MUSLIMISCHE VORBILDER

Imam Gazâlî – der große Denker

Vorbilder, die uns positiv stimmen, sind heute wichtiger denn je. In der neuen IslamiQ-Reihe möchten wir unsere Leser zu Autoren machen. Hayrunnisa Ateş schreibt über ihr Vorbild: Imam Gazâlî.

18
03
2017
Imam Gazâlî.

Wer hat die islamische Denkweise sichtbar geprägt? Sicherlich ist einer der ersten, die einem dabei in den Sinn kommen, Imam Gazâlî. Dieser hochgeachtete Gelehrte ist eine Autorität sowohl in der Theologie als auch in der islamischen Philosophie und Mystik. Muslime waren stets bemüht, Gazâlîs Schriften zu verstehen und seine Ansätze weiterzudenken. Auch in der westlichen Welt gab und gibt es ein ungebrochenes Interesse für diesen Universalgelehrten. Doch wer ist Gazâlî und was macht ihn aus?

Abû Hâmid Muhammad Ibn Muhammad al-Gazâlî wurde 1058 n. Chr. in Tus im Nordosten des heutigen Iran geboren. Er durchlief mehrere Phasen in seinem Leben, die ihn nachhaltig prägen sollten. Sein Vater starb sehr früh, weshalb er und sein Bruder in die Obhut eines Bekannten kamen. In Tus durchlief er eine klassische islamische Ausbildung in der Koranwissenschaft, dem islamischem Recht und den Hadithwissenschaften.

Ausbildung an der Nizamiya-Universität

Sein Streben nach Wissen führte Gazâlî mit 19 Jahren nach Nischapur an die Nizamiya-Universität, welche zu dieser Zeit ein großer Wirkungsort renommierter Gelehrter war. Zu ihnen gehörte auch Abû al-Maâli al-Dschuwaynî, der Lehrer und Mentor von Gazâlî.

Nizâm al-Mulk, der Herrscher von Bagdad, legte sehr viel Wert auf die Forschung und begeisterte sich für die Literaturwissenschaften. An diesem Ort wurden islamische Themen diskutiert und die Gelehrsamkeit erreichte einen unglaublichen Aufschwung. Diese Tatsache führte zu einer detaillierten Ausarbeitung und zu einer beachtlichen Tiefe in den klassischen Disziplinen der islamischen Theologie.

Aufgrund seines profunden Verständnisses, der Begabung, Sachverhalte zu analysieren und seiner Zielstrebigkeit wurde Gazâlî stets bewundert und geschätzt. Nachdem Nizâm al-Mulk auf seine Werke aufmerksam wurde, ernannte er ihn zum Direktor der Nizamiya-Universität. Zu diesem Zeitpunkt war Gazâlî 34 Jahre alt. Dort bildete er ca. 300 Studenten aus.

Innere Krise

In dieser Zeit stiegen sein Ansehen und sein Bekanntheitsgrad sowohl an der Universität als auch im öffentlichen Leben. Doch eine innere Krise Gazâlîs überschattete seine Blütezeit. Aufgrund dieses inneren Zusammenbruchs verließ er die Universität. Er bemerkte, dass seine Berühmtheit ihn von seiner aufrichtigen Absicht, Gottes Wohlgefallen zu gewinnen, entfernte und legte daraufhin seine Ämter nieder. Nachdem er das Amt des Direktors seinem Bruder Ahmad übergab, wanderte er 1095 nach Damaskus aus.

Dies war der Beginn seiner elf-jährigen Askese. In dieser Phase verfasste er sein berühmtes Werk „Al-Munkiz min ad-Dalâl“ (dt. Der Ausweg aus dem Irrtum), in dem er einen autobiographischen Einblick in seine Geisteswelt gibt. Er pilgerte zu verschiedenen Städten – darunter Jerusalem, Me-dina und Mekka. Tagsüber befand er sich meist in der Moschee oder stieg auf eines der Minarette, um in Ruhe nachdenken zu können. Sein bekanntestes und umfangreichstes Werk, „Ihyâ Ulûm ad-Dîn“ (dt. Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften), verfasste er in diesen Jahren.

Charismatischer Vordenker

Imam Gazâlîs Wirkung, die schon über Jahrhunderte anhält, hat er nicht nur seiner Gotteshingabe zu verdanken. Vielmehr war es seine analytische Vorgehensweise und seine unverfrorene Art, Kritik zu äußern, die ihn zu einem charismatischen Vordenker gemacht haben. Hierbei ist zu beachten, dass er sich vor seiner kritischen Analyse sachlich mit der jeweiligen Thematik befasste. Das ist vor allem heute – in den Zeiten der sozialen Netzwerke und Medien – wichtig anzumerken, da man ständig angehalten ist, über alles und jeden, ohne große Bedenkzeit eine Meinung zu äußern. Auch hierin kann Gazâlî ein Vorbild für uns sein.

