Saudi-Arabien

Neue Regeln beim Hadsch – Was bedeuten sie für Muslime in Europa? 

Der Hadsch wird dieses Jahr anders. Die Änderungen betreffen allen voran Muslime in Europa. Murat Gümüş schreibt über die Auswirkungen und Bedeutung der neuen Hadsch-Regeln. 

02
07
2022
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Hadsch, Kaaba, Mekka
Symbolbild: Kaaba in Mekka © AA, bearbeitet by iQ.

Der Hadsch ist die große Pilgerreise der Muslime und gehört zu den fünf Säulen des Islams. Während des Hadsch besuchen die Pilger die Kaaba in Mekka, aber auch die Prophetenmoschee in Medina und andere historische Orte. Der Hadsch lehrt sie Geduld, Demut und Ergebenheit. Millionen Muslime aus allen Ecken der Erde kommen zusammen, tauschen sich aus und begehen eine sowohl persönliche als auch kollektive spirituelle Reise. Für die meisten Muslime zählt der Hadsch aufgrund des intensiven spirituellen Moments zu ihren Lebenshöhepunkten.

In mehrheitlich muslimischen Ländern organisieren größtenteils staatliche Einrichtungen die Vorbereitung und Durchführung der Pilgerfahrt. Muslime in Europa hingegen waren auf sich gestellt und haben mit der Zeit eigenständig Initiativen für ihre religiösen Bedürfnisse entwickelt. Dazu gehört auch die Organisation der alljährlichen Pilgerfahrt nach Mekka oder auch die ‚kleine Pilgerfahrt‘ (Umra). Hierfür haben sie eigene Strukturen aufgebaut, die ihnen seit Jahrzehnten in allen für den Hadsch relevanten Bereichen Versorgung gewährleisten und jährlich für Zehntausende Muslime in Deutschland und Europa den Hadsch und die Umra organisieren. Für Pilger mit Behinderungen bieten sie zusätzliche Dienste an.

Dies sind keine Reiseveranstaltungen im gewöhnlichen Sinne. Die Betreuung der Pilger umfasst die religiöse, spirituelle und organisatorische Vorbereitung und Durchführung des Hadsch durch vertrautes und erfahrenes Personal. Eine große Erleichterung für die Pilger ist insbesondere der Service rund um die Verwaltungsangelegenheiten. Dazu zählen Visaanträge, alle Dokumente wie die Vollständigkeit der erforderlichen Impfungen und ärztlichen Untersuchungen. Vor Ort werden die Muslime von Reisebegleitern und medizinischem Personal in ihren jeweiligen Landessprachen, darunter Deutsch, Englisch, Französisch, Niederländisch, Dänisch usw., betreut. 

Imame als religiöse und emotionale Begleiter

Bei den meisten Reisebegleitern handelt es sich um Imame oder religiöses Personal, darunter auch weibliche Reisebegleiterinnen. Diese sind in den Moscheegemeinden in Deutschland aktiv und kennen die Pilger und deren Bedürfnisse deshalb sehr gut. Gleichzeitig werden Imame als Respektsperson angesehen. Dieser Respekt und die Vertrautheit zwischen Pilgern und Reisebegleitern ist für viele Situationen vor und während des Hadsch eine notwendige Ressource für das organisatorische wie spirituelle Gelingen der Pilgerreise.

Bei Erkrankung, Verlust von wichtigen Dokumenten oder anderen Problemen, mit denen Pilger sich häufig konfrontiert sehen, stehen sie ihnen stets zur Seite. Weiterhin erleben viele Muslime sehr emotionale Momente, bei denen die Begleitung durch erfahrenes und vertrautes Personal unverzichtbar ist.

Die Hadschorganisatoren insbesondere aus Deutschland haben im Dialog mit den saudischen Behörden bei der Planung der anstehenden Pilgerfahrten auch immer die Rolle der Interessenvertretung europäischer Muslime eingenommen, um auf ihre besonderen Bedürfnisse und Umstände aufmerksam zu machen.

Muslime müssen Hadsch-Reise alleine buchen

Der Hadsch ist sowohl für die Pilger als auch für Saudi-Arabien eine große Herausforderung. Jedes Jahr empfängt und bewirtet Saudi-Arabien, während dem Hadsch und der Umra, Millionen von Menschen. Welche Anforderungen dies mit sich bringt, können Länder, die Gastgeber einer Fußball Weltmeisterschaft waren, annähernd erahnen. Während es sich am WM-Beispiel um einen Ausnahmezustand für das jeweilige Land handelt, ist es im Falle des Hadsch und der Umra ein Dauerzustand in Saudi-Arabien. Daher werden von den saudischen Behörden viele organisatorische Anpassungen vorgenommen.

Anfang 2020 wurde bekannt gegeben, dass der Hadsch pandemiebedingt ausgesetzt wird. Nach einer zwei Jahre andauernden pandemiebedingten Unterbrechung wurde Anfang 2022 von der zuständigen saudi-arabischen Administration verkündet, dass der Hadsch in diesem Jahr in eingeschränktem Ausmaß auch für Muslime außerhalb Saudi-Arabiens wieder ermöglicht werden wird.

