Österreich

„Miteinander reden, statt übereinander“

Politischer Islam, Millî Görüş, Erbakan. Die Islamischen Föderationen in Österreich stehen im Fokus politischer Debatten. Auf einer Fachtagung stellen sie sich den Vorwürfen und bekräftigen: Wir gehören zu Österreich.

07
03
2022
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Fachtagung „Muslime und die Islamischen Föderationen in Österreich im politischen Fokus“
Fachtagung „Muslime und die Islamischen Föderationen in Österreich im politischen Fokus“

In Wien kamen Experten, Akademiker, Vertreter von Religionsgemeinschaften und anderen zivilen Organisationen auf der Fachtagung „Muslime und die Islamischen Föderationen in Österreich im politischen Fokus“ zusammen. Ziel der hybriden Tagung war es, zum einen die Entwicklung der Muslime in Österreich nach den Terroranschlägen zu erörtern und zum anderen über den Grundlagenbericht der Dokumentationsstelle ‚Politischer Islam‘ zu diskutieren. Organisiert wurde die Tagung von den Islamischen Föderationen in Österreich.

Es war das erste Mal, dass jene muslimischen Organisationen, die im Mittelpunkt politischer und medialer Debatten stehen, sich zu einem offenen Austausch mit ihren Kritikern bereit erklärten. In seiner Eröffnungsrede ging der Sprecher der Islamischen Föderationen in Österreich, Abdi Taşdöğen, auf die jüngeren Entwicklungen in Österreich und deren Auswirkungen auf die muslimische Bevölkerung ein und betonte die Wichtigkeit des Austausches mit Experten. „Die bewusste Assoziation von Muslimen mit Terrorismus durch einige Politiker, Wissenschaftler, Historiker usw. hat leider das Misstrauen gegenüber dieser Gesellschaftsgruppe verfestigt“, so Taşdöğen. Unter diesen Behauptungen leide das alltägliche Leben von Muslimen sehr.

Der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), Ümit Vural, hob in seinem Impulsvortrag über den Weg der Muslime in die österreichische Gesellschaft vor allem die positiven Aspekte des Zusammenlebens in einer offenen und solidarischen Gesellschaft hervor. In einem weiteren Inputvortrag stellte Binur Mustafi, Mitglied der Islamischen Föderationen und Vorsitzender der IRG Oberösterreich, die Geschichte sowie den Wandlungsprozess der Islamischen Föderationen in Österreich zusammenfassend dar.

Wandel der IGMG

Auf dem Podium diskutierten IGMG-Generalsekretär Bekir Altaş, Dr. Thomas Schmidinger, Dr. Jörn Thielmann, Prof. Dr. Mouhanad Khorchide und Heiko Heinisch über den politischen Fokus der islamischen Föderationen in Österreich. Hierbei wurde auch auf die Vorwürfe der Dokumentationsstelle eingegangen. Die Moderation der Podiumsdiskussionen übernahm Sandra Szabo, vom ORF-Religionsmagazin „Orientierung“.

Jörn Thielmann kritisierte die Gründung der Dokumentationsstelle ‚Politischer Islam‘. „Kein Mensch würde jetzt eine Dokustelle für politischen Christentum beginnen, nur weil katholische Priester sich für eine aktive Mission einbringen“, so Thielmann. Bei der IGMG sehe er seit einigen Jahren einen „deutlichen Wandel”. Es gebe Bemühungen, Religionsgemeinschaft in Deutschland zu werden. 

Der Historiker Heiko Heinisch widerspracht dieser These. Er sehe eine zunehmende Verehrung von Necmettin Erbakan. Dies bezeichnete er als „fatal“, da man so nicht auf die Gesellschaft zugehen könne. Für den IGMG-Generalsekretär Bekir Altaş spiele Erbakan eine wichtige Rolle für den historischen Werdegang der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş. Erbakan habe „den Menschen Mut gemacht“ und ihnen gezeigt, dass man sich auf politischer Ebene für die religiöse Ausübung bemühen kann. Doch sei diese Rolle kein Hindernis, sich nicht mit den Thesen Erbakans kritisch auseinanderzusetzen. 

