Reisebericht

Reise nach Bosnien: Wo Mystisches auf Überwältigendes trifft

Bosnien und Herzegowina – ein Land mit atemberaubender Natur, einer kulturellen Vielfalt und einer tiefen Wunde. IslamiQ-Redakteurin Kübra Layık berichtet von ihren Eindrücken.

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2022
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Mostar in Bosnien
Mostar in Bosnien © Kübra Layık, bearbeitet by iQ.

Der Blick geht hinunter ins Tal über bewaldete Hügel. Es ist ein perfektes Zusammenspiel der Bäume, Wälder und Berge. Es regnet an dem kühlen Septembernachmittag, was typisch für Bosnien und Herzegowina ist. Die Regentropfen bohren sich tief bis in die Haut. Ich rieche die nasse, süße Erde und die frischen Tannen. Die dicken Wolken und der Nebel, der sich mit jedem Regenschlag verdichtet, decken das Bergdorf Šerići in Zenica (Bosnien und Herzegowina) vollständig ab. Wir werden erwartet – die Bewohner des Dorfes haben die Dorfmoschee für uns hergerichtet. Sie geben uns warme und trockene Kleidung, dicke Socken und eine herzliche Umarmung. Die Tische sind gedeckt, der Kaffee zubereitet und der heiße Tee wird serviert. Es ist eine Gastfreundschaft, die uns allen sichtlich guttut – und unsere Herzen erwärmt. „Begegnungen der Sehnsucht“, sagt eine andere Teilnehmerin der Reise. Was sie damit meint, verstehe ich erst, mit meiner ganz persönlichen Begegnung in Bosnien.

Wir kommen an

Angekommen in Sarajevo, sucht sich die Reisegruppe allmählich zusammen. Die Reise wird organisiert vom „Kreis der Düsseldorfer Muslime (KDDM)“ und insgesamt 50 Teilnehmer nehmen daran teil. Eine Gruppe mit verschiedenen Nationalitäten, Religionen und Altersgruppen. Von Sarajevo geht es mit dem Reisebus nach Mostar. Wir machen halt in Konjic und besichtigen die alte Steinbrücke. Die Brücke am Fluss Neretva gilt als der Punkt, an dem sich Herzegowina mit Bosnien verbindet. Es wurde 1682 errichtet. Die Steinbrücke hat sechs Bögen und gehört zu den schönsten Brücken der osmanischen Zeit in Bosnien. Der Fluss Neretva ist 225 km lang, davon liegen 203 km in Bosnien und Herzegowina sowie 22 km in Kroatien.

Müde und erschöpft von der Anreise lassen wir die Eindrücke auf uns wirken und genießen unseren ersten traditionellen bosnischen Kaffee am Fuße des Flusscafés. Das Wetter schenkt uns warme Sonnenstrahlen. Es geht weiter Richtung Mostar, der Fluss begleitet uns. Angekommen geht es ins Hotel, wo wir uns auf den Nachmittag in Mostar vorbereiten.

Mostar verzaubert

Am späten Nachmittag machen wir uns zu Fuß auf den Weg in die Altstadt von Mostar. Die Kulisse der knapp 100.000 Einwohner zählenden Stadt dominieren eher einfache, zweigeschossige Häuser, denen man ihr Alter oft ansieht. Die meisten Gebäudeschäden stammen aus der Zeit des Genozids in Bosnien. Feigen, Gräser und andere Pflanzen durchdringen jede kleine Ritze des von der Hitze aufgeplatzten Betons und Asphalts. Minarette erheben sich über den Häusern. Der Muezzin ruft zum Gebet. Der erste Gebetsruf in Bosnien, den ich höre. Ich stehe still und versuche jedes einzelne Wort des Gebetsrufs zu verinnerlichen.

Der Anblick der Altstadt von Mostar mit ihren gepflasterten, engen Gassen fasziniert uns sofort. Die bekannteste Sehenswürdigkeit ist die Stari Most, eine im 16. Jahrhundert errichtete Steinbogenbrücke von den Osmanen, die über die Neretva führt und die während des Genozids im November 1993 von kroatischen Einheiten zerstört und ab 2000 wiederaufgebaut wurde. Von oben bietet sich ein toller Blicke über die Altstadt mit ihren Moscheen, den Fluss und den umliegenden, bis 2000 Meter hohen Berge.