Leserkommentare

Ekrem Eckehard Bialas sagt:
Ich liebe Imam Gazali. Vor vielen Jahren habe ich in einem Antiquariat das Buch "DAS ELIXIER DER GLÜCKSELIGKEIT" gefunden. Elhamdulillah ! (Erschienen 1959 im Eugen Diederichs Verlag Düsseldorf-Köln. Copyright 1923 by Eugen Diederichs Verlag in Jena)
18.03.17
18:27
Ismail sagt:
Vlt hätte man ein paar Zitate von ihm erwähne können bzw eventuell Bücher Themen etc. Zb bei Ibnul Qayyim (hoffe richtig) das er über die Giftpfeile des Herzen geschrieben hat etc. Jaz
18.03.17
19:08
Charley sagt:
Sicherlich ein großer Denker, der zugleich die Grenzen der Klügeleien erkannt hat und erkannt hat, dass religiöse Erkenntnis ein wesentliches Engagement, ein existenzielles Denken erfordert, dass über intelligentes Kommentieren von gegebenen Texten hinaus geht. Insofern ist er auch für viele Exegeten, insbesondere eben auch in der islamischen Welt nicht nur ein Vorbild (dass man gern für sich benutzt), sondern auch ein Vorwurf. Allerdings hat er eben auch "gedacht" und Meinungen geäußert. Diese, falls sie nicht als zeitbedingt eingeordnet werden könnten, stellen heutzutage reaktionärsten Islam dar, wie er in Saudi-Arabien "vollzogen" wird. So ganz ist er dann also doch nicht erkennend in der Liebe Gottes angekommen, insofern er im Lebenspraktischen sich doch an Texte anlehnt. Wikipedia: Al-Ghazali hat in seiner Schrift „Das Buch der Ehe“ die wichtigsten (moral-)theologischen Grundlagen für die Systematik des schariatischen Geschlechterverhältnisses herausgearbeitet. Demnach sei die „Heirat eine Art Sklaverei“ und „die Frau die Sklavin des Mannes (...) Deshalb hat sie ihm unbedingt und unter allen Umständen zu gehorchen (...)“. In diesem Zusammenhang zitiert er diverse Überlieferungen, denen zufolge der Prophet unter anderem gesagt haben soll, dass, sofern beim Tode ihres Ehemanns dieser mit seiner Gattin zufrieden war, ihr jenseitiges Seelenheil gesichert wäre. Ferner soll Mohammed geäußert haben, dass „[w]enn ich jemandem befehlen würde, sich vor einem anderen niederzuwerfen, so würde ich der Frau befehlen, sich vor dem Mann niederzuwerfen (...)“. Für al-Ghazali soll die pflichtgehorsame muslimische Frau „im Innern des Hauses bleiben und an ihrem Spinnrad sitzen (...) Mit den Nachbarn soll sie nicht viel reden und nur in dringenden Angelegenheiten sie besuchen. Sie soll stets ihren Mann im Sinne haben, mag er gegenwärtig oder abwesend sein (...) Sie soll das Haus nicht verlassen, außer mit seiner Erlaubnis, und wenn sie ausgeht, sich in abgetragene Kleider hüllen und wenig begangene Wege wählen, die Hauptstraßen und Märkte dagegen vermeiden. (...) Auch soll sie bei sich auf peinliche Sauberkeit achten und in jeder Hinsicht stets so beschaffen sein, daß der Mann sie genießen kann, wenn er will. (...)“
18.03.17
19:39
Charley sagt:
Die Frage, ob das Denken geeignet ist, dasjenige für den Menschen zu verifizieren, worauf Religion (ja auch nur!) hinweisen will, ist keine ob oder ob nicht. Die Frage ist, inwiefern, in welcher Form, in welcher Rolle kann das Denken dazu welchen Beitrag leisten. Die Ablehnung des Denkens bewirkt nicht, dass das Denken "ausgeschaltet" wird, sondern dass das Denken in seiner Tätigkeit zum Hervorbringen der Bewusstseinsinhalte nicht mehr beobachtet wird. Und gerade in diesem Unbeobachtetsein wirkt es um so mehr im Kreis von Vorurteilen, innerhalb von ungeprüften Vorstellungen von div. religiösen Inhalten. Leider hat der Islam in seiner Praxis davon sehr viel, denn es steht sich auch heutzutage gegenüber das naive Koran-Verständnis "Mohammed hat gesagt" und eine text- und zeitkritische Auffassung, die fragt: Was hat Mohammed mit diesem oder jenem im Umkreis seiner Zeit und seiner Kultur ausdrücken wollen, welche Qualität wollte er in den Menschen erwecken und erzeugen? Was war seine ethische und spirituelle Intention? Für solcherlei Fragen ist es unerlässlich die im Hintergrund seines eigenen Denkens arbeitenden (Vor-)Urteile zu hinterfragen. Genau das tut der naiv Lesende nicht und ist ist dann oft der Narr, der sich im Spiegel nicht erkennt. Das Hinterfragen der eigenen - eben auch religösen - Vorurteile ist teil der im Abendland entwickelten