Kopftuchverbot

„Im christlichen Klub nicht willkommen“

Der stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), Haci Halil Uslucan, sieht ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren mit gemischten Gefühlen. Den Vorschlag des NRW-Integrationsministers Joachim Stamp (FDP) könnten Muslime als Ausgrenzung verstehen.

10
04
2018
Prof. Dr. Hacı Halil Uslucan
Prof. Dr. Hacı Halil Uslucan © ZfTI, bearbeitet by iQ.

Herr Uslucan, wie stehen Sie zu einem Kopftuchverbot für Kinder?

Uslucan: Ein staatlicher Eingriff mit einem Verbot führt meiner Ansicht nach nicht zu positiven Veränderungen. Besser wäre es, die Betroffenen von einer Anpassung zu überzeugen. Gerade in der Schule müsste man es schaffen, den Kindern die Vielfalt der deutschen Gesellschaft zu zeigen und so Integration zu bewirken.

Warum sehen Sie ein Verbot nicht als passendes Mittel zur Integration an?

Uslucan: Es könnte einer Radikalisierung Vorschub leisten. Islamistische Stimmen könnten unterstreichen: Seht ihr, die Botschaft ist „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ und wir sind im christlichen Klub nicht willkommen.

Wofür plädieren Sie?

Uslucan: Ein Verbot wäre wohl wesentlich effektiver, wenn nicht nur eine religiöse Gruppe reglementiert würde, sondern alle. Das ist aber mit der deutschen Verfassung nicht machbar. Den neuerlichen Vorstoß sehen sicher einige Muslimen wieder als Signal der Ausgrenzung, die nur auf sie abzielt. Betroffene Eltern können diese Beschränkung bestimmt nicht verstehen. Und die Kinder, die im Grundschulalter Kopftuch tragen, sind noch so jung und nicht reif genug, um zu verstehen, dass sie dem Islam nicht widersprechen, wenn sie kein Kopftuch tragen.

Ab wann ist ein Kopftuch für Frauen vorgeschrieben?

Uslucan: Nach islamischen Vorstellungen sollen Mädchen dann ein Kopftuch tragen, wenn sie die religiöse Mündigkeit erreicht haben. Dies ist im islamischen Recht der Beginn der Pubertät. Diese Reife haben sie heutzutage meist mit elf oder zwölf Jahren erlangt.

Warum kommt es dennoch vor, dass junge Mädchen sich verhüllen?

Uslucan: Eltern wollen ihre Kinder in einem religiösen Raum hinein sozialisieren. So werden die Regeln zur Gewohnheit, und mit dem Erreichen des Reifealters hinterfragen die betroffenen Mädchen das Kopftuch nicht mehr. Ich rege jedoch in dem Zusammenhang auch eine Selbstreflexion aller Religionen in Deutschland an: Bis zur religiösen Mündigkeit werden die Kinder von den Eltern erzogen und mit 14 Jahren sollen sie sich dann plötzlich selber die Frage stellen: Woran will ich glauben? Kritisches Denken und religiöse Erziehung sollten sich nicht ausschließen. Aber die aufgeklärte Vorstellung ist wirklichkeitsfremd, dass dann ein 14-jähriges Kind seine bisherigen erworbenen Überzeugungen völlig revidiert. (KNA, iQ)

