Frankreich

Verbot religiöser Symbole hat anti-muslimische Haltung gestärkt

Kritik an dem Verbot für religiöse Symbole an Frankreichs Schulen äußert die Laizismusexpertin und Forscherin Valerie Amiraux. Der Staat habe mit dem Gesetz eine anti-muslimische Haltung in Frankreich gestärkt.

06
02
2014

Laizismusexpertin Valerie Amiraux, Forscherin an der Universität Montreal (Kanada), kritisiert in einem Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur das bestehende Verbot von religiösen Symbolen an Frankreichs Schulen. Das Verbot habe eine anti-muslimische Haltung in Frankreich verstärkt, erklärt die Forscherin. Außerdem glaubt sie daran, dass das 2010 eingeführte Burka-Verbot Risiken birgt, da es junge Frauen und Mütter betreffe. „Sie könnten als Folge jeglichen Kontakt zur Gesellschaft abbrechen – und das könnte tatsächlich eine Radikalisierung zur Folge haben“, warnt Amiraux.

Das französische Parlament hatte am 10. Februar 2004 beschlossen, dass Schüler keine religiösen Symbole an Schulen zur Schau stellen dürfen. Aus der Sicht von Amiraux wollte der Staat vermeiden, dass „junge Frauen zum Kopftuchtragen gezwungen werden“. Die tatsächliche Auswirkung sei jedoch, dass man versuche, „jede religiöse Haltung abzustreifen.“ Dies sei nicht nur unverhältnismäßig, sondern auch irreführend. „Es vermittelt die Idee, dass man nicht beides sein könne: guter Bürger und gläubig.“

Es geht hauptsächlich nur um Muslime

In der Debatte um das Thema gehe es zudem hauptsächlich nur um Muslime und andere religiöse Minderheiten. „Selten ist die Rede von Kippas oder christlichen Kreuzen. Nach der Verabschiedung des Gesetzes gab es bei rund zwölf Millionen Schülern in Frankreich 47 Schulverweise, weil ein religiöses Symbol getragen wurde. Um damit umzugehen, hätte es kein Gesetz gebraucht“, stellt die Laizismusexpertin fest.

Die Forscherin bezeichnet es auch als widersprüchlich, was der Staat derzeit tue. Auf der einen Seite ziehe er sich mehr und mehr aus dem Privatleben zurück, auf der anderen Seite tue er mit dem Gesetz genau das Gegenteil: „Bürger werden dazu aufgefordert, auch im Privaten säkular zu leben. Säkularismus muss aber vom Staat ausgeübt werden, nicht vom Bürger.“

Trotz der Kritik am Gesetz: Mit einer Abschaffung allein werde das Problem nicht gelöst. „Das Problem ist nicht allein das Gesetz. Es ist auch die öffentliche Debatte. Selbst wenn wir das Gesetz ändern: Die Diskriminierung und feindliche Haltung gegenüber Muslimen hört damit ja nicht sofort auf“, sagt Amiraux. (kna/iQ)

Leserkommentare

Kritika sagt:
L.S. Das Anti-religiöse-Symbole-Gesetz scheint allgemein akzeptiert zu werden in Frankreich: nur 47 Verstösse bei 12.000.000 Schüler. Es scheint ebenfalls EU-conform zu sein. Warum also nicht auch in Deutschland? Nach dem begrüssenswerten EUGh-Urteil betr. Kopftuch in Betriebe wäre dann eine weitere Quelle von Streit beseitigt. Gruss Kritika
02.04.17
21:12