Imam-Kolumne

Der „soziale Imam“

In unserer Imam-Kolumne bitten wir einen Imam zu Papier. Imam Dr. Mohammed Naved Johari schreibt, was ein Imam für soziale Arbeit zu leisten hat. Eines ist klar: Imam zu sein ist kein einfacher Job.

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Imam Mohammed Naved Johari © IslamiQ, illustriert HC.
Imam Mohammed Naved Johari © IslamiQ

Wie aus den vorangegangenen Beiträgen der Imam-Kolumne hervorgeht, ist das Imam-Sein ein schwer zu erreichender und schwer zu haltender Zustand. Als Imam braucht man Humor und Auflockerung von und für belastende Themen und Aufgaben. Was hat es damit auf sich?

Eine Moschee ist eine Institution der Zivilgesellschaft und der sozialen Arbeit – so wurde sie vom Propheten Muhammad (s) in Form der ersten von ihm gegründeten Moschee in Medina etabliert. Obdachlose und Wissensdurstige wurden in der Moschee mit Unterkunft, Lehre und Ausbildung, Nahrung sowie Seelsorge umsorgt, ihnen wurde gesellschaftliche Teilhabe systematisch ermöglicht.

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In der Moschee des Propheten (s) haben u. a. Verhandlungen, religiöse Feste und Eheschließungen stattgefunden, nichtmuslimische Gäste wurden dort großzügig versorgt. Ibn Ishâk überliefert darüber hinaus, dass die christliche Gesandtschaft aus dem Nadschrân ihr Gebet in der Prophetenmoschee verrichtete. Oft im Anschluss an die Gebete geleistet, gehörten Persönlichkeitsentwicklung sowie Familien- und Gemeindesozialarbeit rund um Nachbarschaft, Ehe, Erziehung und Pflege sowie Schlichtung und Fürsprache zum Alltag des Gottgesandten (s).

Allein der quantitativen Anforderungen wegen ist ein Imam nur so stark, wie sein Team. Diese Lektion mitgebend, hatte der Prophet Muhammad (s) mit Stellvertretern gearbeitet sowie die Gemeinde stets in die Verantwortung miteinbezogen.

Imame haben eine soziale Natur

Vorangegangenes im Sinn, verwundert es nicht, dass Imame eine soziale Natur und eine Gemeindeanbindung haben müssen, damit sie die Lebensrealität der Gemeinschaft erfassen und diese positiv gestalten können. Imame wohnen weder im wissenschaftlichen Elfenbeinturm, noch auf dem Mond.

In der Öffentlichkeitsarbeit thematisieren Imame gesellschaftliche Probleme wie Muslimfeindlichkeit und argumentieren für Gleichwertigkeit und Bürgerrechte, pro Kopftuch, Beschneidung und Schächtung. Dafür, wie andere Religionsgemeinschaften auch die religiösen Bauten gemäß eigenen Vorstellungen gestalten zu können – inklusive Minarett und Kuppel. In der Folge muss sich so mancher Imam einerseits oft mit Rufschädigung(skampagnen) befassen und andererseits innerhalb der Gemeinde sich hin und wieder anhören, man sei „weich“, weil man sich beispielsweise Moscheebauten in Deutschland – aufgrund der Sunna wie auch der gesellschaftlichen Gegebenheiten – ohne Minarett und Kuppel wünscht.

Meinungsaustausch zwischen Imamen und der Gemeinde ist in vielerlei Hinsicht verankert und führt auf den Koran und das gelebte Vorbild der Urgemeinde zurück.  Vom religiösen Ideal zur hiesigen Wirklichkeit: Imame übernehmen, zusätzlich zu den rituellen Aufgaben, Tätigkeiten von Seelsorgern sowie Jugend- und Sozialarbeitern.

Der Weg zum „sozialen Imam“

Abgesehen von dem, mit anderen Ländern verglichenen, bescheidenen Angebot der Universitäten, die „Islamische Theologie“ lehren, macht es aus meiner Wahrnehmung der Imame und ihrer Tätigkeiten mehr Sinn, Imame an Fachhochschulen, die Soziale Arbeit lehren, grundauszubilden. Die nötigen religiösen Elemente können von unabhängigen muslimischen Instituten vermittelt werden. Institute, die Grundlagen des Islams nicht unter gesellschaftspolitischem Druck verhandeln.

Weil die Schwerpunksetzung aufgrund der zahlreichen möglichen Betätigungsfelder sehr verschieden ausfallen und auch auf die Persönlichkeit des Imams zugeschnitten werden kann, gibt es mehrere Ausbildungswege für diese Berufung. In meinem Fall waren es ausnahmslos bereits vorhandene Positionen innerhalb der Moscheegemeinde, die mich dazu inspirierten, passende Studiengänge aufzunehmen, um so qualitativere Dienstleistungen anzubieten.

Die Jugend- und Sozialarbeit führten mich zum Studium der Sozialpädagogik,
Leitungsfunktionen (in anderen, teils muslimischen Organisationen) zum Management-Studium, die religiöse Arbeit zum Arabisch- und Islamstudium, die Dialog- und Friedensarbeit zum Masterlehrgang „Interreligiöser Dialog“ sowie die Familien-Sozialarbeit zur Promotion mit einschlägigem Thema in Islamologie sowie zur Ausbildung in systemischer Familientherapie.

Das Lernrezept besteht für mich jedoch nicht aus akademischen Anteilen allein: Erfahrenere Mentoren, kollegiale Beratung, das offene Ohr für die Gemeinde und die Gesamtgesellschaft, persönliche Tazkiyya (Charakterbildung und -reinigung) gehören genauso zur Schule des Lebens.