Imam-Kolumne

Ramadan als Imam: Einladungen, Fragen, Belohnung

In unserer neuen Imam-Kolumne bitten wir monatlich einen Imam zu Papier. Den Anfang macht Ali Özgür Özdil und schreibt, wie er als Imam den Ramadan verbringt. Er ist voll mit vielen Fragen, vielen Einladungen und einer großen Belohnung.

03
06
2019
Imam Ali Özgür Özdil
Imam-Kolumne © Hatice Çevik, bearbeitet by iQ

Der Ramadan ist vorbei. Wir verabschieden ihn mit gemischten Gefühlen. Wer als Imam tätig ist, bekommt kurz vor und während des Ramadans in der Regel immer wieder dieselben Fragen gestellt. Manchmal sind es Muslime, die zum ersten Mal fasten, manchmal Muslime, die ihr Wissen auffrischen wollen oder immer noch Unsicherheiten haben. Die vielen unterschiedlichen Informationen, die sie vor allem aus dem Internet haben, verwirren sie gelegentlich, weswegen sie sich noch einmal absichern wollen: „Darf man sich wirklich die Zähne putzen?“, „Warum darf man eigentlich nicht Kaugummi kauen?“, „Sollte man erst Iftar machen oder erst das Abendgebet verrichten?“

Dann kommt der Ramadan

Im Ramadan senkt sich auf die Gemeinden eine ungewohnte Ruhe, wo doch sonst in den Moscheen immer viel los ist: Die einen beten, andere lesen Koran, gelegentlich läuft ein Kind durch den Gebetsraum, in der Teestube hört man wie sich die Leute miteinander lautstark unterhalten. Die Menschen sind ständig in Bewegung. Aber im Ramadan geht man alles eher ruhig an. Die Gemeindemitglieder beten langsamer, unterhalten sich ruhiger, gehen die Treppen langsamer hoch und runter, obwohl besonders in diesem Monat täglich viel los ist. Als Imam wird man von Einladungen überflutet: „Kommst du auf unsere Iftar-Veranstaltung?“, „Kannst Du eine Rede halten?“, „Betest du in unserer Moschee das Festgebet?“

Vielleicht ist der Ramadan der Monat, in dem ein Imam am wenigsten Zeit für sein Privatleben hat. Einladungen erreichten mich in diesem Ramadan aus Mainz, Frankfurt am Main, Zürich, Norderstedt, Neumünster, Kiel, Rendsburg und in Hamburg. Diese sind vor allem oft kurzfristig. Und man möchte natürlich auch etwas Zeit mit der eigenen Familie verbringen. Wenn man um 21:30 Uhr das Abendgebet verrichtet und anschließend Iftar in der Moschee hat, dann das Nacht- und Tarâwîh-Gebet verrichtet, kommt man nicht vor Mitternacht nachhause? Um 3:30 Uhr ist bereits Sahûr und dann folgt das Morgengebet. Weil im Ramadan mehr als in den anderen Monaten lost ist, muss man alles sehr gut planen, auch seinen Schlaf. Imam sein ist ein Vollzeitjob. Im Ramadan steigert sich das Ganze noch einmal.

Ramadan-Schule

Allein schon die vielen Fragen, die ein Imam zu beantworten hat, machen den Job intensiver. Im Ramadan werden immer wieder die gleichen Fragen gestellt, vor allem, was das Fasten aufhebt. „Darf man schwimmen?“, „Darf man seinen Ehepartner küssen?“ usw. Häufig sind es dieselben Fragen und es scheint so, als wenn der Ramadan für viele eine Art Schule ist, in der sie sich selbst aber auch andere informieren. Verwirrend sind Antworten, die nicht auf Konsens beruhen, sondern vielleicht nur die Meinung einer bestimmten Schule innerhalb des Islams wiedergeben: „Hebt eine Betäubungsspritze beim Zahnarzt das Fasten auf?“

Da muss man – auch virtuell – ein Angebot für die Nachfrage schaffen. Also ist der Ramadan auch eine Zeit des Schreibens, Veröffentlichens und Teilens von Informationen. Zumindest für mich. Der Ramadan sensibilisiert nicht nur die fastenden Muslime, sondern auch ihr gesellschaftliches Umfeld, die auch Fragen stellen: „Auch kein Wasser?“, ist ein Klassiker, über die Muslime sich manchmal ärgern oder auch lachen.

