Deutschland, deine Umma!

„Ich will entscheiden, was ich der Öffentlichkeit preisgebe”

In Deutschland leben mehr als fünf Millionen Muslime. Wie viele kennen Sie? Wir stellen querbeet Menschen vor, die eine Gemeinsamkeit teilen: Sie sind Teil der Umma. Heute Roksana Temiz.

06
03
2021
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Öffentlichkeit Roksana Temiz
Foto: Roksana Temiz

Roksana Temiz (37) ist in Polen geboren und mit fünf Jahren nach Deutschland ausgewandert. Mit ihrem Mann und den gemeinsamen acht Kindern in Berlin, darunter Sechslinge – die einzigen in Deutschland. Sie ist selbstständig, Bloggerin und Youtuberin.

IslamiQ: Sie sind Mutter von acht Kindern, darunter auch Sechslinge. Wie sieht Ihr typischer Tag aus? Was sind Herausforderungen?

Roksana Temiz: Das kommt darauf an, denn es gibt gewaltige Unterschiede. Die Woche und das Wochenende sind strukturiert und deshalb einfacher. Das heißt, in der Woche stehen die Kinder pünktlich auf, gehen in die Schule. Am Wochenende gehen sie in die Moschee. Morgens um 10:00 Uhr haben die Jungs ihren Kurs, nachmittags um 14:00 Uhr die Mädchen. Dann wird ein wenig hin- und hergefahren. Ansonsten heißt es: Kinder beschäftigen und Haushalt führen. Am Wochenende packen die Kinder mit an und wir erledigen den Haushalt gemeinsam. Ein Ferientag hingegen ist deutlich anstrengender. Man muss die Kinder viel beschäftigen. Sechslinge sind nicht vergleichbar mit sechs Kindern.

Bei Mehrlingen muss alles gleichzeitig finanziert werden. Das heißt bei uns: sechs Schuhe auf einmal oder ein Kinobesuch mit zehn Personen. Das sind Summen, die muss man sofort aufbringen.

IslamiQ: Wie meistern Sie die Erziehung der Kinder und was ist Ihnen besonders wichtig?

Temiz: Haushalt und Erziehung machen mein Mann und ich gemeinsam. Vor allem bei den Sechslingen musste mein Mann schon im Krankenhaus mit anpacken. Wir mussten immer alles zusammen anpacken. Er hat nach der Geburt der Sechslinge seine Weiterbildung verschoben, weil ich ihn brauchte. Die einzige Hilfe von außerhalb habe ich während meine Risikoschwangerschaft nach den Sechslingen gehabt, ansonsten machen wir alles gemeinsam.

Ich finde, in der Erziehung ist es wichtig, dass die Kinder alle Religionen kennenlernen. Ich bin zum Islam konvertiert. Letztendlich sind meine Eltern Christen und die Kinder haben sich schon immer gefragt, warum es bei den Großeltern anders ist. Warum sie Weihnachten feiern und wir nicht. Es ist deshalb wichtig, dass die Kinder offen aufgeklärt werden und die Ursprünge der Religionen kennen. Das ist auch ein Punkt, bei dem ich mit dem Schulsystem nicht zufrieden bin. Man muss generell wissen, wie Religionen entstanden sind.

IslamiQ: Sie sprechen oft Probleme in der Schule an.

Temiz: Wir Muslime müssen oft mit Vorurteilen kämpfen – und dann noch mit 8 Kindern auf einer Schule. Wir haben viele Erfahrungen gemacht, bei denen Menschen ihr eigenes Weltbild durchsetzen wollten. Es wird versucht, sich zu sehr in unser Privatleben einzumischen, und wir fühlen uns gezwungen Rechenschaft abzugeben. Wieso das Kind etwas Bestimmtes macht, wieso es kein Weihnachten feiert etc. Auf den sozialen Medien spreche ich offen solche Dinge an. Viele Eltern mit ähnlichen Problemen schreiben mir. Ich habe das Problem, dass ich gewissermaßen beobachtet werde.

IslamiQ: Ihre Kinder sind die einzigen Sechslinge in Deutschland. Das bringt mediales Interesse mit sich.

Temiz: Meine Bekanntschaft mit den Medien hat mir gezeigt: Man darf nicht alles glauben, was man sieht oder liest. Als ich mit den Sechslingen schwanger im Krankenhaus lag, wurde schon das Krankenhaus belagert. Wir wollten mit den Medien nichts zu tun haben – in einer Situation, in der wir nicht wussten, ob unsere Kinder überleben werden. Bei der Geburt war das mediale Interesse natürlich noch größer. Damals hatten wir eine Pressekonferenz erlaubt, ohne einen Bezug auf unsere Person und weitere Details. Da sie keine genauen Informationen hatten, haben einige Medien Geschichten erfunden, die allein auf Spekulationen beruhen.

