Meinung

Das neue Schreckgespenst im Islamdiskurs: „politischer Islam“

Das neue Lieblingsthema des Islamdiskurses ist der „politische Islam“. Während die Politik mit diesem Begriff Nägel mit Köpfen macht, ist dessen Definition und Verwendung unter Experten stark umstritten. Ein Beitrag von Mohammed Saif.

20
06
2021
Politischer Islam
Symbolbild: Islam © shutterstock, bearbeitet by IslamiQ.

Das Verhältnis europäischer Gesellschaften zum Islam wurde und wird oft aus einer politischen Perspektive betrachtet. Diese Seite des Islams scheint „interessanter“ zu sein als die Theologie oder das religiöse Leben. Auch die mediale Beschäftigung mit gesellschaftspolitischen Islam-bezogenen Themen findet oft große Resonanz. Diese Debatte um das „Wesen des Islams“ wirkt sich natürlich auch auf die Wahrnehmung des Islams in der Öffentlichkeit aus. Der Islam wird, nach den Worten des Schriftstellers und Journalisten Ralph Giordano, als „eine genuin politische Religion“[1] gesehen. Der religiöse Charakter des Islams bleibt unbeachtet, die Religion wird ausschließlich im politischen Bereich definiert, im Sinne von: „Der Islam ist und macht Politik“.[2]

Vor diesem Hintergrund entwickelt sich die Bezeichnung „politischer Islam“ mehr und mehr zu einem Kampfbegriff und einem Bestandteil der Debatte um den Islam selbst. Der Begriff „politischer Islam“ wird seit einigen Jahrzehnten vor allem in gesellschaftspolitischen Kontexten verwendet. Jedoch taucht er in den letzten Jahren viel öfter auf. Bezeichnungen wie „Salafisten“ oder „Dschihadisten“, „Islamisten“ u. ä., die jahrelang den Islamdiskurs dominiert haben, sind heutzutage uninteressant geworden. Nicht etwa, weil es sie nicht mehr geben würde, sondern, weil „die lautesten Warnrufe seit einiger Zeit einem anderen Feld gelten, nämlich dem politischen Islam“.[3]

Auch die Bedeutungskomponenten des Begriffs und sein Referenzbereich haben sich verschoben. Der „politische Islam“ ist zum Synonym für „Islamismus“ geworden, der fast ausschließlich auslandsbezogene Phänomene oder Strukturen bezeichnet. Aktuell bezieht sich der Begriff „politischer Islam“ meist deutlich fokussierter auf ein Phänomen, „das maßgeblich Deutschland und Europa betrifft. Und das oft mit den Aktivitäten institutionell organisierter Muslime in diesen Ländern zusammenhängt – der sogenannten Islamverbände“.[4] Der politische Islam bezieht in seinem neuen Referenzbereich Gruppen und Intuitionen mit ein, die man mit Begriffen wie „Salafisten“, „Islamisten“, „Dschihadisten“ nicht einzuschließen vermag. Den Begriff unscharf zu halten, begünstigt dabei, dass mehrere Gruppen bzw. Intuitionen mit dem Begriff miteinbezogen werden können.[5]

„Alles, was irgendwie anstößig erscheint“

Der Begriffskarriere des „politischen Islam“ begann, wollte man ein Datum nennen, mit dem CSU-Parteitag im November 2016. Dort wurde er als „die größte Herausforderung unserer Zeit“ bezeichnet. In einem Interview in „DIE ZEIT“ im November 2016 bemängelt die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer den Einsatz des Begriffs, weil ihm „jede Trennschärfe fehlt.“ Die Verwendung, so Krämer, „subsumiert unter diesem Begriff, wie es scheint, alles, was ihr am Islam und bestimmten Muslimen irgendwie anstößig erscheint – von der Forderung nach getrennten Badezeiten für Frauen in öffentlichen Schwimmbädern über die Höhe von Minaretten auf deutschem Boden bis zur terroristischen Gewalt von Boko Haram in Nigeria und den nationalistischen Umtrieben des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. In dieser Vagheit wird der Begriff völlig unbrauchbar. Hier wird ein Monster kreiert, das überall und nirgends ist.“[6]

Die neuen Definitionsversuche des Begriffs „politischer Islam“ werfen unterschiedliche Fragen auf. Der Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker kritisiert das Heranziehen des Begriffs in der Öffentlichkeit ohne klare Grenzen: „Ich hab versucht, es zu definieren, aber ich kann nur sagen, es gibt keine taugliche Definition, denn was soll politischer Islam sein?“.[7] Prof. Lohlker hebt die inhaltlichen Aspekte des Begriffs vor und schlägt vor, den Begriff nach den klaren inhaltlichen Bedeutungsaspekten zu definieren: „Ist das demokratischer Islam? Das wäre mir sehr lieb. Aber darüber wird nicht gesprochen. Wenn wir nur sagen, politischer Islam ist etwas Extremistisches, dann sollten wir vielleicht von extremistischem Islam sprechen und nicht von politischem Islam.“[8]

Konkrete Politik mit schwammigen Begriffen

Nach dem Terroranschlag in Wien im November 2020 kündigte der österreichische Kanzler Sebastian Kurz an, dass seine Regierung einen Straftatbestand „politischer Islam“ einzuführen plant, „um gegen diejenigen vorgehen zu können, die selbst keine Terroristen sind, aber den Nährboden für solche schaffen“. Hier wird eine direkte Verbindung zwischen Terror und „politischem Islam“ hergestellt. Wichtig zu erwähnen ist, dass die österreichische Regierung im Sommer 2020, also einige Monate vor dem Angriff, die „Dokumentationsstelle ‚Politischer Islam‘“ gegründet hatte. Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der „Dokumentationsstelle“ ist der bekannte liberale Theologe Mouhanad Khorchide.

