RADIKALISIERUNG

Muslime kritisieren Debatten über Moscheen und Imame

Moscheen sind keine Orte der Radikalisierung. Das sagen Studien. Doch müssen Muslime nach Anschlägen mit den Folgen der Taten anderer leben. Wie gehen islamische Religionsgemeinschaften mit diesen Debatten um? Ein Überblick.

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2020
Moscheen
Symbolbild - Moscheen © Shutterstock, bearbeitet by iQ

Erneut stehen Muslime unter Generalverdacht. Nach den jüngsten Terroranschlägen werden von Muslimen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene Maßnahmen zur Extremismusprävention gefordert. So wurden in Österreich mehrere Moscheen geschlossen. Zudem soll ein Strafbestand „politischer Islam“ eingeführt werden.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte angekündigt, den „radikalen Islamismus“ dort zu bekämpfen, wo junge Menschen in seine Fänge geraten – in Moscheen, außerhalb der Schule oder im Internet. Hierzu forderte Macron die Etablierung einer Imamausbildung in Frankreich und die Ausarbeitung einer Charta der republikanischen Werte. Die Charta soll darauf hinweisen, dass der Islam in Frankreich eine Religion und keine politische Bewegung ist.

Für den Pressereferenten des Verbandes der Islamischen Kulturzentren (VIKZ), Erol Pürlü, sei es eine Selbstverständlichkeit, dass islamische Religionsgemeinschaften Gewalt ablehnen und dies verurteilen. Dazu brauchten sie nicht aufgefordert zu werden. Jedoch: „Distanzierungsforderungen sind vorurteilsbehaftet, da sie eine gewisse Nähe zu Gewalt implizieren und Muslime auffordern, sich von Gewalt zu distanzieren, obwohl sie diese Gewalt ablehnen“, erklärt Pürlü Anfrage auf IslamiQ.

Diverse Studien zeigen, dass die Radikalisierung muslimischer Jugendlicher unterschiedliche Ursachen haben wie soziale Probleme oder Ausgrenzungs- bzw. Diskriminierungserfahrungen haben können. Zudem wird belegt, dass die Radikalisierung außerhalb der Moschee stattfindet, beispielsweise über soziale Medien und an anderen Orten. „Diese Tatsache ist in der öffentlichen wissenschaftlichen Diskussion unumstritten. Dennoch gibt es Menschen, die an ihren Vorurteilen gegenüber dem Islam, Muslimen und Moscheen festhalten“, so Pürlü abschließend.

Islamrat: Imamausbildung ist kein Allheilmittel

Für den Generalsekretär des Islamrats, Murat Gümüş, ist es ein Rätsel, wie man trotz zahlreicher Studien zu dem Schluss kommen kann, dass Moscheen der Grund für die Radikalisierung von Jugendlichen seien. „Fakt ist doch, dass sich problematische Jugendlichen nicht in den Moscheen der etablierten islamischen Religionsgemeinschaften radikalisieren, diese ja noch nicht einmal aufsuchen“, erklärt Gümüş. Doch sehe er es als Pflicht, diese Jugendliche zu erreichen und sich ihrer Probleme und Sorgen anzunehmen.

Verschiedene Faktoren spielen laut Gümüş bei der Radikalisierung eine wichtige Rolle. „Angefangen bei persönlichen Lebensbrüchen bzw. größere persönliche Krisen, die nicht verarbeitet werden, der Verlust einer wichtigen Person, das Fehlen einer Vaterfigur oder eine dauernde Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation“. Imame, die laut Gümüş seitens der Muslime unabhängig der Forderungen der Politik ausgebildet werden, spielen hierbei eine wichtige Rolle. „Allerdings ist eine Imamausbildung in Deutschland nicht als eine Art Allheilmittel und der Imam als absoluter Allrounder zu sehen, der jetzt alle Probleme beseitigen soll“, so Gümüş weiter. Denn ein Imam könne keine intakte Familie ersetzen.

