Kritik

Was die Islamdebatte ausblendet

Sicherheit und Extremismus bestimmen die öffentliche Debatte über den Islam. Dabei gerät aus dem Blick, was muslimische Gemeinden tagtäglich leisten. Die Islamdebatte darf nicht an der gelebten Realität vorbeigehen. Ein Beitrag von Ali Mete.

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08
2026
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Islam Symbolbild, Muslime
Symbolbild: Islam und Muslime

Es ist immer wieder zu beobachten, wie die Islamdebatte auf Themen wie Sicherheit, Extremismus und „Islamismus“ verengt wird. Diese Verengung wird der vielschichtigen Realität nicht gerecht. Muslimisches Leben in Deutschland ist ein aktiver, gestaltender Teil der Zivilgesellschaft.

Rassistische Äußerungen, problematische Entwicklungen oder extremistische Gruppen unter Muslimen müssen benannt und ihnen muss widersprochen werden. Das ist auch unsere Verantwortung als muslimische Gemeinschaften. Von Seiten politischer und medialer Akteure geschieht dies jedoch zunehmend in einer Art und Weise, die oft pauschalisiert, kriminalisiert und dämonisiert. Zugespitzt gesagt: Wenn Max Mustermann nichts oder kaum etwas über Islam und Muslime wissen würde, müsst er sich unweigerlich fragen: Ist denn nichts Gutes an dieser Religion?

Dieses Gefühl konnte man zuletzt am Beispiel des BR24/KLAR-Beitrags „Scharia-Richter, TikTok-Islamisten, Parallelwelten“ gut nachvollziehen. Zurecht sagt Burhan Kesici in der Pressemitteilung zum Gutachten , das als Grundlage für eine Programmbeschwerde diente: „Wir kritisieren nicht, dass öffentlich-rechtliche Medien über religiös begründeten Extremismus, Gewalt, Antisemitismus oder demokratiefeindliche Ideologien berichten. Das ist notwendig. Wir kritisieren, dass dieser Beitrag sehr unterschiedliche Phänomene zu einer alarmistischen Unterwanderungserzählung verbindet und dabei Islam, muslimische Alltagspraxis und migrantisch geprägte Räume in einen problematischen Verdachtszusammenhang stellt.“

Muslimische Gemeindearbeit gibt Halt und Orientierung

Eines wird in der Debatte außer Acht lassen: Muslimische Gemeinden haben tagtäglich genau mit den eingangs genannten Problemen zu tun. Imame, Erzieher, Vorstände, Jugendleiter, Männer und Frauen. Sie sind es, die mit den Sorgen und Nöten der Gemeinde und darüber hinaus konfrontiert sind – tagtäglich, lebensnah, selbstverständlich. Zu ihnen kommen Kinder und Jugendliche, die an die Hand genommen werden möchten, Eltern, die Beratung benötigen, Familien, in denen Streit geschlichtet werden muss und Menschen, die religiöse Wegweisung in ihrem aktuellen Lebenskontext erwarten.

Die Arbeit der muslimischen Gemeinden muss professionalisiert und zukünftig noch breiter aufgestellt werden. Eine Aufgabe, an der gearbeitet wird. Doch auch heute leisten sie einen immensen Beitrag. Im Gegensatz zu jenen, die sich oft über tatsächliche oder Scheinprobleme beschweren und darüber profilieren, aber kein bisschen mit den täglichen Sorgen muslimischer Menschen oder Gemeinschaften konfrontiert sind, geschweige denn zu ihrer Lösung beitragen.

Wer die meist ehrenamtliche Gemeindearbeit kennt, weiß: Muslimische Gemeindearbeit, insbesondere Jugendarbeit, gibt Orientierung und Halt. Sie fängt ein, wenn jemand abdriftet, schützt und motiviert zum Guten auf allen Ebenen.

Ein Glaubwürdigkeitsproblem

Muslimische Gemeinden stehen für einen „Weg der Mitte“, wie es im Koran heißt. Dies gilt nicht nur in Fragen der Religion, sondern auch für das gesellschaftliche Zusammenleben. Dieser Weg ist kein Wunsch, sondern ein koranischer Auftrag. Und eben dieser Anspruch ist übrigens auch einer der Gründe, weshalb Randgruppen sich gegen den muslimischen ‚Mainstream’ wenden. Nicht um Probleme zu lösen, sondern um zu polarisieren, um ihr eigenes Profil zu schärfen, in Abgrenzung zum Weg der Mitte.

An diesen Maßstäben – dem religiösen Selbstanspruch und dem tatsächlich Geleisteten in der Gesellschaft – müssen auch wir muslimische Gemeinschaften unsere Arbeit messen und messen lassen, im Diesseits und im Jenseits, fair aber kritisch.

Genauso muss sich unsere Gesellschaft an ihren Werten und Überzeugungen messen und messen lassen. Wenn Vielfalt gepriesen, aber Minderheitenrechte missachtet werden, wenn Demokratie hochgehalten, aber engagierten Muslimen Steine in den Weg gelegt werden, wenn Antirassismus gefordert, Muslime aber täglich und vielfach diskriminiert werden, wenn von Menschenrechten gesprochen, aber Geflüchtete an den Außengrenzen Europas wie Kriminelle behandelt werden und Genozid im Nahen Osten unterstützt wird, dann haben wir ein Problem. Ein Glaubwürdigkeitsproblem. Das ist Dynamit für jede Gesellschaft und ihren Zusammenhalt.

Muslime setzen sich für ihre Gesellschaft ein

Vor allem junge Muslime kennen ihre religiöse und gesellschaftliche Verantwortung, sehen aber auch das Glaubwürdigkeitsproblem in ihrer Gesellschaft. Sie sind kritisch, resignieren aber nicht. Das hat zuletzt auch eine Studie zur IGMG-Jugend gezeigt. Das ist im Grunde paradox. Denn trotz Generalverdacht und Verdrängung muslimischen Lebens aus der Öffentlichkeit, trotz Aushöhlung von Freiheits- und Menschenrechten sind junge Muslime nicht nur bereit, sondern setzen sich faktisch für ihre Gesellschaft ein. Weil sie an sie glauben – während Rechtsextreme und jene, die sich von ihnen treiben lassen, diese Stück für Stück abschaffen.