Am Ende standen sie vor unserer Haustür. Wir mussten etwas mit den Medien machen. Deshalb sind sogar wir einen Vertrag mit der „BILD“ eingegangen, den wir später gekündigt haben, weil Rechte eingeräumt wurden, die wir gar nicht wollten. 2014 entschloss ich mich, einen Instagram-Account zu eröffnen. Ich wollte selbst entscheiden, was ich der Öffentlichkeit preisgebe. 2018 ging es dann so langsam los mit dem Bloggen.

IslamiQ: Welche Hobbys haben Sie, wie gestalten Sie ihre Freizeit am liebsten?

Temiz: Mein Hobby ist Instagram. Ich finde den Austausch einfach toll, den ich dadurch habe. Für andere Mütter da zu sein, Feedback von den Eltern zu erhalten, sie zu ermutigen. Das motiviert mich weiterzumachen. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen.

Natürlich haben soziale Medien auch negative Seiten, aber die Positiven überwiegen. Auf Instagram habe ich eher eine starke muslimische Gemeinschaft. Auf meinem neuen YouTube-Kanal ist es ein wenig anders. Dort bekomme ich viel Feedback von Nichtmuslimen. Beispielsweise schreiben mir einige, dass sie Vorurteile gegenüber Muslime hatten und durch mich ganz anders denken. Das zeigt mir, dass ich etwas Gutes tue.

IslamiQ: Lieblingsbuch? Lieblingsfilm?

Temiz: Ein Lieblingsbuch habe ich nicht. Wenn die Kinder im Bett sind, schaue ich gerne Filme.

IslamiQ: Was bedeutet Familie für Sie?

Temiz: Familie ist ein enger Zusammenhalt. Wir reden viel über verschiedene Dinge und klären sie darüber auf. Wir machen alles gemeinsam und unterstützen uns gegenseitig. Obwohl die Kinder sich streiten, nehmen sie sich gegenseitig in Schutz.

IslamiQ: Der schönste Moment in Ihrem Leben?

Temiz: Das Schönste ist der Austausch mit anderen Müttern. Wenn sie mir sagen, dass ich sie motiviere. Das finde ich ganz toll! Auf YouTube sehe ich jetzt auch, dass ich einen bestimmten Einfluss habe. Ich baue Vorurteile ab und denke, das ist ein großer Beitrag. Es ist schön eine Community hinter sich zu haben.

IslamiQ: Wie würden Ihre Freunde Sie beschreiben?

Temiz: Viele Freunde habe ich nicht. Vielleicht mit der Stärke, die ich ausstrahle.

IslamiQ: Ihr Lebensmotto?

Temiz: Nach jeder Erschwernis kommt die Erleichterung, und Allah gibt keine Last, die man nicht tragen kann.

IslamiQ:  Können Sie sich an eine Situation erinnern, in der Sie erstmals mit der Identitätsfrage konfrontiert waren?

Temiz: Als Polin wird man nicht als „Ausländer“ wahrgenommen. Mit dem Kopftuch habe ich es erst gemerkt. Es fing mit der Geburt der Sechslinge an, als die Krankenschwester mich fragte, ob ich Deutsch sprechen kann. Ich erziehe meine Kinder so, dass sie selbstbewusst damit umgehen. Denn sie bekommen das Gefühl vermittelt, anders zu sein. Sie sollen dazu stehen, wer sie sind, und akzeptieren, anders zu sein. Auch wenn alle Kinder in Deutschland geboren sind, werden sie mit ihren Namen nie wirklich Deutsche sein. Mit fünf Jahren haben mich meine Eltern nach Deutschland gebracht, hier ist meine Heimat. Ich weiß nicht wie es ist in Polen oder in der Türkei zu leben.

IslamiQ: Was ist Ihr größtes Ziel in diesem Leben und was tun Sie, um dieses Ziel zu erreichen?

Temiz: Die Kinder zu guten Muslimen und Menschen zu erziehen, auf dass sie später gut leben können inschallah. Kein Arzt hatte sagen können, ob eines der Sechslinge lebendig auf die Welt kommen würde. Deshalb weiß ich, was meine Aufgabe ist.

IslamiQ: Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Für sich selbst, für Ihre Familie, für alle Muslime in Deutschland.

Temiz: Dass die Menschen offener durch die Welt gehen, und nicht mit Scheuklappen. Dass die Vorurteile einfach mal beiseitegelegt werden. Denn Mensch ist Mensch. Wir haben unsere Fehler, lernen daraus, entwickeln uns.

IslamiQ: Was muss passieren, damit Muslime hier als selbstverständlicher Teil Deutschlands angesehen werden?

Temiz: Solange die „Kopftuchfrauen“ nur geputzt haben, war alles gut. Jetzt treten Probleme auf. Weil ich meine Schule abgebrochen habe, habe ich leider das Gefühl, das Klischee zu bestätigen, dass Musliminnen sowieso nur Hausfrauen sein könnten. Man will das Klischee nicht erfüllen. Ich bringe meinen Kindern bei, dass sie etwas erreichen sollen. Irgendwann wird man dieses Klischee auch nicht mehr bestätigen können.