Programmbeschwerde

Islamrat kritisiert BR-Doku: Muslimisches Leben unter Generalverdacht

Der Islamrat hat Programmbeschwerde gegen eine BR/KLAR-Dokumentation über „Islamismus“ eingereicht. Ein begleitendes Gutachten kritisiert, der Beitrag zeichne ein stark verzerrtes Bild muslimischen Lebens in Deutschland – und das mit öffentlichen Geldern.

07
05
2026
Islamismus Doku BR © KLAR BR-Fernsehen - Doku-Cover, bearbeitet by iQ.
Islamismus Doku BR © KLAR BR-Fernsehen - Doku-Cover, bearbeitet by iQ.

Der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland hat Programmbeschwerde gegen einen Beitrag des Bayerischer Rundfunk eingelegt. Konkret geht es um die BR24/KLAR-Dokumentation „Scharia-Richter, TikTok-Islamisten, Parallelwelten: Wo uns Islamismus unterwandert“, die gemeinsam mit dem Norddeutscher Rundfunk produziert wurde und in der ARD-Mediathek sowie auf YouTube abrufbar ist. Der Islamrat wirft dem Beitrag vor, muslimisches Leben pauschal mit Extremismus in Verbindung zu bringen und damit antimuslimische Ressentiments zu verstärken.

Der Vorsitzende des Islamrats, Burhan Kesici, sagte in einer Pressemitteilung, man kritisiere nicht die Berichterstattung über religiös begründeten Extremismus oder demokratiefeindliche Ideologien. „Das ist notwendig“, erklärte Kesici. Problematisch sei jedoch, dass der Beitrag „sehr unterschiedliche Phänomene zu einer alarmistischen Unterwanderungserzählung verbindet“. Dadurch entstehe der Eindruck, muslimische Alltagspraxis und migrantisch geprägte Räume seien grundsätzlich verdächtig.

Kritik an Darstellung muslimischen Alltags

Grundlage der Beschwerde ist ein umfangreiches Gutachten, das den Film aus medienethischer, theologischer und gesellschaftspolitischer Perspektive untersucht. Darin heißt es, der Beitrag verknüpfe Themen wie einen mutmaßlich extremistisch motivierten Anschlag, Konflikte an Schulen, Halal-Zertifikate, patriarchale Gewalt, Straßenumfragen in Berlin-Neukölln und Social-Media-Prediger zu einer großen Erzählung gesellschaftlicher „Unterwanderung“. Die verbale Trennung zwischen Islam und „Islamismus“ werde durch Bildsprache, Dramaturgie und Themenauswahl nicht eingelöst.

Besonders kritisch bewertet das Gutachten den Umgang mit religiösen Begriffen und muslimischer Alltagspraxis. Ramadan, Kopftuch, Halal oder die arabische Sprache erschienen fast ausschließlich im Zusammenhang mit Gewalt, Frauenunterdrückung oder Demokratiefeindlichkeit. Die Autoren sprechen von einer „suggestiven Kette“, in der muslimische Sichtbarkeit zum Warnsignal werde. Auch der Begriff „Scharia“ werde verkürzt dargestellt. Dass es sich dabei in vielen islamischen Traditionen um einen vielschichtigen religiösen und ethischen Begriff handle, komme kaum vor.

Der Islamrat kritisiert zudem die journalistische Machart des Beitrags. Die Dokumentation arbeite mit emotionalen Schockbildern und inszeniere Neukölln als „Verdachtsraum“. Besonders die Straßenumfrage sei problematisch, weil unklar bleibe, wie viele Menschen befragt worden seien und nach welchen Kriterien Antworten ausgewählt oder übersetzt wurden.

Beitrag fördert antimuslimische Kommentare

Als Beleg für die gesellschaftliche Wirkung verweist der Islamrat auf die Kommentarspalten unter den YouTube-Videos. Dort fänden sich zahlreiche pauschale Aussagen über Musliminnen und Muslime sowie Forderungen nach Abschiebungen oder Einschränkungen muslimischer Religionsfreiheit. Teilweise werde auch die Wahl der Alternative für Deutschland ausdrücklich gerechtfertigt. Typisch seien etwa Kommentare, die von einer „Islamisierung“ sprechen und den Islam pauschal als „gefährliche Ideologie“ bezeichnen. Andere Nutzerinnen und Nutzer beschrieben den Beitrag zugleich als „mutig“ und „überfällig“ und werteten ihn als endlich ausgesprochene „Wahrheit“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wiederkehrend sei dabei die Vorstellung, Medien und Politik hätten das Thema bislang bewusst ausgeblendet. In dieser Lesart werde der Beitrag weniger als Einordnung verstanden, sondern als Bestätigung eines bereits vorhandenen Deutungsrahmens.