Der von der österreichischen Regierung geplante Straftatbestand „politischer Islam“ wurde zu Recht heftig kritisiert. Prof. Lohlker fragt dazu: „Ich weiß nicht, wie man das vor Gericht halten soll. Wenn ich einen Terroristen habe und einen Propagandisten, der bestimmte Ideen vertritt, wie kann ich das vor Gericht mit demselben Straftatbestand angehen?“[9] Mit dem geplanten Tatbestand könnten demzufolge nicht Taten betraft werden, sondern auch Gedanken. Für diese Vagheit passt der Begriff politischer Islam gut, „der keine Erfindung von Sebastian Kurz ist, der aber seit einigen Jahren trotz aller Kritik eine beeindruckende Karriere hingelegt hat.“[10]

Neues Wort, altes Muster

In Deutschland wird der „politische Islam“ „ausschließlich auf der Grundlage der problematischsten Aspekte islamischer politischer Betätigung“[11] bestimmt. In ihrem Buch „Politischer Islam. Stresstest für Deutschland“ schreibt die Ethnologin Susanne Schröter, der Begriff ziele auf „die totalitäre Umgestaltung des Politischen“ und „die Unterwerfung von Gesellschaft, Kultur, Politik und Recht islamistischen Normen“.[12] Unter dem Titel „Der politische Islam gehört nicht zu Deutschland“ erschien 2019 ein Sammelband der Unionspolitiker Winfried Bausback und Carsten Linnemann. Laut den beiden Politikern umfasse der „politische Islam“ „die radikalen Ausprägungen, die den westlichen Lebensstil zum Feindbild erheben und unsere freiheitlich-demokratische Rechtsordnung zu unterlaufen suchen“.[13] In beiden Fällen wird eine voranstehende Gefahr suggeriert, die gestoppt werden müsse.

In Verbindung mit dem „politischen Islam“ wird oft der Gedanke eines Systemumsturzes verkündet, der angeblich angestrebt, aber gleichzeitig das geheime Ziel der politischen Teilhabe sei. In vielen Textstellen finden wir Wörter wie „unterwandern“, „umgestalten“, „unterlaufen“, „Deckmantel“, „Parallelgesellschaften“, die dieses Deutungsmuster deutlich machen. Diesem Vorwurf nach errichteten manche islamische Gemeinschaften „eine Fassade“, die man „enttarnen“ müsse.[14] Die Stoßrichtung dabei ist, so der Islamwissenschaftler Christian Meier, „stark kritisch bis alarmistisch“. Der „politische Islam“ werde radikal etwa mit Blick auf islamische Organisationen „häufig unsauber verwendet“[15], so die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer.

Dass der Begriff inhaltlich für alles Mögliche offen ist, also von der AKP in der Türkei bis al-Qaida, kritisiert Prof. Lohlker. Überhaupt betrachtet Lohlker den Umgang mit dem Begriff „politischer Islam“ in der Öffentlichkeit sehr kritisch, denn „der politische Islam wird uns in den Ring geworfen und wir schauen, was es für eine Definition nachher dafür geben mag“[16] Auf der anderen Seite definiert der Münsteraner Theologe Mouhanad Khorchide den „politischen Islam“ als „Herrschaftssystem“[17], also als „eine menschenfeindliche Ideologie, die die Herrschaft im Namen des Islam anstrebt.“[18] Dabei diene die Religion als „ein Mittel, um Gläubige zu manipulieren.“[19] Khourchide schafft aus dem Gespenst des „politischen Islam“ eine reale Bedrohung, „der sich gegen uns alle“ richte und „viel gefährlicher als der Jihadismus und Salafismus“ sei, „weil er viel subtiler, nämlich in Krawatte und Anzug, auftritt.“[20]

Importierter Begriff

Hier sieht man, dass der Referenzbereich des Begriffs vage ist. Denn, dass man sich politisch engagiert, um in die Macht zu kommen, ist niemals eine menschenfeindliche Ideologie. Außerdem scheinen mir Khorchides Definitionsversuche und Deutungsmuster eher auf auslandsbezogene Phänomene zurückzugehen, die sich auf anderen muslimischen Ländern und Strukturen beziehen als auf die Situation in Europa, natürlich auch mit den dort verwendeten negativen Konnotationen.

Der Arabische Frühling 2011 war ein Hochpunkt islamisch orientierter Parteien und Gruppierungen, von denen manche auch politische Erfolge verbuchen konnten. Ausgehend davon die Behauptung aufzustellen, dass sich die muslimische Minderheit in Europa genauso verhält, um die Gesellschaften zu „unterwandern“ ist meines Erachtens völlig fehl am Platz. Eine solche Sichtweise kriminalisiert jedwedes politische Engagement muslimischer Bürger und stellt alle Muslime unter Generalverdacht.

Dass die Ereignisse in der arabischen Welt und die Tatsache, dass Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate seit dem Arabischen Frühling sich klar gegen den „politischen Islam“ positioniert haben, die Situation in einzelnen europäischen Ländern beeinflusst hat, kann hier nicht bestätigt werden. Was aber auffällt, ist die Ähnlichkeit in der Wortwahl, den Definitionsversuchen, der Vorgehensweise und letztendlich auch den Organisationen, die bei diesen Diskussionen im Visier stehen. Die zeitliche Reihenfolge der Ereignisse und der Beginn der neuen Karriere des Begriffs „politischer Islam“ im Jahr 2016 könnte ein Hinweis darauf sein.

