Moscheeanschlagsserie

„Muslime werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt“

Die etlichen Moscheeangriffe und die islamfeindlichen Übergriffe erschüttern Muslime in Europa. Was hinter der Feindschaft steckt und was die europäischen Rechten damit zu tun haben, erklärt Matthew Goodwin von der Universität Kent.

08
10
2016
Dresden Moschee
Bild von dem Sprengstoffanschlag auf die DITIB-Moschee in Dresden© DİTİB Şehitlik Camii Gençlik - DİTİB Sehitlik Moschee Jugend

Nach den Terroranschlägen in Paris im vergangenen Jahr wurden in Frankreich mindestens 26 Moscheen beschossen, mit Molotow-Cocktails und Handgranaten beworfen oder mit Schweineköpfen geschändet. Einem Bericht zufolge hat sich die Zahl der Hassverbrechen gegen französische Muslime gegenüber 2014 verdreifacht. In Schweden wurden binnen einer Woche drei Moscheen angegriffen. Polizeistatistiken aus Großbritannien weisen für 2015 einen Anstieg der Hassverbrechen um 18% gegenüber 2014 aus. Die Rate religiös motivierter Hassverbrechen stieg sogar um 43%. Neue Forschungsergebnisse aus den Niederlanden zeigen, dass mindestens jede dritte Moschee bereits von Vandalismus und Brandstiftung betroffen war oder Drohbriefe erhalten hat. Der Fall eines 33-Jährigen, der vor kurzem eine von Kindern und Erwachsenen besuchte Moschee mit einer Brandbombe bewarf, ist hierfür ein typisches Beispiel.

Solche Anfeindungen und Angriffe hinterlassen eine tiefgreifende Verunsicherung in den muslimischen Gemeinschaften. Vor allem unter jungen Muslimen tragen sie zu wachsender Verbitterung, Entfremdung und dem Gefühl bei, in der westlichen Gesellschaft an den Rand gedrängt zu werden.

Was steckt hinter der Feindseligkeit?

Was aber steckt hinter der wachsenden Feindseligkeit? Angriffe auf Moscheen und Muslime in Europa lassen sich einerseits als Ausdruck wachsender Furcht vor Terrorismus und einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit deuten – als eine Art „Gegenoffensive“ weißer Einheimischer angesichts der angeblichen Bedrohung ihrer Lebensweise. Diese Situation beschreibt der Wissenschaftler Roger Eatwell als „kumulativen Extremismus“. Dabei agitieren Extremisten, bspw. Anhänger rechtsextremer Gruppierungen, zum Teil gewaltsam gegen eine andere Form des Extremismus, hier den IS-Terror.

Beide Formen beeinflussen sich gegenseitig und setzen eine Spirale der Gewalt in Gang, wie sie seinerzeit bereits in Nordirland oder Südafrika zu beobachten war.

Andere, wie Leonard Weinberg, meinen zudem, die nächste Welle der Gewalt in Europa werde durch eine Form der Politik des Gegenschlages radikaler nationalistischer Gruppen ausgelöst. Diese wollten durch Gewaltakte und Feindseligkeit gegenüber religiösen Gemeinschaften ihre allgemeine Ablehnung wachsender ethnischer und kultureller Vielfalt zum Ausdruck bringen.

Derartige Gruppierungen agieren jedoch in einem breiteren Kontext. Vor diesem Hintergrund ist die Feststellung wichtig, dass das politische Klima in Europa für Anti-Immigrations- und besonders Anti-Islam-Bewegungen wesentlich günstiger geworden ist, was mit der ökonomischen und demografischen Entwicklung zusammenhängt.

Eine auch nach 2008 andauernde Wirtschaftskrise heizt die Sorge um knappe Ressourcen wie Arbeit, Wohnraum und staatliche Fürsorgeleistungen an. Das stagnierende Wirtschaftswachstum in der Eurozone spiegelt sich vor allem in der hohen Jugendarbeitslosigkeit, die mancherorts über 40% beträgt. Unter diesen Umständen fallen rechtsextreme Parolen wie „Muslime/Flüchtlinge nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ auf fruchtbaren Boden.

Die Flüchtlingskrise 2015 hat die ohnehin bestehenden starken Bedenken in Bezug auf die Einwanderung nach Europa und ihrer Auswirkungen auf die Jobentwicklung und gesellschaftlichen Werte nochmals unterstrichen.

Die Ankunft von mehr als einer Million Flüchtlinge im Jahr 2015 und einer vergleichbar hohen Anzahl in den ersten Monaten des Jahres 2016 begünstigte den Aufstieg von Anti-Immigrations- bzw. Anti-Islam-Parteien, da sich immer mehr Wähler von diesen Vorgängen bedroht fühlen.

