Nordrhein-Westfalen

Kopftuchverbot in der Justiz: Was denken Musliminnen darüber?

Wieder ein neues Kopftuchverbot. Diesmal in NRW. Für viele Musliminnen werden die Arbeitsverhältnisse in Deutschland immer ungewisser. IslamiQ sprach mit Betroffenen.

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03
2021
Symbolbild - Urteil Halle, Synagoge © Shutterstock, bearbeitet by iQ
Symbolbild: Justiz © Shutterstock, bearbeitet by iQ

Vor Kurzem hat der nordrhein-westfälische Landtag ein Gesetz beschlossen, das Richtern, Staatsanwälten sowie anderen Justizbeschäftigten religiöse Kleidung verbietet. Dem Entwurf der Landesregierung stimmten die Regierungsfraktionen von CDU und FDP zu. Auch die AfD votierte dafür, während sich die SPD enthielt und die Grünen dagegen stimmten.

Doch was bedeutet das neue Kopftuchverbot jetzt für angehende muslimische Juristinnen? Wie planen muslimische Frauen, die ein Kopftuch tragen und ihnen damit gedroht wird, ihren Beruf nicht ausüben zu können, ihre Zukunft?

Zeynep B. ist Jura-Studentin und steht kurz vor ihrem Examen. Für sie stellt die aktuelle Gesetzeslage und das Kopftuchverbot eine große Herausforderung dar. Denn vieles, was sie für ihre Zukunft geplant hat, droht zu scheitern. „Ich habe mich für das Studium der Rechtswissenschaft entschieden, weil mich damals die Arbeit der Staatsanwaltschaft sehr interessiert hat. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, als Staatsanwältin tätig zu sein“.

„Das Studium ist hart genug, macht es uns nicht noch schwerer!“

„Als ich mich dann im 3. Semester für das Tragen des Kopftuchs entschieden habe, wusste ich auch, dass das nicht mehr möglich sein wird. Ich erinnere mich auch noch an meine optimistischeren Kommilitoninnen, die davon überzeugt waren, dass es irgendwann nicht länger möglich sein würde, den Pluralismus in der Gesellschaft zu ignorieren. Ich wünschte, sie hätten recht behalten“, erzählt Zeynep gegenüber IslamiQ.

Sowohl im Grundstudium als auch im Hauptstudium habe sie, im Rahmen des öffentlichen Rechts, Fälle über das Kopftuch bearbeitet. Ihre Professoren waren laut Zeynep immer sehr vorsichtig und objektiv. Aber auch hitzige Diskussionen mit Kommilitonen seien nicht selten gewesen. Trotz identischer Ausbildung werde sie zu bestimmten Berufsfeldern per se nicht zugelassen. Das schränke ihren Bewegungsrahmen für die Zukunft erheblich ein.

„Ich erhoffe mir nicht mehr viel, sondern gebe mein Bestes, um problematischen Gedankenstrukturen entgegenzuwirken. Der Staat kann den Wandel der Gesellschaft nicht ewig ignorieren. „Das Studium ist hart genug, macht es uns nicht noch schwerer!“, appelliert Zeynep. Sie ist enttäuscht. Enttäuscht darüber, dass das Kopftuch immer wieder missbraucht wird und nichtbetroffene Personen so leichtsinnig über ihre Köpfe hinweg problematische und diskriminierende Gesetze festlegen können. „Ich frage mich, wem gehört das Kopftuch eigentlich?“

Ich habe schon jetzt mit Rassismus zu kämpfen

Auch Laila M. fürchtet um ihre berufliche Zukunft. Die 20-jährige Jura-Studentin, die ebenfalls ein Kopftuch trägt und im zweiten Semester ihres Studiums ist, kann die Diskriminierung um ihr Kopftuch nicht verstehen. „In allen anderen Ländern dürfen Frauen mit Kopftuch Richterinnen, Lehrerinnen und Polizistinnen werden. Warum klappt es in unserem Land nicht?“, beklagt Laila.

Lailas Traum war es schon immer, Richterin zu werden. Von klein auf habe sie sich auf ihr Studium vorbereitet, viel gelernt um an einer guten Universität Jura studieren zu können. Für sie kam kein anderer Beruf infrage, auch wenn sie von ihrer Familie oft zu hören bekommen habe, dass es als Juristin mit Kopftuch in Deutschland zu schwer sei. „Jetzt verstehe ich, was meine Familie damit gemeint hat“, sagt Laila. Sie überlege sich nun ernsthaft, ihren Studiengang zu wechseln, damit ihre Zukunft weniger ungewiss ist. „Ich habe schon jetzt als muslimisch gelesene Frau jeden Tag mit Rassismus und Diskriminierung zu kämpfen. Ich habe leider nicht den Luxus, mir eine unsichere Zukunft in einem Land aufzubauen, in dem ich wegen meines Äußeren und wegen meiner Religion schon nicht sicher bin.“

Kopftuchverbot: Jura-Studium beendet, was jetzt?