Interessant ist auch, dass die Vereinigten Arabischen Emirate am 16. Mai 2014 eine Liste mit aus ihrer Sicht terroristischen Organisationen veröffentlicht hat. Auf der Liste stehen auch einige islamische Organisationen aus Europa. 2017 plädiert der Toleranzminister der Emirate, Scheich Nahjan bin Mubarak Al Nahjan, für „schärfere Moscheekontrollen in Deutschland“,[21] denn der Grund für „islamistische“ Angriffe in Deutschland sei „die nachlässige Kontrolle von Moscheen in Europa“. Der Minister appelliert an die europäischen Regierungen, „dass auch in Europa etwas passieren muss“. Die Länder auf dem Kontinent hätten es gut gemeint, als sie „diesen Leuten“ erlaubten, ihre eigenen Moscheen und ihre eigenen Gemeindezentren zu betreiben. Doch religiöse Führer müssten ausgebildet sein, sich mit dem Islam auskennen und eine Lizenz haben“.[22]

Wer „diese Leute“ genau sind, wieso die Emirate solche negativen Narrative gegen muslimische Bürger und Organisationen in Europa schürt und ob dieses „etwas“ schon passiert ist, bleibt unklar. Genauso wie der Begriff „politischer Islam“. Denn es scheint, es ist nicht so wichtig, was der Begriff bedeutet, wichtiger ist, was man damit macht bzw. machen kann.

[1] Kölner Stadtanzeiger, 21.06.2007

[2] Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 06.06.2007

[3] Vgl. Christian Meier, „Was ist eigentlich ‚politischer Islam‘?“, FAZ, 16.01.20211

[4] Christian Meier, „Was ist eigentlich ‚politischer Islam‘?“, FAZ, 16.01.2021

[5] Vgl. Ali Mete, „Der ‚politische Islam‘ – ein Kampfbegriff“, https://www.islamiq.de/2019/06/23/politische-islam-ein-kampfbegriff/

[6] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-11/politischer-islam-csu-parteitag-leitantrag

[7] Interview mit Prof. Lohlker in der ZIB Nacht vom 11.11.2020, https://www.youtube.com/watch?v=eo0ZZfbsIh8

[8] Ebenda

[9] Ebenda

[10] Hannes Leitlein, FAZ, 16.11.2020

[11] Vgl. Christian Meier, „Was ist eigentlich ‚politischer Islam‘?“, FAZ, 16.01.2021

[12] Ebenda

[13] Ebenda

[14] Hannes Leitlein, FAZ, 16.11.2020

[15] Vgl. Christian Meier, „Was ist eigentlich ‚politischer Islam‘?“, FAZ, 16.01.2021

[16] Interview mit Prof. Lohlker in der ZIB Nacht vom 11.11.2020, https://www.youtube.com/watch?v=eo0ZZfbsIh8

[17]https://www.domradio.de/themen/islam-und-kirche/2020-09-18/neue-wiener-dokumentationsstelle-legt-finger-die-wunde-theologe-khorchide-ueber-die-gefahr-des

[18] https://www.derstandard.at/story/2000118871137/islamtheologe-khorchide-politischer-islam-viel-gefaehrlicher-als-jihadismus

[19] Ebenda

[20] Ebenda

[21] https://www.tagesspiegel.de/politik/islam-in-europa-emiratischer-minister-fuer-schaerfere-moschee-kontrollen-in-deutschland/20579176.html

[22]https://www.tagesspiegel.de/politik/islam-in-europa-emiratischer-minister-fuer-schaerfere-moschee-kontrollen-in-deutschland/20579176.html

