MEDIENKRITIK

Deutsche Medien und der Genozid in Gaza

Fachleute, UN-Vertreter und Gerichte sind sich einig: Israel begeht in Gaza einen Völkermord. Deutsche Medien blenden das weitgehend aus und folgen der israelischen Kriegsdarstellung. Wer den Begriff verwendet, wird häufig selbst zum Skandal. Von Fabian Goldmann.

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2026
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Deutsche Medien und der Genozid in Gaza
Deutsche Medien und der Genozid in Gaza © F. Goldmann und Manifest, bearbeitet by iQ.

Israel begeht einen Völkermord in Gaza. Zu diesem Ergebnis kamen in den letzten Jahren die wichtigsten Menschenrechtsorganisationen dieser Welt, die führenden Völkermordforscher, Experten im Auftrag der Vereinten Nationen sowie zahllose weitere Fachleute und Institutionen.

Doch ganz gleich, wie laut die Warnungen von Forschenden vor einem Genozid auch waren, wie viele Untersuchungsberichte NGOs über den Völkermord in Gaza vorlegten, wie akribisch die Beweisführung von Juristen auch ausfiel: Die Nibelungentreue deutscher Medienschaffender zu den Verlautbarungen der israelischen Armee konnten sie nicht erschüttern.

Auch nach Dutzenden Appellen, offenen Briefen, juristischen Gutachten und Untersuchungsberichten sucht man nach einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der gut belegten Realität der israelischen Gewalt in Gaza in deutschen Medien bis auf wenige Ausnahmen vergeblich, von einer Anpassung der eigenen Berichterstattung an diese Realitäten ganz zu schweigen.

Experten warnten vor einem Genozid

An glaubhaften Hinweisen auf den wahren Charakter israelischer Kriegsführung gemangelt hat es nie gemangelt. Schon am 11. Oktober 2023, also vier Tage nach Beginn der israelischen Angriffe, warnten die drei großen palästinensischen Menschenrechtsorganisationen die Welt vor einem Völkermord in Gaza. Am 13. Oktober 2023 meldete sich mit Raz Segal der erste renommierte Genozid-Forscher zu Wort. Von einem „Textbook Case of Genocide“ – einem Völkermord wie aus dem Lehrbuch – schrieb der israelische Historiker. Am selben Tag gab das US-amerikanische Lemkin-Institut, das sich auf die Früherkennung von Genoziden spezialisiert hat, eine Warnung heraus.

Aus Protest gegen die Tatenlosigkeit der Weltgemeinschaft erklärte am 28. Oktober 2023 der Direktor des New Yorker Büros des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR), Craig Mokhiber, seinen Rücktritt. In seinem Rücktrittsschreiben heißt es: „Einmal mehr erleben wir, wie sich ein Völkermord vor unseren Augen abspielt.“

Vier Tage darauf warnten acht hochrangige UN-Repräsentanten vor einem Völkermord in Gaza. Nicht einmal ein Monat war seit dem 7. Oktober vergangen, und schon lagen mehrere glaubwürdige Veröffentlichungen von angesehenen Experten vor, die in deutlichen Worten vor einem Völkermord in Gaza warnten. Für größere Aufmerksamkeit in deutschen Medien sorgte jedoch keine dieser Warnungen.

„Wir werden alles auslöschen“

Die wenigen journalistischen Beiträge, die sich überhaupt inhaltlich mit dem Genozid-Vorwurf gegen Israel beschäftigten, taten dies in aller Regel, ohne sich mit den konkreten Hinweisen und Belegen durch Fachleute auch nur auseinanderzusetzen. Stattdessen fällten fachfremde und meinungsstarke Zeitungsredakteure ihr Urteil: „Das dumme und gefährliche Gerede vom Genozid“, schrieb der Spiegel. „Hamas-Unterstützer werfen Israel vor, in Gaza einen Genozid zu verüben. Dabei begeht, wenn überhaupt, die Hamas einen Völkermord“, hieß es in der taz. Das Publikum der Tagesschau erfuhr, beim Genozid-Vorwurf handle es sich um „Desinformation“ und einen „antisemitisches Narrativ“. Ähnliche Beiträge erschienen auch in der Süddeutschen Zeitung, der Zeit, der FAZ, der Berliner Zeitung, dem Tagesspiegel, in der Welt und der Bild.

Auch vor offenkundigen Falschbehauptungen schrecken viele Medien nicht zurück. „Israel hat nicht die Absicht geäußert, die Bevölkerung in dem Küstenstreifen auszulöschen“, erfuhren Leser des Stern-Magazins am 2. November 2023. Eine glatte Lüge, schließlich hatten israelische Politiker und Militärs nie einen Hehl aus ihren Absichten gemacht.

Israel habe „keine andere Wahl, als Gaza in einen Ort zu verwandeln, in dem ein Leben vorübergehend oder dauerhaft unmöglich ist“, erklärte beispielsweise am 9. Oktober 2023 der Generalmajor der israelischen Armee Giora Eiland. „Wir werden alles auslöschen“, kündigte am Tag darauf Israels Verteidigungsminister Yoav Galant an. Allein bis Februar 2024 hat die britische NGO Law 4 Palestine über 500 solcher genozidalen Äußerungen israelischer Verantwortungsträger und Personen des öffentlichen Lebens dokumentiert.

