KRITIK

Islamrat fordert Ende von Provisorien beim Islamunterricht

Seit mehr als 20 Jahren gibt es Modellversuche zum islamischen Religionsunterricht. Der Islamrat fordert zum Schulstart in allen Ländern verlässliche und gleichberechtigte Strukturen.

18
09
2026
IRU-Umfrage
Islamischer Religionsunterricht © Facebook, bearbeitet by iQ.

Der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland fordert verlässliche und flächendeckende Strukturen für den islamischen Religionsunterricht an staatlichen Schulen. „Seit Jahrzehnten wartet Deutschland beim islamischen Religionsunterricht auf Normalität“, erklärte der Vorsitzende Burhan Kesici zum Beginn des Schuljahres in Baden-Württemberg und Bayern.

Es brauche ein Ende von Modellversuchen, Sonderwegen und Provisorien sowie eine „echte Gleichbehandlung muslimischer Schülerinnen und Schüler“.

Die ersten Modellversuche für islamischen Religionsunterricht liegen nach Angaben des Islamrats mehr als 20 Jahre zurück. Dennoch gebe es in fünf Bundesländern bis heute kein entsprechendes Angebot. In anderen Ländern werde der Unterricht über Modellversuche, Übergangsregelungen oder besondere Organisationsformen angeboten. Auch staatliche Islamkunde könne einen bekenntnisorientierten Religionsunterricht nicht ersetzen, so der Islamrat.

84.000 Muslime besuchen Islamunterricht

Die bundesweit vergleichsweise niedrigen Teilnehmerzahlen seien vor diesem Hintergrund nicht allein mit einem geringen Interesse muslimischer Familien zu erklären. Rund 84.000 Schülerinnen und Schüler besuchten derzeit islamischen Religionsunterricht oder Islamkunde. Im Saarland erreiche das Angebot nach Angaben des Islamrats rund zwei Prozent der muslimischen Schülerschaft, in Niedersachsen knapp vier und in Nordrhein-Westfalen sieben Prozent.

„Religionsunterricht ist kein Entgegenkommen und keine freiwillige Zugabe“, sagte Kesici. Der Staat müsse dafür sorgen, dass muslimische Kinder nicht dauerhaft mit Provisorien abgespeist würden. Fragen der Repräsentanz muslimischer Religionsgemeinschaften und der verfassungsrechtlichen Voraussetzungen müssten zwar sorgfältig geklärt werden. Nach mehr als zwei Jahrzehnten dürften diese Schwierigkeiten jedoch nicht zum Dauerzustand werden.

Muslime erwarten Normalität

Der Islamrat verweist zugleich auf die Bedeutung des Unterrichts für die religiöse Bildung. Die Schule erreiche aufgrund der Schulpflicht auch Kinder und Jugendliche, die nicht regelmäßig eine Moschee besuchten. Dort könnten sie ihre Religion fachlich kennenlernen, unterschiedliche Auslegungen einordnen und zwischen religiösen Inhalten, Ideologien und extremistischen Verzerrungen unterscheiden.

„Musliminnen und Muslime erwarten keine Sonderbehandlung. Sie erwarten Normalität, weil sie selbstverständlich zu diesem Land, zu seinen Schulen und zu seiner Gesellschaft gehören“, erklärte Kesici abschließend.

Leserkommentare

grege sagt:
der Artikel stellt die Situation so dar, als liege die Ursache für die jahrzehntelangen Übergangslösungen beim islamischen Religionsunterricht vor allem im mangelnden politischen Willen. Damit greift er meines Erachtens zu kurz. Die entscheidende Frage ist seit Jahren nicht, ob muslimische Schülerinnen und Schüler Religionsunterricht erhalten sollen, sondern wer diesen gegenüber dem Staat legitim vertreten kann. Genau an dieser Frage scheitert die Debatte bis heute. Anders als bei den Kirchen gibt es keine allgemein anerkannte muslimische Vertretung, die die Vielfalt des muslimischen Lebens in Deutschland repräsentiert. Die muslimische Bevölkerung besteht aus Sunniten unterschiedlicher Prägungen, Schiiten, Aleviten, Sufis, liberalen, konservativen und säkularen Muslimen. Viele dieser Gruppen finden sich in den bestehenden Verbandsstrukturen nur unzureichend wieder. Hinzu kommt, dass auch der Islamrat selbst keineswegs unumstritten ist. Seine enge Verbindung zur Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG), die aus der Milli-Görüş-Bewegung von Necmettin Erbakan hervorgegangen ist, gehört seit Jahren zur öffentlichen Diskussion. Verfassungsschutzbehörden weisen weiterhin auf ideologische Kontinuitäten hin und kritisieren insbesondere das Ausbleiben einer klaren Distanzierung von antisemitischen Elementen im politischen Erbe Erbakans. Darüber hinaus muss auch selbstkritisch gefragt werden, warum es den islamischen Verbänden bislang nicht gelungen ist, sich stärker für Muslime mit anderen religiösen Verständnissen und Traditionen zu öffnen und eine wirklich breite Repräsentation muslimischen Lebens in Deutschland zu schaffen. Die Repräsentanzfrage ist nicht nur ein Problem des Staates, sondern auch ein Problem der Verbände selbst. Vor diesem Hintergrund erscheinen die bestehenden Modelle nicht einfach als Ausdruck fehlender Gleichbehandlung. Sie sind vielmehr das Ergebnis ungelöster verfassungsrechtlicher und innerislamischer Fragen. Genau darüber hätte ich mir in dem Artikel eine deutlich ausführlichere Auseinandersetzung gewünscht.
18.09.26
22:24