Leserkommentare

Dilaver Çelik sagt:
Da werden Verschwörungstheorien geschmiedet, welche zum antimuslimischen Rassismus führen. Das ist eine noch viel größere Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden als ein paar radikale Spinner, die von Utopia träumen. Denn die Folgen sind u.a. Angriffe auf Moscheen sowie auf muslimische Frauen, die Kopftuch tragen. Man muss die vier großen Islamverbände ihre Arbeit machen lassen, wenn man radikalen Kräften den Boden entziehen will. Und der Herr Minister von den Emiraten sollte sich lieber um die Probleme im eigenen Land kümmern anstatt Muslime in Europa haltlos unter Generalverdacht zu stellen.
20.06.21
18:46
Johannes Disch sagt:
Auch aus diesem Thema macht man hier ein Hamsterrad, ähnlich wie beim Thema Kopftuch, obwohl die Dinge klar und eindeutig sind. Passt einem ein Begriff nicht, dann wird er als "umstritten" oder gar als "Kampfbegriff" diskreditiert. "Politischer Islam" ist ein in den Sozialwissenschaften geläufiger und klar definierter Begriff. In aller Kürze: Er meint die Verbindung der Religion des Islam mit einer politischen Ordnung. Die Religion des Islam wird nicht spirituell verstanden, sondern sie dient als Grundlage für eine politische Ordnung. Diese politische Ordnung ist durch den Islam bestimmt. Nicht positives von Menschen erschaffenes Recht ist die Grundlage dieser Ordnung, sondern Gottesrecht; die Scharia. Was der politische Islam anstrebt, ist eine Theokratie. Das ist der größtmöglichst vorstellbare Kontrast zur Demokratie. Der Politische Islam ist ein Totalitarismus. Der dritte Totalitarismus des 20. Jahrhunderts nach Faschismus und Kommunismus. Aus dem Koran lässt sich das nicht herleiten. Der Koran schreibt keine politische Ordnung vor. Die Begriffe "Haykkimath Allah" ("Gottesherrschaft") oder "Din-Wa-Daula" ("Einheit von Politik und Staat und Religion") sind modernen Ursprungs, konzipiert von islamistischen Ideologen wie Sayyid Qutb. Man unterscheidet 2 Formen des Politischen Islam: a) Den (Neo)Djihadismus, der mit Gewalt versucht, einen Gottesstaat herbeizubomben b) Den institutionellen Islamismus. Er versucht mit formal legalen Mitteln die Demokratie auszuhölen und step by step in eine Theokratie zu verwandeln. Das beste Beispiel für den institutionellen Islamismus ist die türkische AKP unter ihrem Präsidenten Erdogan. Version b) des Politischen Islam ist langfristig wesentlich gefährlicher als Version a).
21.06.21
13:10
Johannes Disch sagt:
@Islamverbände -- "Man muss die vier großen Islamverbände ihre Arbeit machen lassen, wenn man radikalen Kräften den Boden entziehen will." (Dilaver). Na, das hieße, den Bock zum Gärtner machen. Denn genau diese Verbände sind das Problem, da sie ein fundamentalistisches Islamverständnis propagieren, das sie politisch umsetzen wollen (Kopftuch am Arbeitsplatz und Prozessieren, wenn es jemandem verweigert wird, Kopftuch in der Schule, Druck auf Schülerinnen, die kein Kopftuch tragen, Gebetsräume an Schule und Uni, keine Klausuren an Ramadan, etc.). Gerade diese Verbände sind gemeint, wenn man vom politischen Islam spricht und vor ihm warnt. -- Die DITIB ist nichts anderes als eine Auslandsdependance der türkischen Religionsbehörde, die direkt Erdogan untersteht. Nichts in der DITIB geschieht ohne Erdogans Segen und seine Weisung. Die DITIB ist völlig auslandsabhängig, finanziell und inhaltlich. -- Die zweite große Gruppe ist Milli Görüs. Auch sie ist auslandsabhängig, in ihren Inhalten radikal und wird nicht umsonst schon länger vom Verfassungsschutz beobachtet. -- Die dritte große Gruppe sind Organisationen, die man als "muslimbrudernah" bezeichnen kann. Darunter fällt auch ein Teil der Organisationen, die unter dem Dach des ZMD organisiert sind. -- Die vierte große Gruppe sind die "Islamischen Zentren", die vom schiitischen Iran abhängig sind und von ihm gesteuert werden. Und ausgerechnet diese fundamentalistischen Organisationen sind die Ansprechpartner des deutschen Staates, was die Islampolitik in Deutschland betrifft. Obwohl sie nur ca. 15% derhier lebenden Muslime repräsentieren, haben sie es geschafft, die öffentliche Wahrnehmung zu okkupieren, was auf eine hervorragende Lobbyarbeit zurückzuführen ist. Und auf die üblichen Reflexe, wenn man sie kritisiert: "Rassismus", "Generalverdacht", "Islamophobie", "antimuslimischer Rassismus." Dagegen sind liberale und säkular orientierte Muslime und deren Organisationen unterrepräsentiert bzw. kommen gar nicht mehr vor, beispielsweise in der "Deutschen Islamkonferenz", wo die liberalen und säkularen Verbände auf Druck der Etablierten ausgeladen wurden. Es geht also nicht nur um die terroristische Variante, wenn man vor dem politischen Islam warnt. Es geht auch und vor allem um die etablierten Islamverbände, die einen politischen Islam propagieren, der mit unserer Verfassung nicht vereinbar ist. Es handelt sich beim politischen Islam also keineswegs um ein Schreckgespenst, das man an die Wand malt, sondern um eine reale und ernste Bedrohung.
22.06.21
14:45
Tarik sagt:
