Gastbeitrag

9/11 in der Schule – der Appell einer muslimischen Mutter

Als ihre Tochter im Unterricht die Anschläge vom 11. September kennenlernt, gerät ihr bisher selbstverständliches Bild vom Islam ins Wanken. Dr. Zeyneb Sayılgan erklärt, warum Schulen muslimisches Leben differenzierter vermitteln sollten.

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Islamfeindlichkeit, Muslime
Symbolbild: Muslime in den USA © shutterstock, bearbeitet by iQ.

Am 11. September vergangenen Jahres kam meine damals in der fünften Klasse befindliche Tochter sichtlich aufgewühlt aus der Schule nach Hause. Ich machte mir Sorgen. „Was ist passiert?“, fragte ich sie. Sie bat mich, mich zu ihr zu setzen und gemeinsam mit ihr ein Video anzusehen.

Ihr Sozialkundelehrer hatte der Klasse einen kurzen Ausschnitt über die schrecklichen Anschläge auf das World Trade Center gezeigt, die zu diesem Zeitpunkt bereits fünfundzwanzig Jahre zurücklagen. Meine Tochter war zutiefst erschüttert darüber, dass Menschen, die sich selbst als Muslime bezeichnet hatten, diese Tragödie verübt hatten.

Der schmerzerfüllte Ausdruck auf ihrem Gesicht verfolgt mich bis heute. Während ich diese Zeilen schreibe, laufen mir die Tränen über das Gesicht. In diesem Augenblick brach ihre Welt zusammen.

Islam bedeutete für sie Liebe und Güte

Seit sie denken konnte, hatte Islam für sie Liebe, Schönheit und Güte bedeutet. Islam bedeutete, sich um unsere Nachbarn zu kümmern und sie zum gemeinsamen Essen in unseren Garten einzuladen. Islam bedeutete auch, sich mit den Tanten und Onkeln unserer Gemeinde für wohltätige Zwecke einzusetzen, etwa indem sie während des Ramadan gemeinsam Lebensmittelspenden sammelten – und dabei viel Freude mit ihren Freunden hatte.

Islam ermutigte sie, in der Schule fleißig zu lernen und zu einer verantwortungsvollen Bürgerin heranzuwachsen, die dazu beiträgt, diese Welt für alle Menschen ein wenig besser zu machen.

Vor allem aber war Islam für sie auch inmitten tiefster Trauer und großen Schmerzes eine Quelle von Sinn und Trost. Nachdem ihre kleine Schwester Meryem bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen und sie dadurch zum Einzelkind geworden war, hatte der Islam ihr Kraft und Hoffnung gegeben. Doch wie konnte irgendjemand im Namen des Islam solche Gräueltaten begehen?

Für sie – und für die fast zwei Milliarden Muslime weltweit – waren die Lehren des Koran (Sure 28:77) und das geistliche Vermächtnis des Propheten Muhammad lebensbejahend. Meine Tochter war von einer wunderbaren, vielfältigen muslimischen Gemeinschaft umgeben, die ihr diese Werte vorlebte.

Mehr noch: Schon früh in der vierten Klasse beschloss sie, ihre muslimische Identität selbstbewusst zum Ausdruck zu bringen und das Kopftuch zu tragen.

Als Eltern waren wir aufgrund ihres jungen Alters entschieden dagegen. An ihrer öffentlichen Schule war sie mit ihrem Kopftuch das einzige sichtbar muslimische Mädchen. Ich bewunderte ihren Mut und ihr Selbstvertrauen, doch als Mutter und Pädagogin war ich zugleich zutiefst besorgt. Ich wollte sie vor dem grausamen Phänomen der Islamfeindlichkeit bewahren.

„Ich fühle mich betrogen“

An jenem 11. September wurde mir klar, dass ich sowohl als Mutter als auch als Pädagogin auf schmerzliche Weise versagt hatte. Ich fühlte mich schuldig und voller Reue, weil ich sie nicht besser auf diese Realität vorbereitet hatte.
Nach einer langen, schmerzhaften Stille fragte ich meine Tochter, wie sie sich fühlte, nachdem sie von den Anschlägen des 11. September erfahren hatte.

Dann antwortete sie – auf eine beinahe unheimlich erwachsene Weise und mit Worten, die sie zuvor in ihrem Leben noch nie gebraucht hatte: „Ich fühle mich betrogen.“

Ich war wie erstarrt. Mir fehlten die Worte. Ich schwieg einfach. Dann stand sie auf und verließ den Raum.
Aus irgendeinem Grund hatte ich mir eingeredet, dass die Tragödie des 11. September – selbst fünfundzwanzig Jahre später – nicht dieselben negativen psychologischen Auswirkungen auf meine Tochter haben würde, wie sie meine Generation erlebt hatte. Ich hatte mich geirrt. Ich war naiv gewesen.

Als muslimische Schülerin, die im Klassenzimmer immer wieder Islamfeindlichkeit erfahren hatte, wusste ich, wie es sich anfühlt, aufgrund der eigenen Religionszugehörigkeit Schuld zu empfinden. Ich kannte Scham und Wut. Ich kannte auch das Gefühl des Verrats.

