Köln

„Regionale Probleme, globale Lösungen“

Vertreter islamischer Gemeinschaften aus Osteuropa, dem Kaukasus und Zentralasien sind in Köln zu einer internationalen Konferenz zusammengekommen. Im Fokus standen Bildung und Minderheitenrechte. Die Konferenz soll zudem den Austausch zwischen den Gemeinschaften fördern.

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Am 13. Juni 2026 fand in Köln die Konferenz der Muslime aus Osteuropa, dem Kaukasus und Zentralasien statt. Veranstaltet wurde das Treffen von der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) und der humanitäre Hilfsorganisation Hasene International.

Im Rahmen der Konferenz trafen sich Vertreter muslimischer Gemeinschaften und Muftis aus 17 Ländern, um über die Herausforderungen in ihren jeweiligen Regionen zu beraten. Darunter Vertreter aus Deutschland, Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien, Ungarn, der Ukraine, Georgien, Kirgisistan, der Mongolei, Griechenland, Polen, Litauen, Estland, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien und Nordmazedonien.

Im Mittelpunkt standen Erfahrungsaustausch, gemeinsame Lösungsansätze sowie die Entwicklung nachhaltiger Kooperationsstrukturen.
Im Zentrum stand die Vielfalt der vertretenen Regionen und historischen Erfahrungen. Während in Westeuropa Fragen institutioneller Gleichstellung und gesellschaftlicher Teilhabe im Vordergrund stehen, beschäftigen muslimische Gemeinschaften auf dem Balkan insbesondere Minderheitenrechte und historische Kontinuitäten. Im Kaukasus und Zentralasien wiederum prägen religiöse Bildung und Jugendarbeit die Debatten, während kleinere Gemeinschaften im Baltikum verstärkt um gesellschaftliche Sichtbarkeit ringen. Hinzu kommen die Auswirkungen aktueller Konflikte wie des Krieges in der Ukraine.

Regionale Probleme – globale Lösungen

In seiner Eröffnungsrede betonte der Leiter des Organisationskomitees, Abdi Taşdöğen, dass die Herausforderungen muslimischer Gemeinschaften nicht isoliert betrachtet werden könnten. „Die aktuellen Probleme unserer Geschwister in Osteuropa, im Kaukasus und in Zentralasien sind nicht allein Angelegenheiten dieser Regionen, sondern gemeinsame Herausforderungen für uns alle“, erklärte Taşdöğen.

Das Ziel der Konferenz sei ein offener Austausch, die Entwicklung gemeinsamer Lösungsansätze sowie die Schaffung nachhaltiger Kooperationsmöglichkeiten. Seine zentrale Botschaft lautete: „Probleme mögen regional sein, Lösungen sind jedoch nur mit einer globalen Vision und durch Solidarität möglich.“ Als eines der wichtigsten Ziele der Initiative nannte Taşdöğen zudem den Aufbau eines dauerhaften Kommunikationsnetzwerks zwischen muslimischen Institutionen.

Der Vorsitzende von Hasene International, Bekir Altaş, hob in seinem Beitrag die Bedeutung humanitärer Hilfe hervor. Unterstützung dürfe nicht allein als kurzfristige Krisenhilfe verstanden werden. Hilfe bedeute, Menschenwürde zu schützen, an der Seite Bedürftiger zu stehen und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Zugleich verwies Altaş auf die unterschiedlichen Erfahrungen der einzelnen Gemeinschaften: Während einige Regionen über ausgeprägte Kompetenzen im Bildungsbereich verfügten, stünden andernorts Jugendarbeit, Katastrophenhilfe oder institutionelle Entwicklung im Vordergrund.

Deutschland, Österreich und Slowenien: Gleichberechtigung und Verantwortung

Im ersten Panel standen die Erfahrungen muslimischer Gemeinschaften in Deutschland, Österreich und Slowenien im Mittelpunkt. Der Vorsitzende des IGMG-Irschadableitung Celil Yalınkılıç erklärte, die Situation der Muslime in Deutschland könne nicht mehr allein unter dem Gesichtspunkt der Migration betrachtet werden. Vielmehr gehe es um die Frage, wie Muslime als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger in einem modernen Rechtsstaat verortet würden.

Yalınkılıç betonte, dass die deutsche Verfassungsordnung weitreichende Möglichkeiten im Bereich der Religionsfreiheit biete. Dennoch profitierten muslimische Gemeinschaften im Verhältnis von Staat und Religion noch nicht vollständig von institutioneller Gleichstellung. Muslime verlangten keine Privilegien, sondern gleiche Rechte auf Grundlage der Verfassung. Zugleich machte er deutlich, dass Muslime nicht als vorübergehende Gäste verstanden werden dürften, sondern als Mitgestalter der gemeinsamen Zukunft Deutschlands.