Die Philosophie befasste sich u.a. mit der Welt, dem Menschen an sich und die Beziehung der Menschen untereinander. Mit der zunehmenden Anhäufung von Wissen in jedem der Teilbereiche entstanden eigenständige Disziplinen wie z.B. die Psychologie (die versucht, eine Landkarte der menschlichen Ichs zu erstellen) oder die Soziologie (die sich mit dem menschlichen Zusammenleben untereinander) befasst. Auch die Ökonomie geht aus der Philosophie hervor. Doch Thesen und Schlussfolgerungen in jedem dieser Teilbereiche waren und sind immer strittig gewesen. Weil es sich eben nicht um Naturwissenschaft handelt. Es gibt natürlich den Trend bzw. den Versuch – meist um die eigene These zu erhärten -, dem ganzen einen mathematischen Anstrich zu geben. Wieso? Weil es in der Mathematik sogenannte Axiome gibt. Dinge, die selbstevident sind, sich quasi von selbst beweisen und als Basis dienen können für eine mathematische Theorie. Bertrand Russell schrieb bsp. Über die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten – in dem es heißt, dass die Menschenrechte „selbstevident“ sind – dass es sich hierbei um den Versuch handelt, mathematische Axiome in der Politik zu verwirklichen. In der Ökonomie hatte dies bsp. Zur Folge, dass aus „Wirtschaft“ komplizierte Modelle erstellt wurden, die Wirtschaftskreisläufe etc. beschreiben. Das Problem bei diesen Modellen war und ist jedoch – sie funktionieren nur unter den im Modell gegebenen Bedigungen. Die Realität, das wahre Leben sieht oft anders aus. Der Markt reguliert sich eben nicht selbst. Und Wirtschaftswachstum – was die Basis ist um Dinge wie Neuverschuldung finanzieren zu können – ist bei begrenzten Ressourcen auf lange Sicht ein Paradoxon. Wäre nun die Psychologie ebenfalls unstrittig, hätten wir nicht diese teilweise diemetral gegenüberstehenden Meinungen. Freudianer vs. Antifreudianer oder die aktuelle Kritik an der Deutungshoheit von Neurologen etc. Nicht anders sieht es in der Soziologie aus. Nehmen wir den Begriff „antimuslimischer Rassismus“. Auch dieser hat – ebenso wie „Islamophobie“ Einzug in die Sozialwissenschaft gefunden und seine Verfechter haben ebenfalls daraus „klar umrissene Begriffe“ oder Definitionen gemacht. Die jedoch natürlich strittig sind. Genauso „politischer Islam“. Was Sie, Herr Disch, beschreiben, ist völlig richtig. Und das was Sie schreiben, hätte man genauso in Yousuf Choueris „Islamic Fundamentalism“ aus dem Jahr 1990 nachlesen können. Sie sehen, damals sprach man noch von „Fundamentalismus“, weil eine BESTIMMTE islamisch-politische Strömung gemeint ist. Der Begriff war zwar nicht ideal – weil „Fundamentalismus“ ursprünglich aus dem politischen Evangelikalismus kommt -, aber inhaltlich absolut treffend. Das Problem mit „politischer Islam“ ist, dass dieser Begriff absolut schwammig ist. Der Deutschsprachige Muslimkreis in Berlin veranstaltete mal die Aktion „Muslime säubern den Tiergarten“. Das ist Umweltpolitik, also faktisch ein „politischer Islam“. Und nun? Eine der politisch einflussreichsten Gruppen während der Gezi-Park-Proteste 2013 in der Türkei waren die sogenannten „anti-kapitalistischen Muslime“, die man von der Ausrichtung eher mit Ali Shariatis „islamischen Sozialismus“ vergleichen könnte. Diese Gruppe war deshalb einflussreich, weil sie religiöse Türken erreichen konnte, die einerseits kritisch gegenüber Erdogan eingestellt waren/sind, andererseits sich nicht mit den Betonkemalisten identifizieren konnte. Thomas Bauer hat einen hervorragenden Text zum Unwort „politischer Islam“, der auch in Islamiq abgedruckt wurde, verfasst und einen sehr passenden Vergleich zum „politischen Katholizismus“ gezogen. Dies sollte sich der ein oder andere Kommentator mal zu Gemüte ziehen. Nehmen wir Franco. Francos Spanien war eine Symbiose zwischen Staat und Kirche. Es war EINE mögliche Auslegung des „politischen Christentums“. Wer käme nun auf den Gedanken, seine politische Version mit anderen „christlich-konservativen“ zu ziehen? Die These, den „politischen Islam“ an sich mit einer bestimmten totalitären Form – quasi als logische Folge / Ziel – gleichzusetzen, ist unhaltbar, wenn auch beliebt. Die SDA in Bosnien-Herzegowina ist bsp. „islamisch-konservative“ Partei, weder gibt es Pressezensur noch irgendwelche „Kalifatsbestrebungen“ oder was auch immer. Gut, Korruption en mass aber das ist ja auch der Balkan ;-) Der Punkt ist, dass es einen Mittelweg gibt – sofern man ihm erlaubt, sich politisch zu artikulieren – zwischen den Schwarz-Weiß-Extremen „Religion ins Private drängen“ und einer totalitären Diktatur. Warum „Sofern man ihm erlaubt“? Erinnern wir uns doch mal an 2011. Seinerzeit galt die Türkei noch – auch medial – als erfolgreiches Modell einer „islamischen Demokratie“. Mehr noch, man berichtete darüber, dass dieses Modell als Beispel für Ägypten, Libyen und Tunesien dienen könnte. Doch stattdessen sahen wir heftige Reaktionen seitens säkularer Eliten. Man nennt dies auch „Kontrarevolution“. Die „internationale Gemeinschaft“ sowie die Golfstaaten – die allesamt einen Sieg der Muslimbrüder wie der Teufel das Weihwasser scheute - stellten nach Mursis Sieg die Entwicklungshilfe komplett ein (außer Türkei und Katar). Für ein über Jahrzehnte dermaßen von Oligarchen (die von der EU gesponsert wurden) ausgebeutet und missgewirtschaftet wurdne eine Katastrophe. Die blutigen Folgen sind bekannt. Auch in Tunesien drohte der islamisch orientierten Nahda-Partei ein Putsch, so dass sie nach einer riesigen medialen Kampagne sowie Terroranschlägen(die interessanterweise vor allem in ihrer Regierungszeit geschahen, auf den ersten Blick seltsam, dass ausgerechnet Anschläge NACH Regierungsübernahme durch eine Islamische Partei geschahen– heute weiß man, dass offenbar Saudi Arabien dahinter steckte) Und in der Türkei schloss die regierende AKP aus diesen und anderen blutigen Ereignissen in der Arabischen Welt insbesondere nach den Gezi-Park-Protesten, an denen sogar ausländische Politiker wie bsp der Grünen teilnahmen, dass ausländische Mächte dahintersteckten. Srdja Popovics „Canvas-Organisation“, die im gesamten Nahen Osten, in der Ukraine, den Malediven und Venezuela junge Aktivisten schulten, wie man – ich zitiere aus dem Titel von Popovics, der zu den einflussreichsten Personen seit 10 Jahren regelmäßig gezählt wird: Blueprint for Revolution: How to Use Rice Pudding, Lego Men, and Other Nonviolent Techniques to