MUSLIMISCHE VORBILDER

Imam Abû Hanîfa – der große Meister

Vorbilder, die uns positiv stimmen, sind heute wichtiger denn je. In der IslamiQ-Reihe möchten wir unsere Leser zu Autoren machen. Heute stellt Ibrahim Gezer sein Vorbild Imam Abû Hanîfa vor.

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10
2019
Muslimische Architektur
Muslimische Architektur

Der als „größter Meister“ bekannte Gelehrte Imam Abû Hanîfa wurde im Jahre 700 n. Chr. in der Stadt Kufa geboren. Sein eigentlicher Name ist Numân bin Sâbit. Abû Hanîfa war ein intelligenter, sprachlich sehr begabter und ein anerkannter Gelehrter seiner Zeit. Er achtete darauf, gepflegt aufzutreten. So berichtet man über ihn, dass er gutaussehend und stets schick angezogen war. Dies empfiehl er auch seinen Schülern. Sie sollten aber dabei nicht den Ernst verlieren, die bei Gelehrten als Kriterium aufgesucht wurde.

Bevor der große Meister begann, sich mit dem islamischen Recht, dem sogenannten „Ilm al-Fikh“, zu beschäftigen, wandte er sich zunächst der Wissenschaft der islamischen Glaubensnormen zu. Diese Wissenschaft wurde später „Ilm al-Kalâm“ genannt. Die Stadt Kufa, in der Abû Hanîfa lebte und lehrte, war ein kosmopolitisches Zentrum mit vielen verschiedenen Gruppierungen und Strömungen. Um sein Wissen auf dem Gebiet des Kalâm zu vertiefen, nahm er an den dortigen Diskussionsrunden teil und verwickelte sich oft in komplizierte Auseinandersetzungen, die sich um die Glaubensnormen des Islams drehten.

Mit der Zeit dienten diese Diskussionen aber nur noch dazu, Unruhe zu stiften. Deshalb entschied sich Abû Hanîfa, diesen Zirkeln von nun an fernzubleiben. Er war der Meinung, dass die Glaubensnormen klare Grenzen haben und diese bereits vom Propheten und seinen Gefährten gesetzt worden seien. Man musste nicht mehr darüber diskutieren, sondern daran glauben und sie annehmen. Der entscheidende Faktor, der dafür sorgte, dass er nicht mehr an diesen Diskussionen teilnahm, war das Verhalten der Prophetengefährten. Er erkannte, dass die Prophetengefährten zwar über Fatwas sprachen, jedoch kaum über Fragen der Glaubensgrundlagen diskutierten. Deshalb wandte er sich vom Ilm al-Kalâm ab und beschäftigte sich nun mit dem Ilm al-Fikh.

Abû Hanîfa: Wissenschaftlicher Werdegang

Abû Hanîfâ wurde für die Einführung des Analogieschlusses in das islamische Recht bekannt. Da diese Methode vorrangig auf die Logik und den die menschliche Vernunft setzt, hat man ihm vorgeworfen, eher aus dem Bauch heraus und weniger nach dem Koran zu urteilen. Dieser Vorwurf wurde durch Abû Hanîfâs eigene Strenge in der Rechtsfindung jedoch widerlegt. Zur Lösung eines Problems wandte er sich zunächst dem Koran und der Sunna zu. Danach untersuchte er die Urteile, welche die Prophetengefährten, in ähnlichen Situationen gefällt hatten, um sie auf das bestehende Problem zu übertragen. In einigen Fälle konnte weder mit Hilfe der Quelltexte noch durch einen Analogieschluss eine Lösung erarbeitet werden. Hier wandte er eine andere Methode der Urteilfindung an, die sowohl den islamischen Prinzipien entsprechen als auch den Muslimen bei der Problemlösung nützlich sein musste.

Laut Abû Hanîfa ist das Studium mit einem Lehrer unerlässlich. Denn der Lehrer vermittelt dem Schüler nicht nur Wissen, sondern auch eine gewisse Ethik im Umgang mit seinen Mitmenschen, ohne arrogant auf diese herabzuschauen. Für Abû Hanîfa war es wichtig, das Gelernte auch praktisch anzuwenden.

Er war sich zu Lebzeiten seiner Vorbildrolle bewusst und achtete deshalb darauf, Worte und Taten in Einklang zu bringen. Laut Überlieferung soll er täglich nur drei Stunden geschlafen und den gesamten Koran rezitiert haben. Ansonsten sprach er jedoch nur sehr wenig und widmete sich dem Gottesdienst.

