Vertreter muslimischer Dachorganisationen aus zehn europäischen Ländern haben sich in Sarajevo getroffen. Sie berieten über die Teilhabe von Muslimen, das Verhältnis zum Staat und die künftige Zusammenarbeit.
Muslimische Vertreter aus Deutschland, Frankreich, Österreich, den Niederlanden, Belgien, der Schweiz, Dänemark, Norwegen, Italien und Großbritannien haben sich vom 9. bis 11. Oktober in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo zur „Konferenz muslimischer Gemeinschaften in Europa“ getroffen. Ziel der Zusammenkunft war es, Erfahrungen auszutauschen, gemeinsame Herausforderungen zu erörtern und Möglichkeiten für eine langfristige Zusammenarbeit auszuloten.
Bei der dreitägigen Konferenz tauschten sich die Teilnehmer über gesellschaftliche und politische Entwicklungen in Europa, die Teilhabe von Muslimen am öffentlichen Leben sowie die Beziehungen muslimischer Vertretungsorganisationen zu staatlichen und anderen Institutionen aus. Darüber hinaus diskutierten die Teilnehmer über die institutionelle und strukturelle Weiterentwicklung ihrer Organisationen.
In mehreren Gesprächsrunden wurden Erfahrungen aus den jeweiligen Ländern vorgestellt und gemeinsame Probleme, bestehende Handlungsmöglichkeiten sowie künftige Kooperationsfelder erörtert.
Der Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG), Ali Mete, betonte in seinem Beitrag die dauerhafte gesellschaftliche Verankerung der Muslime in Europa. „Wir sind keine Gäste in den europäischen Gesellschaften. Wir sind ein untrennbarer und dauerhafter Teil der Gesellschaften, in denen wir leben“, erklärte Mete.
Die Konferenz solle laut dem IGMG-Generalsekretär den Austausch zwischen muslimischen Vertretungsorganisationen intensivieren und ihre Kommunikation untereinander stärken. Zugleich betonte Mete, dass die Vielfalt der muslimischen Gemeinschaften mit ihren kulturellen und historischen Unterschieden kein Hindernis für die Zusammenarbeit sei, sondern eine Bereicherung. „Erfahrungen, die in einem Land gesammelt werden, dürfen nicht an nationalen Grenzen haltmachen. Auch wenn wir uns nicht in allen Fragen einig sind, müssen wir unseren Austausch und unsere Kooperationen stärken“, so Mete abschließend.
Auch der Vorsitzende der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB), Ramazan Ilıkkan, hob die Bedeutung solcher Konferenzen hervor. Es sei wichtig, dass Muslime in Europa zusammenkämen, um gemeinsame Themen, Probleme und mögliche Lösungen zu erörtern.
Der ehemalige Großmufti Bosnien und Herzegowinas, Dr. Mustafa Cerić, referierte über „Islamische Dachorganisationen in Europa – Aufgaben, Chancen und Herausforderungen“. Er ging auf die Entwicklungen ein, mit denen Muslime und ihre Vertretungsorganisationen in Europa konfrontiert seien, und unterstrich die Bedeutung des Erfahrungsaustauschs und einer konstruktiven Kommunikation.
Starke Institutionen müssten religiöse Verbundenheit in gesellschaftliches Vertrauen, die demografische Präsenz der Muslime in einen Beitrag zum Gemeinwesen und die eigene Vielfalt in eine prinzipiengeleitete Zusammenarbeit überführen, erklärte Cerić. Zugleich betonte er, dass Muslime in Europa nicht ausschließlich auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen reagieren sollten. Vielmehr müssten sie ihre eigene Position verstehen, selbst definieren und aktiv gestalten.
Die erste Sitzung der Konferenz widmete sich den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in den europäischen Ländern. Eyüp Şahin, stellvertretender Vorsitzender des französischen Islamrats (CFCM), thematisierte die Herausforderungen der muslimischen Gemeinschaft in Frankreich. Er verwies auf die zunehmende Islamfeindlichkeit und die anhaltenden Debatten über Religionsfreiheit.