Der österreichische Mufti Mustafa Mullaoğlu sprach über die rechtliche Anerkennung des Islams in Österreich sowie die Rolle der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Trotz historischer Fortschritte seien Muslime in den vergangenen Jahren verstärkt mit Debatten, etwa um das Kopftuch sowie sicherheitspolitischen Ansätzen, konfrontiert worden.

Der Mufti Sloweniens, Nevzet Porić, verwies darauf, dass mittlerweile bereits die vierte Generation von Muslimen im Land lebe. Viele junge Muslime stünden vor der Herausforderung, ihre religiöse Identität zu bewahren und zugleich Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen. Das Muslimische Kulturzentrum in Ljubljana bezeichnete Porić als „Brücke zwischen Muslimen und der übrigen Gesellschaft“.

Von Kroatien bis zur Ukraine: Anerkennung und Kriegserfahrungen

Im Osteuropa-Panel berichteten Vertreter aus Kroatien, Serbien, Ungarn und der Ukraine über die Situation muslimischer Gemeinschaften in ihren Ländern. Der kroatische Mufti Dr. Aziz Hasanović stellte das Modell der Beziehungen zwischen Staat und muslimischer Gemeinschaft vor. Die rechtliche Absicherung religiöser Rechte, Religionsunterricht, Halal-Strukturen und öffentliche Repräsentation würden vielfach als beispielhaft angesehen.

Der Großmufti von Serbien, Senad Halitović, sprach insbesondere über die Lage der Muslime im Sandschak. Herausforderungen bestünden unter anderem in institutionellen Spaltungen, der Rückgabe von Stiftungsvermögen, religiöser Bildung sowie sozioökonomischen Problemen. Muslime im Sandschak müssten nicht nur als religiöse Minderheit, sondern auch als historischer und gesellschaftlicher Bestandteil der Region wahrgenommen werden.

Für Ungarn stellte Ahmed Miklos Kovacs die Situation der dortigen muslimischen Gemeinschaft vor. Trotz ihrer vergleichsweise kleinen Größe verfüge sie über historische Wurzeln. Institutionelle Einrichtungen wie Moscheen, Kulturzentren und Friedhöfe seien weiterhin von zentraler Bedeutung.

Besonderes Augenmerk galt dem Beitrag des ukrainischen Muftis Aider Rustamov. Dieser schilderte die historischen Brüche der muslimischen Gemeinschaft – von der Deportation der Krimtataren im Jahr 1944 über die Annexion der Krim 2014 bis hin zum russischen Angriffskrieg seit 2022.

Rustamov erklärte: „Die muslimische Landschaft hat sich verändert, ihre Einheit ist jedoch stärker geworden.“ Zugleich betonte er, dass sich Muslime aktiv an der Verteidigung des Landes beteiligt hätten. Imame an der Front übernähmen Aufgaben wie Gebetsleitung, die Versorgung mit Halal-Lebensmitteln oder die Begleitung von Bestattungen. Islamische Zentren im Hinterland seien zu humanitären Anlaufstellen geworden und hätten Hunderttausende Menschen unterstützt – unabhängig von deren religiöser Zugehörigkeit.

Von Westthrakien bis zum Baltikum: Minderheitenrechte und Sichtbarkeit

Im zweiten Osteuropa-Panel standen die Erfahrungen muslimischer Gemeinschaften in Griechenland, Polen, Litauen und Estland im Fokus. Der Mufti von Xanthi, Mustafa Trampa, schilderte die Situation der türkisch-muslimischen Minderheit in Westthrakien. Er verwies auf Herausforderungen in den Bereichen Identität, Bildung, Religionsfreiheit und politische Repräsentation. Besonders kritisch bewertete Trampa die Einschränkungen bei der Verwendung der Bezeichnung „türkisch“ in Vereinsnamen. Mehrere Fälle seien vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gebracht worden. Trotz entsprechender Urteile würden diese nach seinen Angaben bislang nicht vollständig umgesetzt.

Auch der Mufti von Komotini, İbrahim Şerif, sprach über die Stellung der muslimischen Minderheit in Westthrakien. Er verwies auf die Tradition gewählter Muftiate und hob die Bedeutung religiöser Bildungsangebote hervor. Allein in Komotini seien rund 100 Korankurse aktiv.