Leserkommentare

Kritika sagt:
L.S. Uslucan: verkündigt: Ein (Kopftuch- ) Verbot ( für Mädchen <14 Jr. )wäre wohl wesentlich effektiver, wenn nicht nur eine religiöse Gruppe reglementiert würde, sondern alle. OK, Uslucan, dann für eben für alle Mädchen, und Frauen. Und zwar überall. Nun zufrieden? Das würde das Städtebild in deutschland erheblich verbessern; die hässliche Kopftuch-Provokationen wären verschwunden. Das würde MuslimFrauen "unsichtbar" machen, sie würden nicht mehr belästigt und das euwige gejammer über KopftuchBelästigung wäre verschwunden. Nur, die gewählten Volksvertreter müssen das auch tun, -- nicht nur darüber "sondieren". Und zwar was-auch-immer "Diener eines eingebildeten Fantasie-Gottes" davon halten. Gruss, Kritika.
10.04.18
22:52
Johannes Disch sagt:
Nachdem sich die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, der Chef der KMK skeptisch geäußert haben wegen verfassungsrechtlicher Bedenken, kann man wohl davon ausgehen, dass die Landesregierung von NRW ihren absurden Vorschlag einmotten wird.
11.04.18
12:31
Kritika sagt:
An Hr. Disch Er schreibt « -- - NRW ihren absurden Vorschlag einmotten wird. » "Absurd? wieso? Kritka findet den Vorschlag sehr klug und weise. Der Islam zittert; die Kinder sind denen schnurtz egal aber die Einschläge kommen näher; hätten Sie noch vor einigen Jahren NRW und Österreich so einen Kopftuchs-Verbot-Vorschlag für kleine Kinder zugetraut? Langsam wird jedem deutlich, dass der Islam eine von vielen Mückengrösse Sekten ist. Eine im 1 stelligen % - Bereich. Aber dass sie sich gerne als Elefant aufbläst und dann elefantös wahrgenommen will. Den Gefallen sollten wir den Islam nicht tun. Gruss, Kritika
11.04.18
23:00
Frederic Voss sagt:
Seit wann sind denn christliche Stimmen - Stimmen der "Ungläubigen" - im islamischen Klub willkommen? Sollen alle absurden Vorschläge aus dem islamisch beherrschten Milieu zum Gesetz mit politischer Wirkkraft - oder auch Sprengkraft - werden? Das "islamische Recht" hat in Deutschland keinerlei offizielle Rechtsgültigkeit.
11.04.18
23:35
Prinzessin Rosa sagt:
Die religiöse Mündigkeit setzt aber voraus das man zuvor auch etwas über die Religionen gelernt hat. Wenn man es unterlässt sein Kind dahingehend zu unterweisen (manche nennen es hier fälschlicherweise Indoktrination), kann es ab der Grundschule einen christlichen Religionsunterricht besuchen. In den seltensten Fällen gibt es islamischen Religionsunterricht. An den weiterführenden Schulen wird,wenn überhaupt, nur an Hauptschulen isl. Religionsunterricht angeboten. Wie sollen sich denn die Kinder für irgendwas entscheiden wenn sie von gar nichts eine Ahnung haben! Wir brauchen endlich einen verbindlichen GEMEINSAMEN Religionsunterricht. Dann klappts auch mit dem Nachbarn.
12.04.18
1:27
Johannes Disch sagt:
Einen Fehler macht Herr Usculan. Wir sind kein "christlicher Klub", sondern ein säkularer Staat. Denselben Fehler macht auch Erdogan, wenn er die EU als einen "Christenclub" bezechnet.
13.04.18
18:39
Klarsteller sagt:
Man kann nicht oft genug dem Anspruch der Konservativen entgegentreten, sich für "den" Islam zu halten. Entlarvend ist die Formulierung "Nach islamischen Vorstellungen sollen Mädchen dann ein Kopftuch tragen, wenn sie die religiöse Mündigkeit erreicht haben." Das ist schlicht falsch. Das sind keine islamischen Vorstellungen, sondern die Vorstellungen von islamischen konservativen Menschen, die in Deutschland unter den Muslimen in der Minderheit sind. Die Mehrheit bilden sie lediglich unter den Funktionären.
18.04.18
15:28
Johannes Disch sagt:
@Klarsteller Prima auf den Punkt gebracht.
20.04.18
21:23
Johannes Disch sagt:
-- "Nach islamischen Vorstellungen sollten Mädchen dann ein Kopftuch tragen, wenn sie die religiöse Mündigkeit erreicht haben." (Prof. Usculan) Wie "Klarsteller" erfreulicherweise schon deutlich gemacht hat, ist das falsch. Das sind keine "islamischen Vorstellungen", sondern die Vorstellungen konservativer islamischer Funktionäre. Diese bilden in den Gremien und Verbänden die Mehrheit, sind aber nicht repräsentativ für die bei uns lebenden Muslime und auch nicht repräsentativ für "Den Islam." Es lässt sich aus dem Koran nicht zwingend eine Pflicht zum Kopftuch ableiten. So sehr ich dafür bin, dass Muslime/innen ihre bei uns verbürgten (Grund)Rechte bekommen, so sehr bin ich skeptisch gegenüber den Verbänden. Und die Aussage von Herrn Usculan bestätigt diese Skepsis. Und dass Herr Usculan auch noch stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) ist, das macht die Sache umso bedenklicher. Es ist ein typisches Beispiel dafür, dass die Verbände nach wie vor einen eher konservativen bis reaktionären Islam vertreten. Das ist zwar nicht verboten. Aber völlig unbedenklich ist es auch nicht. Wir sollten nicht konservative Auslegungen des Islam fördern, sondern liberale. Und in einem liberalen Islam hat das Kopftuch eher keinen Platz. Ich sehe das Kopftuch also keineswegs unproblematisch, wie mir hier manche unterstellen. Es geht mir einfach nur um die verfassungsmäßigen Grundrechte der bei uns lebenden Muslime. Und da kann man ein Kopftuch nun mal nicht einfach verbieten. Entscheidend ist-- wie bei allem-- die Freiwilligkeit. Erfreulicherweise ist der Trend zum Kopftuch bei in Deutschland lebenden Musliminnen rückläufig.
22.04.18
14:13