Jeden Tag hatte ich hart daran gearbeitet, der Außenwelt zu beweisen, dass ich eine „gute Muslima“ war. Im Handumdrehen hatten Terroristen all diese Bemühungen zunichtegemacht und mir ein Bild aufgezwungen, das sich zutiefst ungerecht anfühlte und nicht widerspiegelte, wer ich wirklich war. Genau so hatte sich meine Tochter im Klassenzimmer gefühlt.

Nicht für die Taten anderer verantwortlich

Es dauerte Jahre, bis ich verstanden hatte, dass ich nicht für die ungeheuerlichen Taten anderer Erwachsener verantwortlich gemacht werden kann. Der muslimische Gelehrte Bediüzzaman Said Nursi erinnert im Anschluss an den koranischen Ruf nach Gerechtigkeit an die Worte: „Keine Seele trägt die Last einer anderen Seele“ (Koran 35:18).

Als Mutter und Pädagogin hatte ich meiner Tochter die schönsten Seiten des Islam nahegebracht. Doch die Wahrheit ist: Gemeinschaften können zugleich schön und fehlerhaft sein. Sie spiegeln die ganze Fülle und Widersprüchlichkeit menschlicher Existenz und Natur wider: die Stärken und Schwächen, die Erfolge und Misserfolge, die Einfachheit und Komplexität, das Gute und das Böse. Selbst in jedem individuellen menschlichen Leben ist diese Dynamik mehr oder weniger sichtbar.

Aus unterschiedlichen Gründen werden Muslime jedoch immer wieder als besonders verwerflich und gefährlich dargestellt.
An jenem Tag entschied sich ihr Lehrer bewusst dafür, die vielfältigen und schönen Erfahrungen von Muslimen auszublenden. Stattdessen stellte er ein erschütterndes Beispiel für die dunkelsten menschlichen Impulse in den Mittelpunkt: Hass, Feindseligkeit und Zerstörung.

In den Köpfen dieser jungen Schüler*innen erschien der Islam nun als eine gefährliche Ideologie, vor der man sich fürchten müsse. Muslimen war nicht zu trauen. Der Kreislauf der Islamfeindlichkeit setzte sich fort.

Muslime bleiben im Unterricht unsichtbar

Fünf Jahre lang kamen Islam und Muslime im Lehrplan meiner Tochter nicht vor. Zwei Milliarden Muslime auf der Welt werden in den Bildungsplänen schlicht nicht berücksichtigt. Auch in Schulbüchern bleiben Muslime weitgehend unsichtbar.

Fünf Jahre lang hatten die Mitschüler*innen meiner Tochter kein einziges Wort über die Geschichte der Muslime, über ihre bedeutenden Beiträge zu Wissenschaft und menschlicher Zivilisation, über ihr Zusammenleben mit unterschiedlichen Gemeinschaften auf der ganzen Welt oder über persönliche Erfahrungen von Muslimen gehört.

Die Einbeziehung dieser und vieler weiterer hilfreicher Materialien in den Unterricht hätte den Schüler*innen ermöglicht, die Vielfalt, Komplexität und Vielschichtigkeit muslimischen Lebens kennenzulernen.

Wie Jason Creeger, Programmleiter für Lehrkräfte und Schulen am Institute for Islamic, Christian and Jewish Studies in Baltimore, feststellt: „Was bedeutet es, wenn Schülerinnen dem Islam im Lehrplan begegnen – aber ausschließlich durch die Perspektive des Konflikts oder Krieges? Was entgeht ihnen, wenn sie nichts über muslimische Werte oder die reiche Geschichte des interreligiösen Dialogs zwischen Juden, Christen und Muslimen erfahren? Die Erkenntnis, dass es in unseren Lehrplänen wahrscheinlich blinde Flecken oder zumindest verpasste Chancen gibt, ist etwas, worüber alle Pädagoginnen stärker nachdenken müssen.“

Das Klassenzimmer als Ort der Begegnung

Die von dem Psychologen Gordon Allport formulierte Kontakthypothese besagt, dass persönliche Begegnungen zwischen Angehörigen unterschiedlicher sozialer Gruppen Vorurteile wirksam abbauen können – allerdings nur dann, wenn bestimmte unterstützende Bedingungen gegeben sind. Das Klassenzimmer kann ein solcher Ort der Begegnung und Zugehörigkeit sein.

Als Mutter und Akademikerin im Bereich interreligiöser Bildung sehe ich Lehrkräfte als meine Verbündeten und Partner bei der Aufgabe, die nächste Generation von Führungspersönlichkeiten heranzubilden.

Unsere Schülerinnen sollten die Möglichkeit erhalten, die Komplexität und Schönheit verschiedener Religionen kennenzulernen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen – ebenso wie ihre reichen Kulturen und vielfältigen Gemeinschaften. Dies könnte uns helfen, eine Generation von Weltbürgerinnen heranzubilden, die Unterschiede nicht nur akzeptiert, sondern ihnen offen und wertschätzend begegnet.

Und es könnte dazu beitragen, eine vielfältige, engagierte und lebendige Gesellschaft zu fördern.