Menschenrechte

Europarat rügt Deutschland wegen wachsender Muslimfeindlichkeit

Der Menschenrechtskommissar des Europarats übt scharfe Kritik an Deutschland: Michael O’Flaherty sieht Defizite im Umgang mit antimuslimischem Hass und warnt vor problematischen Antisemitismus-Debatten.

15
04
2026
Islamfeindliche Schmierereien in Hamburg
Islamfeindliche Schmierereien in Hamburg © Privat, bearbeitet by iQ

Der Menschenrechtskommissar des Europarats, Michael O’Flaherty, wirft Deutschland erhebliche Defizite im Umgang mit antimuslimischem Hass vor. In seinem am Mittwoch vorgelegten Memorandum zur Menschenrechtslage kritisiert der Ire eine „Zunahme antimuslimischer Feindseligkeit“ und sieht staatliche Stellen auf die Entwicklung nur unzureichend vorbereitet.

Nach Einschätzung des Kommissars werde Muslimfeindlichkeit in Deutschland bislang „unzureichend definiert, uneinheitlich erfasst und nicht ausreichend durch staatliche Behörden adressiert“. Die bestehenden Statistiken zu Hasskriminalität bildeten weder das tatsächliche Ausmaß noch den „rassifizierten Charakter“ antimuslimischer Übergriffe vollständig ab.

Besorgt zeigt sich O’Flaherty zudem über politische und mediale Narrative, die Muslime im Zusammenhang mit Antisemitismus unter Generalverdacht stellten. In Deutschland habe sich der Begriff des „importierten Antisemitismus“ als prägender Diskurs etabliert, der antisemitische Einstellungen vor allem Migranten sowie Muslimen und Menschen arabischer Herkunft zuschreibe. Dies verstärke nach Ansicht des Kommissars „antimuslimische und migrationsfeindliche Narrative“ und lenke zugleich von der Tatsache ab, dass antisemitische Straftaten in Deutschland mehrheitlich dem Rechtsextremismus zugerechnet würden.

Der Kommissar verweist ferner auf den Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit aus dem Jahr 2023. Mehrere Gesprächspartner hätten ihm berichtet, dass dessen Empfehlungen bislang nur begrenzt umgesetzt worden seien. Dies könne als Hinweis darauf gewertet werden, dass staatlicherseits weiterhin Zurückhaltung bestehe, antimuslimischen Hass als „eigenständiges strukturelles Problem“ anzuerkennen.

Deutschland auch zu streng mit dem Antisemitismus-Begriff

Zugleich mahnt O’Flaherty zu Wachsamkeit im Kampf gegen Antisemitismus. Er zeigt sich besorgt über die Zunahme antisemitischer Gewalt, Drohungen und Einschüchterungen gegenüber Juden in Deutschland und begrüßt die Bemühungen der Bundesregierung zum Schutz jüdischen Lebens. Zugleich warnt der Kommissar jedoch vor einer zu weiten Auslegung des Antisemitismusbegriffs. Die von deutschen Behörden genutzte Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) dürfe nicht dazu missbraucht werden, „legitime Kritik“ an der Politik Israels oder Debatten über palästinensische Rechte zu unterdrücken.

O’Flaherty mahnt die Bundesregierung zu einem Kurswechsel: Der Schutz religiöser Minderheiten müsse unterschiedslos gelten – auch für Muslime.

Leserkommentare

grege sagt:
Der Bericht des Menschenrechtskommissars des Europarats zur Muslimfeindlichkeit in Deutschland greift wichtige reale Probleme auf. Gleichzeitig bleiben zentrale Differenzierungen unterbelichtet, die für eine sachliche Debatte unverzichtbar sind. Zum einen ist der Verweis auf den Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit (UEM) kritisch zu sehen. Dort wird Islamfeindlichkeit stellenweise nicht trennscharf von legitimer Islam‑ und Religionskritik abgegrenzt. In einem freiheitlich‑säkularen Rechtsstaat muss es möglich sein, religiöse Lehren, konservative Verbandspositionen oder politische Ausprägungen des Islam kritisch zu diskutieren, ohne unter einen Generalverdacht der Diskriminierung gestellt zu werden. Wo diese Unterscheidung verwischt wird, verliert der Begriff der Muslimfeindlichkeit an analytischer Präzision – und damit auch an Wirksamkeit zum Schutz tatsächlich Betroffener. Zum anderen darf bei der notwendigen Bekämpfung von Muslimfeindlichkeit nicht ausgeblendet werden, dass jüdisches Leben in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023 real und in wachsendem Ausmaß bedroht ist. Viele Jüdinnen und Juden berichten davon, ihre religiöse oder kulturelle Identität aus Angst verbergen zu müssen. Diese Bedrohungen gehen nicht ausschließlich, aber eben auch aus bestimmten islamistisch oder israelfeindlich geprägten Milieus aus. Das benennen zu können, ist keine Stigmatisierung von Muslimen insgesamt, sondern eine Voraussetzung für wirksamen Schutz jüdischen Lebens. Beides zugleich anzuerkennen ist kein Widerspruch: Muslimfeindlichkeit existiert und muss klar benannt und bekämpft werden. Ebenso existiert ein gestiegener Antisemitismus, der auch in Teilen migrantischer und religiös geprägter Umfelder auftritt und ebenso klar benannt werden muss. Wer aus Sorge vor Diskriminierung relevante Täterkontexte ausspart oder Kritik an Religion pauschal problematisiert, unterminiert das Vertrauen in Antidiskriminierungspolitik insgesamt. Eine glaubwürdige Menschenrechtspolitik braucht deshalb mehr Differenzierung, nicht weniger – und den Mut, mehrere unbequeme Wahrheiten gleichzeitig auszusprechen.
20.04.26
16:16
Johannes Disch sagt:
Niemand stellt Muslime unter Generalverdacht. Es ist einfach eine Tatsache, die sich statistisch verifizieren lässt, dass seit dem 07. Oktober 2023-- seit dem barbarischen Massaker der Hamas an Juden-- in Deutschland die Zahl der Übergriffe auf Menschen jüdischen Glaubens steigt. Und diese Angriffe erfolgen in aller Regel durch fanatisierte Muslime.
26.04.26
17:46