Debatte

Migrationshintergrund? Das denken Muslime über eine Neudefinition

Ein Expertengremium hat eine Neudefinition des Begriffs „Migrationshintergrund“ vorgeschlagen. IslamiQ fragte seine Leser, was sie davon halten und welche Alternativen sie hätten.

24
01
2021
Niqab
Symbolbild: Vielfalt Menschen © Shutterstock, bearbeitet by iQ.

Ein Expertengremium der Bundesregierung empfiehlt eine Neudefinition des Begriffs Migrationshintergrund. Nach aktueller Definition des Statistischen Bundesamts liegt ein Migrationshintergrund vor, wenn man selbst nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde oder wenn dies bei mindestens einem Elternteil der Fall ist.

Nach Empfehlung der Kommission sollten bei Bevölkerungserhebungen in dieser Kategorie nur noch Menschen erfasst werden, die entweder selbst oder deren Elternteile beide seit dem Jahr 1950 in das heutige Bundesgebiet eingewandert sind. Dabei solle unterschieden werden zwischen Menschen „mit und ohne eigene Migrationserfahrung“. Anders als bisher soll jedoch der zusammenfassende Begriff „Migrationshintergrund“ nicht mehr verwendet werden, um Stigmatisierung zu vermeiden. IslamiQ fragte seine Leserinnen und Leser, was sie von der Neudefinition halten und was für alternative Begriffe sie vorschlagen würden.

„Mensch“ müsste doch ausreichen

Es brauche ein neues Verständnis von Deutschsein. Vor allem aber eines, das Vielfalt und Einwanderungsgeschichte akzeptiert, und dazu gemeinsame Regeln und Werte respektiert, geht aus der Kommission hervor.  Die 24 Mitglieder der Fachkommission kommen aus Wissenschaft und Praxis.

Laut der IslamiQ-Umfrage gaben die meisten Teilnehmenden an, die „Eigenschaft“ Migration wegzulassen, und dafür generell „Menschen“ als Begrifflichkeit zu verwenden. Gründe dafür seien, dass Begriffe um eine Migrationsdefinition langfristig stigmatisierend wären. Denn solange es Definitionen dafür gebe, bewege man sich in einer endlosen Schleife. „Warum muss man dem denn überhaupt einen Namen geben?“, fragt ein Leser.

Wiederum andere gaben an, das Positive hervorzuheben und fanden die Begrifflichkeit „Menschen mit kultureller Vielfalt“ am ansprechendsten. Auch „Menschen mit internationaler Erfahrung“ wurde mehrmals genannt.

„Es ist traurig, dass überhaupt unterschieden wird“

Wenige gaben an, das Herkunftsland direkt beim Namen zu nennen. Demnach sollte es heißen: „Deutsche mit (entsprechend der Herkunft) Wurzeln“. „Ich zum Beispiel bin ein Deutscher mit türkischen Wurzeln“, so ein Leser. Auch gaben einige an „Neudeutsche“, als neu zu definierenden Begriff verwenden zu können.

Zusammenfassend lässt sich aus der Umfrage ableiten, dass es einen Trend zur „Einheit“ gibt. Viele der Teilnehmer sprechen sich gegen solche Begriffe und die damit verbundene Ausgrenzung aus. „Aber theoretisch ist es unglaublich traurig, dass überhaupt unterschieden wird“, schreibt eine Leserin in der IslamiQ-Umfrage.