Die europäischen Rechten

Am deutlichsten zeigte sich dies vermutlich in den jüngsten Landtagswahlergebnissen der rechtspopulistischen „Alternative für Deutschland“ (AfD). Auch Meinungsumfrageergebnisse spiegeln das neue Unterstützungsniveau, das diese Parteien erreichen. Die österreichische FPÖ, die öffentlich gegen den angeblich wachsenden Einfluss des Islams mobil gemacht hat, liegt derzeit in den Umfragen ebenso vorn wie Geert Wilders‘ Partei für die Freiheit in den Niederladen, die mit 15% einen deutlichen Vorsprung auf ihren stärksten Konkurrenten hat.

Für das bevorstehende Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU ist die wachsende Besorgnis im Hinblick auf Einwanderung, Flüchtlinge, aber auch die Rolle des Islams und der Türkei in Europa ebenfalls bedeutsam. Diejenigen Wählergruppen, die am wahrscheinlichsten für den „Brexit“ stimmen werden, vertreten durchweg die ablehnendste Haltung gegenüber Immigration und Flüchtlingen.

Abgesehen von einem derzeit günstigen politischen Klima muss auch die Zersplitterung der europäischen Rechten berücksichtigt werden, die in den letzten Jahren eine Reihe von Parteien und Gruppierungen hervorgebracht hat, die ihrerseits die bestehenden Vorurteile gegenüber dem Islam anheizen. Neben bekannten politischen Parteien wie dem von Marine Le Pen geführten französischen Front National oder Geert Wilders‘ PVV gibt es inzwischen immer mehr aktive Basisbewegungen, die Wahlpolitik bewusst vermeiden. Gruppen wie Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) versuchen mit Demonstrationen, Protestpolitik und indirekter Druckausübung auf etablierte Politiker Unterstützung für ihre Strategie zu gewinnen.

Ein weiteres Beispiel ist das finnische Netzwerk „Soldaten Odins“, das sich Anfang 2016, etwa zur Zeit der heftigen Debatte um die Angriffe auf Frauen in Köln, bildete. Diese Bürgerwehr will nach eigenen Angaben Europas christliches Erbe, seine Werte und Lebensweise schützen.

Solche Gruppierungen wurzeln in dem erweiterten „Counter-Jihad“-Netzwerk, das, unterstützt von finanzstarken und gut organisierten Aktivisten in den USA, ab 2009 auch in Europa auftrat. Ziel ist der Aufbau einer proletarischen „Straßenarmee“, mit der sich Widerstand gegen die vermeintliche „Islamisierung“ westlicher Gesellschaften mobilisieren lässt. Im Gegensatz zu den oben erwähnten Parteien ist die Grenze zur Gewaltbereitschaft bei diesen Gruppen oft fließend.

Nicht immer ist die von diesen Gruppierungen vertretene Ideologie jedoch das Hauptmotiv für Gewaltanwendung. Von denjenigen, die sich rechtsextremen Gruppen angeschlossen und Gewalttaten gegen Muslime und andere Minderheiten verübt haben, waren einige zuvor kleinkriminell oder suchtkrank. Forschungsergebnisse aus Deutschland etwa legen den Schluss nahe, dass diese Faktoren oft ausschlaggebender sind als ein geschlossenes ideologisches Weltbild, das darüber hinaus meist fehlt.

Auch aus der Deradikalisierungsarbeit mit rechtsextremen Gewalttätern wissen wir, wie wichtig nicht-ideologische Faktoren wie die Herausnahme aus dem sozialen Umfeld, die Eingliederung in den Arbeitsmarkt und eine funktionierende Paarbeziehung sind. Diese Erkenntnisse sind für diejenigen nützlich, die der Gewalt entgegentreten. Auch von politischen Entscheidungsträgern und Regierungen, die die Triebkräfte der Islamophobie oft nicht angemessen einschätzen und nur unzureichende Mittel bereitstellen, um dieses anhaltende gesellschaftliche Problem anzupacken, sollten sie ernster genommen werden.

