Debatte

Schulexperten lehnen Kopftuchverbot für Mädchen ab

In der Debatte um ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren haben sich am Mittwoch Schulexperten und muslimische Vertreter gegen den Vorstoß in Nordrhein-Westfalen gewandt. Die NRW-Integrationsstaatssekretärin Serap Güler (CDU) plädierte dagegen erneut für ein Verbot.

12
04
2018
Symbolbild: Kopfuch, junge Musliminnen, NRW-Kopftuchverbot © Shutterstock, bearbeitet by iQ.

Das von der nordrhein-westfälischen CDU/FDP-Landesregierung erwogene gesetzliche Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren stößt bei Schulverbänden auf Widerstand. Die Landesvorsitzende des Grundschulverbands, Christiane Mika, sagte der „Rheinischen Post“ (Mittwoch): „Diese Diskussion zum jetzigen Zeitpunkt scheint wenig sensibel und hilfreich.“ Ihr Verband sehe keinerlei Handlungsbedarf. Mika, die selbst Leiterin einer Grundschule in Dortmund ist, fügte hinzu, an ihrer Schule seien von 345 Schülern 280 Muslime; sechs Mädchen trügen Kopftuch.

Skeptisch äußerten sich in der Zeitung auch die Gesamtschulleiter. „Auch wenn die Anzahl der Kinder mit Kopftuch an den Gesamtschulen zugenommen hat, ist das derzeit kein relevantes Phänomen“, sagte Mario Vallana, Landessprecher der Schulleitungsvereinigung der Gesamtschulen: „Grundsätzlich halten wir nicht viel von pauschalen Verboten. Ziel der Gesamtschulen ist es, möglichst viele Kinder zu integrieren. Ein Verbot dürfte da mehr Probleme provozieren als lösen.“

Im Gegensatz dazu bewerteten zu Beginn der Woche in der „Bild“-Zeitung der Chef des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, und die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, den Vorstoß als eher positiv.

Lehrkräfte stehen in der Verantwortung

Der Direktor des größten islamtheologischen Instituts in Deutschland an der Universität Osnabrück, Bülent Uçar, hält indes ein Verbot für nicht „zielführend“. „Letztlich verfestigt man Parallelgesellschaften, weil die Kinder in der Schule möglicherweise anders auftreten als privat in den Familien“, sagte er der „Welt“.

Dennoch müsse „der Staat natürlich eingreifen und das Kindeswohl in den Mittelpunkt seines Handelns stellen“, wenn Mädchen gegen ihren Willen zum Kopftuchtragen verpflichtet würden. „Ich sehe die Lehrkräfte in der Verantwortung, die Kinder und Jugendlichen aufmerksam zu beobachten. Dort, wo es bedenkliche Entwicklungen gibt, muss man mit den Eltern reden – bestenfalls auch in Zusammenarbeit mit den Moscheevereinen.“ Dier Schule dürfe auch vor „Zwangsmaßnahmen“ nicht zurückschrecken.

Muslime lehnen Kopftuchverbot ab

Die Schura Rheinland-Pfalz lehnt ein Kopftuchverbot entschieden ab. „In einem Land, in dem mehrere Religionsgemeinschaften, gestützt auf die Religionsfreiheit, zusammenleben, stellen wir uns die Normalität so vor, dass Menschen individuelle religiöse Symbole tragen, Ihre religiöse Praktiken frei leben und Ihre Kinder im Sinne der Erziehung an die Religion heranführen können“, erklärt die Schura in einer Pressemitteilung.

Gleichstellungsargumente, die darauf abzielen, dass alle gleich sein müssen, führen in die Irre der Intoleranz und vorbei an der pluralistischen Realität unserer Gesellschaft. „Bei dem zur Diskussion stehenden Verbot handelt es sich um einen direkten Eingriff in innerislamische Angelegenheiten, die verfassungsrechtlich geschützt sind.“ Ein Verbot würde die „Freiheit der Religionsausübung“ und den Schutzbereich des Erziehungsrechts der Eltern in religiöser Hinsicht verletzen. „Das natürliche Recht die Religion auszuleben und die Kinder heranzuführen ist nicht nur muslimisch, sondern gilt auch in christlichen, jüdischen und Sikh Familien“, so die Schura

Der Vorsitzende des Islamrates, Burhan Kesici, nannte die Debatte „populistisch, symbolgeladen und inhaltsleer“. Die Vorstellung, muslimischen Mädchen würde das Kopftuch aufgezwungen, sei überholt: „Kopftuchzwang und Kopftuchverbot schlagen in dieselbe Kerbe: Beide entmündigen Musliminnen.“ Er halte es für „unverhältnismäßig und verfassungswidrig“, wegen einer vermuteten Minderheit „bei allen jungen Musliminnen die grundgesetzlich geschützte Religionsfreiheit einzuschränken“.

Güler verteidigt Vorstoß

Unterdessen unterstrich die Integrationsstaatssekretärin von NRW, Serap Güler (CDU), erneut die Forderung nach einem Verbot. „Uns geht es bei der Debatte allein um das Kindeswohl“, sagte die Muslima der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Güler widersprach der Behauptung, dass bei einem Verbot auch ein christliches Kreuz an einer Halskette in Frage gestellt werden müsste.

