Wie Kinder Flucht erleben – das erzählt das preisgekrönte Drama „Lost Land“ am Beispiel der Rohingya. Es ist der erste Kinofilm in der Sprache dieser verfolgten muslimischen Volksgruppe.

Verstecken und Fangen spielen Somira (9) und ihr Bruder Shafi (4) am liebsten. Das hat etwas Makabres, denn das ganze Dasein der Rohingya-Ethnie, zu der die Geschwister gehören, besteht genau daraus: sich zu verstecken und hoffen, nicht gefangen zu werden.
Der japanische Regisseur Akio Fujimoto erzählt in seinem Drama „Lost Land“ von ihrem Schicksal. Wie viele Angehörige der verfolgten muslimischen Volksgruppe aus Myanmar leben die Kinder, ihr Großvater und eine Tante als Flüchtlinge in Bangladesch. Die kleine Familie versucht mit anderen Mitgliedern der Gemeinschaft übers Meer nach Malaysia zu gelangen. Dort wohnen Verwandte. Doch die Reise ist gefährlich. Die Rohingya werden bedroht, misshandelt und bestohlen. Schließlich finden sich die Geschwister allein mitten im Dschungel wieder.
Beim 43. Filmfest München wurde „Lost Land“ am Mittwochabend mit dem Fritz-Gerlich-Preis 2026 ausgezeichnet. Kardinal Reinhard Marx übergab die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung. Der Preis wird von der katholischen Filmproduktionsfirma Tellux gestiftet und erinnert an den Publizisten Fritz Gerlich (1883-1934).
Die Jury würdigte Fujimoris Arbeit als „eine bemerkenswert sensible Inszenierung, die dokumentarische Authentizität mit eindringlicher Erzählkunst verbindet“. Der Regisseur erzähle von Flucht und Vertreibung, ohne in Klischees zu verfallen. Trotz der Hoffnungslosigkeit in vielen Momenten lasse „Lost Land“ auch Trost aufscheinen. Beispiele von Hilfe und Anteilnahme machten deutlich, „wie leicht es wäre, das Schicksal der Menschen und damit unsere ganze Welt besser zu machen, indem wir uns der Not unserer Nächsten nicht verschließen“.
„Lost Land“ gilt als erster Kinofilm, der in der Sprache der Rohingya gedreht wurde. Der Regisseur zielt auf Authentizität durch den Einsatz von nichtprofessionellen Schauspielern und einer Kamera, die stets nah am Geschehen bleibt. In unübersichtlichen Situationen taucht sie mitten ins Chaos hinein und versucht, mit den gehetzten Figuren mitzuhalten. Die Erzählung wird durch die Etappen der Flucht vorangetrieben, wobei der Film immer mehr die Perspektive der Kinder einnimmt.
Warum sie überhaupt fliehen müssen, begreifen sie in ihrem jungen Alter natürlich noch nicht. Doch wenn sie verängstigt wahrnehmen, dass die vermeintlichen Helfer eine neue Bedrohung sind, überträgt sich ihre Furcht unmittelbar auf den Zuschauer. Das gilt allerdings auch für den Mut, den die zwei zeigen, als sie ganz auf sich allein gestellt sind.
Die Szenen der engen geschwisterlichen Bindung holen die Emotion in den Film zurück, die man vorher beim rücksichtslosen Umgang mit den Rohingya schon für verloren hielt. Fujimoto und seinen glaubhaften jungen Darstellern gelingt es, in dieser an sich verzweifelten Lage einen Kontrast in der Stimmung zu setzen: In ihrer Zweisamkeit finden die Kinder neue Kraft, sie richten sich auf und können sogar wieder spielen und lachen.
Das sind freilich nur Momente, denn „Lost Land“ erzählt kein Märchen, in dem alle Figuren am Ende glücklich am Ziel ihrer Träume ankommen. Sein ernstes Anliegen behält der Film stets im Blick: Eindrücklich erinnert er daran, dass Hunderttausende Rohingya ihrer Heimat beraubt wurden und unter menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen. (KNA, iQ)