ÖFFENTLICH-RECHTLICHE SENDER

Muslimische Formate im TV: Viel Islam, wenig Inhalt

Islam und Muslime. Ein Top-Thema für Medien? Eins ist klar: Oft wird über Muslime gesprochen, statt mit ihnen. Doch wie sieht es bei öffentlich-rechtlichen Sendern aus? Ein Überblick.

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Symbolbild: Formate im TV zum Islam
Symbolbild: Formate im TV zum Islam © Shutterstock, bearbeitet by IslamiQ.

In vielen Medien werden Muslime oft negativ und im Zusammenhang mit ganz bestimmten Themen dargestellt. Das liegt vor allem daran, dass hauptsächlich über Islam und Muslime gesprochen wird, und weniger mit ihnen.

Das öffentliche Islambild ist seit Jahren von konflikthaften und alltagsfernen Erzählmustern dominiert, was die Islamfeindlichkeit in der Bevölkerung schürt. Der Religionsmonitor von 2019 bestätigt das: Ihm zufolge fühlt sich mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung vom Islam bedroht. Die verbreitete Islamskepsis gibt der Religionsexpertin der Bertelsmann Stiftung, Yasemin El-Menouar dennoch Grund zur Sorge: „Bestehende Vorbehalte bieten rechtspopulistischen Gruppierungen und Parteien Anknüpfungspunkte“, so El-Menouar. Eine Ursache für das vorherrschende Bild des Islams sieht sie in den gesellschaftlichen Debatten und Medienberichten der vergangenen Jahre, die den Islam häufig in einen negativen und kritischen Zusammenhang rückten.

So habe der Journalist Constantin Schreiber für seinen „moscheereport“ im Jahr 2017 dreizehn Moscheen besucht und unter anderem Fragmente aus den Freitagspredigten gezeigt, die simultan übersetzt wurden. Als Folge seiner Recherche in den Moscheen gab Schreiber an, dass er über das, was er gehört hatte, „entsetzt sei“ und keine Predigt gehört habe, die „wenigstens okay“ sei. Viele Muslime, aber auch Nichtmuslime kritisierten Schreibers Vorgehensweise und Schlussfolgerungen. Als Reaktion auf die einseitige Berichterstattung von Schreiber haben Muslime das Hashtag #meinmoscheereport ins Leben gerufen.

Ein weiteres Negativbeispiel ist der ARD-Film „Islam.Macht.Schule.“ Auch wenn es nach gutem Journalismus aussehe, stecke „das Detail im Teufel“, wie es Alicia Kleer, freie Mitarbeiterin am Berlin Institut für Medienverantwortung, in einem Gastbeitrag auf IslamiQ erklärt. So sei zum Beispiel das Intro des Beitrags problematisch. „Als erstes werden Bilder des IS gezeigt. Durch den Kommentar der Sprecherin wird eingeordnet: So sehen wir den Islam im Fernsehen normalerweise – hier wollen wir es anders machen. Allerdings bleibt die Frage: Wieso zeigt man diese Bilder überhaupt, wenn sie doch mit dem eigentlichen Thema, islamischer Religionsunterricht (IRU) an deutschen Schulen und Universitäten, überhaupt nichts zu tun haben?“

Islam-Sendungen in den Öffentlich-Rechtlichen

Wie aus einer IslamiQ-Recherche hervorgeht, berichten alle öffentlich-rechtlichen Sender in ihren Regelsendungen im Fernsehen, Radio und Online über das alltägliche Leben der Muslime und dem Islam in Deutschland. Dabei handle es sich vorwiegend um tägliche und „aktuelle Ereignisberichterstattung“, wie es die angefragten Sender, u. a. Das Erste, Phoenix, ZDF und der SWR, gegenüber IslamiQ erklären. Darüber hinaus wurden immer wieder Sendungen zu unterschiedlichen Themen rund um den Islam ausgestrahlt. Dazu erklärte der Pressesprecher vom „Das Erste“: „Wir wollen muslimisches Leben in Deutschland möglichst facettenreich abbilden – gerade auch in den vorhandenen Regelsendungen, in denen muslimische Protagonisten ganz selbstverständlich vorkommen sollten, als Teil der Realität in unserem Land.“

ZDF: Forum am Freitag

Außer der tagesaktuellen Berichterstattung und den einzelnen Sendungen gibt es aber kaum Formate, die sich ausschließlich mit der Vielfalt muslimischen Lebens in Deutschland beschäftigt. Das bekannteste Format ist das „Forum am Freitag“ des ZDF. „Von der ersten Sendung am 6. Juli 2007 an kommen fast ausschließlich Muslime selbst zu Wort, erklären ihre Religion, erzählen von ihrem Alltag und nehmen Stellung zu wichtigen Fragen des Glaubens und des Zusammenlebens in Deutschland“, erklärt das ZDF auf Anfrage von IslamiQ.

BR: Podcast zu Muslime in Deutschland

Beim Bayerischen Rundfunk bearbeite die „Fachredaktion Religion & Orientierung“ regelmäßig Themen zum Islam. Ein neues Projekt ist der sechsteilige Podcast „Primamuslima – wir reden mit!“. In dem Projekt gehe es um all das, was Muslime in Deutschland bewegt. Der Podcast von Host und Moderatorin Merve Kayıkcı alias „Primamuslima“ startete am 30. Juli. Merves Gäste zeigen darin, wie vielfältig muslimisches Leben in Deutschland ist, und wie vielfältig Muslime ihren Glauben leben“, so der BR gegenüber IslamiQ. Ob der Podcast weitergeht sei aktuell noch offen.

SWR gibt monatliche Einblicke zum Islam

In der Redaktion „Religion und Welt“ produziert der SWR die Sendung „Islam in Deutschland“. Dabei gehe es um die Darstellung des Islams als bedeutender Weltreligion und darum, was Muslime in Deutschland glauben und wie ihr Glaube ihr Leben prägt. „Jeden ersten Freitag im Monat geben sie hierzu Einblicke in ihr Leben“, erklärt der SWR. Darüber hinaus gibt es bei funk, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF, die „Datteltäter“.

MDR: Keine Regelung für muslimische Sendezeiten

Im Fernsehen stelle der MDR in der Sendereihe „Glaubwürdig“ Menschen vor, die sich zu einer Religion bekennen und sich mit Glauben auseinandersetzen. „In dieser Sendereihe kommen auch Musliminnen und Muslime zu Wort. Entsprechend des Anteils in der Bevölkerung eher selten, etwa zwei Mal im Jahr“, so der MDR.

„Ein Sonderfall sind die Sendezeiten, die den Kirchen und der jüdischen Gemeinschaft zur Verfügung gestellt werden. Dieses sogenannte Drittsenderecht ist im Rundfunkstaatsvertrag verankert, den der MDR mit den drei mitteldeutschen Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen abgeschlossen hat. Für die muslimische Seite gibt es im Rundfunkstaatsvertrag keine entsprechende Regelung“, so der MDR abschließend.