Bundestagswahlen 2017

Türkischstämmige Wähler wenden sich von deutschen Parteien ab

Die AfD zieht Protestwähler an. Auch viele Menschen mit türkischem Migrationshintergrund sind vor dieser Bundestagswahl enttäuscht von den etablierten Parteien. Eine Partei, die gegen muslimische Zuwanderung ist, stellt für sie aber keine Alternative dar.

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Die Wahlen stehen an © flickr / CC 2.0 / DIE LINKE

Nazi-Vergleiche, Verhaftungen, Armenier-Resolution, Auftrittsverbote für Politiker – um das deutsch-türkische Verhältnis ist es so schlecht bestellt wie nie. Meinungsforscher erwarten, dass der Dauerknatsch zwischen Berlin und Ankara auch Einfluss auf den Ausgang der Bundestagswahl haben wird. Viele Wahlberechtigte mit türkischen Wurzeln dürften der Wahl am 24. September fernbleiben. Der Grund: Sie fühlen sich von den deutschen Parteien nicht mehr verstanden und an den Rand gedrängt. Das hat auch damit zu tun, dass die meisten von ihnen ihre Informationen über deutsche Politik aus türkischen Medien beziehen. Und die sind, was deutsche Parteien angeht, zur Zeit auf Krawall gebürstet.

Dass sich die Türkeistämmigen zunehmend abwenden, ist vor allem für die SPD und für die Grünen eine schlechte Nachricht. Sie waren bislang die bevorzugten Parteien der rund eine Million Deutschtürken, die in Deutschland wahlberechtigt sind. Das liegt vor allem daran, dass beide Parteien die Vorteile der Migration herausstreichen und immer wieder Maßnahmen gegen Diskriminierung einfordern. Allerdings: Den Flüchtlingszustrom seit 2015 sehen auch einige Einwanderer aus der Türkei kritisch.

„Wir rechnen diesmal mit einer deutlich geringeren Wahlbeteiligung der Türkeistämmigen“, erklärt Joachim Schulte von Data 4U, einem Institut, das sich auf Meinungsforschung in ethnischen Zielgruppen spezialisiert hat. Bei einer Untersuchung zur politischen Beteiligung von in Bayern lebenden Menschen mit Migrationsgeschichte stellte Schulte im Februar fest, dass diese Gruppe zur Zeit „mit allen Parteien besonders wenig“ übereinstimmt.

Ähnliche Ergebnisse lieferte unlängst eine bundesweite repräsentative Befragung durch die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), die der türkischen Regierungspartei AKP nahesteht. Dabei gaben 15 Prozent der Befragten an, sie wollten bei der nächsten Bundestagswahl gar nicht wählen. 41 Prozent wussten noch nicht, ob sie zur Wahl gehen oder machten keine Angaben. Beim Rest kam die Linke auf vier Prozent. Sechs Prozent der 1000 Befragten wollten die Grünen wählen, sieben Prozent die CDU. Die SPD kam auf 22 Prozent. Der Wert für die AfD tendiert gegen Null. Zum Vergleich: Bei der zurückliegenden Europawahl hatten 54 Prozent der Befragten ihr Kreuz bei der SPD gemacht, 19 Prozent bei den Grünen.

Was sind die Gründe für diese Entfremdung? Da ist vor allem die Verabschiedung der Armenier-Resolution im Bundestag im Juni 2016. Das Parlament hatte das Vorgehen des Osmanischen Reiches gegen die Armenier vor mehr als hundert Jahren als Völkermord eingestuft. Alle elf Abgeordneten mit türkischem Migrationshintergrund bekamen nach der Abstimmung Drohungen.

Auch der Streit um Wahlkampfauftritte türkischer Politiker in Deutschland und der von Erdoğan erhobene Vorwurf, Deutschland sei ein Schutzraum für kurdische Terroristen und Unterstützer des Putschversuchs vom Juli 2016, fiel bei einigen Deutschtürken auf fruchtbaren Boden. Die Versuche deutscher Politiker, diese Vorwürfe zu entkräften, erreichten diese Gruppe dagegen oft gar nicht. Meinungsforscher Schulte erklärt: „Wir stellen einen Rückzug in die Community fest, der Konsum türkischer Medien hat bei den Türkeistämmigen im letzten Jahr sogar zugenommen. Er stieg von über 80 Prozent auf etwa 90 Prozent. Nur ein Drittel der Deutschtürken schaltet zumindest hin und wieder einen deutschen Sender ein.“

