Nordrhein-Westfalen

Kopftuchverbot in der Justiz: Was denken Musliminnen darüber?

Wieder ein neues Kopftuchverbot. Diesmal in NRW. Für viele Musliminnen werden die Arbeitsverhältnisse in Deutschland immer ungewisser. IslamiQ sprach mit Betroffenen.

11
03
2021
Symbolbild - Urteil Halle, Synagoge © Shutterstock, bearbeitet by iQ
Symbolbild: Justiz © Shutterstock, bearbeitet by iQ

Vor Kurzem hat der nordrhein-westfälische Landtag ein Gesetz beschlossen, das Richtern, Staatsanwälten sowie anderen Justizbeschäftigten religiöse Kleidung verbietet. Dem Entwurf der Landesregierung stimmten die Regierungsfraktionen von CDU und FDP zu. Auch die AfD votierte dafür, während sich die SPD enthielt und die Grünen dagegen stimmten.

Doch was bedeutet das neue Kopftuchverbot jetzt für angehende muslimische Juristinnen? Wie planen muslimische Frauen, die ein Kopftuch tragen und ihnen damit gedroht wird, ihren Beruf nicht ausüben zu können, ihre Zukunft?

Zeynep B. ist Jura-Studentin und steht kurz vor ihrem Examen. Für sie stellt die aktuelle Gesetzeslage und das Kopftuchverbot eine große Herausforderung dar. Denn vieles, was sie für ihre Zukunft geplant hat, droht zu scheitern. „Ich habe mich für das Studium der Rechtswissenschaft entschieden, weil mich damals die Arbeit der Staatsanwaltschaft sehr interessiert hat. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, als Staatsanwältin tätig zu sein“.

„Das Studium ist hart genug, macht es uns nicht noch schwerer!“

„Als ich mich dann im 3. Semester für das Tragen des Kopftuchs entschieden habe, wusste ich auch, dass das nicht mehr möglich sein wird. Ich erinnere mich auch noch an meine optimistischeren Kommilitoninnen, die davon überzeugt waren, dass es irgendwann nicht länger möglich sein würde, den Pluralismus in der Gesellschaft zu ignorieren. Ich wünschte, sie hätten recht behalten“, erzählt Zeynep gegenüber IslamiQ.

Sowohl im Grundstudium als auch im Hauptstudium habe sie, im Rahmen des öffentlichen Rechts, Fälle über das Kopftuch bearbeitet. Ihre Professoren waren laut Zeynep immer sehr vorsichtig und objektiv. Aber auch hitzige Diskussionen mit Kommilitonen seien nicht selten gewesen. Trotz identischer Ausbildung werde sie zu bestimmten Berufsfeldern per se nicht zugelassen. Das schränke ihren Bewegungsrahmen für die Zukunft erheblich ein.

„Ich erhoffe mir nicht mehr viel, sondern gebe mein Bestes, um problematischen Gedankenstrukturen entgegenzuwirken. Der Staat kann den Wandel der Gesellschaft nicht ewig ignorieren. „Das Studium ist hart genug, macht es uns nicht noch schwerer!“, appelliert Zeynep. Sie ist enttäuscht. Enttäuscht darüber, dass das Kopftuch immer wieder missbraucht wird und nichtbetroffene Personen so leichtsinnig über ihre Köpfe hinweg problematische und diskriminierende Gesetze festlegen können. „Ich frage mich, wem gehört das Kopftuch eigentlich?“

Ich habe schon jetzt mit Rassismus zu kämpfen

Auch Laila M. fürchtet um ihre berufliche Zukunft. Die 20-jährige Jura-Studentin, die ebenfalls ein Kopftuch trägt und im zweiten Semester ihres Studiums ist, kann die Diskriminierung um ihr Kopftuch nicht verstehen. „In allen anderen Ländern dürfen Frauen mit Kopftuch Richterinnen, Lehrerinnen und Polizistinnen werden. Warum klappt es in unserem Land nicht?“, beklagt Laila.

Lailas Traum war es schon immer, Richterin zu werden. Von klein auf habe sie sich auf ihr Studium vorbereitet, viel gelernt um an einer guten Universität Jura studieren zu können. Für sie kam kein anderer Beruf infrage, auch wenn sie von ihrer Familie oft zu hören bekommen habe, dass es als Juristin mit Kopftuch in Deutschland zu schwer sei. „Jetzt verstehe ich, was meine Familie damit gemeint hat“, sagt Laila. Sie überlege sich nun ernsthaft, ihren Studiengang zu wechseln, damit ihre Zukunft weniger ungewiss ist. „Ich habe schon jetzt als muslimisch gelesene Frau jeden Tag mit Rassismus und Diskriminierung zu kämpfen. Ich habe leider nicht den Luxus, mir eine unsichere Zukunft in einem Land aufzubauen, in dem ich wegen meines Äußeren und wegen meiner Religion schon nicht sicher bin.“

Kopftuchverbot: Jura-Studium beendet, was jetzt?