Malika Y. hat vor drei Monaten erfolgreich ihr zweites juristisches Staatsexamen bestanden. Grund zur Freude, würde man meinen – doch für sie war die Freude nur ganz kurz. Zukunftsängste plagen die 28-jährige Juristin. Sie hat ein hartes Studium hinter sich, viele schlaflose Nächte, schwierige Prüfungen und die Examina bestanden. Das Jura-Studium gehört zu den anspruchsvollsten Studiengängen überhaupt. Ihre Familie und Freunde sind stolz auf Malika.

„Aber auch sie haben Angst um meine Zukunft“, erzählt sie gegenüber IslamiQ. Aktuell sei sie in der Bewerbungsphase und habe schon mehr als 60 Bewerbungen abgeschickt. Mit dem neuen Gesetz verringern sich ihre Chancen. Das bereitet ihr große Sorgen. „Ich bin mir sicher, dass ich aufgrund meines Glaubens und meines Kopftuchs viele Absagen bekommen werde, obwohl ich qualifizierter als viele andere Juristinnen bin“, sagt Malika. Sie hat beide Examina mit der besten Note bestanden, ihr Referendariat in einer renommierten Kanzlei absolviert und konnte Auslandserfahrung sammeln. „Das alles zählt aber nicht, solange ich das Kopftuch trage.“

Für Malika ist das Kopftuchverbot frustrierend. „Das Gesetz ist mehr als diskriminierend und hat mit Neutralität nichts zu tun! Für mich als Juristin ist es einfach unbegreiflich, wie die Gesetzeslage gegen die Menschenwürde verstößt und man trotzdem nicht viel dagegen unternehmen kann“, beklagt Malika.

Sie würde im schlimmsten Fall sogar auswanden. „Ich habe nicht so lange studiert, um im Endeffekt am Ende ohne eine sichere Zukunft dazustehen. Es gibt Ländern, die meine Bemühungen, Fähigkeiten und Expertisen mehr als genug schätzen werden – und das unabhängig von meinem Kopftuch.“ Doch die Heimat zu verlassen, so Milka, sei ein schwieriger Schritt. „Aber was bleibt mir anderes übrig, wenn ich hier nicht sicher bin?“