Als man ihm anbot, das höchste Richteramt des Irak anzunehmen, lehnte Abû Hanîfa ohne zu zögern ab. Daraufhin ließ man ihn öffentlich auspeitschen. Er hielt dennoch an seinem Grundsatz fest, kein öffentliches Amt zu bekleiden. Denn er befürchtete, dass der Idschtihâd (freie Rechtsfindung) nicht mehr von den Prinzipien des Islams, sondern vom Willen der Herrschenden beeinflusst werden könnte.

Sein Charakter

Abû Hanîfa verdiente seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Stoffen. Als er eines Tages erfuhr, dass sein Geschäftspartner einen Stoff teurer als nötig verkauft hatte, spendete er die Differenz an Bedürftige, weil er im Jenseits nicht dafür zur Verantwortung gezogen werden wollte. Trotz seiner Berühmtheit als Lehrer nahm er sich die Ratschläge anderer zu Herzen. Es heißt, er habe einmal einen kleinen Jungen getroffen, der im Schlamm spielte. Er sagte zu ihm „Pass bloß auf, dass du nicht fällst!“ Das Kind antwortete: „Wenn ich falle, dann schade ich mir nur selbst. Sei du lieber achtsam! Denn wenn du stürzt, dann stürzen alle, die dir folgen. Sie alle aus dieser schlimmen Situation herauszuholen, ist noch schwieriger.“ Tief bewegt von diesen Worten sagte Abû Hanîfâ später zu seinen Schülern: „Sollte es in einer Angelegenheit bessere Beweise geben als meine, dann folgt nicht mir in dieser Sache, sondern dem stärkeren Beweis.“

Abû Hanîfa war ein wohlhabender Mann. Trotzdem gab er für sich selbst und seine Familie nur wenig aus und spendete den Rest. Jedem seiner Schüler gab er etwas Geld und wenn einer von ihnen ihn darum bat, half er ihm auch, eine Frau zu finden.

Diese wenigen Beispiele seiner Gottesfurcht und Frömmigkeit machen Abû Hanîfa nicht nur für die Anhänger der hanafitischen Rechtsschule, sondern für alle Muslime zu einem wahren Vorbild.