Galvanize Communities, Overthrow Dictators, or Simply Change the World Interesantes Detail: Seine Organisation wird seit über einem Jahrzehnt von Washington finanziert. Nun, die Erdogan-Regierung jedenfalls schloss für sich das Fazit, dass es um ihr politisches Überleben geht – der Putschversuch von 2016 bestärkte die Regierung natürlich in dieser Sicht. Kurz gesagt: Wie auch in anderen Ländern des Vorderen Orients sehen wir (Bsp. Algerien 1991), dass je strikter und radikaler säkulare Eliten gegen politische Islamisten agierten – ob militärisch oder juristisch -, desto radikaler die Reaktionen. Das ist jedoch kein Muss. Politik ist keine Mathematik, sondern hängt ab vom Willen der jeweiligen politischen Akteure. In den Diktaturen des Vorderen Orients hat man vom Westen her lieber hörige Klientelregimes stabilisiert, die den Zugang zu Ressourcen kostenslos sichern. Das ist keine „der böse Westen-Propaganda“, sondern nüchterne Realpolitik und handfeste Interessen. China oder Russland agieren ja je nach ihren Möglichkeiten ähnlich. Der Punkt ist, dass sowohl die totalitären Ausprägungen des „islamischen Fundamentalismus“ als auch die terroristischen Ausprägungen zuallererst etwas reaktives sind. Sie sind Ausdruck dessen, dass religiöse Menschen in diesen Regionen ebenfalls den öffentlichen Raum mitgestalten wollen. Je größer die Unterdrückung dessen, desto heftiger die Reaktionen. Leider Gottes hat die EU/NATO noch nichts daraus gelernt, stattdessen koaliert man auf allen Ebenen mit Saudi Arabien, dem größten Förderer sowohl des Salafismus als auch der Terroristen. Nun, die Kritiker des Begriffes "Islamophobie" behaupten, dass der Begriff kreiert wurde, um Kritik am Islam unmöglich zu machen. Und so argumentieren - siehe detaillierten Artikel, der vor Quellen nur so strotzt, die Kritik des Begriffs "politischer Islam", dass es sich hier um ein Mittel handelt, muslimische Akteure unter Generalverdacht zu stellen. Sie sehen, nichts ist "klar", sondern im Gegenteil, heftig umstritten. Weil Soziologie eben keine Naturwissenschaft ist. Persönliche Anmerkung: Ich selbst halte "antimuslimischen Rassismus" für einen nicht minder unpassenden Begriff.
24.06.21
14:15
Johannes Disch sagt:
@Philosophie: Man kann es kurz machen: Der Gegensatz, um den es geht, ist Freiheit versus Totalitarismus. Das Grundlagenwerk der westlichen Philosophie dazu ist Karl Poppers "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde." (1945). Das Werk ist keineswegs veraltet, da es einen Grundkonflikt deutlich macht. Es geht um Kollektivismus versus Individualismus. Und das freie Individuum kennt der Islam nicht. Der Islam kennt nur das Kollektiv der "Umma" ( = Gemeinschaft aller (muslimischen) Gläubigen). Der zweite große Denker des Individualismus, der her zu erwähnen wäre, ist Hayek. "Die Verfassung der Freiheit" ist das bis heute wegwesende Werk für die Freiheit des INDIVIDUUMS Geschrieben als Manifest gegen den Kommunismus ist es heute aktueller denn je, droht die Gefahr des Kollektivismus nicht in Form einer säkularen Ideologie (Kommunismus), sondern in Form einer religiösen (Islamismus). "Der Weg der Knechtschaft"-- Hayeks zweites bedeutendes Wer-- zeigt die Gefahren des Kollektivismus. Die islamische Welt findet nicht statt. In den Wirtschaftswissenschaften gibt es rege Diskussionen über die Globalisierung. Islamische Beiträge? Fehlanzeige! Es gibt keine aktuelle islamische Wirtschaftstheorie, die von Bedeutung wäre. Kein Wunder, Muslime orientieren sich zuallererst an ihrer Religion. Wenn man nichts mehr anzubieten hat, dann kommt man mit der Religion. Verweise auf frühere Hochkulturen und den mystischen Islam (Sufismus) sollen nur ablenken vom gegenwärtig intellektuellen und politischen Zustand der islamischen Welt. Fazit: Aktuell ist bei allen wesentlichen Debatten festzustellen: Der Islam kommt nicht vor. Der Islam findet nicht statt. Das einzige Terrain, auf dem Islam stattfindet, ist des Islamismus/Terrorismus. Früher
25.06.21
20:45
Johannes Disch sagt:
@Tarik (24.06.2021, 14:15) -- "Ich selbst halte "antimuslimischen Rassismus" für einen nicht minder unpassenden Begriff." (Tarik) Einverstanden. Aber welchen Begriff würden Sie denn verwenden??
26.06.21
17:55
Johannes Disch sagt:
@Begriffe Dass Begriffe einen Bedeutungswandel erfahren, das ist etwas völlig normales. Es geht aber nicht um Begriff, sondern um Inhalte. Der Streit um Begriffe kann leicht in ein Ablenkungsmanöver wenden. "Politischer Islam" mag zu vage sein. Es gibt aber treffendere Möglichkeiten. Ob man nun "Islamischer Fundamentalismus" oder "Islamismus" verwendet, das ist sekundär. Ich selbst halte den Begriff "Religiöser Totalitarismus" bzw. "Islamischer Totalitarismus" für passender, da er das Phänomen exakter beschreibt: die Ersetzung einer freiheitlichen Ordnung durch eine totalitäre, die religiös begründet wird; Gottesstaat versus Demokratie, Gottesrecht (Scharia) versus positives von Menschen gemachtes Recht.
27.06.21
16:24
Johannes Disch sagt:
@Indigen oder exogen?? Man kann immer wieder lesen, der zeitgenössische Islamismus/Neo-Djihadismus wäre reaktiv. Davon abgesehen, dass das sekundär ist, gibt es auch eine andere Lesart, die von Beginn an imperiale Tendenzen im Islam erkennt. Die lesenswerte Abhandlung "Imperialismus im Namen Allahs" (2007) des israelischen Historikers Efraim Karsh macht das deutlich. Liest man die Wohlfühl-Islmophilen Thomas Bauer, Frank Griffel & Konsorten, dann gewinnt man den Eindruck, die islamische Welt sei einzig ein Hort der Toleraanz gewesen und Unfriede sei immer nur von außen in die islamische Welt getragen worden. Eine beschönigende Lesart, die historisch falsch ist. Von Beginn an kannte der Islam Machtkämpfe und Abspaltungen. Und er errichtete sein Imperium auch nicht mit dem Koran, sondern mit dem Schwert. "Djihad" war in der Realgeschichte des Islam nicht "innere Anstrengung", sondern imperialer Eroberungskrieg. Und genau an diese imperiale Tradition knüpft der moderne Iskamismus an. "Hidjra" findet heute in Form von Migration von Flüchtlingen nach Europa statt. Wohin das führt, das hat jüngst wieder die tragische Tat von Würzburg gezeigt.