Leserkommentare

Dilaver Çelik sagt:
Wir sind alle Nachfahren Adams (a.s.) und Evas. Deshalb bin ich für die ersatzlose gänzliche Abschaffung des Begriffs "Migrationshintergrund" - auch weil er einem identitären Verständnis des "Deutschseins" entspringt. Dieses identitäre Verständnis ist abzulehnen. "Deutschsein" ist irrelevant und sollte deshalb nicht überbewertet werden.
24.01.21
17:15
Dilaver Çelik sagt:
OT: Das Symbolbild gefällt mir, denn DAS ist Deutschland in der Realität. Es bildet Deutschland so ab wie es ist.
24.01.21
17:20
Johannes Disch sagt:
@Dilaver (24,01.21, 17:15) Eine nationale Identität ist nicht dasselbe wie "identitär." Und eine nationale Identität im demokratisch-replukanischen Sinne ist nicht gleichbedeutend mit Identität", wie sie die neurechte völkische Bewegung der "Identitären" versteht. Nationale Identität im republikanischen Sinne ist inklusiv. Der Identitätsbegriff der "Identitären hingegen ist exklusiv und schließt andere aus. Und der Begriff "Migrationshintergrund" sagt einfach nur aus, dass jemand nicht gebürtiger Deutscher ist, sondern aus einem Land zugewandert/eingewandert ist.
27.01.21
14:58
Vera Praunheim sagt:
Selbstverständlich steht immer ein Mensch im Vordergrund und nicht sein Hintergrund. Den Hintergrund kann man aber nicht einfach wegretuschieren oder ausblenden. Alternativen können sein "Einwanderer und ihre Nachkommen", "Menschen aus Einwandererfamilien" oder "Menschen mit internationaler Geschichte". Dass alle Menschen Nachfahren von Adam und Eva sind, sollten sich gerade auch radikale Islamfanatiker auf die Fahnen schreiben, wenn sie Ungläubige diffamieren oder verfolgen.
27.01.21
17:45
thomas sagt:
der Begriff MiHi war sehr gut gemeint vor 15 Jahren. Das hat den hässlichen Begriff AUSLÄNDER abgelöst doch auch der Begriff MiHi ist schlecht und diskriminiert Menschen. Aber man braucht diese Unterscheidungen doch sehr. Siehe USA da hat man die AFRICAN AMERICANS. Im UK sieht man gutes Beispiel wie es gehen kann. Dort hat man die, die jüdische, arabische oder polnische Wurzeln haben, schnell integriert und als Briten gesehen. Anders sieht es aus bei jenen, die dunkelhäutiger sind wie Pakistani, Inder oder jene aus Afrika.
30.01.21
18:06
Johannes Disch sagt:
@thomas So, man hat in GB Menschen mit polnischen, jüdischen und arabischen Wurzeln schneller integriert als Menschen aus Pakistan, Indien oder Afrika? Na, vielleicht liegt das nicht an den Briten, sondern an den Zugewanderten aus besagten Ländern. Gerade unter Pakistani ist der Anteil fundamentalistischer Muslime in GB sehr hoch. Al Maududi-- ein Chefideologe des zeitgenössischen Islamismus-- war indisch-pakistanischer Herkunft und beeinflusste vor allem Muslime in GB. Seine Ideologie ist auch der geistige Hintergrund der islamistischen Terrororganisation Jama-al-islami, zu deren ersten Opfern der ägyptische Präsident Anwar Al Sadat gehörte. Dessen Vergehen? Na, der Friedensvertrag mit Israel (Camp David, 1979). Und: Was heißt, GB hat Menschen dieser und jener Herkunft integriert?? Menschen können sich nur selbst integrieren. Integration ist in erster Linie eine Bringschuld der Eingewanderten. Das Aufnahmeland kann nur für gute Rahmenbedingungen sorgen. Aber die Hauptarbeit müssen die Zugewanderten leisten. Es ist mehr als verwunderlich, dass wir aus dem Thema Integration eine Endlosschleife machen. Wenn man eine neuen Arbeitsplatz antritt, dann muss man schauen, wie in der Firma der Hase läuft und sich anpassen, also integrieren, sonst ist man den Job schnell wieder los. Nicht viel anders verhält es sich, wenn man in ein anderes Land geht. Es ist nicht ersichtlich, was an dem Begriff "Migrationshintergrund" diskriminierend wein sollte. Er beschreibt einfach einen Sachverhalt. Eine Tatsache. Die Tatsache, dass jemande nicht-deutscher Herkunft ist. Viel wichtiger als semantische Verrenkungen (Gendersternchen, etc.) ist es, die praktischen Hindernisse zu überwinden: Zugang zu Bildung, Arbeitsmarktchancen, etc.).
03.02.21
9:38
IslamFrei sagt:
"Migrationshintergrund " haftet nur Sachlichkeit, nichts Ehrenrührerisch an. Es warnt ein potiellen Arbeitgeber auf mangelhafre Sprachkenntnisse hin. Oder auf die Gerfahr ,Kopftuch durchsetzen zu wollen. Oder auf unerwünschter Muslim.mit allen Alüren und Quelen,, die dann auftretenn können. slamFrei
23.02.21
0:51