Skandalisiert werden jene, die die Gewalt skandalisieren

Auch wenn der Genozid in Gaza für deutsche Medien kaum ein Thema war, tauchte der Begriff doch mit der Zeit immer häufiger auf – und zwar im Rahmen von Kampagnen und Denunziationen von Personen, die sich den Begriff zu eigen machten. Erwähnen deutsche Medien das Wort „Genozid“, dann wird meist nicht Israels Gewalt in Gaza skandalisiert. Skandalisiert werden jene, die die Gewalt skandalisieren.

„Seine Barmherzigkeit gilt vor allem der Hamas“, kommentierte die FAZ, nachdem der Papst gefordert hatte, Völkermord-Vorwürfe zu prüfen. Die Tagesthemen verglichen Demonstranten, die gegen den Genozid protestierten, mit der Hitler-Jugend. In Hunderten Beiträgen berichteten Medien über einen vermeintlichen „Antisemitismus-Skandal“ bei der Berlinale. Der Anlass: Ein Regisseur hatte bei dem Filmfestival seine Stimme gegen den Genozid in Gaza erhoben.

Kein Umdenken trotz Urteil

Auch das höchste Gericht der Welt konnte bei deutschen Medienschaffenden nicht zu einem Umdenken führen. Am 26. Januar 2024 gaben die Richter in Den Haag per Eilentscheidung bekannt: Israel muss umgehend alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen, um einen Völkermord an den Palästinensern zu verhindern. Die Richter sahen hinreichende Anhaltspunkte dafür, dass Israel in Gaza gegen die Völkermordkonvention verstoßen hatte, und erklärten den Völkermord-Vorwurf für plausibel.

Allein schon die Tatsache, dass der IGH sich überhaupt für zuständig erklärt und damit das (mehrere Jahre dauernde) Hauptverfahren eröffnet hatte, werteten Juristinnen als starkes Indiz dafür, dass an den Vorwürfen etwas dran sei. Medien in aller Welt entschieden sich konsequenterweise für Schlagzeilen wie „Internationaler Gerichtshof ordnet an: Israel muss Völkermord im Gazastreifen verhindern“ (The Guardian) oder „IGH hält den Völkermordvorwurf gegen Israel für ‚plausibel‘“ (NPR). In vielen deutschen Medienbeiträgen zum Thema suchte man mal wieder vergeblich nach dem Wort „Völkermord“. Schlagzeilen lauteten etwa „Gerichtshof lässt Israel gewähren“ (Die Welt), „Internationaler Gerichtshof: Kein Ende der Kämpfe in Gaza“ (taz) oder „Keine Feuerpause, aber mehr Schutz für Palästinenser“ (Tagesschau).

Auch immer neue Untersuchungen, etwa von Amnesty International, Human Rights Watch, Ärzte ohne Grenzen, B’Tselem, Experten im Auftrag des UN-Menschenrechtsrates und der Internationalen Vereinigung von Völkermordforschern, änderten an der Faktenresistenz des deutschen Nahost-Journalismus nichts. Dieser erinnerte zunehmend weniger an ein professionell ausgeübtes Handwerk als an postfaktische Parallelwelten manch dubioser Desinformationskanäle. Der Unterschied ist nur, dass sich die Verschwörungstheoretiker und Realitätsverdreher des deutschen Gaza-Diskurses nicht auf Telegram-Gruppen und Internetforen beschränken mussten. Stattdessen standen ihnen die Titelseiten der größten Tageszeitungen und die besten Sendeplätze im Fernsehen zur Verfügung.

Ein „erfundener Völkermord“

„Völkermord? Im Ernst?“, titelte die Süddeutsche Zeitung noch am 29. Dezember 2024. „Die Völkermord-Anklage gegen Israel erlebt eine Renaissance. Dieser Vorwurf ist haltlos“, befand ein Medienredakteur der taz am 9. März 2025. Vom „erfundenen Völkermord“ schrieb die teils aus Steuergeldern finanzierte Jüdische Allgemeine, von „Völkermord als Meinung“ die FAZ.

Es ist vor allem israelischen Genozid-Forschern und Historikern wie Omar Bartov, Raz Segal und Amos Goldberg zu verdanken, dass die deutsche Öffentlichkeit überhaupt die Möglichkeit hatte, sich mit den Argumenten hinter dem Völkermord-Vorwurf auseinanderzusetzen. Interviews mit ihnen erschienen unter anderem im Spiegel und im Freitag. Nachhaltigen Einfluss auf die mediale Berichterstattung hatten aber auch sie nicht.

„Kämpfe“, „Gefechte“ und „Krieg gegen Hamas“

Selbst zu Zeiten, zu denen keinerlei Zweifel mehr daran bestanden, dass sich die Gewalt in Gaza nahezu ausschließlich zwischen Israels Armee und Gazas Zivilbevölkerung abspielte, berichteten deutsche Medien immer noch von nicht existenten „Kämpfen“ und „Gefechten“ und einem „Krieg Israels gegen die Hamas“, anstatt den Begriff „Genozid“ zu Papier zu bringen. Auch nach zwei Jahren Genozid orientierten sich deutsche Medien weiter an den unbelegten Behauptungen der israelischen Armee, anstatt die gut dokumentierte Realität in Gaza beim Namen zu nennen.

Mehr über die deutschen Medien und den Genozid in Gaza findet ihr im Buch „Staatsräsonfunk“ von Fabian Goldmann.