28.06.21
8:39
Tarik sagt:
@ Johannes Disch Dies ist ein ziemlich breit gefächertes Thema, was den Rahmen von Kommentarspalten sprengt. Daher in aller Kürze, was natürlch zu Lasten von erklärenden Details geht: Es gibt nicht DIE westliche Philosophie, sondern verschiedene westliche Philosophieschulen, hier wären vor drei wesentliche zu nennen: die britische (ich schreibe bewusst britisch, weil die meisten klugen Denker der Insel Schotten waren), die französische und die deutsche - bei den Franzosen wiederum gibt es zwei Denkströmungen (ausgehend von Rosseau auf der einen und Voltaire auf der anderen). Und da diese Denkrichtungen - wir beschränken uns hier auf die politische Philosophie - in wichtigen Punkten einander widersprechen, ist das Ergebnis nicht eine, sondern mehrere Philosophien. Konkret heißt dies: Europa pendelt seit gut 200 Jahren zwischen Liberalismus und Totalitarismus. Auf welchem Weg befindet sich Europa aktuell? Nun, der zur Zeit bedeutendste französische Philosoph Michel Onfray hat dazu äußerst Bemerkenswertes in seinem aktuellen und herausragendem Buch "Theorie der Diktatur" verfasst. Und gemeint sind hier nicht die Nationalpopulisten Osteuropas - die "neue rechte Welle" ist nur eine Reaktion auf das, was man als "Einheit in Vielfalt"-Diktatur wahrnimmt, was im Grunde mit dem "Durchmarsch der 68-er in die Institutionen" (Dieter Nuhr). Eine Karikatur bringt dies treffend auf den Punkt: https://at.wikimannia.org/Datei:Wir_bekennen_uns_zur_Vielfalt.jpg Die "westliche Philosophie" ist nicht nur Hayek, Popper oder, um weitere liberale Theoriker zu nennen, Mills oder Locke. Sondern eben auch Nietzsche, Marx, Heidegger, Eco, Husserl, DiltheyPeirce, James, Moore, Deleuze, Foceault, Deridda, Horkheimer...und und und. Sie haben absolut Recht: Der Grundkonflikt ist hier individuelle Freiheit vs Kollektivismus. Und dieser Grundkonflikt ist nicht entschieden, sondern bewegt die Philophie ja noch immer. Der Mensch muss frei und mündig sein (das sagte Kant, das sagte eben auch al-Ghazali). Aber die These, dass aus dem "Zusammenspiel freier Egos" automatisch das Gemeinwohl gesteigert wird, stimmt eben nicht. Nie zuvor haben so wenige Individuen dermaßen viel Reichtum und Kontrolle über einen so großen Teil von Eigentum/Vermögen. Die Ungleichheit ist heute weitaus größer als noch vor 70 Jahren, wie dies Thomas Piketty in seinem herausragenden Werk "Das Kapital im 21. Jahrhundert" aufgeführt hat. Übrigens sind die Forderungen von Piketty - der ja kein radikaler Antikapitalist ist - sehr nah an dem, was muslimische Wirtschaftswissenschaftler (wie bsp. Muhammad Yunus, der nobelpreisausgezeichnete Gründer der Grameen Mikrokredite) fordern: keine Einkommenssteuer für Reiche, sondern eine Vermögenssteuer. Es gibt sehr wohl interessante Beiträge aus der muslimischen Gelehrsamkeit, nur bekommen Sie davon nicht viel mit: Diese Beiträge, vor allem aus den Bereichen Wirtschaft, Umwelt und Psychologie kommen jedoch weniger aus dem Nahen Osten, als vielmehr von muslimischen Colleges im Westen: Das Zeituna College in Berkeley, Kalifornien, das Muslim College in Cambridge oder das Alqueira de Rosales in Andalusien. So heißt "Sufismus" heute akademisch "Islamische Psychologie", denn um nichts anderes handelt es sich dabei. Schauen Sie sich bsp. Abdullah Rothmans Vorlesungen und Modelle dazu auf youtube an. Weisheit ist universell und keine Kultur hat diese auf Dauer allein für sich gepachtet. Zivilisationen und Hochkulturen zeichneten sich vor allem dadurch aus, dass sie von allen Kulturen quasi "das Beste" aufnahmen, adaptierten und weiterentwickelten. So wie die arabische Welt Wissen aus Indien, Persien und Griechenland zusammenmixte, so fiel auch in Europa nicht "das Wissen vom Himmel". Dieser Satz von Ihnen ist richtig, wenn man ihn dahingehend korrigiert: "das freie Individuum kennt der islamistische Fundamentalismus nicht, sondern nur das Kollektiv der "Umma" ( = Gemeinschaft aller (muslimischen) Gläubigen)." Und der islamische Fundamentalismus ist, das hat Zizek richtig erkannt, "ein Symptom der Krankheit, gegen die er sich als Heilmittel versteht." @ Begriff Das "Center vor American Progress" definiert "Islamophobie" folgerndermaßen: "Eine übertriebene Angst, Hass und Feindseligkeit gegenüber dem Islam und Muslimen, die durch negative Stereotypen aufrechterhalten wird und zu Vorurteilen, Diskriminierung und Ausgrenzung von Muslimen führt." Nun, solche Vorurteile existieren ganz offensichtlich, sondern aber zu unterscheiden von einer gemäßigten oder auch ernsthaften Abneigung, der man jedoch stets Gehör schenken sollte und sich rückblickend sogar als nützlich erweisen können. Jedoch ist auch "Islamophobie" meines Erachtens nach nicht ideal, weil hier vorausgesetzt wird, dass Feindseligkeit immer und im Wesentlichen ein Ausdruck von Angst (Phobie) sei. Stattdessen erkennt man bei "Islamfeinden" oftmals eher Hochmut (auch "Zivilisatiosnhochmut") denn Angst. In seinem Text "Muslims and National Populism" befürwortet Abdal Hakim Murad (Tim Winter) eher den Begriff: Lahabismus. Dazu schreibt er: "Abū Lahab, der Oligarch der Quraisch, hatte der neu entstehenden muslimischen Gemeinschaft zunächst Schutz zugesagt; nicht aus religiösem Respekt, sondern weil der Ehrenkodex seines Stammes Regeln der Gastfreundschaft vorschrieb. Erbost über das Anderssein der Muslime und ihrer wachsenden Zahl wandte er sich schließlich gegen die Gläubigen, bewarf sie wütend mit Ziegelsteinen, verhöhnte (hijā') Muhammad und schürte antimuslimische Stimmung, wo immer er konnte - in der Stadt und unter den umherziehenden Stämmen. In dieser fanatischen Verhöhnung, in seinem Ausspruch tabban lak, „mögest du zugrunde gehen“, sehen wir die wahren dunklen Anfänge der modernen Version jener Verachtung, die Propheten und Weisen stets zu begleiten scheint. Der Lahabismus basiert nicht nur auf Angst, sondern vor allem auf Selbstbezogenheit und Hochmut, Kibr, Superbia,der größten der sieben Todsünden."