In der Bayern-Studie von Data 4U heißt es: „Selbst die in der Vergangenheit von dieser Wählergruppe favorisierte SPD erreicht nur unterdurchschnittliche Werte“. Die Grünen leiden nach Einschätzung der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD) darunter, dass der „Özdemir-Bonus“ aufgebraucht ist. Einige Migranten aus der Türkei hätten früher die Grünen gewählt, weil mit Cem Özdemir ein Mann aus ihrer Mitte an der Spitze steht. Durch Özdemirs vehemente Kritik an Erdoğan und seine deutliche Unterstützung der Armenier-Resolution sei aus diesem Bonus eher ein Malus geworden. (dpa, iQ)

Leserkommentare

Ute Fabel sagt:
In Österreich hat der ehemalige Grünpolitiker Peter Pilz für die bevorstehenden Wahlen eine neue Partei gegründet. Rechtspopulistische, nationalistische Parteien wie die FPÖ und der politische Islam à la Erdogan werden von dieser Partei als die beiden Hauptgefahren für ein offenes Europa geortet. Ich kenne mehrere aufgeklärte und kritische Österreicher mit türkischem Migrationshintergrund, die sich über die Existenz dieser neuen Partei freuen und sie gerne wählen werden.
08.08.17
12:59
Frederic Voss sagt:
Soll etwa am Ende des Artikels hier ein Cem Özdemir eingefordert werden, der vehement den immer stärker agitierenden Islamismus-Herrscher Erdogan hätte loben und die Armenier-Resolution hätte heftigst kritisieren sollen? Soll wohl das diktatorische Erdogansche Weltbild Vorbild, Richtschnur, Normgebung und Verheißung sein?
08.08.17
22:40
Manuel sagt:
Warum soll man den türkischen politischen Islam Tür und Tor öffenen, die Türkschstämmigen müssen sich eben entscheiden, Erdogan und AKP-Islamismus und damit Unterdrückung und Gottesstaatsdiktatur oder Deutschland, liberale Demokratie und Rechtsstaat, punkt! Jeder der Erdogan und seine islamistische Diktatur so toll findet, steht es frei dorthin zu gehen.
09.08.17
18:13
Johannes Disch sagt:
Die hätten wohl gerne, dass die AKP mit ihrem Super-Demokraten *räusper*) Erdogan hier zur Wahl steht. Wo die meisten Deutsch-Türken politisch zu verorten sind, das hat man ja kürzlich beim türkischen Referendum gesehen. Ein Trauerspiel....
09.08.17
20:48
Dilaver sagt:
Die Türkei trifft hier keine Schuld, weil sie gerade eine schwierige Zeit durchmacht. Sie möchte nur in Ruhe gelassen werden, mehr nicht. Und genau das möchten deutsche Politiker nicht, weil sie es nicht anders gewohnt sind, als den Zeigefinger zu erheben und Terroristen sowie andere Hochverräter in Schutz zu nehmen, was aber illegal ist. Schuld sind ausschließlich unfähige deutsche Politiker sowie ihre kriechenden "Haustürken", welche ihnen ohne jegliche Selbstachtung gefallen wollen. Ein Trost, dass ihre Tage gezählt sind und zur Rechenschaft gezogen werden dafür, dass es so weit gekommen ist. Eine Politik, in der man sich verstellen muss, um seine Ziele zu erreichen, führt ins Verderben.
10.08.17
14:51
Manuel sagt:
@Dilaver: Und wir wollen hier keine antidemokratischen türkische AKP-Islamisten, punkt! Wenn Sie damit ein Problem haben, steht es Ihnen frei zu Ihren Kalifen Erdogan zu gehen.
10.08.17
20:27
Johannes Disch sagt:
@Dilaver So, die Türkei möchte einfach nur in Ruhe gelassen werden?? Das geht vielleicht, wenn man ein einsamer Inselstaat ist mitten im Pazifik. Es geht aber nicht als NATO-Mitglied und als EU-Beitrittskandidat, der seit einem Jahr sämtliche rechtsstaatlichen Normen der EU verletzt.
11.08.17
0:05
Dilaver sagt:
@Johannes Disch Wenn die Probleme in der Türkei auch nur ansatzweise in Deutschland wären, dann wäre der deutsche Staat dagegen viel härter vorgegangen als die Türkei schon vorgeht. Davon mal ganz zu schweigen, dass rechtsstaatliche Normen sogar zeitweise außer Kraft gesetzt worden wären. Machen wir uns da nichts vor.
11.08.17
19:34
Dilaver sagt:
@Manuel Ja, bevor ich gehe, hänge ich Sie auf.
11.08.17
19:37
Manuel sagt:
@Dilaver: Ist typisch für Islamisten, sieht man ja vielen islamischen Ländern, wie Sie einer sind. Danke jetzt wissen wir wenigstens wessen Geistes Kind Sie sind.
21.08.17
19:22
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