Angesichts der Wärme nehmen nicht wenige ein kurzes Bad mit den Füßen im erstaunlich kalten Fluss. Oben heizt ein Brückenspringer die Menschen an und fordert Geld für den bevorstehenden Sprung aus etwa 20 Metern in die hier schmale, an den Ufern felsig-flache Neretva. Im Anschluss besuchen wir die kleine Koski-Mehmed-Pascha-Moschee, beten und tanken Kraft. Den Tag beenden wir mit einem gemeinsamen Abendessen in der schönen Altstadt.

Ein Märchenort – Blagaj

Nur 12 km südlich von Mostar, liegt ein wahrer Märchenort. Blagaj, welches an der Quelle des Flusses Buna liegt und von der überwältigenden Natur verdeckt ist. Gekrönt wird das Ganze mit dem Derwischkloster. Dieses 600 Jahre alte Sufi-Kloster, genannt Tekke oder Tekija, liegt auf einer 200 Meter hohen Klippe, die das ganze Gebiet umgibt. Im klassischen Barockstil mit Elementen der osmanischen und mediterranen Architektur erbaut, ist die Tekke die einzige ihrer Art in Bosnien und Herzegowina. Das Kloster wurde entlang des unglaublich schönen blau-grünen Flusses Buna gebaut. Die Quelle dieses Flusses ist eine herrliche Karstquelle, die aus einer riesigen Höhle unter einer hohen senkrechten Klippe entspringt. Es ist wahrscheinlich eine der größten und schönsten Quellen Europas. Die Reisegruppe erkundet in kleinen Gruppen die Gegend – einige beten in der Tekke. Der noch ziemlich junge Imam führt uns durch die Räumlichkeiten. Ich gehe mit einigen Teilnehmerinnen an den Fluss. Wir baden unsere Füße im Wasser und genießen die Aussicht. Ein Anruf vom Reiseleiter Sejfuddin Dizdarević; Sie warten vor dem Bus auf uns, wir müssen bereits abreisen. Schweren Herzens trennen wir uns von dem Märchenort und setzen unsere Reise Richtung Sarajevo fort.

Die Stadt der Vielfalt – Sarajevo

Sarajevo – diese Stadt hat mehr als nur eine Geschichte zu erzählen. Minarette neben Kirchtürmen zeugen vom religiösen Neben- und Miteinander der Einwohner. Ein orientalisch anmutender osmanischer Altstadtkern öffnet sich in einen Straßenzug mit herrschaftlichen Gebäuden aus österreichisch-ungarischen Zeiten, bevor am Horizont bereits Bauwerke aus der sozialistischen Ära das Ensemble komplettieren. Einschusslöcher und abblätternder Putz von Granateneinschlägen zeichnen alle Gebäude gleichermaßen – ein trauriges, aber vereinendes Merkmal dieser Stadt.

Wir besuchen die berühmte Gazi-Husrev-Beg-Moschee, ehemals auch bekannt als Begova-Moschee. Sie ist die größte und einer der ältesten Moscheen in Bosnien und Herzegowina. Sie wurde im Auftrag von Gazi Husrev Beg (Hüsrev Bey), einem Neffen von Sultan Bayezit II. gebaut. Danach besichtigen wir das jüdische Museum und schlendern durch die Baščaršija, die Altstadt. Kleine Läden mit Souvenirs schmücken die Gassen, Cafés und Restaurants bieten eine große Auswahl an leckeren kulinarischen Speisen. Ich esse meinen ersten Ćevapčići und den ersten original bosnischen Burek/Pita. Zum Nachtisch gibt es, ganz typisch, einen bosnischen Kaffee und Trilece.

Im Anschluss besuchen wir das Svrzo Haus, welches uns einen Einblick in das Leben einer wohlhabenden, bosniakischen Familie, des 18. und 19. Jahrhunderts gibt. Es ist ein typisches Beispiel für die Architektur, der damaligen Zeit. Das Haus wurde 1960 der Öffentlichkeit freigegeben und über mehrere Phasen renoviert. Jedes einzelne der schönen Zimmer erzählt seine eigene Geschichte. Es folgt ein Besuch an der Gedenkstätte von dem ehemaligen bosnischen Präsidenten Alija Izetbegović und das Museum, welches nach seinem Tod für ihn errichtet wurde. In der Gedenkstätte liegen viele Menschen begraben, die während des Genozids ermordet wurden. Einer der Teilnehmer rezitiert aus dem Koran und betet für die Verstorbenen. Wir beten mit, schweigen und gedenken.