Malika Y. hat vor drei Monaten erfolgreich ihr zweites juristisches Staatsexamen bestanden. Grund zur Freude, würde man meinen – doch für sie war die Freude nur ganz kurz. Zukunftsängste plagen die 28-jährige Juristin. Sie hat ein hartes Studium hinter sich, viele schlaflose Nächte, schwierige Prüfungen und die Examina bestanden. Das Jura-Studium gehört zu den anspruchsvollsten Studiengängen überhaupt. Ihre Familie und Freunde sind stolz auf Malika.

„Aber auch sie haben Angst um meine Zukunft“, erzählt sie gegenüber IslamiQ. Aktuell sei sie in der Bewerbungsphase und habe schon mehr als 60 Bewerbungen abgeschickt. Mit dem neuen Gesetz verringern sich ihre Chancen. Das bereitet ihr große Sorgen. „Ich bin mir sicher, dass ich aufgrund meines Glaubens und meines Kopftuchs viele Absagen bekommen werde, obwohl ich qualifizierter als viele andere Juristinnen bin“, sagt Malika. Sie hat beide Examina mit der besten Note bestanden, ihr Referendariat in einer renommierten Kanzlei absolviert und konnte Auslandserfahrung sammeln. „Das alles zählt aber nicht, solange ich das Kopftuch trage.“

Für Malika ist das Kopftuchverbot frustrierend. „Das Gesetz ist mehr als diskriminierend und hat mit Neutralität nichts zu tun! Für mich als Juristin ist es einfach unbegreiflich, wie die Gesetzeslage gegen die Menschenwürde verstößt und man trotzdem nicht viel dagegen unternehmen kann“, beklagt Malika.

Sie würde im schlimmsten Fall sogar auswanden. „Ich habe nicht so lange studiert, um im Endeffekt am Ende ohne eine sichere Zukunft dazustehen. Es gibt Ländern, die meine Bemühungen, Fähigkeiten und Expertisen mehr als genug schätzen werden – und das unabhängig von meinem Kopftuch.“ Doch die Heimat zu verlassen, so Milka, sei ein schwieriger Schritt. „Aber was bleibt mir anderes übrig, wenn ich hier nicht sicher bin?“

