Sachsen-Anhalt

Muslime und Kirchen zeigen sich besorgt über AfD-Erfolg

Nach dem starken Abschneiden der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt warnen muslimische Vertreter und Kirchen vor gesellschaftlicher Spaltung. Sie fordern den Schutz von Menschenwürde und Religionsfreiheit.

07
09
2026
Nordrhein-Westfalen, Demo gegen Rechts © Shutterstock, bearbeitet by iQ.
Demo gegen Rechts © Shutterstock, Nordrhein-Westfalenbearbeitet by iQ.

Nach dem starken Abschneiden der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt haben Vertreter der muslimischen Gemeinschaft und der Kirchen ihre Sorge über die politischen Folgen geäußert. Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) warnte davor, dass Minderheiten unter politischen Druck geraten könnten. Die Kirchen mahnten zu einem respektvollen gesellschaftlichen Miteinander.

„Das Wahlergebnis ist demokratisch zustande gekommen“, erklärte IGMG-Generalsekretär Ali Mete. Demokratie erschöpfe sich jedoch nicht in Mehrheiten. Menschenwürde, Gleichheit und Religionsfreiheit stünden nicht zur Abstimmung und müssten auch dann geschützt werden, wenn Minderheiten politisch unter Druck gerieten.

Das Ergebnis sei weder zu verharmlosen noch zu hysterisieren, betonte Mete. Rechtsextreme Positionen und Angriffe auf Minderheiten dürften ebenso wenig kleingeredet werden wie Wählerinnen und Wähler pauschal beschimpft werden. Die Religionsfreiheit von Musliminnen und Muslimen sei ein Grundrecht und keine politische Gefälligkeit.

Kirchen kündigten wachsamen Blick auf Politik der AfD an

Auch die Kirchen in Sachsen-Anhalt zeigten sich nach der Wahl „mit großer Sorge“. „Diese Landtagswahl hat die politischen Verhältnisse in Sachsen-Anhalt tiefgreifend verändert. Das Land ist gespalten. Unsere Sorge gilt dem sozialen Frieden und dem Miteinander der Menschen in unserem Bundesland“, teilten die Bischöfe der evangelischen und der katholischen Kirche in Sachsen-Anhalt, Friedrich Kramer und Gerhard Feige, sowie der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche, Karsten Georg Wolkenhauer, mit.

Den Geistlichen zufolge zeigt das Wahlergebnis eine große Unzufriedenheit in weiten Teilen der Bevölkerung. „Wir Kirchen stehen auch nach der Wahl fest an der Seite jener, die mit wachsamem Blick auf die Politik der AfD schauen“, erklärte Bischof Kramer.

Ein Weckruf für Deutschland

Auch EKD, Deutsche Bischofskonferenz und Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen erklärten, sie würden nicht schweigen, wenn Menschenwürde verletzt, die Demokratie gefährdet oder der Rechtsstaat ausgehöhlt werde. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken bezeichnete das Wahlergebnis als Weckruf für ganz Deutschland. (dpa, iQ)

Leserkommentare

Timotheus sagt:
Sollten muslimische Vertreter und Kirchen nicht auch und klipp und klar vor Rechtsstaataushöhlung, Demokratiegefährdung und Terror durch religiöse Extremismus-Aktive & Gruppen warnen? Sind diesbezüglich nicht ebenso Weckrufe mit wachsamen Blick sinnvoll und wichtig? Und natürlich ganz ohne Hysterie oder Verharmlosung. Religionsfreiheit ja. Religionsmissbrauch nein, denn der tut viel mehr als weh.
08.09.26
4:45
grege sagt:
Die Sorge über den Wahlerfolg der AfD ist berechtigt. Demokraten sollten wachsam sein, wenn politische Kräfte erstarken, die mit Ausgrenzung, Ressentiments und autoritären Versuchungen arbeiten. Gerade deshalb wirkt die Reaktion von Ali Mete befremdlich. Die IGMG steht schließlich in der Tradition der von Necmettin Erbakan geprägten Millî-Görüş-Bewegung. Erbakan verbreitete über Jahre antisemitische Verschwörungserzählungen und konstruierte Feindbilder gegen Juden und den Westen. Bis heute ist keine klare und unmissverständliche Abrechnung mit diesem ideologischen Erbe erkennbar. Hinzu kommen die Vorfälle um die Berliner Mevlana-Moschee. Dort wurde 2004 eine Predigt dokumentiert, in der Deutsche als Ungläubige herabgewürdigt wurden und ihnen das Höllenfeuer vorhergesagt wurde. Der betreffende Imam musste daraufhin suspendiert werden. Später standen zudem Vorwürfe der Verherrlichung von Selbstmordattentaten im Raum. Eine offensive Aufarbeitung dieser Vorgänge sucht man bis heute vergeblich. Noch bemerkenswerter ist die selektive Empörung gegenüber politischen Entwicklungen. Während Ali Mete vor der AfD warnt, hört man aus dem Millî-Görüş-Umfeld nur selten ähnlich deutliche Worte zu Recep Tayyip Erdoğan. Dieser stammt selbst aus der Millî-Görüş-Tradition, hat die Türkei in Richtung eines immer stärker auf eine Person zugeschnittenen Systems entwickelt und regiert mit Unterstützung der rechtsnationalistischen MHP. Erdoğan bedient seit Jahren jene Muster, die man bei Rechtspopulisten sonst scharf kritisiert: die Einteilung der Gesellschaft in „wir“ und „die anderen“, die permanente Suche nach inneren und äußeren Feinden, die Dämonisierung von Kritikern und die Behauptung, allein den „wahren Volkswillen“ zu vertreten. Wer vor Nationalismus, Ausgrenzung und autoritären Tendenzen warnt, sollte deshalb nicht nur nach rechts außen in Deutschland blicken, sondern auch den Mut zur kritischen Selbstreflexion aufbringen. Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch moralische Entrüstung über andere, sondern durch gleiche Maßstäbe für alle. Die AfD verdient Kritik. Doch solange die Schattenseiten der eigenen Bewegung nicht ehrlich aufgearbeitet werden, wirkt mancher Alarmruf weniger wie eine Verteidigung demokratischer Werte als vielmehr wie der Versuch, von den unbequemen Fragen an die eigene Geschichte abzulenken.
08.09.26
16:56