Grün wie Travnik

Das kühle Wetter und der Regen, der zeitweise wie aus Kübeln fällt, verleihen dem Ort Travnik mit seiner Festung einen ganz besonderen Charakter. Die gut erhaltene Festung Stari Grad gehört zu den schönsten Sehenswürdigkeiten von Travnik. Zahlreiche Moscheen, wie die bunte Moschee/Sulejmanija, 1816 und andere Bauten aus osmanischer Zeit prägen noch heute das Stadtbild. Mich jedoch fasziniert die Natur, die Travnik ummantelt. Auf der Festung hören sich die Regentropfen an wie eine dumpfe, tiefe Melodie, die ich mit jedem Niederschlag einsammeln möchte. Ich lasse mich von den umliegenden, grün bemalten Bergen verzaubern. Es ist fesselnd, fast schon hypnotisierend. Eine innere Ruhe, die ich bis da noch nie verspürt habe. Im Türkischen würde man es wahrscheinlich als „huzur“ bezeichnen, was so viel bedeutet wie innerer Frieden. Ja, das beschreibt, es glaube ich am besten. Travnik ist der innere Frieden, den ich beim Anblick der Schönheit verspüre. Wir lassen gemeinsam den Tag in dem Café neben der bunten Moschee, natürlich mit dem bosnischen Kaffee, ausklingen. Der Regen ist unser ständiger Begleiter – „huzur“.

Wir verabschieden uns in Srebrenica

Es ist unser letzter Tag in Bosnien. Und auch der traurigste Tag für alle Teilnehmenden der Reise. Wir besuchen das Srebrenica-Potočari Memorial Center und den angrenzenden Friedhof. Für mich ist es der zweite Besuch der Gedenkstätte. Und obwohl ich weiß, was mich dort erwartet, fühle ich mich wie bei meinem ersten Besuch – verletzlich. Es ist der einzige Ort, an dem alle Gefühle in mir hochsteigen, vor allem die Trauer.

Es war der größte Genozid an den Bosniak*innen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Er fand seinen Höhepunkt im Juli 1995 in den genozidalen Handlungen rund um die Stadt Srebrenica. Insgesamt starben von 1992 bis 1995 mehr als 100.000 Menschen. Rund 6.877 Opfer des Genozids in Srebrenica wurden identifiziert. 6.500 wurden auf dem Friedhof in dem Gedenkzentrum in Potočari beerdigt. Die Suche nach mehr als 1.700 Vermissten dauert noch immer an. Insgesamt wurden 8.100 Menschen als vermisst gemeldet.

Begleitet werden wir von Hasan Hasanović, der selbst den Genozid 1995 überlebte. Seine beiden Brüder wurden während der Flucht ermordet. Ich kenne Hasan bereits von dem Friedensmarsch „Marš Mira“. Dort lernten wir uns kennen und er führte unsere kleine Gruppe drei Tage durch Wälder und über Berge – es ist der Pfad, welcher Hasan während des Genozids nutzte, um selbst zu fliehen. Es ist ein schönes Wiedersehen mit Hasan an einem traurigen Ort – vor allem für ihn. Wir besichtigen das Memorial Center. In der Ausstellung wurden die Spuren des Genozids anhand von Bildern, Nachstellungen und originalen Fundstücken wie Kleidung und Schuhe festgehalten. Im Anschluss folgt ein Vortrag einer Genozid-Überlebenden. Ihre und alle weiteren Geschichten von Genozid-Überlebenden treffen uns sehr. Einige können ihre Tränen nicht zurückhalten, andere schweigen. Wir gehen zum Friedhof – ein Feld voller weißer Grabsteine. Wir besuchen die Gräber von Hasans Brüdern. Wir beten, halten inne und lassen die Gewalt der Gräueltaten auf uns wirken. Und nun ist die Zeit gekommen, uns von den Toten, den Lebenden und dem Märchenland zu verabschieden.

Meine Begegnung und die Sehnsucht

In Deutschland angekommen verarbeite ich meine Eindrücke, meine Gedanken. Dieses Land, das nur so groß ist wie Nordrhein-Westfalen, hat mich komplett in ihren Bann gezogen. Die Natur, die Architektur, die Kultur und Religionen. Aber vor allem die Menschen, die mich gelehrt haben, was Gastfreundschaft bedeutet. Sie haben so viel Schmerz erleiden müssen, leben mit großen Verlusten und dennoch glauben sie an den Frieden, an das Zusammenleben und leben die Nächstenliebe. „Huzur“ – der innere Frieden. Das beschreibt Bosnien und Herzegowina für mich. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl der Sehnsucht. Ich erinnere mich an die Worte der Teilnehmerin beim Bergdorf Šerići: „Begegnungen der Sehnsucht“. Ich hatte meine ganz persönliche Begegnung in Bosnien. Wann machst du deine?