Leserkommentare

Moritz sagt:
Dahinter steckt schlicht und ergreiffend die Angst vor dem Islamismus.
09.10.16
9:01
Grünschnabel sagt:
"Andere, wie Leonard Weinberg, meinen zudem, die nächste Welle der Gewalt in Europa werde durch eine Form der Politik des Gegenschlages radikaler nationalistischer Gruppen ausgelöst. Diese wollten durch Gewaltakte und Feindseligkeit gegenüber religiösen Gemeinschaften ihre allgemeine Ablehnung wachsender ethnischer und kultureller Vielfalt zum Ausdruck bringen." Das ist die Gefahr, die Europa erwartet. Nicht die hierher Geflüchteten oder eine vermeintliche Islamisierung, sondern schlicht und ergreifend der Rechtsradikalismus. Auch und insbesondere in ihrem "bürgerlich-besorgten" Gewand.
13.10.16
12:51
Manuel sagt:
@Grünschnabel: Der Islamismus und Rechtextremismus sind Zwillingsbrüder und müssen genau auf die selbe Weise bekämpft werden. Nur weil einer Ideologie das Etikett "heilig" anklebt muss man sie nicht ständig vor Kritik ausnehmen. Wir müssen jedenfalls dafür sorgen, dass sich in Deutschland keine islamisch-mittelalterliche Gesellschaftsordnung ausbreitet, denn was die anrichtet sehen wir in den islamischen Ländern jeden Tag.
15.10.16
15:37
Grünschnabel sagt:
Die Ausbreitung einer solchen Gesellschaftsordnung in Bezug auf Deutschland ist eine Illusion, die sich rechte Kreise ausdenken, um Angstmache zu betreiben. Oder woran machen Sie das fest? Rechte Gewaltexzesse gehören jedoch mittlerweile zum Alltag. Jede Woche wird eine Moschee angegriffen. Fast jeden Tag gibt es Angriffe auf Flüchtlinge oder auf ihre Unterkünfte. Es vergeht keine Woche ohne eine derartige Schlagzeile. Die wahre Gefahr kann bereits rein quantitativ anhand der Agenturmeldungen buchstäblich "nachgezählt" werden.
17.10.16
9:08
Charley sagt:
Genau so wenig wie eine Frau "Schuld" ist, wenn sie vergewaltigt wird, z.B. weil sie sich zu "aufreizend" gekleidet hat, genauso wenig haben irgendwelche friedlichen moslemischen Religions-Folklore-Vereine (Gemeinden) "Schuld", wenn ihr Versammlungsort angegriffen wird! Witziger Weise findet man aber genau diese Denke bezüglich der "Schuld der Frauen an ihrer eigenen Vergewaltigung" in islamischen Gedankengängen. Die Frau sollte also durch ihr Verhalten die Triebhaftigkeit der Vergewaltiger steuern! Entsprechend absurd wäre es also, den islamischen Gemeinden "Schuld" an den Anschlägen auf ihre Moscheen zuzusprechen! Die eigenen Denkmuster zu reflektieren, wäre hier für manche moslemsiche Moralapostel durchaus mal interessant. - Man kann mit einem Drachen nicht kuscheln und ein Drache ist diese dumpfbackige Bewegung der "Rechten" in Europa. Ihr Kennzeichen ist gerade ihre GEdankenlosigkeit, insofern ist der Versuch (von Intellektuellen) sich mit solchen Leuten "gedanklich" in Gesprächen auseinander zu setzen von vorn herein wenig erfolgversprechend! Hier - und das arbeitet der obige Artikel klar heraus - ist ein viel größeres gesellschaftliches SELBSTbewusstsein von Nöten, so wie auch die Faschisten der 20er/30er Jahre sich die Naivität der Gesellschaft zu Nutze machten. Sehr irritiert mich die im Artikel angesprochene Finanzierung solcher Gruppen aus den USA (Zitat): "Solche Gruppierungen wurzeln in dem erweiterten „Counter-Jihad“-Netzwerk, das, unterstützt von finanzstarken und gut organisierten Aktivisten in den USA, ab 2009 auch in Europa auftrat." Ähnliches war der Fall beim Aufbau der Nazis durch amerikanische Finanziers. Siehe dazu z,B,: "Guido Giacomo Preparata: WerHitler mächtig machte" als auch die Schrift(en) von Antony Sutton. Gerade die Gedankenlosigkeit der "Masse" (und hier passt der Ausdruck tatsächlich für jene "Menschen") lässt fragen, wo die Intentionen solch einer Bewegung eigentlich "gedacht" werden! - Dass es sich hier um gesellschaftliche Entwicklungen handelt, deren Triebkräfte leider jenseits der vordergründigen Alltagsdenke der heutigen Politiker liegen, ist wirklich beängstigend. Aber genauso verschlafen wie diese Politiker dünkt mich die selbstgefällige Folkloreseligkeit, mit der in islamischen Zusammenhängen z.T. eine philosophisch anachronistische Islamauffassung gepflegt wird ("der Islam hängt am Kopftuch"), die sich selbst dadurch gettoisisert. - Nicht, dass ich sagen will, dass durch ein anderes islamisches Selbstverständnis hier in Europa "die Moslems" jenen völlig indiskutablen Übergriffen die Spitze nehmen könnten, aber sie bieten auch in manch "folkloristischer Verschrobenheit" ein dankbares Ziel. Warum kann der Islam nicht - wenn er denn wirklich so wertvoll ist - nicht auftreten, dass anderen die Luft wegbleibt und diese sagen: "Meine Güte, was kommen da nicht für großartige Ideen in unsere Kultur hinein!" D.h. unabhängig von dem Umfeld primitiver Angriffe von "rechts" ist den islamischen Gemeinden immer noch möglich, sich kulturell fruchtbarer darzustellen, als dass man die Menschheit zu Kopftuch und Schweinefleischenthaltsamkeit bekehren wollte!
18.10.16
19:08
Charley sagt:
@Moritz: Jene "Angst", von der du sprichst, könnte eine solche vor kultureller Überfremdung sein bei Leuten, die Kultur haben, aber genau DIESE finde ich nicht bei diesen rechten Pegida-Paranoikern! Mir sind etliche feinsinnige, gebildete Moslems, die ich kenne lieber als dieses Dumpfbackenpack, dass sich auf Pegidaveranstaltungen herumtreibt!
19.10.16
19:14