Der polnische Mufti Tomasz Miśkiewicz erinnerte an die historische Tatarentradition der Muslime in Polen. Herausforderungen bestünden unter anderem in stereotypen Vorstellungen über den Islam, Islamfeindlichkeit sowie der Weitergabe religiöser und kultureller Identität an jüngere Generationen. Der litauische Mufti Aleksandras Beganskasverwies auf die rund 700-jährige Geschichte der tatarischen Muslime in Litauen. Trotz weitreichender Religionsfreiheit seien Fragen des Moscheebaus, der Rückgabe historischen Eigentums und des Schutzes islamischen Kulturerbes weiterhin ungelöst.

Mohammad Imran aus Estland stellte die kleine, aber historisch gewachsene muslimische Gemeinschaft des Landes vor. Das Islamische Zentrum in Tallinn erfülle wichtige Aufgaben in den Bereichen Bildung, Seelsorge, Eheschließungen, Gefängnisarbeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt.

Zwischen religiöser Bildung und digitalem Wandel

Ein weiterer Schwerpunkt der Konferenz lag auf den Entwicklungen im Kaukasus und in Zentralasien. Der Obermufti Ostgeorgiens, Etibar Eminov, erklärte, dass Muslime in Georgien zwar staatlich anerkannt seien, es jedoch weiterhin an religiösen Bildungseinrichtungen fehle. Zugleich warnte er vor radikalen und ideologischen Religionsverständnissen, die insbesondere auf junge Menschen Einfluss ausüben könnten.

Der Obermufti Westgeorgiens, Adam Shantadze, verwies auf Fortschritte bei den Beziehungen zwischen Staat und muslimischer Gemeinschaft. Gleichzeitig bestehe weiterhin Bedarf an qualifizierten Religionsbeauftragten, modernen Lehrmaterialien sowie Moschee- und Restaurierungsprojekten.

Der kirgisische Mufti Abdulaziz Zakirov berichtete von rund 4.000 Moscheen und 200 Medresen im Land. Besonders soziale Medien spielten bei der Verbreitung religiöser Inhalte eine zunehmend wichtige Rolle. Falschinformationen im digitalen Raum stellten dabei eine besondere Herausforderung dar.

Aus der Mongolei berichtete Azatkhan Mukhan über die Situation der überwiegend kasachisch geprägten muslimischen Gemeinschaft. Zu den zentralen Herausforderungen zählten der Mangel an Imamen, fehlende Lehrmaterialien in der Landessprache sowie institutionelle Unterstützung. Mukhanverwies zudem auf die langjährige Zusammenarbeit mit der IGMG. Im Rahmen verschiedener Hilfsprojekte seien in der Vergangenheit viel Unterstützung für Waisen nach Mongolei gelangt. Ein im Bau befindliches Moschee- und Bildungszentrum solle künftig zur Bewahrung religiöser und kultureller Identität beitragen.

„Unser Ziel ist es nicht, einmal zusammenzukommen und danach auseinanderzugehen“

Im Abschlusspanel sprachen der ehemalige Reis-ul-Ulema von Bosnien-Herzegowina, Dr. Mustafa Cerić, sowie der IGMG-Vorsitzende Kemal Ergün. Cerić berichtete über die Erfahrungen Bosniens mit Krieg, Völkermord und institutionellem Wiederaufbau. Trotz schwerer historischer Belastungen habe Bosnien-Herzegowina seine religiösen und gesellschaftlichen Strukturen bewahren können. Seine Botschaft lautete: „Bosnien-Herzegowina ist verwundet, aber steht aufrecht.“

Kemal Ergün, Vorsitzender der IGMG, betonte, dass die Konferenz nicht bei einem einmaligen Austausch stehen bleiben dürfe. Die Herausforderungen muslimischer Gemeinschaften seien vielfach miteinander verbunden – unabhängig von nationalen Grenzen und unterschiedlichen Sprachen.

Zu diesen Herausforderungen zählten unter anderem die Ausbildung von Imamen, Debatten um das Kopftuch und Halal-Regelungen, Kriege und humanitäre Krisen sowie die Situation von Vertriebenen und Geflüchteten. Ergün fasste das Ziel der Initiative mit den Worten zusammen: „Unser Ziel ist es nicht, einmal zusammenzukommen und danach auseinanderzugehen.“

Stattdessen solle die Konferenz den Grundstein für dauerhafte Kooperationen in den Bereichen Jugend, Bildung, Religionsdienste und humanitäre Hilfe legen. Das Treffen machte deutlich, dass muslimische Gemeinschaften mit unterschiedlichen historischen Erfahrungen zunehmend gemeinsame Antworten auf globale Herausforderungen suchen und dauerhafte Netzwerke aufbauen wollen.