Mit der SES Academy hat in Köln ein neues Bildungsprogramm für muslimische Jugendliche in Europa begonnen. Zum Auftakt diskutierten rund 200 Teilnehmende über Identität, politische Teilhabe und gesellschaftliche Verantwortung.
Am 11. und 12. April 2026 fand in Köln der Auftakt für die neue Bildungsinitiative „SES Academy – Politische Bildung für muslimische Jugendliche in Europa“. Unter dem Leitthema „Identität, Verantwortung und Teilhabe: Jung und muslimisch in Europa“ kamen rund 200 junge Frauen und Männer aus verschiedenen europäischen Ländern zusammen, um über politische Beteiligung, gesellschaftliche Verantwortung und Fragen muslimischer Identität in Europa zu diskutieren.
Die auf zweieinhalb Jahre angelegte Akademie wird vom Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland getragen und in Kooperation mit den Jugendorganisationen der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) organisiert. Ziel des Programms ist es, muslimische Jugendliche langfristig in ihrer politischen Bildung, gesellschaftlichen Handlungsfähigkeit und demokratischen Partizipation zu stärken.
In seiner Eröffnungsrede betonte der Vorsitzende des Islamrats, Burhan Kesici, dass Muslime längst ein selbstverständlicher Bestandteil europäischer Gesellschaften seien. Sie seien „keine Gemeinschaft am Rand“, sondern ein integraler Teil des gesellschaftlichen Gefüges.
Kesici hob hervor, dass die staatliche Neutralität gegenüber Religion Chancen für gleichberechtigte Teilhabe eröffne. Vertrauen und gesellschaftliche Akzeptanz entstünden jedoch nicht von selbst, sondern müssten durch Kommunikation, Sichtbarkeit und aktives Engagement aufgebaut werden.
Zu den prominentesten Gästen der Auftaktveranstaltung gehörte der ehemalige schottische First Minister Humza Yousaf. In seiner Keynote sprach er über die Bedeutung politischer und gesellschaftlicher Teilhabe muslimischer Minderheiten und verband persönliche Erfahrungen mit einem Appell an die junge Generation.
Yousaf schilderte seinen eigenen Weg als schottischer Politiker pakistanischer Herkunft und berichtete von den Herausforderungen, mit denen er aufgrund seiner religiösen und kulturellen Identität im politischen Raum konfrontiert war. Er machte deutlich, dass solche Erfahrungen kein Einzelfall seien, sondern viele Muslime in westlichen Gesellschaften beträfen.
Seine zentrale Botschaft an die Teilnehmenden lautete: „Seid ihr selbst.“ Muslimische Jugendliche sollten ihre Identität nicht verstecken, sondern bewusst annehmen und aktiv Verantwortung in Gesellschaft und Politik übernehmen. Darüber hinaus betonte Yousaf, dass gesellschaftliches Engagement nicht allein der eigenen Community dienen dürfe. Muslime trügen Verantwortung für die Gesamtgesellschaft und sollten sich als Mitgestalter des Gemeinwohls verstehen.
Auch der Vorsitzende der IGMG, Kemal Ergün, unterstrich in seiner Begrüßung die gesellschaftliche Verantwortung muslimischer Gemeinschaften in Europa. Der Islam sei eine Religion des Handelns. Daraus ergebe sich Verantwortung für das gesellschaftliche Umfeld, in dem Muslime leben.
Ergün formulierte dabei eine klare Perspektive für die Zukunft muslimischer Präsenz in Europa: Muslime seien nicht als bloße Minderheit oder migrantische Randgruppe zu verstehen, sondern als „ursprünglicher Bestandteil“ der Gesellschaften, in denen sie leben.
Einen institutionellen und rechtlichen Blick auf die Situation muslimischer Gemeinschaften in Europa bot der Rechtswissenschaftler Prof. Mathias Rohe. In seinem Vortrag über Religion-Staat-Verhältnisse in Europa machte er deutlich, dass Muslimen dieselben Grundrechte zustünden wie anderen Religionsgemeinschaften.
Rohe betonte, dass politische und gesellschaftliche Mitgestaltung nur dann gelingen könne, wenn Muslime ihre Rechte kennten und diese selbstbewusst wahrnähmen. Gleichzeitig seien Kooperation und Austausch mit anderen gesellschaftlichen Gruppen unverzichtbar, um gemeinsame Werte und Interessen sichtbar zu machen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Veranstaltung lag auf aktuellen Forschungsergebnissen zur Lebensrealität muslimischer Jugendlicher in Europa. Prof. Mahmut Hakkı Akın von der Medeniyet Universität (Istanbul) präsentierte Ergebnisse einer neuen Studie unter IGMG-Jugendlichen in neun europäischen Ländern mit insgesamt 2.091 Befragten.
Die Untersuchung zeige, dass muslimische Jugendliche eine starke emotionale Bindung zu den Ländern verspürten, in denen sie leben. Gleichzeitig berichteten viele von Diskriminierungserfahrungen und einem Gefühl gesellschaftlicher Unsicherheit.
