen zusammen. Deshalb ist es wichtig, nicht nur die suchtkranke Person, sondern auch das gesamte familiäre Umfeld in den Blick zu nehmen.