Leserkommentare

Emanuel Schaub- sagt:
Wenn wir... doch alle genug Einsicht hätten ,den besseren BEWEISEN zu vertrauen (und nicht useren oder anderer Behauptungen blind zu folgen !! gruß emanuel
21.10.19
11:23
Mehmet Ünal sagt:
Antwort an Kafira: Der Koran ist das vierte und abschließende Buch der Offenbarung Gottes an die gesamte Menschheit. Ihren Aussagen zufolge tragen Sie schweren und giftigen Hass gegen den Islam in ihrem Herzen. Dieser macht Sie nach außen unseriös und Sie selbst wird es langsam aber sicher psychisch und physisch krank machen. Sie sollten den Islam über großartige deutsche und europäische Intellektuelle und Islamwissenschaftler besser kennenlernen, um haltbare Schlussfolgerungen abzuleiten. Deutschland war ein Land der Denker, Philosophen und Künstler, die sich allesamt (allen voran Goethe) sehr aufgeschlossen mit dem Islam auseinandersetzten. Die islamische Geisteskultur hat die europäische tiefgreifend geprägt. In den Schulen wird dies leider nicht gelehrt, so dass es nicht verwundert, dass unkundige Menschen wie Sie, dem Irrtum erliegen, der Islam sei genau das Gegenteil von Christentum/Judentum und Europa. Von Städtebau über Wasserzufuhr und Kanalisation sowie Philosophie und Künste wurde aber alles von Muslimen übernommen und weiterentwickelt. Religiöse Toleranz haben Juden nur unter muslimischen Herrschern gekannt. Die Osmanen haben 500-600 Jahren den Balkan beherrscht und haben dabei weder Kirchen oder Synagogen geschlossen noch haben Sie den fremden Ländern ihre Kultur, ihre Sprache oder gar ihre Sitten aufgezwungen. Der europäische Kolonialismus tat dies überall auf der Welt und hält bis heute daran fest. Das ist arrogant und dumm, weil es die historischen Grundlagen verleumdet, die zu ihrer heutigen Entwicklung maßgeblichen beigetragen haben. So geh denn in Frieden Kafira. Möge Dir Gott Einsicht schenken. Mehmet Ünal
21.10.19
23:13
Üveys sagt:
Ich kann nur unterschreiben, was aziz und edler Bruder, man merkt durch sein Schreibstyl schon, Mehmet Ünal geschrieben hat. Blinde und arrogante Seite von Europa wird in Zukunft Schwierigkeiten haben, weil es viele Tausende junge muslimische gut ausgebildete Menschen in Europa mittendrin vermehren. Die sind Europäer aber Muslime. Europa muss sein Weg finden. Europa ist ja in zwei unterschiedlichen Teilen zu betrachten. 1. Blind und arrogant 2. hilfsbereite und humane 2. Gruppe wird in Zukunft gewinnen Inşaallah.
24.10.19
9:58
Ute Fabel sagt:
@ Mehmet Ünal: „Der Koran ist das vierte und abschließende Buch der Offenbarung Gottes an die gesamte Menschheit.“ Komisch nur, dass Gott dasselbe nicht gleichzeitig den amerikanischen und australischen Uhreinwohnern offenbart und sich mit seiner Botschaft nur auf gerade einen Erdenwinkel beschränkt hat. Mohammed war nicht der einzige und letzte selbsterklärte Prophet. In der Menschheitsgeschichte wimmelt es von solchen geradezu. So meinte Joseph Smith eine ebensolche Offenbarung Anfang des 19. Hunderts in den USA gehabt zu haben.
24.10.19
16:10
Tarik sagt:
"Komisch nur, dass Gott dasselbe nicht gleichzeitig den amerikanischen und australischen Uhreinwohnern offenbart und sich mit seiner Botschaft nur auf gerade einen Erdenwinkel beschränkt hat." Wenn wir uns indigene Urbevölkerungen anschauen, dann sehen wir, dass der Glaube an einen allmächtigen Schöpfer überall verteilt ist, bei allen unterschiedlichen Spielarten. Ob man jetzt von Manitu oder Allah spricht, ist demzufolge also relativ unerheblich. Im Kor'an heißt es, dass es kein einziges Volk auf der Erde gegeben hat, das nicht reich an göttlich inspirierten Personen gewesen war. Muhammad mag der letzte „Resulullah“ (Gesandter Gottes) gewesen sein – doch ist dies nur die oberste Stufe in Sachen „göttlicher Inspiration“. Darüber hinaus gibt es auch die Propheten „nebiullah“ sowie die „Gottesfreunde“ (waliullah), eine islamische Spielart des Heiligen, der als Vorbild in seinem Wirkungskreis gilt. Und es ist auch meine persönliche Überzeugung, dass dieses allmächtige Etwas, das wir nicht wirklich begreifen können und welches einerseits unvergleichlich und fern von allem ist, andererseits uns doch wiederum „näher als die Halsschlagader ist“ die Menschen zu unterschiedlichen Zeiten auf unterschiedlichem Wege inspiriert. Ob nun in Form eines Künstlers wie William Blake, der sowohl in seinen Gedichten als auch Malereien wie eine anglikanische Version eines Sufi wirkt oder aber in Form von Musikern oder Philosophen ist lediglich die Art und Weise. Natürlich wirkt das auf den modern denkenden Menschen verrückt. Doch ähnelt das Wort „verrückt“ nicht verdächtig dem Wort „verrücken“, d.h. Verändern? Dementsprechend gibt es auch keine Veränderung in der Welt, die nicht auch eine Veränderung VON der Welt ist. Homo ist erst dann sapiens, wenn er der natürliche Raum des Übernatürlichen ist. Wer aus ideologischen Gründen dieses zum Menschein dazugehörige Ding namens Glaube an etwas höheres bekämpft, kämpft hier an der falschen Front, nämlich gegen sich selbst. Zu Abu Hanifa: Es gibt einige Gemeinsamkeiten zwischen ihm und Aristoteles. Abu Hanifa war ein Freund der Logik, und die nach ihm benannte Rechtsschule (Hanafiten) besticht auch durch die Ableitung von Regeln durch Analogien - was diese Rechtsschule (der immerhin 60% der Sunniten folgen) mitunter zu der am flexibelsten macht. Und ebenso wie Aristoteles ist von Abu Hanifa selbst nichts erhalten geblieben, sondern sein Wissen bzw. seine Ansichten sind durch seine Schüler übermittelt worden.
13.11.19
19:22