Auffällig sei zudem ein hohes Bildungsniveau und ein ausgeprägtes gesellschaftliches Engagement unter den Befragten. Besonders weibliche Teilnehmende träten dabei häufig mit hoher Aktivität hervor. Trotz dieser Potenziale fühlten sich viele junge Muslime in politischen Institutionen und Entscheidungsprozessen weiterhin unterrepräsentiert.
In den Nachmittagsforen rückten die konkreten Alltagserfahrungen muslimischer Jugendlicher in Europa in den Mittelpunkt. Diskutiert wurden persönliche Lebensrealitäten, gesellschaftliche Herausforderungen sowie Zukunftsperspektiven junger Muslime in europäischen Gesellschaften.
Die teilnehmenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Jugendvertreterinnen und -vertreter machten dabei insbesondere auf Erfahrungen mit Diskriminierung, Identitätskonflikten und Fragen der gesellschaftlichen Zugehörigkeit aufmerksam. Deutlich wurde, dass muslimische Jugendliche vielfach zwischen unterschiedlichen Erwartungshaltungen navigieren und ihre Identität in einem gesellschaftlichen Umfeld behaupten müssen, das nicht immer von Anerkennung geprägt ist.
An der Diskussion beteiligt waren neben dem Vorsitzenden der IGMG-Jugendorganisation, Furkan Kahraman, auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Dr. Fatima Zibouh (Universität Lüttich), Prof. Murat Erdoğan (Universität Ankara) sowie Prof. Mahmut Hakkı Akın (Medeniyet Universität).
Im weiteren Verlauf des Programms widmete sich ein Panel den konkreten Formen gesellschaftlicher und politischer Partizipation muslimischer Jugendlicher. Unter der Überschrift „Wege gesellschaftlicher und politischer Teilhabe“ wurde diskutiert, wie junge Muslime ihre Präsenz in Medien, Politik und Zivilgesellschaft stärken können.
Die Panelteilnehmenden betonten übereinstimmend, dass muslimische Perspektiven in öffentlichen Debatten sichtbarer werden müssten und eine stärkere Repräsentation in gesellschaftlichen Schlüsselbereichen notwendig sei.
Zu den Referierenden gehörten unter anderem die ehemalige stellvertretende Vorsitzende der französischen Nationalen Studierendenvertretung, Maryam Pougetoux, die Antirassismus-Expertin Dunia Khalil, der Journalist und Autor Emran Feroz sowie die Journalistin, Autorin und Filmemacherin Melina Borčak.
In dem abschließenden Podium stand die Frage im Mittelpunkt, welchen Platz muslimische Identität im öffentlichen Raum europäischer Gesellschaften einnimmt. Die Diskussion verdeutlichte, dass eine stärkere Beteiligung muslimischer Jugendlicher nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für die demokratische und pluralistische Entwicklung Europas von Bedeutung sei. Hierzu diskutierten Dr. Özgür Özvatan sowie Rumeysa Yazıcı von der IGMG-Frauenjugendorganisation über Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und die Herausforderungen öffentlicher muslimischer Selbstverortung.
Zum Abschluss des Programmtages gaben zwei aktive Politiker Einblicke in ihre persönlichen Erfahrungen innerhalb des politischen Betriebs. Oğuzhan Yazıcı, der sich in der Christlich Demokratischen Union Deutschlands engagiert, sowie Hakan Gördü von der österreichischen Partei SÖZ berichteten über Chancen, Hürden und persönliche Erfahrungen muslimischer Akteure im parteipolitischen Alltag.
Ihre Beiträge verdeutlichten, dass politische Teilhabe muslimischer Akteure zwar zunehmend Realität werde, jedoch weiterhin mit besonderen Herausforderungen verbunden sei.
Die SES Academy soll sich über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren erstrecken und umfasst insgesamt zwölf Module. Neben zweimonatlichen Wochenendseminaren seien zusätzliche Winter- und Sommerakademien geplant. Inhaltlich behandelt werden sollen unter anderem politische Systeme Europas, Demokratietheorien, Religionsfreiheit, gesellschaftliche Diversität, wirtschaftliche und ökologische Fragestellungen sowie digitale Transformation.
Zum Abschluss betonte der Generalsekretär des Islamrats, Murat Gümüş, dass die SES Academy aus einem konkreten Bedürfnis muslimischer Jugendlicher heraus entstanden sei. Angesichts globaler Krisen, gesellschaftlicher Spannungen und einer kaum überschaubaren Informationsflut wachse bei vielen jungen Menschen der Wunsch nach Orientierung und fundierter politischer Einordnung.
Gleichzeitig beobachte man unter muslimischen Jugendlichen ein starkes Interesse an gesellschaftlicher Mitgestaltung. Sie wollten Verantwortung übernehmen, sich vernetzen und aktiv an politischen und sozialen Prozessen teilnehmen.
Die SES Academy solle hierfür den notwendigen Rahmen schaffen. Sie vermittle sowohl politisches Grundlagenwissen als auch praktische Kompetenzen in Bereichen wie Kommunikation, Analyse und Engagement. Ziel sei es, junge Muslime zu befähigen, „informierte, reflektierte und verantwortungsbewusste Akteure in ihren Gesellschaften zu sein“.