28.06.21
12:53
grege sagt:
Herr Disch hat mit seinen treffenden Ausführungen den Begriff des politischen Islams genau definiert und anhand der islamischen Verbände hierzulande konkret veranschaulicht. Wenn diese Ausführungen eines beliebigen Begriffes bewusst überlesen werden, kann dieser bei ausschließlicher Betrachtung als Schlagwort beliebig schwammig verwendet werden. Ohne den Putsch in Ägypten zu rechtfertigen, entwickelte sich Ägypten unter auch unter Musi zu einem diktatorischen Staat, der mit Dekreten ohne juristische Rechenschaft das Land regieren wollte. Unter seiner Präsidentschaft wurden Anhänger der Muslimbruderschaft aus dem Gefängnis entlassen , die anschließend in Moscheen gegen die christlichen Kopten hetzten. Als Folge dieser Kampagne waren unter Mursi Christen Repressalien ausgesetzt, was zahlreiche Bombenanschläge auf Kirchen, Entführungen von Christen sowie Plünderung, Brandschatzungen und Massaker von christlichen Einrichtungen bzw. an christlichen Bürgern durch den islamistischen Mob belegen. Aus Sicht dieser christlichen Minderheit leben muslimische Communities in Europa unter geradezu paradiesischen Verhältnissen. Dass ausgerechnet Islamprotagonisten die Herrschaft Mursis als vorbildlich glorifizieren, gleichzeitig sich als diskriminierte Minderheit im Westen mit seiner historischen Islamfeindlichkeit selbst bemitleiden, beweist einmal mehr deren Doppelmoral. Während der Amtszeit von Mursi sind die meisten Prozesse gegen Medien sowie gegen Personen mit Blasphemievorwürfen geführt worden. Analog zur Vorgänger und Nachfolgeregierung von Mursi sind Regierungs- und Verwaltungsposten mit unfähigen und korrupten Gefolgsleuten aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft besetzt worden, die das Land in das wirtschaftliche Chaos geführt haben. Wie unter Erdogan strebte Mursi eine Islamisierung der Gesellschaft an, in der andersdenkende und andersgläubige keinen Platz finden sollten und die Entstehung einer pluralistischen Gesellschaft mit Gewalt unterdrückt werden sollte. Aus dem Grund wäre die Einstellung von Wirtschafts- und Entwicklungshilfe durch westliche Staaten eigentlich ein folgerichtiger Schritt gewesen, der aber nicht stattgefunden hat. Dass Islamprotagonisten die Fortführung von Entwicklungs- und Wirtschafthilfe in diesem Falle für ein ebenso despotisches Regime fordern, zeigt einmal mehr die moralische Prinzipienlosigkeit ihrer antiwestlichen Kritik auf. Im Falle der Balkankriege ist der Westen für seine anfängliche militärische Zurückhaltung gerügt worden, während im 3. Golfkrieg die Amerikaner und Briten für ihren Einsatz gegen Saddam als Eroberer gegeißelt worden sind. Ebenso kreiden Islamprotagonisten den Westen dessen Beziehungen zu angeblichen säkular orientierten Unrechtsregimen im Nahen Osten an, während gleichzeitig derselbe Personenkreis dem Westen den Tod von 1 Mio. irakischen Babys als Folge von Wirtschaftssanktionen gegen das despotische Regime von Saddam in den 90er Jahren fälschlicherweise angelastet hat. Auch in diesem Falle zeichnet sich die Kritik der opportunistisch handelnden Islamprotagonisten durch Morallosigkeit und Faktenmangel aus. Westlichen Staaten kann man natürlich wie jedem x beliebigen Land vorwerfen, Gestaltung und Pflege von Außenbeziehungen nicht nur an humanitäre Idealen, sondern auch an wirtschaftlichen und geostrategischen Aspekten auszurichten. Bevor Islamprotagonisten in diese Kerbe einschlagen, sollten sie sich zunächst mit der Skrupellosigkeit von muslimischen Staatsführern bei der Wahrung wirtschaftlicher und geostrategischer Vorteile konfrontieren. Für die Umsetzung von Megaprojekten unterhält Erdogan beispielsweise engste Wirtschaftsbeziehungen zu China, das seine muslimische Minderheit quasi in ein Freiluftgefängnis eingesperrt hat. Mittlerweile sind in der Türkei antichinesische Proteste durch uighurische Exilanten per Dekret von Erdogan verboten worden, um sich als zahmes Schoßhündchen nicht dem Unmut seiner chinesischen Partner auszusetzen. Ebenso beliefert ausgerechnet Erdogan das rechtspopulistische, „wenig islamfreundliche“ Polen mit moderner Militärtechnik. Des Weiteren hat das muslimische Pakistan Teile seiner Infrastruktur gegen Kreditzusagen und Waffenlieferungen aus China verscherbelt und sich somit in die Abhängig eines Landes begeben, das wie oben erwähnt für seinen „humanitären“ Umgang gegenüber seiner muslimischen Minderheit berüchtigt ist. Als weiteres Beispiel pflegt der Gottesstaat Iran wirtschaftlich und militärisch enge Beziehungen zu Russland, obwohl dieses Land erbarmungslos in 2 Kriegen gegen seine tschetschenische Minderheit vorgegangen ist sowie in Syrien muslimische Zivilisten gezielt bombardiert. Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortführen, verdeutlicht sie doch, dass auch muslimische Herrscher mit wenig Verlegenheit strategische und wirtschaftliche Interessen zu Lasten ihrer eigenen Glaubensbrüder als Bauernopfer wahren.
28.06.21
21:22
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