Vor einigen Wochen haben die zuständigen saudi-arabischen Behörden zusätzlich eine tiefgreifende Entscheidung hinsichtlich der Neustrukturierung der Hadsch-Durchführung getroffen und bekannt gegeben: Die bereits erwähnten Reiseveranstalter bzw. Hadschorganisatoren in Europa dürfen den Hadsch nicht mehr durchführen. Sie werden vollständig aus dem Verfahren ausgeschlossen. Von nun sollen die Pilger über die neu eingerichtete Internetseite „Hadsch-Pakete“ buchen können. Sämtliche Formalitäten sollen über diese Seite vorgenommen werden. 

Neue Regeln, neue Kosten

Das neue Verfahren stellt in mehrfacher Hinsicht ein Problem dar. Zum einen brauchen Pilger Ansprechpartner für die unterschiedlichen Fragen, die im Zuge der Antragstellung und Vorbereitung aufkommen. Unter anderem geht es dabei um genaue Ab- und Rückreisedaten. Diese Möglichkeit haben die Pilger in Folge dieser Neustrukturierung der Hadsch und den Ausschluss europäischer Hadschorganisatoren nicht mehr. Dies ist für Pilger, die sich für diese Zeit bei ihrem Arbeitgeber beurlauben lassen müssen, ein großes Problem. Beim aktuellen Hadsch 2022 wurden die genauen Ab- und Rückreisedaten wenige Tage vor Reiseantritt bekannt gegeben. Das heißt, dass Muslime aus Deutschland bei der Antragstellung für ihren Urlaub ungewöhnlich lange vor großen Fragezeichen standen. Europäische Hadsch-Organisatoren hingegen hatten immer rechtzeitig auf dieses Problem aufmerksam gemacht und bekamen daher immer belastbare Angaben darüber, wann genau die Abreise und Rückreise ansteht. 

Weiter besteht auf der erwähnten Buchungsseite nur die Möglichkeit der Kreditkartenzahlung. Das ist gleich aus mehreren Gründen problematisch. Für Pilger in Deutschland ist die Entrichtung des Betrages für den Hadsch über Kreditkarten nicht üblich. Viele Pilger besitzen keine Kreditkarte. Und bei vielen von denen, die über eine Kreditkarte verfügen, dürfte das abrufbare Kreditvolumen eine weitere Hürde darstellen. Denn der Preis für eine Pilgerreise mit dem Service, den Muslime für gewöhnlich zahlen mussten, wurde von den saudi-arabischen Verantwortlichen nun auf ca. 9.500 Euro angesetzt. Vor 3 Jahren kostete eine Hadsch-Reise aus Europa rund 5000 Euro.

Muslime können Hadsch-Pflicht schwer nachkommen

Hinzukommt, dass die saudi-arabische Administration beschlossen hat, dass nur noch die staatliche saudische Fluggesellschaft zu den Heiligen Stätten fliegen darf. Dieser Umstand stellt eine zusätzliche enorme Mobilitäts- und Planungseinschränkung für Pilger aus Europa dar.

Hinzukommt, dass Pilger die oben angesprochenen Dienste nicht mehr in diesem Rahmen beanspruchen können: Die Dienste in der spirituellen, rituellen und organisatorischen Vorbereitung, die Orientierung nach einem von erfahrenen, theologisch ausgebildeten und vertrauten Reisebegleitern, die ärztliche Versorgung durch medizinisches Personal aus Europa und die Hilfestellungen bei individuellen Bedürfnissen entfallen somit. Ob und wie diese entstehende Lücke kompensiert werden soll, ist unklar. Da die Ankündigung der Neustrukturierung sehr kurzfristig und überraschend kam, stehen Pilger vor vielen Fragezeichen und Ungewissheiten.

Diese und weitere Probleme betreffen Muslime, die nicht in einem mehrheitlich muslimisch geprägten Land leben. Muslime in mehrheitlich muslimischen Ländern sind nicht mit diesen Problemen und Hürden konfrontiert. Das stellt eine große Benachteiligung für in Europa lebende Pilger-Anwärter dar. Sie hat zur Folge, dass Muslime einer zentralen religiösen Praxis, wenn überhaupt, nur schwer nachkommen können.

Unumstritten gehörte die Planung und Durchführung der Hadsch für Muslime weltweit zu den größten organisatorischen Herausforderungen. Es ist sicherlich nicht einfach, eine religiöse Organisation für Muslime aus allen Ländern der Erde zu sein und demselben Zeitpunkt durchzuführen oder es allen Pilgern recht zu machen. Insofern muss das bisherige Engagement der zuständigen saudi-arabischen Administration auch gewürdigt werden. Jedoch bringt die Neustrukturierung des Hadsch eine für europäische Muslime unzumutbare Belastung bzw. Hürden mit sich. Es bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen in Saudi-Arabien die geschilderten Probleme erkennen und im Dialog mit europäischen Religionsgemeinschaften und Hadschorganisatoren zeitnah Nachbesserungen vornehmen.