Verband Muslimischer Flüchtlingshilfe

Eine Brücke zu der staatlichen Flüchtlingshilfe

Vor kurzem gründeten islamische Religionsgemeinschaften gemeinsamen den Verband Muslimische Flüchtlingshilfe (VMF). Im Interview mit IslamiQ erklärt die Vorsitzende, Nurhan Soykan, wie es zu der Gründung kam und was der Verband vor hat.

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03
2016
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Willkommenskultur für Flüchtlinge © Takver auf flickr.com (CC BY 2.0), bearbeitet IslamiQ

IslamiQ: Vor wenigen Tagen wurde in Frankfurt der Verband Muslimischer Flüchtlingshilfe (VMF) gegründet. Wie kam es zu diesem Schritt?

Nurhan Soykan: Dieser Schritt soll die Flüchtlingsarbeit der muslimischen Religionsgemeinschaften institutionalisieren.

Es ist eine überfällige Folge der Herausforderung, der wir uns seit Monaten gegenüber sehen. Die Lage der Flüchtlinge hat unsere Gemeinden zu Anlaufstellen gemacht, wo sprachliche, kulturelle und religiöse Hilfe geleistet wird.

Sie geben den Flüchtlingen eine neue Heimat und eine neue Gemeinschaft, in der sie herzlich aufgenommen werden. Besonders in den arabischen Gemeinden, haben sie zu einer Erweiterung der Gemeinschaft geführt.

Unsere Moscheegemeinden brauchen Koordinierung und strukturelle Hilfen bei ihrer Arbeit durch die Dachverbände. Wir möchten mit unserem Verein diese Hilfe und Unterstützung leisten, indem wir eine Brücke zu der staatlichen Flüchtlingshilfe bilden und dafür sorgen, dass die Hilfe dort ankommt, wo sie benötigt wird. Wir haben umfassende Projektanträge gestellt und warten auf deren Bescheid.

IslamiQ: Wird die bestehende Flüchtlingsarbeit der islamischen Religionsgemeinschaften durch den Verband transparenter und für die Medien zugänglicher?

Soykan: Bisher ist kaum an die Öffentlichkeit getreten, was die Muslime an Flüchtlingsarbeit leisten, dass z. B. eine unserer Moscheen in Hamburg täglich 400 Flüchtlingen Unterkunft, Verpflegung und Betreuung anbietet, Kleiderkammern eingerichtet werden, Patenschaften übernommen werden, ärztliche und soziale Betreuung durch tausende von Ehrenamtlichen stattfindet, etc.

Unser Verein wird diese Arbeit bündeln und sichtbar machen.

IslamiQ: Gesellschaftliche oder politische Debatten um die Flüchtlinge laufen auf Hochtouren: Obergrenze, getrennte Unterbringung oder religiöse Konflikte in Flüchtlingsunterkünfte, Asylpaket etc. Wird der VMF für solche Themen klare Positionen einnehmen, oder wird sich ihre Arbeit lediglich auf die Praxis (reine Flüchtlingshilfe) fokussieren?

Soykan: Die Praxis steht natürlich im Vordergrund, aber die genannten Konflikte sind die gelebte Praxis und werden sicherlich mitberücksichtigt werden. Unsere gesellschaftspolitische Verantwortung werden wir auch weiterhin in den einzelnen Religionsgemeinschaften wahrnehmen.

IslamiQ: Der Verband möchte in Zukunft neue Projekte konzipieren. Was heißt das konkret?

Soykan: Das heißt, dass wir bundesweite Hilfsprojekte, die auch die Unterstützung der Ehrenamtler zum Inhalt hat, auf den Weg bringen möchten, dazu brauchen wir Unterstützung. Wir werden verbandsübergreifend arbeiten, davon verspreche ich mir, dass wir unsere verschiedenen Stärken zusammenbringen und dadurch effektiver werden.

IslamiQ: Inwiefern unterscheidet sich die Flüchtlingshilfe des VMF von denen christlicher und jüdischer oder staatlicher Hilfswerke?

Soykan: Sie ist offen für muslimische Religionsgemeinschaften, ist aber gerichtet an alle Flüchtlinge, unabhängig von ihrer Religion. Alle Religionsgemeinschaften oder ihre Pendants in der Wohlfahrtspflege leisten schon sehr viel. Der muslimischen Flüchtlingshilfe trägt eine besondere Verantwortung, denn die meisten Flüchtlinge sind Muslime. Die muslimischen Religionsgemeinschaften in Deutschland können bei der Integration der Flüchtlinge eine Brückenfunktion übernehmen, indem sie ihnen als in Deutschland lebende Muslime die rechtlichen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen in Deutschland unter anderem auch selber vorlebend vorstellen und erklären.

IslamiQ: Warum sind die großen islamischen Religionsgemeinschaften DITIB und VIKZ nicht dabei?

Soykan: Wir haben gemeinsam an der Entwicklung einer gemeinsamen Satzung gearbeitet. DITIB und VIKZ haben sich für die Durchführung eines Projektes unter der Trägerschaft der DITIB entschieden. Das respektieren wir. Unsere Tür steht ihnen weiterhin offen.

IslamiQ: In der Pressemitteilung schreiben Sie, dass die Aufnahme neuer Mitglieder ausdrücklich erwünscht ist. Wen möchten Sie damit ansprechen?

Soykan: Alle muslimischen Religionsgemeinschaften.

Das Interview führte Esra Lale.