kritischen Philosophie. Und es müsste darum auch Teil eines europäischen Islam sein. Jeder andere führt zurück ins Mittelalter, im Ideal in Saudi-Arabische Verhältnisse! Das tut er hier nur deshalb nicht, weil er gebremst wird durch das hier geltende öffentliche Recht. Theologisch lässt sich der Saudi-Arabische Islam durchaus rechtfertigen! Dass das Hinterfragen des eigenen - religiösen - Denken in einen durchaus mystischen Prozess mündet, muss für einen modernen Denker klar sein, wenn er den Weg dieses Abenteuers nur geht. Genau das war zu Zeiten Al Gazalis noch nicht normal, angebracht. Auch in Europa waren damals noch mystische Methoden (der Selbstmanipulation) weit verbreitet. Der Weg über die Analyse und "Auflösung" der eigenen "gescheiten Dummheit" durch das wahre Denken selbst ist der Weg, auf dem man sich selbst Rechenschaft ablegen kann über die spirituellen Erfahrungen, die sich auf diesem Wege eröffnen.
19.03.17
11:47
Hajar sagt:
@Charley: Originalzitat Richard Dawkins: "You can’t condemn people of an earlier era by the standards of ours [...]." Wikipedia ist überdies keine wissenschaftlich belastbare Quelle. Und lesen Sie bitte (falls noch nicht getan) die Ansichten sogenannter "Aufklärer" zum Thema "Die Stellung der Frau in der Gesellschaft". Schmälert das ihren Rang als große Denker und Vertreter bahnbrechender Ideen? Wenn salafistische Prediger (die dem "Saudi-Islam" ja anerkanntermaßen sehr nahe stehen) ihre Schäfchen wortreich davor warnen, Imam Ghazalis Bücher auch nur aufzuschlagen, die "Ihya Ulum ad-din" vom IS-Schergen verbrannt wird, welche Ursachen könnte das Ihrer Ansicht nach haben?
20.03.17
16:58
Charley sagt:
@Hajar: Sicherlich muss man einen Menschen aus seiner Zeit heraus verstehen! Und genau deshalb habe ich ja gerade meinen letzten Beitrag geschrieben. D.h. seine damaligen Statements waren in ihrer Zeit berechtigt und gewiss auch auf einem sehr hohen Niveau. Allerdings stellen sich heutzutage dem Menschen Fragen, die nicht die damaligen waren und deshalb sind die damaligen Antworten auf die damaligen Fragen für uns heute nur von relativem Wert. Falls es "ewige", d.h. nicht zeitbedinge Antworten wären, wäre das erst einmal nachzuweisen. (Die "wortwörtliche" Koranauslegung und die moderne textkritische zeigen genau dieses Problem auf!) Ihr Wikipedia-Argument entkräften Sie am besten, indem Sie zeigen, dass die Zitate, die ich von da hier reinstellte, falsch zitiert wären. Ansonsten sind sie berechtigt. ich gehe davon aus, dass diese Zitate original sind. .... und die Zeitbedingtheit (hoffentlich, hoffentlich hält das niemand für eine heute noch gültige Aussage) Al Gazalis Aussagen eben belegen. Die geistige Größe, die jemand in seiner Zeit offenbarte (siehe Ihr "Aufklärer"-Hinweis) ist oft noch nach Jahrhunderten groß. Und doch müssen Ideen immer wieder neu gegriffen, ihr Vorstellungen der aktuellen Zeit angepasst werden. Und eben wohl jeder ist auch z.T. nur Kind seiner Zeit! Wenn man beides sieht, dann sieht man vor allem, wie jemand in seiner Zeit dieselbe überragte. Dann kann er Anreger werden, dass man selbst für ein gleiches sich in seiner eigenen, gegenwärtigen Zeit bemüht. Und, ja, die Zeitbedingtheit schmälert natürlich den Ewigkeitswert seiner Ideen. Man sieht den damaligen Denker erst wirklich, wenn man beides sieht: sein prometheisches Aufbäumen gegen den Trott seiner Zeitgenossen und zugleich auch seine Fesselung an seine Zeit. Dass die Salafisten ihn "adeln", indem sie vor ihm warnen, zeichnet ihn aus. Meine Frage: Zeichnet es auch jene Denker aus, auch jene der Gegenwart, vor denen die "Masse" der Imane warnen? Denn auch im gegenwärtigen islam gibt es Denker und Philosophen, vor denen gewarnt wird,.... weil sie die Schäfchen der Herde verunsichern würden! (Falls Sie es kennen, die "Möve Jonathan" thematisiert dieses in - religionsunabhängiger - freier Weise! Das hat schon einen urbildlichen Wert! Ein sehenswerter Film, ein lesenwertes Buch.) Vor dem auch - ich will sie nicht vergleichen - großen, großen Denker Ibn Rushd warnen die moslemischen Gelehrten heute noch! Und doch hat er zu Ende gedacht, was andere nur anfänglich wagten!
21.03.17
18:52