Insbesondere die Auswirkungen des französischen Laizismus auf den Alltag von Muslimen standen im Mittelpunkt seines Beitrags. Şahin betonte die Bedeutung des gesellschaftlichen Friedens und des gegenseitigen Respekts. Darüber hinaus sprach er sich für eine stärkere Zusammenarbeit und Solidarität zwischen muslimischen Organisationen in Europa aus.
Moustapha Al-Dabbagh, Vertreter des britischen Muslim Council of Britain (MCB), stellte die Arbeit des Verbandes vor. Dabei ging er insbesondere auf die Beobachtung der Medienberichterstattung ein. Diskriminierung und Rassismus gegenüber Muslimen nähmen in Großbritannien zu, erklärte er.
Der Vorsitzende der Union der islamischen Gemeinschaften und Organisationen in Italien (UCOII), Yassine Baradai, präsentierte ein vom Verband entwickeltes Arbeitsmodell, das kontinuierliche Beobachtung, schnelle Reaktionen und die systematische Aufbereitung von Informationen miteinander verbindet. Dabei komme auch künstliche Intelligenz zum Einsatz.
In der zweiten Sitzung ging es die Teilhabe von Muslimen am gesellschaftlichen, politischen und öffentlichen Leben, wobei sowohl bestehende Möglichkeiten als auch strukturelle Hindernisse diskutiert wurden.
Laurent Ibra, Vertreter des Koordinationsrats der Muslime (KRM) aus Deutschland, hob die Vielfalt muslimischen Lebens und die Rolle des Islams in der deutschen Gesellschaft hervor. Er verwies auf die Beiträge von Muslimen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und zum zivilgesellschaftlichen Engagement.
Zu den zentralen Herausforderungen zählte Ibra antimuslimischen Rassismus, die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe und die institutionelle Anerkennung muslimischer Religionsgemeinschaften. Zugleich betonte er die Bedeutung des innerislamischen Dialogs, der interreligiösen Zusammenarbeit und der gemeinsamen Verantwortung für die Zukunft Deutschlands.
Mohammed Hasham Hussein, Vertreter des niederländischen Netzwerks K9, verwies auf den gesellschaftlichen Druck, unter dem muslimische Gemeinschaften in den Niederlanden stünden. „Muslime sind ein untrennbarer Teil der niederländischen Gesellschaft. Unsere Stellung steht jedoch unter Druck. Grundrechte müssen geschützt werden. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit“, erklärte er. Um Diskriminierung entgegenzuwirken, seien organisierte Strukturen und eine stärkere Zusammenarbeit erforderlich.
Imran Hussain, Vertreter der Dänischen Muslimischen Union (DMU), betonte, dass Muslime sich als Teil der dänischen Gesellschaft verstünden. „Wir sind Europäer, und Dänemark ist unsere Heimat“, sagte er. Dabei dürfe gesellschaftliche Teilhabe nicht als Belohnung für bereits erfolgte Anerkennung verstanden werden, sondern sei vielmehr ein Weg zu dieser Anerkennung. Frühere Generationen hätten die Grundlagen für die Beteiligung von Muslimen am gesellschaftlichen Leben geschaffen. Nun liege es an der jüngeren Generation, darauf aufzubauen und auch an den Orten präsent zu sein, an denen politische und gesellschaftliche Entscheidungen getroffen würden.
In Dänemark setze die muslimische Gemeinschaft dabei auf Dialog und Zusammenarbeit mit bestehenden Institutionen und gesellschaftlichen Gruppen. Die Konferenz in Sarajevo biete zudem die Möglichkeit, von den Erfahrungen anderer Organisationen in Europa zu lernen und den eigenen Beitrag für die jeweiligen Gesellschaften zu stärken.
Der dritte Part widmete sich den Beziehungen muslimischer Vertretungsorganisationen zu staatlichen Institutionen. Im Mittelpunkt standen unterschiedliche Modelle der rechtlichen Anerkennung, Fragen institutioneller Eigenständigkeit und die Voraussetzungen für eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Staat und Religionsgemeinschaften.
