Interview mit Jürgen Micksch

Antimuslimischer Rassismus tief verwurzelt in der Gesellschaft

Die NSU-Morde waren ein Schock und der antimuslimische Rassismus ist tief im Denken und in der Kultur der Gesellschaft verwurzelt, sagt Jürgen Micksch. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit und den Antrieb für sein Engagement.

01
06
2014

Jürgen Micksch ist ein evangelischer Theologe und Soziologe der auch soziale Vereine wie Pro Asyl und den Interkulturellen Rat gegründet hat. Micksch ist an der Wahrung von Menschenrechten und einem friedlichen Miteinander interessiert und engagiert. Wir sprachen mit Jürgen Micksch über seine mehr als 30jährige Arbeit für Flüchtlinge, das von ihm gegründete Islamforum und andere Aktivitäten für den gesellschaftlichen Frieden.

IslamiQ: Pro Asyl, Interkultureller Rat in Deutschland, Internationale Woche gegen Rassismus, Obdachlosenzeitung „BISS“, Islamforum, Abrahamisches Forum… Die Liste der von Ihnen gegründeten Organisationen gegen Fremdenhass und Rassismus ist lang. Was treibt Sie dazu an?

Jürgen Micksch: Frieden und Gerechtigkeit sind zentrale Werte in meinem Leben. Daher habe ich mich für die Menschenrechte eingesetzt und für arme und benachteiligte Menschen engagiert.

 

IslamiQ: In ihrem Buch „Vom christlichen Abendland zum abrahamischen Europa“ schreiben Sie: „Das christliche Abendland definierte sich ehemals in Abgrenzung zum Judentum und Islam. Um ein friedliches Miteinander von Juden, Christen und Muslimen im 21. Jahrhundert zu erreichen ist ein Umdenken erforderlich.“ Wie müsste dieses Umdenken aussehen?

Jürgen Micksch: Wir haben anzuerkennen, dass jüdische und islamische Werte zur europäischen Geschichte gehören. Abraham ist der Glaubensvater für Juden, Christen und Muslime – von daher gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen diesen Religionen. Statt dem bisherigen Gegeneinander ist nun ein interreligiöses Miteinander zu gestalten.

 

IslamiQ: Sie sagen, dass der antimuslimische Rassismus einen tiefgreifenden Platz in der deutschen Gesellschaft eingenommen hat. Wie empfinden Sie den antimuslimischen Rassismus in Europa? Warum ist er heutzutage so weit verbreitet, welche sozialen Mechanismen stecken dahinter?

Jürgen Micksch: Antimuslimischer Rassismus hat die deutsche und europäische Geschichte geprägt und geht zurück bis in die Zeit der Kreuzzüge. Er ist im Denken und in der Kultur tief verwurzelt. Dazu kommen nun Ängste vor dem Terror oder vor Überfremdung, die mit dem Islam in Verbindung gebracht werden.

 

IslamiQ: Das Deutsche Islamforum wurde vom Interkulturellen Rat, bei dem Sie der Vorsitzende sind, gegründet. Zudem wurden Kommunale Islamforen gegründet. Welchen Zweck haben diese Islamforen? Welche Bedürfnisse und Fragen sollen sie beantworten?

Jürgen Micksch: Ziel ist der Abbau von Unkenntnis und Vorurteilen bei einheimischen und zugewanderten Menschen. Durch Dialoge wird ein Kennenlernen möglich und der Abbau von gegenseitigen Ängsten. Zugleich erleben Muslime die Vielfalt der islamischen Traditionen und lernen damit umzugehen. Staatliche und kommunale Verantwortliche üben das für sie neue Miteinander und können dann bei Konflikten umsichtiger reagieren.

 

IslamiQ: Sie haben den Begriff „Multikulturelle Gesellschaft“ vor 30 Jahren formuliert. Wie ist die momentane Lage in Deutschland? Denken Sie, dass diese Bezeichnung in Europa noch gültig ist und die Realität widerspiegelt?

Jürgen Micksch: Der Begriff von der „Multikulturellen Gesellschaft“ hat sich inzwischen durchgesetzt. Es gibt Regierungsprogramme zur Gestaltung der „Vielfalt“, die heute von den meisten Menschen anerkannt wird. Dabei waren multikulturelle Strukturen schon immer eine Realität in der europäischen Geschichte. Wer die multikulturelle Realität leugnet, hat moderne Industriegesellschaften und die Globalisierung nicht verstanden.

 

IslamiQ: Die NSU-Morde haben bei einigen Bevölkerungsgruppen einen großen Vertrauensverlust gegenüber dem Staat und Verfassungsschutz hervorgerufen. Glauben Sie, dass Europa oder Deutschland aus diesen Fehlern lernen kann und eine plurale Gesellschaft sowie ein harmonisches Miteinander fördert? Oder scheint die Entwicklung in die gegensätzliche Richtung zu gehen?

Jürgen Micksch: Die NSU-Morde haben in Deutschland einen Schock ausgelöst. Das ist für ein Umdenken wichtig. Nur so ist die erfreuliche Tatsache zu verstehen, dass in dem zuständigen Bundestagsausschuss gemeinsame Schlussfolgerungen formuliert werden konnten. Zugleich ist nicht zu übersehen, dass in zahlreichen Ländern der Europäischen Union rechtsextremistische Parteien bei den Europawahlen mit einem starken Zulauf rechnen können. Ihr verbindendes Element ist ein Rassismus, insbesondere gegenüber Muslimen. Langfristig kann sich das auch auf Deutschland auswirken.

 

IslamiQ: Sie waren selbst ein Flüchtling. Wie fühlt man sich als junger Mensch, der auf der Flucht ist? Welches Ereignis hat Sie am meisten geprägt, auch im Hinblick auf ihre Arbeit mit Flüchtlingen?

Jürgen Micksch: Als vierjähriges Kind fand ich es auf der Flucht sogar im Winter normal, unter freiem Himmel zu schlafen und zum Klauen geschickt zu werden. Ungewöhnlich war es eher, wenn ich nachts im Freien unter einer Überdachung schlafen konnte. Aber das habe ich später vergessen. Zur Flüchtlingsarbeit kam ich durch mein kirchliches Engagement für eingewanderte Menschen.

Leserkommentare

Rolf Schneider sagt:
Die Mehrzahl der hier lebenden Muslime besteht aus absolut friedliebenden Menschen, die sich von ihrer Religion, dem Islam, eben gerade nicht zur Gewalt verleiten lassen. Der Islam ist genau wie die beiden anderen Religionen Abrahams , Isaaks und Jakobs, also Judentum und Christentum, durch folgende Punkte zu charakterisieren: 1. Intoleranz 2. Gewaltneigung 3. Missionsdrang 4. Alleinseligmachungsanspruch 5. Frauenverachtung 6. kollektiver Wahn des Auserwähltseins Stammvater Abraham verbindet uns, aber worauf können wir stolz sein? Dass er seinen Sohn ermorden wollte? Ist es ein Entschuldigungsgrund, wenn man beschwichtigend hinzufügt, gott hätte es ja angeordnet? Kriegerische Religionen gehören auf den Prüfstand, vor allem dann, wenn ihre Anhänger unser Grundgesetz mit Füßen treten.
15.12.14
19:23