Leserkommentare

Vera Praunheim sagt:
Wer hier islamisch begründete Kopftuch-Probleme hat und alles und jedes abhängig gemacht wird von einer Kopftuch-Verhüllung in Gerichtssälen und meint, er/sie müsse deshalb auswandern - bitteschön, der Staat wird sich diesen Bestrebungen nicht widersetzen oder gar betteln: Bitte, bitte bleibt doch all ihr Kopftuch-Verfechterinnen hier, denn ihr dürft selbstverständlich im Justizwesen eure Islam-Unifomierung ungetrübt zur Schau stellen, wann immer es euch gefällt. Fragwürdige und umstrittene Religionssymbole - am Körper getragen - haben besonders im Richteramt oder als Staatsanwalt (m/w/d) definitiv nichts verloren. Womöglich sollen dann auch noch Scharia-Justiz-Vorstellungen immer mehr in das Justizwesen einfließen und dieses langsam unterwandern. Wie wäre es mit einer anderen Umfrage? Islamischer Kopftuch-Verzicht in der Justiz - was denkt Deutschland darüber? Warum drohen immer Musliminnen mit dem Kopftuch? Islam-Anhänger (m/w/d) können nicht länger den gesellschaftlichen Wandel - heraus als veralteten, mittelalterlichen Glaubensmodellen - übergehen oder ignorieren.
11.03.21
21:48
Johannes Disch sagt:
Was für eine Endlosschjleife um dieses Thema. Es ist nun mal möglich, das Kopftuch am Arbeitsplatz in gewissen Bereichen und unter gewissen Voraussetzungen zu verbieten, darunter die Justiz. Das hat nicht nur das Bundesverfassungsgericht festgestellt, sondern auch der EuGH. Das ist keine Diskriminierung, sondern eine Einschränkung der Religionsfreiheit. Und diese ist zulässig. Es gibt Länder, die haben dieses Thema schon vor Jahren erledigt. Im laizistischen Frankreich ist das Kopftuch schon seit fast 20 Jahren in allen öffentlichen Bereichen verboten (an Schulen für Lehrerinnen und Schüler, im öffentlichen Dienst, in staatlichen Krankenhäusern, etc.). Und auch in Dänemark, in Belgien, in der Niederlanden und in vielen anderen europäischen Ländern ist es längst möglich, das Kopftuch am Arbeitsplatz einzuschränken bzw. zu verbieten. Das permanente Lamentieren darüber ist überflüssig. Diese Einschränkungen haben den Segen des Europäischen Gerichtshofs und sind verfassungskonform.
12.03.21
9:31
grege sagt:
Selbstmitleid ist das schönste Leid. Mehr kann man zu mdem weinerlichen Verhalten einiger Muslime nicht sagen.
12.03.21
13:29
Dilaver Çelik sagt:
"Warum klappt es in unserem Land nicht?" Weil in diesem Land immer noch die Generation der Babyboomer unter dem Einfluss ihrer Nazi-Eltern ihre Vorstellungen der Generation Z aufnötigt. Die Generation der Babyboomer nötigt der Generation Z heute noch ein Kopftuchverbot auf. Doch das ist als letzte Verzweiflungstat kurz vor dem Aussterben zu bewerten. Die Generation Z wird das Kopftuchverbot abschaffen, weil sie in einer jungen pluralen Gesellschaft aufwächst, in welchem das Kopftuch eine Selbstverständlichkeit ist. Genauso wie man auf die Rassentrennung der 1950er Jahre in den USA heute mit Kopfschütteln blickt, genauso wird man in diesem Land einige Jahrzehnte später auf das heutige Kopftuchverbot mit Kopfschütteln blicken.
12.03.21
15:57
Abdussamed sagt:
Der Hijab ist Teil des Islams. Wenn die Religionsfreiheit vorhanden ist, dann sollte die Möglichkeit auch bestehen, dass ich nicht vor die Wahl gestellt werde religiöses Gebot einzuhalten oder berufliche Karriere zu machen. Es ist diskriminierend, wenn ich, nicht ich sein darf, obwohl dies ein Grundrecht darstellt. Theologische Diskussionen sind hinfällig. Es steht Menschen außerhalb des Islam nicht zu, Islamische Gebote festzulegen. Das die "Urteile" die gefällt werden politisch beeinflusst sind ,von der hiesigen Politik ist ganz offensichtlich. Die Urteile sind außerdem nicht in Stein gemeißelt sondern sind aktuelle Bewertungen. Aktuell dürfen Arbeitgeber , das Tragen des Hijab nur verbieten, wenn ein wirtschaftlicher Schaden nachweißbar ist. Mit der gleichen Begründung könnte man auch dunkelhäutige Menschen nicht einstellen, weil man ein weiße Oberschicht als Kunden führt. Der Hass gegenüber islamischen Merkmalen , ist in den Beiträgen von Vera und Johannes recht deutlich erkennbar. Jedoch wird dieser Hass Ihnen nichts bringen. Muslime sind ein wichtiger Teil dieser Gesellschaft und der Hijab gehört zum Islam. Nicht der Islam ist mittelalterlich sondern das engstirnige Denken von Menschen, die nicht in der Lage sind Empathie zu empfinden.
12.03.21
20:32
grege sagt:
