Analyse

Lehrer diskriminieren türkische und arabische Schüler häufigsten

Rund 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben eine Migrationsgeschichte – und viele von ihnen erlebe subtile Benachteiligung. Das zeigt sich an Leistungsbewertung, aber auch ganz konkret in der Sprache.

07
03
2026
Religionsunterricht SchülerInnen, Religionsunterricht
Symbolbild: Schule Unterricht © shutterstock, bearbeitet by iQ.

Auch an Schulen erleben Kinder und Jugendliche rassistische Ungleichbehandlung: Das zeigt ein am Mittwoch vorgestelltes Papier des Mediendienstes Integration. Besonders stark betroffen sind demnach Schülerinnen und Schüler, deren Familien aus der Türkei oder arabischsprachigen Ländern eingewandert sind – sie berichten häufiger von persönlicher Diskriminierung als diejenigen, deren Familien ursprünglich aus Polen, dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion oder dem früheren Jugoslawien stammen. Zudem fühlen sich Jungen demnach stärker diskriminiert als Mädchen.

Ausgewertet wurden laut Angaben zahlreiche Studien mit hohen Datensätzen. Eine Mehrheit hat nach eigenen Angaben selten oder nie persönliche Diskriminierung erlebt. Allerdings sollte dies „nicht als Entwarnung missverstanden werden“: Die Erfahrung betreffe vor allem junge Menschen, die als nicht der Mehrheit zugehörig wahrgenommen werden. Auch werde rassistische Diskriminierung nicht immer benannt.

Die Expertinnen des Berliner Instituts für Migrations- und Integrationsforschung, Aileen Edele und Sophie Harms, verweisen auf weitere Studien, denenzufolge Diskriminierung besonders häufig aufgrund der Hauptfarbe geschieht. Auch gegenüber Sinti und Roma gebe es massive Vorurteile. Diese Erfahrungen könnten sich negativ auf Selbstbild und Wohlbefinden auswirken. „Alle Schüler*innen haben das Recht auf einen diskriminierungsfreien Schulbesuch“, mahnen die Forscherinnen.

Lehrer bewerten gleiche Leistung schlechter

Betroffene besuchten seltener ein Gymnasium und machten seltener Abitur – einigen experimentellen Studien zufolge, weil Lehrkräfte mitunter gleiche Leistung schlechter bewerten. Auch das Verhalten von Lehrerinnen und Lehrern könne dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgeschichte sich weniger zutrauten und weniger gefördert würden.

Problematisch sei zudem „die geringe Anerkennung der Herkunftssprachen eingewanderter Familien“: So sei es die Ausnahme, dass diese an Schulen als Fremdsprachen gelehrt würden. Angebote mit herkunftssprachlichem Unterricht seien von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich; an manchen Schulen seien Herkunftssprachen sogar verboten. „Selbstverständlich müssen auch für den Erwerb der deutschen Sprache ausreichend Lerngelegenheiten eröffnet werden“, so die Autorinnen. Rund 40 Prozent aller Schülerinnen und Schüler haben demnach Migrationshintergrund. (KNA, iQ)

Leserkommentare

grege sagt:
Leider entsteht beim Lesen der Eindruck, dass der Artikel ein stark vereinfachtes und einseitiges Narrativ zeichnet – eines, in dem die Mehrheitsgesellschaft überwiegend als diskriminierend und muslimische Schülerinnen und Schüler ausschließlich als Opfer dargestellt werden. Eine solche Rahmung ist erklärbar, aber sie greift wissenschaftlich zu kurz und wird dem aktuellen Forschungsstand nicht gerecht. 1. Diskriminierung existiert – im Gesamteffekt aber nur moderat Robuste sozialwissenschaftliche Studien wie jene von Jörg Dollmann (KZfSS 2025) zeigen: Diskriminierungseffekte sind empirisch nachweisbar, allerdings klein bis moderat, wenn man sie über große Schülergruppen und längere Zeiträume aggregiert. Sie erklären nur einen begrenzten Anteil ethnischer Leistungsunterschiede. [islamiq.de], [dokmz.com] 2. Bias-Effekte in Experimenten: Ja – aber nicht im Sinne struktureller systemischer Verzerrung In experimentellen Designs – etwa bei identischen Schülertexten mit unterschiedlichen Namen – finden sich leichte Benachteiligungseffekte gegenüber migrantischen Namen. Diese Effekte sind signifikant, aber nicht groß. Sie spiegeln individuelle Wahrnehmungs- oder Heuristikfehler wider, nicht ein flächendeckendes Strukturproblem. [islamiq.de] 3. Kompensatorische Effekte werden verschwiegen Gerade die Forschung, auf die sich der Mediendienst Integration in seiner Expertise stützt, betont, dass viele Lehrkräfte gegenläufige, kompensatorische Verhaltensweisen zeigen: zusätzliche Förderung, mildernde Bewertung, erhöhte Unterstützung. Diese Effekte schwächen gemessene Diskriminierung deutlich ab, werden im öffentlichen Diskurs aber kaum erwähnt. [islamiq.de] 4. Subjektive Schülerbefragungen sind kein objektiver Diskriminierungsnachweis Der IslamiQ-Artikel stützt sich stark auf subjektive Angaben aus Schülerbefragungen. Diese sind wertvoll, aber nur ein Teilausschnitt. Wahrnehmungen sind nicht gleich objektive Diskriminierung. Für ein ausgewogenes Bild wären: Lehrkräfteperspektiven, objektive Leistungsdaten, und kontrollierte Vergleichsstudien erforderlich. Genau diese fehlende Triangulation führt dazu, dass die Darstellung im Artikel unverhältnismäßig zugespitzt wirkt. [pro-medienmagazin.de] 5. Niedrigere Abiturquoten sind kein Beleg für Diskriminierung Leistungsunterschiede resultieren überwiegend aus sozialökonomischen Faktoren, etwa der Bildungsnähe des Elternhauses, Sprachumgebung, Wohnort oder Ressourcen. Die Forschung zeigt eindeutig, dass diese Faktoren eine wesentlich stärkere Erklärungskraft haben als Diskriminierungseffekte. Eine geringere Abiturquote daher unmittelbar als Beleg für strukturelle Benachteiligung zu interpretieren, ist wissenschaftlich nicht haltbar. [islamiq.de] 6. Zur medialen Rahmung: Insgesamt entsteht bei IslamiQ häufig der Eindruck, dass komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge in eine Opfer‑Täter‑Dichotomie eingeordnet werden, bei der die Mehrheitsgesellschaft einseitig problematisiert und muslimische Menschen nahezu ausschließlich in einer Betroffenen-/Leidensrolle dargestellt werden. Kritik, Gegenperspektiven und moderierende Befunde aus der Forschung werden dagegen kaum erwähnt – obwohl sie wissenschaftlich entscheidend sind, um ein vollständiges Bild zu vermitteln. Fazit: Diskriminierung sollte ernst genommen werden – aber ebenso sollte sie korrekt quantifiziert, differenziert eingeordnet und nicht politisch zugespitzt werden. Der Forschungsstand spricht eindeutig für ein nuanciertes Bild, nicht für das im Artikel gezeichnete stark vereinfachte Schema. Eine ausgewogenere Darstellung würde der Realität an Schulen und der tatsächlichen Komplexität des Themas gerechter werden.
09.03.26
22:47
Timotheus sagt:
Und wie steht es bitte um die Diskriminierung von Lehrern (all genders) durch türkische und arabische Schüler? Ob nun subtil oder ganz direkt und konkret in der Sprache.
18.03.26
3:24