Autoren schreiben hunderte Seiten. Doch was passiert, wenn sie ihr Buch auf seine Essenz herunterbrechen müssen? Heute Saba-Nur Cheema und ihr Buch „Die Empörungsfalle“.

IslamiQ: Wem würden Sie Ihr Buch „Die Empörungsfalle“ gerne schenken und warum?
Saba-Nur Cheema: Allen, die überzeugt sind, dass immer nur die anderen zur Polarisierung beitragen. Die Empörungsfalle ist kein Problem eines bestimmten politischen Lagers. Wir alle laufen Gefahr, uns lieber über andere zu empören, als uns ernsthaft mit ihren Argumenten auseinanderzusetzen. Das Buch ist deshalb auch eine Einladung zur Selbstkritik.
IslamiQ: Warum ist die Thematik Ihres Buches wichtig?
Cheema: Wir leben in einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen das Gefühl haben, sich bei politischen Fragen eindeutig positionieren zu müssen. Wer nicht sofort Partei ergreift, gilt schnell als verdächtig. Dabei lebt eine plurale Demokratie gerade davon, dass wir unterschiedliche Positionen aushalten und miteinander streiten können.
Im Buch beschreiben wir unsere Beobachtung, dass immer häufiger Menschen von Dialog sprechen, obwohl sie sich nur mit Gleichgesinnten austauschen. Das ist bequem, trägt aber wenig dazu bei, gesellschaftliche Polarisierung zu überwinden.
Ein echter Dialog beginnt dort, wo unterschiedliche Überzeugungen aufeinandertreffen. Sein Ziel muss nicht sein, am Ende einer Meinung zu sein, sondern trotz aller Differenzen im Gespräch zu bleiben. Sonst verlieren wir etwas Entscheidendes: die Fähigkeit, Konflikte demokratisch auszutragen.
IslamiQ: „Beim Lesen guter Bücher wächst die Seele empor.“ Warum trifft dieses Zitat von Voltaire auf ihr Buch „Die Empörungsfalle“ zu?
Cheema: Ob das auf unser Buch zutrifft, müssen die Leser entscheiden. Wir wollen jedenfalls niemanden moralisch belehren. Vielmehr möchten wir dazu ermutigen, die eigenen Gewissheiten infrage zu stellen und auch unbequeme Perspektiven zuzulassen. Ein gutes Buch muss nicht unbedingt bestätigen, was man ohnehin schon denkt. Im besten Fall bringt es einen dazu, anders über etwas nachzudenken.
IslamiQ: Ihr Buch in drei Wörtern zusammengefasst?
Cheema: Streiten statt empören.
IslamiQ: Sie beschreiben die öffentliche Islamdebatte als eine „Die Empörungsfalle“, in der nicht mehr Argumente, sondern vor allem die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Lager zählen. Was genau ist in dieser Debatte verloren gegangen, und woran lässt sich erkennen, dass eine Auseinandersetzung über den Islam noch sachlich geführt wird?
Cheema: In der deutschen Islamdebatte ist vor allem die Fähigkeit zur Differenzierung verloren gegangen. Wir erleben häufig zwei gegensätzliche Reflexe: Auf der einen Seite wird der Islam pauschal zum Problem erklärt, auf der anderen Seite wird jede Kritik an religiösen Vorstellungen oder konservativen Einstellungen schnell unter den Verdacht der Muslimfeindlichkeit gestellt. Beides verhindert eine ernsthafte Auseinandersetzung. Auch Muslime selbst tragen zu dieser Schieflage bei, wenn sie sich kritischen und kontroversen Diskussionen über problematische Entwicklungen in den eigenen Reihen entziehen.
Insgesamt müssen wir drei Ebenen in der Islamdebatte auseinanderhalten: den „Islamismus“ als politische Ideologie, antimuslimischen Rassismus als gesellschaftliches Problem und den vielfältigen muslimischen Alltag, der in diesen Debatten viel zu selten vorkommt. Über Islamismus, Antisemitismus oder Queerfeindlichkeit in muslimischen Milieus muss genauso offen gesprochen werden können wie über Diskriminierung und antimuslimischen Rassismus. Das eine darf nicht gegen das andere ausgespielt werden.
Eine sachliche Debatte erkennt man übrigens nicht daran, dass sie emotionslos geführt wird. Auch Empörung kann berechtigt sein. Entscheidend ist, ob wir noch bereit sind, Widersprüche auszuhalten und zwischen Kritik an Positionen und der oft reflexhaften moralischen Abwertung von Menschen zu unterscheiden. Muslime müssen nicht vor Kritik geschützt werden, sondern vor Diskriminierung. Und wer deutliche, auch harte Kritik übt, sollte nicht unter Rassismusverdacht geraten. Erst wenn beides möglich ist, entsteht eine Debatte, die diesen Namen verdient.
Das Interview führte Muhammed Suiçmez.