Außerdem bezeichnete sie den Vergleich zwischen einem Kopftuch und einem Kreuz als falsch. Wenn ein christliches Kind eine Kette mit Kreuz trage, könne es diese später abnehmen, ohne sich hierfür groß rechtfertigen zu müssen. Bei vielen muslimischen Mädchen sei das mit einem Kopftuch aber nicht so einfach. Das soziale Umfeld erzeuge häufig einen so starken Druck, dass es nicht ohne große Spannungen möglich sei, sich später gegen das Kopftuch zu entscheiden. (KNA, iQ)

Leserkommentare

Prinzessin Rosa sagt:
Mhm, wenn ich mir diese ganzen Artikel zum K- Verbot U14 durchlese frage ich mich eins: Ist es nicht eher die Vorbereitung darauf das Kopftuch komplett zu stigmatisieren? Allein schon die Diskussion darum, jeden Tag erneut um sein Recht argumentieren zu müssen ermüdet. Kann man nicht einfach Tuch Tuch sein lassen? In der Literaturgeschichte ist es schön nachzulesen mit welchem Mittel man den Gegner am besten vernichtet und demütigt: seine Frauen und Töchter. Pfui!
13.04.18
10:59
Sven Anatoli sagt:
Manche Väter wollen leider, das ihre kleinen Töchter sich mit Kopftüchern bedecken. Sie sagen z.B., daß Allah sonst böse würde und setzen damit ihre Kinder unter Druck. Darf sowas sein?
13.04.18
13:23
Prinzessin Rosa sagt:
@Hr. Anatoli: das sollte natürlich nicht sein, und es entspricht auch nicht der islamischen Religion. Aber das sollte nicht der Anlass sein etwas zu verbieten. Gespräche können helfen.
13.04.18
14:54
Johannes Disch sagt:
@Prinzessin Rosa (13.04.18, 10:59) So sehe ich das auch: Das Ganze wäre nur der Auftakt zu einer Reihe von Anti-Islam-Gesetzen. Erst das Kopftuch, dann nimmt man sich die Moscheen vor, dann... -- irgend etwas neues wird den Islam-Gegnern garantiert immer einfallen. Man kann aber wohl vorerst Entwarnung geben, da entscheidende Stellen sich skeptisch geäußert haben wegen verfassungsrechtlicher Bedenken. Die NRW-Regierung sollte sich selbst einen Gefallen tun und den absurden Vorschlag einmotten, bevor sie damit wieder einen Prozess-Marathon lostreten, den sie am Ende verlieren würde. Gegen Zwang gibt es geeignetere Mittel als ein pauschales Verbot.
13.04.18
16:41
Johannes Disch sagt:
@Sven Anatoli (13.04.18, 13:23) -- "Darf sowas sein?" Nein, so etwas darf natürlich nicht sein. Aber um dagegen etwas zu tun gibt es bessere Mittel als ein pauschales Kopftuchverbot.
13.04.18
21:02
Kritika sagt:
L.S. Prima Idee, Prinzessin Rosa: Sie schlägt vor: « Ist es nicht eher die Vorbereitung darauf das Kopftuch komplett zu stigmatisieren? » Ja, lasst uns das Streit suchende, bescheuerte Kopftuch komplett stigmatisieren -- und dann komplett aus Schulen verbannen. Die Fransosen, die wahrscheinlich - - bis auf die Amerikaner - - am meisten Tote in Allahs Auftrag zu beklagen haben, haben sich längst entschieden: Weg mit diesem Symbol in Schulen; mit dem Symbol einer Sekte, die ihren Mitgliedern Mordanschläge befielt. Wenn das Grundgesetz angepasst werden muss, damit das öffentliche School- und Strassenbild frei wird von wird von Symbolen der Sekte mit dem MordAuftrag, dann wäre es das mehr als wert. Das Grundgesetz wird ohnehin von Zeit zu Zeit geändert. Gruss, Kritika
14.04.18
1:24
Manuel sagt:
@Prinzessin Rosa: Pfui ist, wenn man kleine Mädchen sexualisiert und indokriniert!
14.04.18
19:51
Johannes Disch sagt:
@Prinzessin Rosa (13.04.18, 10.59) -- "...Ist es nicht eher die Vorbereitung darauf, das Kopftuch komplett zu stigmatisieren?" (Prinzessin Rosa) Ihre Vermutung dürfte zutreffen. Nicht nur, dass man Mädchen mit Kopftuch und ihre Eltern kriminalisiert; es geht inzwischen sogar noch weiter: Der Innenminister von NRW-- Herbert Reul (CDU)-- brachte heute den Vorschlag ins Gespräch, "gewaltbereite muslimische Jugendliche unter 14 Jahren" zu "überwachen." (Bericht her bei "islamiq" von heute 14.04.18)
14.04.18
20:16
Ute Fabel sagt:
@Prinzessin Rosa: Die Respektlosigkeit von Eltern gegenüber der negativen Weltanschauungs- und Religionsfreiheit bei ihrem minderjährigen Nachwuchs muss stigmatisiert werden. Kommunistische Blauhemden, Burschenschafter-Couleur, Parteiabzeichen, Kopftücher, Kippss und atheische Anstecker haben bei Minderjährigen im Schulunterricht absolut nichts verloren. Das sollte gesetzlich klargestellt und sanktioniert werden.
14.04.18
23:10
Johannes Disch sagt:
@Ute Fabel (Ihr Post vom 14.04.18, 23:10) Respektlos sind vor allem Sie. Sie respektieren noch nicht einmal das Grundrecht auf Schutz von Ehe und Familie, das auch das Erziehungsrecht der Eltern mit einschließt, und darunter fällt auch das Thema Religion. (Art. 6 GG). Und Sie sind es, die stigmatisieren. Sie stigmatisieren islamische Eltern, die ihrem Kind ihren Glauben vermitteln. Sie stigmatisieren alles, was nicht in ihr fundamental-atheistisches Weltbild passt. Intoleranter geht es nicht.
15.04.18
14:31
1 2