Muslime sind Partner, nicht Problem

Kesici erklärte, wer Extremismus bekämpfen wolle, brauche Musliminnen und Muslime „als Partnerinnen und Partner – nicht als Problemkulisse“. Der Islamrat fordert deshalb eine redaktionelle Überprüfung des Beitrags, mehr Transparenz bei der Methodik der Straßenumfrage sowie eine ergänzende Einordnung zu Begriffen wie Scharia und Halal. Darüber hinaus regt die islamische Religionsgemeinschaft eine Folgesendung an, in der muslimische Theologen, Islamwissenschaftler und Betroffene antimuslimischer Diskriminierung stärker zu Wort kommen.

Leserkommentare

Timotheus sagt:
Es braucht wirklich keine Folgesendung zur Verharmlosung und Marginalisierung islamextremistischer Vorfälle und Aktivitäten. Die ständig und vehement eingeforderte muslimische Religionsfreiheit mit Präsenz im öffentlichen Raum darf nicht als Einfallstor für eine islamische Umgestaltung der deutschen Geselllschaft mit LGBTIQ-Verbot und schleichender Scharia-Einführung propagiert werden.
08.05.26
16:56
grege sagt:
Der im Artikel wiedergegebene Vorwurf, die BR‑Dokumentation arbeite mit „Suggestion“ und stelle muslimisches Leben verzerrt dar, überzeugt in seiner aktuellen Form nur eingeschränkt. Auffällig ist insbesondere, dass keinerlei konkrete Beispiele oder Zitate aus der Sendung benannt werden, an denen sich diese Kritik überprüfbar festmachen ließe. Stattdessen bleibt es bei pauschalen Wirkungsbehauptungen. Eine solche Argumentation ist wenig belastbar, da sie sich jeder klaren Prüfung entzieht. Hinzu kommt, dass der Suggestionseinwand prinzipiell auf nahezu jede Form journalistischer Verdichtung angewendet werden kann. Wo komplexe Sachverhalte visualisiert und in einen Kontext gestellt werden, entstehen zwangsläufig Assoziationen. Würde man dies bereits als unzulässige Suggestion werten, wäre eine differenzierende Berichterstattung über sensible Themen kaum noch möglich. Vergleichbare Einwände ließen sich ebenso gegen Reportagen über Rechtsextremismus oder andere gesellschaftliche Problemlagen erheben. Besonders schwach wirkt zudem der Verweis auf Hasskommentare als Beleg für eine angeblich verzerrende Darstellung. Polarisierende Themen mobilisieren erfahrungsgemäß bestimmte Gruppen – unabhängig davon, wie differenziert ein Beitrag tatsächlich ist. Rechte reagieren auf Berichte über Islamismus, religiöse Extremisten reagieren auf Berichte über Religionskritik oder Islamfeindlichkeit. Aus solchen Reaktionen lässt sich jedoch keine valide Aussage über die journalistische Qualität oder Ausgewogenheit der Berichterstattung ableiten. Andernfalls würde dies letztlich darauf hinauslaufen, dass kontroverse Themen aus Rücksicht auf erwartbare Reaktionen nicht mehr behandelt werden sollten – ein fragwürdiges Signal für die Medienfreiheit. Der Eindruck drängt sich darüber hinaus auf, dass es sich bei dem Beitrag weniger um eine präzise Medienkritik als vielmehr um den Versuch handelt, kritische Berichte über den Islam beziehungsweise über islamistische Strömungen grundsätzlich zu delegitimieren. Eine solche pauschale Infragestellung wird der notwendigen Differenzierung nicht gerecht und erschwert eine sachliche Auseinandersetzung. Schließlich bleibt festzuhalten, dass der vorliegende Artikel selbst eine klar perspektivische Darstellung bietet, ohne Gegenpositionen einzubeziehen oder die beanstandete Dokumentation konkret zu analysieren. Wer pauschalisierende Darstellungen kritisiert, sollte sich an diesem Maßstab auch selbst messen lassen. Eine sachgerechte Kritik an Medienbeiträgen sollte auf überprüfbaren Beispielen beruhen und klar zwischen berechtigter inhaltlicher Einordnung und bloßer Wahrnehmung unterscheiden. Dies würde der Debatte mehr dienen als pauschale Suggestivitätsvorwürfe.
12.05.26
16:23