Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş kritisiert aktuelle Debatten über Halal-Zertifizierungen als pauschalisierend und warnt vor einem Generalverdacht. Religiöse Praxis werde zunehmend mit sicherheitspolitischen Fragen vermischt.

Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) hat Medienberichte über die Zertifizierung von Halal-Lebensmitteln kritisiert und vor einer pauschalen Problematisierung muslimischen Lebens gewarnt. Hintergrund sind aktuelle Debatten über Halal-Zertifizierungen und deren mögliche politische oder ideologische Verbindungen.
Celil Yalınkılıç, Leiter der Irschadabteilung der IGMG und Vorsitzender des Gelehrtenrates, erklärte, Halal-Lebensmittel seien für Muslime „keine politische oder ideologische Frage, sondern selbstverständlicher Teil des religiösen Lebens“. Die Verbindung von Halal-Zertifizierung mit Debatten über „politischen Islam“ halte die Organisation für „falsch und gefährlich“.
Nach Ansicht der IGMG werde durch solche Darstellungen ein Generalverdacht gegenüber muslimischer Religionspraxis erzeugt. Yalınkılıç sagte, die Berichterstattung blende die Lebensrealität von Millionen Musliminnen und Muslimen in Europa aus. Bemühungen, religiöse Bedürfnisse muslimischer Gemeinschaften zu erfüllen, seien im Rahmen der Religionsfreiheit zu bewerten – ähnlich wie etwa koschere Zertifizierungen oder kirchliche Angebote im Bildungsbereich.
Im Zentrum der Debatte steht unter anderem das Europäische Halal-Zertifizierungsinstitut (EHZ), das unter dem Dach der IGMG arbeitet. Die Organisation beschreibt das Institut als gemeinnützige Einrichtung, die Produktionsprozesse kontrolliere, Laboranalysen durchführen lasse und Zertifikate nach transparenten Kriterien vergebe. Diese Standards würden öffentlich gemacht.
Die IGMG sieht in der aktuellen Diskussion ein größeres gesellschaftliches Muster. Religiöse Praktiken wie Halal-Konsum, Kopftuch, Gebet oder die Zugehörigkeit zu islamischen Gemeinschaften würden zunehmend im Kontext von Sicherheitspolitik oder ideologischen Debatten dargestellt. Dadurch werde muslimischer Alltag diskreditiert und mit Misstrauen belegt.
Yalınkılıç warnte davor, muslimische Religionspraxis grundsätzlich als problematisch erscheinen zu lassen. Solche Entwicklungen schadeten dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und förderten Vorurteile gegenüber Musliminnen und Muslimen. Die Religionsfreiheit sei durch das Grundgesetz geschützt und dürfe nicht durch pauschale Verdachtsmomente ausgehöhlt werden.
Zugleich betonte die IGMG die Bedeutung von Presse- und Meinungsfreiheit. Kritik richtete sich nach Angaben der Organisation nicht gegen journalistische Berichterstattung an sich, sondern gegen eine aus ihrer Sicht mangelnde Differenzierung. Medien müssten ihrer „Recherche- und Sorgfaltspflicht“ nachkommen und Vorwürfe ausreichend prüfen, bevor sie öffentlich verbreitet würden.
Die Organisation erklärte zudem, sie sei weiterhin offen für Fragen und gesellschaftlichen Dialog. Transparenz und konstruktive Kommunikation seien „unverzichtbare Bestandteile des gesellschaftlichen Zusammenlebens“.