„Die Forderungen nach Distanzierung sind nicht nachvollziehbar. Denn jede Distanzierung setzt voraus, dass es eine Nähe gibt“, sagt Gümüş. Muslime stellen sich die Frage, warum man sich von einem Attentäter oder seinem Anschlag distanzieren soll, wenn man doch überhaupt keine Nähe zu ihnen habe. „Muslime zeigen ihre Haltung zum gesellschaftlichen Leben Tag für Tag: auf der Arbeit, in der Schule, im Verein, in der Nachbarschaft usw. und das häufig auch aus einer religiösen Motivation heraus. Deutschland mit allem, was dazu gehört, ist für sie Heimat“, so Gümüş abschließend.

DITIB: Schließung von Moscheen dienen als Symbolpolitik

„Moscheen sind und waren keine Bezugspunkte von Radikalen“, erklärte DITIB-Generalsekretär Abdurrahman Atasoy gegenüber IslamiQ. Es seien gerade die Moscheen, die gemieden werden, weil sie vermeintlich irregeleitet seien. „Die Radikalen organisieren sich außerhalb muslimischer Strukturen und bilden eine eigene, verschlossene Subkultur, in der radikales Gedankengut gepredigt wird. Häufig sind dies sozusagen Dependancen der Internet-Moscheen, um dem ganzen einen Raum zu geben“, so Atasoy weiter.

Die umstrittenen Moscheeschließungen beschreibt Atasoy als Symbolpolitik. Die Politik möchte den Eindruck vermitteln, man habe alles im Griff. „Die Wahrheit ist ja, dass es erneut – wie in so vielen Fällen – eine Reihe von Fehlern der Sicherheitsbehörden war, die den Terror erst möglich machten“, betont Atasoy.

Nach Anschlägen wie in Wien oder Nizza müssen Muslime mit den Folgen der Taten Einzelner leben. Oft werden Distanzierungsforderungen erhoben. „In einer Realität, in der Terroristen ihre Verbrechen islamisch zu überschminken versuchen, ist es uns eine Pflicht, richtigzustellen, wer Muslime wirklich sind und woran sie wirklich glauben“, erklärt Atasoy abschließend. Dies sei Aufgabe der islamischen Religionsgemeinschaften.

ZMD: Moscheen erreichen nicht immer die Jugendlichen

Der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime (ZMD), Abdassamad El Yazidi, sieht Defizite in den Bildungsprogrammen der islamischen Religionsgemeinschaften. „Wir müssen eingestehen, dass wir viele Jugendliche mit unserer Ansprache und unseren immunisierenden Bildungsprogrammen in unseren Moscheen nicht erreichen und sie dadurch zur leichten Beute von radikalen Predigern werden“, erklärt El Yazidi auf Anfrage von IslamiQ.

Die Behauptung, dass Moscheen Orte der Radikalisierung sind, kritisiert er. „Die Stellen, die entgegen wissenschaftlicher Studien so etwas behaupten, haben in erster Linie muslimfeindliche Beweggründe und wollen die Gesellschaft spalten. Kritik sei willkommen, jedoch müsse dies fundiert und wissenschaftlich untermauert werden, sonst führe sie zur Hetze.

IGGÖ: Radikalisierte Gruppen mieten sich eigene Räume

„Die Moscheen der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich sind keine Orte der Radikalisierung. Man kann nicht ausschließen, dass bereits radikalisierte Gruppen sich eigene Räumlichkeiten anmieten um da, unter sich, ihre Ansichten zu leben“, erklärt Dr. Nadim Mazarweh, IGGÖ-Zuständiger für Extremismusprävention und Deradikalisierung. Moscheeschließungen seien für die IGGÖ nicht selten ein populistisches Mittel, um „schnell etwas liefern zu können“. „Menschen, die dort hingehen werden sich selbstverständlich anders verteilen und nicht einfach verschwinden“, so Mazarweh. Aus diesem Grund müssen Moscheeschließungen genau überprüft werden, da sie eine massive Einschränkung der Religionsfreiheit darstellen.

Nadim Mazarweh sei aufgrund des starken Anstiegs antimuslimischer Übergriffe nach dem Anschlag in Wien sehr besorgt. „Die Reaktionen in der Politik auf den schrecklichen Anschlag vom 2. November sind unter anderem auch sehr zurückweisend gewesen und haben Gräben vertieft und muslimische Bürgerinnen und Bürger nicht selten verschreckt. Es ist dringend nötig, dies zu beenden“, sagt Mazarweh abschließend.