Selbstkritische Aufarbeitung

Thomas Schmidinger sprach mit Blick auf die organisationspolitische Dimension über eine mehrstufige Entwicklung innerhalb der IGMG. Die Abspaltung zwischen den „extremistischen Gruppen und den gemäßigten“ habe bereits in den 80er-Jahren begonnen, nämlich im Zuge der Abspaltung der Kaplan-Gemeinde. Der Generationswechsel und die politische Entwicklung in der Türkei habe zu einem erneuten Bruch geführt, sodass „die europäische Dachorganisation viel bedeutender geworden ist“. 

Nach dem Tod von Erbakan im Jahr 2011 sei es zu einem weiteren Bruch gekommen, der laut Schmidinger dazu geführt habe, dass man innerhalb der IGMG Politik und Religion getrennt habe. „Damit würde ich tatsächlich sagen, dass die IGMG heute am wenigsten von einer politischen Partei in der Türkei abhängig ist.” Für Schmidinger sei es zu viel verlangt, zu sagen, „ihr müsst euch komplett von eurem Gründungsvater trennen bzw. ihn verteufeln“. Doch eine selbstkritische Aufarbeitung der Geschichte und der Positionen von Erbakan müsse geschehen.

Im weiteren Verlauf gingen die Podiumsteilnehmer auf die Wissenschaftlichkeit der Studien über die IGMG und die Islamischen Föderationen ein. Als Vertreter der Dokumentationsstelle ‚Politischer Islam‘ wies Prof. Dr. Mouhanad Khorchide darauf hin, man habe sich im Rahmen der Ausarbeitung mit den öffentlich zugänglichen Aussagen der Gemeinschaft beschäftigt. „Wenn diese Aussagen nicht mehr aktuell sind, muss die IGMG bzw. die Islamische Gemeinschaft dafür sorgen, dass die neuen Aussagen auch in der Öffentlichkeit bekannt sind“, so Khorchide. 

Politischer Islam – eine kritische Definition

Jörn Thielmann kritisierte zudem die Kontextualisierung der Studie von Heiko Heinisch. „In der Studie fehlt mir die Dynamik, sie wirkt zu eingefroren. Wir leben im Jahr 2021 und es werden Zitate aus dem 2000 Jahr genommen. Jeder ändert sich, auch die Millî Görüş hat sich geändert“, erklärt Thielmann. Laut IGMG-Generalsekretär Bekir Altaş würden in der Studie Stellen aus Verfassungsschutzberichten selektiv und falsch zitiert und damit der IGMG sogar „eine Gewaltaffinität“ zugeschrieben. Solche Zuschreibungen zielten laut Altaş darauf ab, die IGMG aus dem gesellschaftlichen Diskurs auszugrenzen. „Wir werden uns nicht an den Rand der Gesellschaft drängen lassen“, betont Altaş.

Zum Schluss der Diskussion gingen die Teilnehmer auf den Begriff des politischen Islams ein. Mouhanad Khorchide erklärte, dass er per se davon abgesehen habe, die IGMG zum politischen Islam zu zählen. „Inwieweit diese Gemeinschaften diese Ideologie vertreten, habe ich offengelassen“, so Khorchide. Den Versuch der differenzierten Definition von Khorchide in der Einleitung könne Altaş anerkennen. Jedoch werde laut Altaş im inhaltlichen Teil des Berichts das Kopftuch, das Fastengebot, die Halal-Zertifizierung als Indiz für den politischen Islam definiert. „Das ist Religionsausübung und gehört zur Religionsfreiheit“, erklärt Altaş.

In seiner Abschlussrede bedankte sich der Abdi Taşdöğen für den regen Austausch und bekräftigte, dass die Islamischen Föderationen sich auf die Bedürfnisse der in Österreich lebenden Muslime konzentrierten. „Das ist ein klares Zeichen der Beheimatung. Dies muss auch berücksichtigt und wahrgenommen werden“, so Taşdöğen abschließend.