Leserkommentare

Tarik sagt:
Ergänzend zu „Bahars“ lesenswerten Kommentar: Laut einer umfangreichen Studien (knapp 70.000 Befragte) der Universität Mannheim (2019) weisen Muslime die höchste Lebenszufriedenheit auf. (auf Platz 2 Christen, die sich weder als Katholiken noch als Protestanten verstehen während Rang 3 Buddhisten einnehmen - Atheisten landeten weit hinten. In dieser Untersuchung wurde die „Lebenszufriedenheitsskala“ auf Anhänger von Weltanschauungen angewandt. Andere Studien zeigen auf, dass Muslime am erfolgreichsten darin sind, Glauben und Werte an die nächste Generation weiterzugeben. Kurzum: Die Studien widersprechen dem gängigen und von Islam"kritikern" spamartig verbreiteten und wiederholten Image des unzufriedenen und wütenden Muslims. Der Elefant im Raum im Zusammenhang mit Bahars Kommentar ist folgender - Uneingestandener Neid. Darum ist der Begriff „Islamophobie“ eher unpassend. Es geht nicht um Angst, jedenfalls nicht ausschließlich. Zygmunt Baumann charakterisiert unsere Zeit als „flüchtige Moderne“, und zahlreiche Philosophen beklagen den Verlust von Werten, der mangelnden Fähigkeit zur Metaphysik, der zunehmenden Bedeutungs- und Sinnlosigkeit. Michel Houllebecq hat dies in seinen Romanen wie kaum ein anderer Schriftsteller in den letzten Jahrzehnten offengelegt und beschrieben. Egal wie man als Otto-Normal-Deutscher zu ihnen oder dem Islam steht, man gesteht sich ein, dass jene Muslime an etwas glauben und festhalten. Und dann auch noch im Vergleich zu Anderen recht zufrieden sind mit ihrem Leben. Diese Studie deckt sich auch mit Erfahrungen, die denke ich jeder muslimische Leser hier auch kennt: Der Ali-Normal-Muslim wird, egal ob er schwerkrank oder arm ist, die Frage „wie geht es Dir“ mit „Elhamdulillah“ beantworten. Die Islamfeindlichkeit ist nicht allein auf Terrorangriffe und Extremismus zurückzuführen – die Paralellen der Argumente gegen islamische Traditionen und dem Antisemitismus alter Schule sind offensichtlich. Aber eben auch dieser uneingestandene Neid. Da sind diese „Anderen“, die auch noch daran festhalten „anders“ zu sein und auch noch selbstzufrieden und selbstgefällig erscheinen, oder zumindest von jenen so wahrgenommen werden, die sich mit den wahren Ursachen ihrer eigenen Unzufriedenheit nicht befasst haben. Denn in den eigenen Spiegel zu schauen, seine Absichten zu hinterfragen, sich selbst zu analysieren – das alles sind Dinge, die heutzutage eben nicht gelehrt oder vermittelt werden, mit Ausnahme natürlich der „Selbstverwirklichung“. Jedoch geben Studien wie obige keinen Grund für irgendeine Art von Überlegenheitsgefühl, nicht umsonst ist Hochmut - darin sind sich alle Monotheismen einig - die größte der Todsünden.
07.04.21
14:35
Tarik sagt:
Zu diesem Absatz: "Zygmunt Baumann charakterisiert unsere Zeit als „flüchtige Moderne“, und zahlreiche Philosophen beklagen den Verlust von Werten, der mangelnden Fähigkeit zur Metaphysik, der zunehmenden Bedeutungs- und Sinnlosigkeit. Michel Houllebecq hat dies in seinen Romanen wie kaum ein anderer Schriftsteller in den letzten Jahrzehnten offengelegt und beschrieben" gibt es ebenfalls Studien und Daten, die dies auch belegen - bsp. dass wir hier in den letzten Jahren (Jahr für Jahr) neue Höchststände der Verkaufszahlen von Antidepressiva haben. Und die Sinn- und Bedeutungslosigkeit wird vor allem in der Coronakrise deutlich, wenn die üblichen Ablenkungen vom Alltag (Reisen, Konzerte, Clubbesuche) fehlen und Angst und/oder Langeweile eher vorherrschen. Selbst hartgesottene Atheisten wie Douglas Murray oder Houllebecq beklagen diese fehlende Spiritualität, sind jedoch auch nicht mehr in der Lage, das gottförmige Loch im Herzen zu füllen. Und was empfindet man in solch einer Situation gegenüber Anderen, die eben genau dies füllen? Man krempelt also - zum Beispiel - die Ärmel hoch und kommentiert, hiebartig auf die Tastatur hämmernd, möglichst jeden Artikel von Islammagazinen, um ....nun ja...siehe Kommentare.
07.04.21
14:45
Johannes Disch sagt:
@Tarik (07.04.2021, 14:35 und 14:45) Aha, wir Westler sind eifersüchtig auf die Lebenszufriedenheit der Muslime...-- darauf muss man erst mal kommen.... Und die Ausführungen über den angeblich dekadenten Westen (gestiegener Verbrauch von Antidepressiva, etc.), das ist die Mär der angeblichen Entfremdung. Diesen kalten Kaffee hat schon der Alt-68iger Herbert Marcuse aufgetischt ("Der eindimensionale Mensch). Man sollte sich schon anschauen, wie die Fragestellung der Mannheimer Studie genau aussieht. Da liegt der Fokus nämlich nicht auf der Religionszugehörigkeit. Die Studie frägt u.a., wie zufrieden Migranten in der neuen Heimat sind verglichen mit ihrem Herkunftsland. Und da nimmt es bei den desaströsen Zuständen, die in den meisten Ländern herrschen, aus denen Muslime nach Europa immigrieren, nicht wunder, dass sie hier bei uns in Europa überdurchschnittlich zufrieden sind. -- Titel der Studie: "Die Innenseite von Integration und Akkulturation - Die Lebenszufriedenheit von Migranten in Europa", erstellt vom "MZES" = "Mannheimer Zentrum für europäische Sozialforschung").
08.04.21
21:17
grege sagt:
Die angebliche höhere Lebenszufriedenheit bei hier lebenden Muslimen sollten wir doch alle freudig zur Kenntnis nehmen. Allerdings steht dieses Studienergebnis im krassen Gegensatz zu dem von Islamverbänden, Islamprotagonisten und islamiq.de gezeichnetem Stimmungsbild. Dieses ist vorwiegend gekennzeichnet durch gebetsmühlenartig und mimosenhaft vorgetragene Rassismus- und Diskrminierungsvorwürfe sowie permanenten Kopftuchdebatten. Wie kann jemand denn lebenfroh sein, wenn er die heutige Lage hier lebender Muslime mit der damaligen Situation von Juden vor dem Holocoust gleichsetzt. Offenbar fehlt den vorgenannten Gruppen von Muslimen die Fähigkeit ein repräsentatives Stimmungsbild unter den hier lebenden Muslimen zu erfassen. Schon allein damit hat sich der wiederkehrend reklamierte Vertretungsanspruch seitens Ditib, ZMD, Islamrat und IGMG erübrigt.
10.04.21
20:52
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