Leserkommentare

Tomek sagt:
@Dilaver Çelik Sie meinen, Ausdruck einer berechtigten kritischen Auseinandersetzung mit Demokratiefeindlichkeit, Pluralismusfeindlichkeit, Freiheits- und Gleichberechtigungsfeindlichkeit kurz: mit einem totalitären, zurückgebliebenen Weltbild, welches leider viel zu vielen Muslimen eigen ist?! Der Qu´ran ist genau so wenig ernstzunehmende Grundlage für gesellschaftspolitische Fragen wie das alte Testament oder die Thora. Das Problem ist, dass es einzig die Muslime sind, die das noch nicht kapiert haben. Wir dachten in den achtziger Jahren, wir hätten nach Jahrhunderten religiösem Schwachsinn endlich eine Ruhe vor diesem Schmarren- und vor der unseligen Allianz zwischen Religion und Staat und müssen uns jetzt wegen dieser zurückgebliebenen Idioten mit diesem Sch-.. auseinandersetzen.
26.12.20
2:55
Tomek sagt:
@Ethik Constatin ist ein Hassprediger, das steht ausser Frage. So, so. Na, dann zeigen sie uns einmal ein Beispiel für dessen Hasspredigten. Die Wahrscheinlkichkeit, dass ihnen die Bildung fehlt, Hassprediger überhaupt richtig zu definieren, ist um vieles höher, als dass Constantin Schreiber ein Hassprediger ist. Wäre er Hassprediger, würde er zB sagen: "Raus mit den Muslimen!" "Oder Muslime sind Terroristen!" Oder er würde zu heiligen Krieg gegen Muslime aufrufen. Dann guter Mann, könnten sie sagen, er wäre ein Hassprediger. Selbstmitleidiges, unterbelichtetes Opfergehabe!
26.12.20
3:01
Ethiker sagt:
@ Tomek, anscheinendmuss es nocheinmal sagen. Eine Wiederholung für Tomek: Constatin ist ein Hassprediger und seine Unterstützer sind es auch, wie Tomek eindrucksvoll bewiesen hat.
29.12.20
15:48
Vera Praunheim sagt:
Medienmacher & Autor Constantin Schreiber (41), der bereits in Ägypten ein TV-Star ist, wird künftig die "20-Uhr-Tagesschau" im ARD-Fernsehen präsentieren. Der Journalist spricht fliessend Arabisch und warnte schon bei einem kritischen Blick in Schulbücher aus fünf islamischen Ländern davor, was in der muslimischen Welt gelehrt wird und warum der Westen es nicht finanzieren sollte. Er stieß auf Geschichtsklitterung (= verfälschende Darstellungen oder Deutungen) und Antisemitismus und auf eine - zum Teil hasserfüllte - Ablehnung des Westens. Nach seinen Besuchen von Freitagspredigten in deutschen Moscheen mehrere Monate lang war sein Fazit sehr ernüchternd: Antidemokratisch und konservativ. Wenig weltoffene Imame. Er mußte auch leider feststellen: "Niemand predigt Integration." Wer diesen Mann als "Hassprediger" verunglimpft, ist selber ein Hassprediger. Sollen wohl jetzt missliebige Islam-Kritiker gleich als "Hassprediger" verleumdet werden? Ist das der neue Fake-News-Trend im muslimischen Sprachgebrauch?
31.12.20
4:55
grege sagt:
Als Ausdruck von krudem Querdenkertum reagieren unsere lieben Islamprotagonisten ohne sachlogische Argumente auf sachlich kritische Fragen oder Anmerkungen. Diese Erfahrung durfte jetzt auch Tomek machen, auf dessen Einwände unseren Islamprotagonisten nichts einfällt als hilflose Schimpftiraden.
31.12.20
14:58
Johannes Disch sagt:
@Vera...(31.12.2020, 4:55) So ist es: Für manche hier ist jeder, der den Islam kritisiert ein Hassprediger. So einfach machen sich manche die Welt. Zu einfach.
31.12.20
20:51
Tarik sagt:
Jan Altaner, (Geschichts- und Islamwissenschaftler), der an der "American University of Beirut" über die Geschichte des Libanons forschte (und Studienreisen in den Libanon leitete), hat in seiner äußerst detaillierten Rezension C. Schreibers jüngstes Werk "Kinder des Korans" als das offengelegt, was es ist: ein Propagandapamphlet eines Autors, der sein Ergebnis bereits vor seinen "Untersuchungen" kannte. Auch beim "Moscheereport" verhält es sich nicht anders. Wer tatsächlich eine Untersuchung - die diesen Namen auch verdient - lesen will, der widmet sich der (ergoogelbaren pdf-datei) gründlichen und ausführlichen Studie "Islamisches Berliner Gemeindeleben" (als Beispiel). Natürlich nur, wer sich wirklich informieren will, statt nur sein eigenes Vorurteil bestätigt und gepflegt haben will. Ganz sicherlich jedoch, wenn man zu einem Thema mitdiskutieren will, statt mit Phrasen und Forderungen aus einer Position einer nicht vorhandenen moralischen Überlegenheit um sich zu werfen - die Scheuklappen abzulegen ist vlt. kein schlechter Vorsatz fürs neue Jahr, von dem sich der Verfasser dieser Zeilen natürlcih nicht ausnimmt.
01.01.21
14:19
grege sagt:
Schreibers Buch thematisiert schwerpunktmäßig die Freitagspredigten der von ihm besuchten Moscheen. Auf die problematische Inhalten, die zu Abneigung und Hauss gegenüber anderen Religionen anstiften, sind unsere Islamprotagonisten mit keinem Wort eingegangen. Stattdessen wird diese Person mittels Generalverdacht pauschal als Hassprediger diffarmiert. Eine fundierte Kritik kann nur erfolgen, wenn mit Seitenangabe die konkreten Textstellen im richtigen Zusammenhang genannt und sachlogisch interpretiert werden. Aber hier versagen unsere Islamprotagonisten auf weiter Flur und bestätigen einmal mehr den beklagenswerten Zustand ihrer Glaubensrichtung. Selbst Sameer Murtaza, die intelektuelle Sperrspitze des ZMD, hat in seiner Kritik ebenso ein intelektuelles Armutszeugnis abgelegt, da er die Kritikpunkte ebenso wenig behandelt und stattdessen sich an Marginalien auf Basis von Spekuklationen abarbeitet mit dem plumpen Zweck, Schreiber als Rassisten hinzustellen.
09.01.21
20:01
Tomek sagt:
Werter Ethiker: Nochmals: nennen sie mir nur e i n Beispiel, in welchem sich Constantin Schreiber als Hass (!) Prediger geriert/ zeigt. Sie werden es schlicht nicht schaffen. für sie scheint ja schon ein jeder ein "Hassprediger" zu sein, der nur auf Missstände hinweist. Nur ist das nicht die Definition von "Hassprediger". Was wiederum auf einen weiteren Missstand bei ihnen und unter vielen Gläubigen hinweist: Akuter Bildungsmangel - gepaart mit religiösem Eifer. Genau so wenig können sie mich als Hassprediger hinstellen- schlicht deshalb, weil ich ihnen keinen Anlass dazu gegeben habe. Also: Tun Sie sich den gefallen, und bilden sie sich!
10.01.21
11:41
Tomek sagt:
Werter Ethiker: Es ist mir völlig wurscht, "wie oft Sie noch glauben, etwas sagen zu müssen" Nochmals: nennen sie mir nur e i n Beispiel, in welchem sich Constantin Schreiber als Hass (!) Prediger geriert/ zeigt. Weil einen Furz lassen kann jeder. Sie werden es schlicht nicht schaffen. Für sie scheint ja schon ein jeder ein "Hassprediger" zu sein, der nur auf Missstände hinweist. Nur ist das nicht die Definition von "Hassprediger". Was wiederum auf einen weiteren Missstand bei ihnen und unter vielen Gläubigen hinweist: Akuter Bildungsmangel - gepaart mit religiösem Eifer. Genau so wenig können sie mich als Hassprediger hinstellen- schlicht deshalb, weil ich ihnen keinen Anlass dazu gegeben habe. Also: Tun Sie sich den gefallen, und bilden sie sich! Ach so, ja, so einfach ist das, nicht- weil dann müssten sie konsequenterweise den Glauben an Gott ablegen.
10.01.21
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