Nachhaltigkeit

In diesem Jahr machte „Plastikfasten“ die Runde, vor allem bei Iftar-Veranstaltungen islamischer Hochschulgemeinden. Im Islam gilt Verschwendung als Sünde, vor allem von Essen und Wasser. „The green deen“, die grüne Religion, wird der Islam von einigen genannt. Es war positiv, vor allem bei jungen Menschen ein wachsendes Umweltbewusstsein festzustellen. Drei Vorträge habe ich diesen Ramadan auf Iftar-Veranstaltungen (in Osnabrück, Hamburg-Harburg und Zürich) gehalten. In den Medien wurde die Aktion von NourEnergy: „Green Iftar“, einem muslimischen Umweltverein vorgestellt, so dass Muslime positiv in den Medien auftauchen – dank Ramadan! Der Ramadan soll uns schließlich zum Besseren ändern. Wir sollen nach dem Ramadan nicht in unsere alten Gewohnheiten verfallen.

Gemeinschaft

Der Iftar am Abend, ob zuhause, in der Moschee, auf öffentlichen Plätzen oder sogar in Kirchen, wie kürzlich in Norderstedt, bringt sehr viele Menschen zusammen. Alte Bekannte und neue Bekanntschaften kommen zusammen. Man isst zusammen, unterhält sich und tauscht vielleicht auch Visitenkarten aus. „Hätten Sie Interesse bei uns einen theologischen Vortrag zu halten?“, fragte mich kürzlich ein Probst aus Neumünster. In Thurgau (Schweiz) sprach ich vor 1800 Iftar-Gästen zur „Weisheit der Liebe“.

Im Ramadan sollten wir die geistigen Schätze des Islams präsentieren, statt ständig die negativen Berichte zu reproduzieren. Aber auch sie gehören zu unserer Realität. Daher sind Gebete für Bedürftige sehr wichtig. Auch dafür ist der Ramadan eine sehr gute Zeit. Wem wir nicht mit der Tatkraft oder mit unseren Spenden helfen können, senden wir unsere Gebete. Das ist das Mindeste, was wir tun können.

Es gibt aber auch Menschen, die auch im Ramadan einsam sind. Ein Konvertit habe sich letztes Jahr sehr über die Einladung eines anderen Muslims gefreut. Der Ramadan sei für ihn sonst die einsamste Zeit im Jahr. Während alle mit ihren Familien und Freunden feierten, werde er sonst nie eigeladen. Wenn nicht im Ramadan, wann dann sollten wir an Menschen denken, die vielleicht keine muslimische Familie haben oder Angebote in nichtdeutschsprachigen Moscheen nicht annehmen können? Der Ramadan lehrt uns, dass es noch sehr viel zu tun gibt.

Es war eine teils erholsame, teils aktionsreiche Zeit, dieses Jahr. Wir sind hierzulande wahrlich gesegnet. Hungern muss niemand bzw. Fasten ist kein wahres Hungern. Wahrer Hunger wäre, wenn ich seit Tagen nichts gegessen hätte und auch heute nicht wüsste, ob es etwas zu essen geben wird. Wir fasten auch nicht, um zu hungern. Wir sind hier, um unserem Schöpfer zu dienen. Jeder Tag ist eine neue Chance dazu, aber auch jeder Ramadan. Es ist eine Zeit der Prüfung, der körperlichen wie mentalen Stärkung (Fasten kann den Menschen in seinem Glauben stärken) und der Hilfeleistung (Wohlhabenden wird empfohlen ihre Zakat noch vor dem Festgebet an die Bedürftigen zu entrichten) und auch der Versöhnung (Zerstrittene sollen sich versöhnen).

Die Belohnung

Legt man also all die positiven Aspekte des Ramadans auf die Waagschale, dann ist das bisschen Hunger und Durst – und die vielen Fragen – nichts im Vergleich zu der Belohnung, die die Fastenden erwartet. Sehr viel erzählen wir daher den Gläubigen von der Belohnung Gottes, dessen Größe und Art wir mit unserer Phantasie nicht ermessen können. Wer sich nicht über den Ramadan bildet, der verspürt lediglich Hunger und Durst. Wer sich bildet, der fastet mit Freude.

Leserkommentare

Emanuel Schaub sagt:
Also Imam sein ist ja wohl wirklich nichts für Faulpelze (ich hatte "klammheimlich" meine Vor-Urteile? gegenüber dem Berufsalltag von chrislichen Priestern/Pfarrern auf diese Berufsgruppe übertragen.. Am Rande erwähnt; mich hatten zwei Nachrichten zum Ramadan Ende regelrecht auf die palme gebracht; Wörtlich wurde behauptet "im Ramadan dürfen gläubige am Tage !! nicht essen und keinen Alkohol trinken (bei den Feichsern kommt so was ja gut an -aber die wirklichkeit ist ja eine Andere.. Und in der nächsten Nachrichtensendung wusste der Sprecher zu berichten "am Tage ... dürften Moslems auch keinen Sex haben...(sonst ist das ... ja die Regel bei "denen" ...9 Hat das eigentlich Unterhaltungswert für die WDR Hörer ? (herr Intendant??) gruß emanuel
06.06.19
12:22