Edina Husović, Vertreterin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), verwies auf die historische Anerkennung des Islams in Österreich. Seit 1912 habe sich ein Modell entwickelt, das international als Beispiel für die rechtliche Stellung muslimischer Gemeinschaften gelte. Es eröffne Möglichkeiten in den Bereichen Bildung, religiöse Begleitung und Kommunikation zwischen Religionsgemeinschaften.
Die IGGÖ strebe an, dieses Modell auf Grundlage der Verfassung und des Gleichbehandlungsprinzips gegenüber allen anerkannten Religionsgemeinschaften als gleichberechtigte Partnerschaft mit dem Staat umzusetzen, erklärte Husović.
Mehmet Üstün, Vorsitzender des Exekutivorgans der Muslime in Belgien (EMB), sprach über die staatliche Anerkennung des Islams in Belgien, die demokratische Repräsentation der Muslime sowie Fragen institutioneller Autonomie und des Verhältnisses zwischen Staat und Religion. Üstün sprach sich dafür aus, solche Treffen häufiger zu veranstalten. Sie könnten dazu beitragen, eine dauerhafte Plattform für Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen muslimischen Organisationen in Europa aufzubauen.
Badreddine Maizi, Vorsitzender des Islamischen Rates Norwegens (IRN), betonte ebenfalls die Bedeutung der Beziehungen zu staatlichen Institutionen. Entscheidend sei jedoch vor allem die Legitimität muslimischer Vertretungsorganisationen innerhalb der Gemeinschaften, für die sie tätig seien. Nachhaltige Partnerschaften entstünden auf Grundlage von Vertrauen und Beteiligung, wenn die jeweiligen Gemeinschaften den Prozess mittrügen und gemeinsam daran arbeiteten, erklärte Maizi.
Im Anschluss an die Sitzungen stellte Fatih Kılınç vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) humanitäre Hilfsaktivitäten europäischer Muslime vor.
Am letzten Konferenztag stand die institutionelle und strukturelle Weiterentwicklung muslimischer Vertretungsorganisationen im Mittelpunkt. Die Teilnehmer diskutierten über Herausforderungen und Möglichkeiten, die Arbeit ihrer Organisationen langfristig zu stärken.
Montassar Ben Mrad von der Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (FIDS) verwies auf die Stellung der muslimischen Gemeinschaft in der Schweiz und bezeichnete sie als die größte nichtchristliche Gemeinschaft des Landes. Eyüp Şahin (CFCM), erläuterte die institutionelle Entwicklung des Verbandes und seine Rolle in Frankreich. Abdurrahman Atabey (K9), thematisierte staatlich geprägte Islamfeindlichkeit und institutionalisierte Diskriminierung gegenüber Muslimen in den Niederlanden.
Die Beiträge verdeutlichten, dass die muslimischen Vertretungsorganisationen in Europa trotz unterschiedlicher rechtlicher und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen vor ähnlichen Fragen stehen. Dazu zählen die institutionelle Anerkennung, die Sicherung ihrer Handlungsfähigkeit und der Umgang mit Diskriminierung.
In der Abschlussrunde diskutierten die Teilnehmer über die Zukunft und die mögliche Fortsetzung der Konferenz. Im Mittelpunkt standen Möglichkeiten, die Kommunikation zwischen den muslimischen Vertretungsorganisationen zu verstetigen, den regelmäßigen Erfahrungsaustausch auszubauen und die gegenseitige Beratung zu intensivieren.
Die Zusammenkunft in Sarajevo knüpfte an ein erstes Treffen europäischer muslimischer Religionsgemeinschaften und Dachorganisation an, das 2025 in Brüssel stattgefunden hatte. Damals hatten die beteiligten Organisationen angesichts der Entwicklungen im Gazastreifen eine gemeinsame Gaza-Deklaration veröffentlicht.
Die Konferenz in Sarajevo war das zweite gemeinsame Treffen dieser Art. Ziel ist es, den begonnenen Austausch über einzelne Zusammenkünfte hinaus fortzuführen und eine verlässlichere Grundlage für die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene zu schaffen.