Inklusion

„Ich bin nicht nur der blinde Muslim!“

Mourad Louloud ist Akademiker, Dozent, Ehrenamtler, Vater und Ehemann. Und er ist blind. Doch wie lebt es sich als Muslim mit einer Beeinträchtigung in Deutschland? Ein Porträt.

06
06
2020
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Mourad Louloud
Mourad Louloud

Der Himmel ist strahlend blau und der Wind weht den warmen süßen Duft von frisch gebackenen Dattelkeksen in die kleinen Häuser im Dorf. Mourad beobachtet aus dem Fenster mit seinem noch letzten verbliebenen Augenlicht die Jungs beim Fußballspielen. Die Augenkrankheit breitet sich immer schneller aus. Von Tag zu Tag sieht Mourad immer weniger.

Er hört die Stimme der alten Tante, die ihr Obst und Gemüse verkauft, und den Onkel von nebenan, der seine Ziegen füttert. Alles in seinem kleinen Dorf in Marokko ist ihm vertraut. Er spürt die Sonne in seinem Gesicht, sie scheint durch das Fenster in sein Zimmer. Er darf nicht raus. Er kann nicht raus. In seinen jungen 15 Jahren droht ihm die völlige Erblindung. Hoffnung hat Mourad noch. Doch es kommt anders. Durch eine falsche Behandlung verliert er sein Augenlicht vollständig. Seine Hoffnungen, Träume und sein Vertrauen verschwinden in der Dunkelheit. „Jetzt ist es dunkel um mich.“

Von nun an lebt Mourad isoliert. Sein Zimmer ist die einzige barrierefreie Räumlichkeit. Die Erinnerungen, die er an früher hat, verändern sich. Sie sind noch da, aber sie verlieren immer mehr an Bedeutung. Seine einzige Hilfe ist seine Mutter. Und das schmerzt. Nicht mehr selbstständig agieren zu können, schmerzt. Auf Hilfe angewiesen zu sein, auch wenn es die eigene Mutter ist – oder gerade, weil es die Mutter ist – schmerzt. Der Schmerz sitzt tief. So tief, dass Mourad in eine Depression verfällt. Er weiß, dass er nicht mehr Fußball spielen kann und er weiß, dass er sein Leben von nun an anders sein wird. Schwer und voller Stolpersteine. „Aber ich habe mir vorgenommen, nicht nur der blinde Junge aus dem kleinen, marokkanischen Dorf zu bleiben“, versprach sich Mourad. Und er hat sein Versprechen gehalten.

Mit dem Kassettenrekorder zum Masterabschluss

„Sie müssen mit der Tastenkombination die Datei abspeichern, bevor sie weiter an dem Programm arbeiten können“, erklärt Mourad seiner Kundin Frau W., während er geduldig und kontrolliert auf seiner Blinden-Tastatur die Kombination abtippt. Frau W. macht es auf ihrer Tastatur nach. Sie kann im Gegensatz zu Mourad sehen. Mourad arbeitet als Fachberater für Integration. Mit seiner Arbeit unterstützt er Menschen, die eine Sehbeeinträchtigung oder andere körperliche Beeinträchtigung haben, mit Sprachtraining und Programmierungsarbeiten am Computer. Mourad Louloud verbringt sechs bis sieben Stunden bei seinen Kunden. Zusätzlich bietet er auch eine telefonische Beratung an. Auch administrative Arbeit wie Tätigkeitsnachweise und Berichte erstellen, gehören zu seinem Aufgabengebiet. Bei allem, was zu „schwer“ für ihn ist oder was zu viel Zeit in Anspruch nehmen könnte, unterstützt ihn sein Arbeitsassistent. Dazu gehören Aufgaben wie Post oder Schriftverkehr, der nicht mithilfe der Sprachsteuerung abgewickelt werden kann. Mourad nimmt auch regelmäßig an Schulungen teil.

 „Ich musste viele Hürden überwinden“

Aber damit nicht genug. Mourad hat einen Masterabschluss in Arabistik mit dem Schwerpunkt „Übersetzungen Deutsch-Arabisch, Arabisch-Deutsch“ und einen C1-Abschluss am Goethe-Institut Mannheim/Heidelberg. Er arbeitet als Dozent für arabische Literatur an der Universität Marburg und nahm an Weiterbildungsprogrammen im Bereich Kommunikation teil. All diese Qualifikationen kann der 36-jährige Mourad Louloud vorweisen.

Doch sein Weg war nicht einfach. „Ich musste viele Hürden überwinden, bis ich hier angekommen bin“, erinnert er sich. In seiner schulischen und akademischen Bildung in Marokko war er der einzige mit einer Sehschwäche. Alle Hilfestellungen, um seinen Alltag zu meistern, musste er sich selbst beibringen und organisieren. „Ich musste wildfremde Menschen fragen, ob sie mich bis zur Schule oder Universität begleiten“, erzählt Mourad. Dabei wirkt er sehr angespannt, vielleicht auch ein wenig traurig. In der Uni hat er dann die Vorlesungen auf einen Kassettenrekorder aufgenommen und zu Hause so lange abgespielt, bis er es auswendig konnte. Er lächelt. Nach dem Abschluss bekam Mourad die Gelegenheit, nach Deutschland zu kommen. Für ihn ein großer Schritt: ein Schritt zur weiteren Selbständigkeit und zur weiteren Bildung. Er nutzte diese Gelegenheit – mit einem Kassettenrekorder zum Masterabschluss.

„Inklusion muss in den Köpfen der Menschen anfangen“

„Ich habe den Jackpot geknackt!“, lacht Mourad. Als Muslim in Deutschland habe er es schon schwer, und dazu noch blind zu sein, sei eine große Herausforderung. „Naja, wenigstens sehe ich die Leute ja nicht“, scherzt er weiter. Er sei schon oft als „behinderter Muslim“ beschimpft worden und habe zudem weitere verbale rassistische Gewalt erlebt. Für ihn müsse die Gesellschaft viel mehr sensibilisiert werden. Der Kontakt mit Menschen, die eine Beeinträchtigung haben, werde komplett vermieden. „Wir sind keine Mutanten, sondern nur Menschen, die in einigen Bereichen beeinträchtigt sind“. Inklusion müsse als erstes im Kopf anfangen, ehe man versuche, barrierefreie Räumlichkeiten zu schaffen, sagt er: „Solange Barrieren in den Köpfen der Menschen vorhanden sind, ist die Barrierefreiheit beim Bahnfahren noch lange kein Erfolg.”

Auch unter Muslimen müsse noch einiges getan werden. „Während der Predigt versucht man, mir den Inhalt zu erklären- so als würde ich es nicht verstehen“. Blind zu sein bedeutet nicht auch gleichzeitig an einer kognitiven Einschränkung zu leiden. „Und wenn die Menschen in der Mosche dann sehen, dass ich ab und an die Predigten halte, scheinen sie ganz verwirrt“. Die Moscheen würden nur langsam die Türen für Menschen mit Beeinträchtigungen öffnen, die Räumlichkeiten umgestalten und den barrierefreien Zutritt für beeinträchtigte Menschen vereinfachen. „Ich habe das Recht, wie alle anderen Muslime die Moschee zu besuchen, meine Gebete zu verrichten und meinen Glauben bestmöglich auszuleben“, sagt Mourad. „Denn ich bin nicht nur der blinde Muslim!“.