Die Gesetze in diesem unseren Lande gelten für alle Menschen und stehen damit oberhalb von religiösen Geboten. Bei Widerspruch besitzen staatliche Gesetze Vorrang. Die Legsilative hat bei der Verabschiedung von Gesetzen lediglich die Vereinbarkeit mit der Verfassung zu beachten. Inwieweit Gebote einer Religion berührt werden, ist schnurzpiepegal. Wenn Muslime wie unsere Islamprotagonisten diese Priorität ablehnen, sollen sie im Interesse ihrer eigenen Glaubwürdigkeit die Rückkehr in ein islamisch geprägtes Land anstreben. Aber spätestens dann kneifen unsere lieben Islamprotagonisten.
13.03.21
22:29
Johannes Disch sagt:
@grege (13.03.2021, 22:29) Perfekt auf den Punkt gebracht.
14.03.21
10:53
Johannes Disch sagt:
Der Hijab ist kein unabdingbarer Bestandteil "des Islams." Es gibt Musliminnen, die ihn tragen und es gibt welche, die ihn nicht tragen. Über 70% der in Deutschland lebenden Musliminnen tragen ihn nicht. Nach der Logik der Kopftuch-Befürworter wären diese Frauen keine echten und keine wahrhaft gläubigen Musliminnen. Es gibt nur 5 Essentials, die für alle Muslime- egal, welcher Richtung sie angehören-- verbindlich sind: a) Das Glaubensbekenntnis b) die Gebete c) das Almosen d) die Hadsch nach Mekka e) der Ramadan. Wie man sieht, ist der Hijab nicht darunter. Nur fundamentalistisch-orthodox-reaktionäre Muslime versuchen zu vermitteln, der Hijab wäre ein unabdingbarer Bestandteil des islamischen Glaubens. Das Kopftuch steht für ein rückwärts gewandtes reaktionäres Frauen-und Geschlechterbild und hat in Europa nichts verloren. Schon gar nicht in bestimmten sensiblen Bereichen wie der Justiz und dem Bildungswesen. Das ist auch unabhängig von den individuellen Beweggründen der Trägerin. Entscheidend ist, wofür es steht. Kein Grundrecht bis auf Art. 1 ist schrankenlos. Auch nicht das Grundrecht auf Religionsfreiheit. Es darf unter bestimmten Voraussetzungen eingeschränkt werden. Das ist verfassungskonform. Es handelt sich dabei nicht um Diskriminierung oder Rassismus, wie und reaktionäre Muslime und deren Vertreter-- die islamischen Verbände-- weiß machen wollen. Es handelt sich schlicht und einfach um eine (zulässige und verfassungskonforme) Einschränkung der Religionsfreiheit. Worum es bei der Integration im Kern geht und wie Integration funktioniert, das habe ich in einem längeren Post bei dem Artikel "NRW-Landtag beschließt Koptuchverbot für Justiz" (04.03.2021) in meinem Beitrag vom 09.03.2021, 14:51 erläutert.
14.03.21
13:02
IslamFrei sagt:
Eine verbohrte Kopftuch-Liebhaberin schreibt: "- - - und konnte Auslandserfahrung sammeln. „Das alles zählt aber nicht, solange ich das Kopftuch trage.- - -“ Tja, nun hat auch endlich unsere Esoterikerin ihre Situation begriffen. Für eine Juristin ein wenig - zu - spät von Begriff. Es gibt aber noch genug Berufe für sie zwischen PutzFrau und GemüseVerkäuferin, beim Türken. Nur beim Drog.- Müller sollte sie lieber nicht anklopfen, die mögen keine Kopftücher. Ich auch nicht. Gruss, IslamFrei
19.03.21
0:32
Bahar sagt:
Es ist immer wieder interessant zu lesen wie Leute aus Unwissenheit, Angst, eigener Unzufriedenheit mit dem Leben und Naivität reagieren und meinen Ihre „Meinung“ kundtun zu müssen. Solche Reaktionen zeigen mir immer wieder , dass die Medien und der Teil der Gesellschaft dem es nützlich ist ganze Arbeit leisten. Offensichtlich können sich die meisten Menschen keine eigene Meinung mehr bilden, sondern übernehmen nur vorgefertigte Meinungen. Ich weiß nicht woher dein HASS auf Muslime kommt Islamfrei, er zeigt mir nur wie unzufrieden du mit deinem eigenen Leben bist und dein Unvermögen etwas an deiner Situation zu ändern. Eine wirklicher Muslim lebt seinen Glauben nach bestem Wissen und Gewissen für sich selbst aus ohne andere dafür zu verurteilen wer oder was sie sind. Entgegen dem was leider weit verbreitet ist und von vielen auch zum eigenen Vorteil genutzt wird würden sich wahre Gläubige Muslime nicht für irgendwelche Anschläge auf unschuldige Menschen hergeben. Wahre Gläubige egal welcher Religion üben ihren Glauben für sich aus und sind anderen gegenüber offen und erklärend. Der Islam ist für jeden offen und ob jemand seinen Glauben mit oder ohne Kopftuch ausübt ist ihre eigene Entscheidung. Diese Entscheidung sollte nicht in Frage gestellt werden oder zu Nachteilen in der Gesellschaft führen, was sie leider voller Orts tut. Ich weiß, dass es nicht das Thema an sich betrifft, aber vielleicht sollte man mal wieder anfangen seinen eigenen Kopf zu benutzen und sich ein Bild ohne den Einfluss der Medien oder irgendwelcher Fanatiker zu machen. Es gibt einen Spruch den man sich zu Herzen nehmen kann oder auch nicht, ich finde ihn sehr aussagekräftig Am Ende wird jeder an seinem eignen Fuß gehangen.
05.04.21
8:28
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