Osnabrück

Imamausbildung mit staatlicher Unterstützung startet

Im April 2021 will das neugegründete Islamkolleg die Ausbildung für angehende Imame starten. Islamische Religionsgemeinschaften setzen weiterhin auf eine eigene Imamausbildung.

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2020
Symbolbild: Imamausbildung in Deutschland, Islamkolleg © Shutterstock, bearbeitet by iQ.
Symbolbild: Imamausbildung in Deutschland, Islamkolleg © Shutterstock, bearbeitet by iQ.

Seit langem wird über eine Imamausbildung in Deutschland diskutiert. Islamische Religionsgemeinschaften bilden seit mehr als 10 Jahren ihre eigenen Imame im In-und Ausland aus. Nun will das vom Bundesinnenministerium und dem Land Niedersachsen unterstützte Islamkolleg Deutschland (IKD) in Osnabrück im April 2021 ihren ersten Ausbildungsjahrgang starten. Man wolle damit „zur erfolgreichen Beheimatung der Muslime beitragen“, sagte der Vorsitzende Esnaf Begić am Dienstag in Berlin.

Geplant ist eine zweijährige Imamusbildung, die sieben Bereiche umfassen soll: Predigtlehre, Koranrezitation, Seelsorge, politische Bildung, gottesdienstliche Praktiken, Gemeindepädagogik und soziale Arbeit. Bis zu 30 Plätze für angehende Imame, Gemeindepädagogen oder Seelsorger sind vorgesehen. In der Regel sollen sie vor der Ausbildung bereits ein Studium der islamischen Theologie abgeschlossen haben. Auch Fortbildungen für bereits tätige Imame soll es geben.

Imamausbildung soll Studium vervollständigen

Das Islamkolleg verstehe sich als Erweiterung und Bereicherung zu anderen Einrichtungen, betonte Begić. Zudem sei man offen für eine Zusammenarbeit. Zu den Gründungsmitgliedern des Islamkolleg gehören den Angaben zufolge islamische Theologen, muslimische Personen des öffentlichen Lebens und Gemeinschaften wie der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) sowie das Bündnis Malikitischer Gemeinden Deutschland.

Der wissenschaftliche Direktor des IKD, Bülent Uçar, sagte: „Nach über 60 Jahren dauerhafter muslimischer Präsenz in Deutschland ist die Zeit längst überfällig, den Islam vollumfänglich dem Christentum und Judentum rechtlich wie strukturell gleichzustellen.“ Die Ausbildung am Islamkolleg solle der an Priester- und Rabbinerseminaren vergleichbar sein. Nach der Gründung von mehreren Instituten für islamische Theologie an deutschen Hochschulen sei es nun an der Zeit, die praktische Ausbildung mit einem Imamseminar zu etablieren. Wichtig sei dabei, die Unabhängigkeit von jeglicher staatlicher Einflussnahme aus dem In- und Ausland zu gewährleisten, betonte Uçar.

Muslime kritisieren geplantes „Islamkolleg“

Der Vorsitzender des Islamrats Burhan Kesici begrüßt alle Bemühungen, eine Imamausbildung in Deutschland zu erweitern. Doch sei es sinnvoller und mit der Verfassung vereinbar, „wenn die Politik, die von den Gemeinden durchgeführten Ausbildungsprojekte fördert“, erklärt Kesici gegenüber IslamiQ. Stattdessen werde eine neue Struktur geschaffen, die im Gegensatz zur deutschen Verfassung stehe. „Die Imamausbildung ist Sache der islamischen Religionsgemeinschaften. Insofern bestimmen sie selbst ihre Inhalte und Kooperationspartner. Der Staat sollte nicht sich unterstützend in dieser Form einbringen“, so Kesici weiter.

Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) kritisierte schon letztes Jahr die Pläne eines Islamkolleg. „Politisch motivierte Interventionen zur Ausbildung von Imamen sind erklärungsbedürftig“, erklärt IGMG-Generalsekretär Bekir Altaş in einer Pressemitteilung. Die Imamausbildung sollte frei von äußeren, insbesondere politischen Einflüssen sein und Imame nur den Gemeindemitgliedern, ihrem Glauben und ihrem Gewissen unterworfen sein. „Vor diesem Hintergrund sind politisch motivierte Interventionen und Zahlungen staatlicher Gelder an Initiativen in vermeintlich privater Trägerschaft zur Ausbildung von Imamen erklärungsbedürftig“, so Altaş weiter.

„Es ist nicht Aufgabe des Staates, Imame auszubilden“

„Es ist nicht Aufgabe des Staates, Imame auszubilden, sondern Aufgabe der Religionsgemeinschaften“, sagte indes der Vorsitzende vom DITIB-Landesverband Niedersachsen und Bremen, Ali Ünlü. Für den Schura-Vorsitzenden Recep Bilgen sei bemerkenswert, dass der Staat auf Bundes- und Landesebene auf eine beispiellose Weise in das Selbstbestimmungsrecht von Religionsgemeinschaften eingreife. „Von den problematischen Zusammensetzungen der Beiräte in den Fakultäten und den zahllosen Modellversuchen für den islamischen Religionsunterricht bis hin zu staatlich angeordneten Gründungen von Stiftungen und Trägervereinen mischen sich staatliche Stellen immer mehr in die direkten Belange von Muslimen ein und führen das verfassungsmäßig verankerte Prinzip staatlicher Neutralität ad absurdum“, erklärt Bilgen gegenüber IslamiQ. (KNA/iQ)

Leserkommentare

Vera Praunheim sagt:
Im Vergleich mit dem Judentum und dem Christentum zeigt sich der Islam leider auch extrem gewaltbereit und gewalttätig. Von daher muß der Staat selbstverständlich überall ein besonders wachsames Auge auf alle muslimischen Aktivitäten haben, auch wenn immer wieder gebetsmühlenartig eine friedfertige Religion vorgegeben und behauptet wird. Soll der Staat wirklich allen muslimischen Gruppen, Grüppchen und islamisch angeführten Gemeinden einach so völlig freien Lauf lassen, indem diese ihr eigenes Weltbild-Süppchen - aus antiker Zeit stammend und möglichst hinter verschlossenen Türen - an Neulinge und Insider autoritär oder gar sektenartig vermitteln? Gerade gießt der Kooperationsparter Erdogan wieder Öl ins Feuer und stachelt neue Konfiktherde an um von seinen sinkenden Machtbefugnissen abzulenken. Wenn das Selbstbestimmungsrecht von Reigionsgemeinschaften mißbraucht wird, müssen selbstverständlich deren Rechte eingeschränkt werden. Gerade auch deshalb, weil diese Religionsanhänger sich oft wahnhaft einbilden, sie wären im Besitz absoluter Wahrheiten, die über allem stehen würden.
27.10.20
17:43
Aliya Bettina Maier sagt:
Es ist im Sinn der Tätigkeit eines Imams Kompromisse einzugehen und Vorwurf, sagen wir mal lachs gesagt, nicht staatliche Ansichten 😉einzugehen. Aufgabe des Staates ist es allerdings nicht, direkten Einfluss auf Inhalte zu bestimmen oder sich womöglich noch als Oberlehrer oder höhere Instanz aufzuspielen. So und dazwischen gibt es Raum. Und ehrlich gesagt, zum Islam konvertiert, es ist für beide Seiten schon peinlich, teuer, höchst wissenschaftlich aber für eine friedlichen und entspannten Islam in der Gesellschaft einfach nur schädlich. Es gibt einen Mittelweg und auch das Wort Freiwilligkeit oder?
27.10.20
18:48
Dilaver Çelik sagt:
Staatliche Unterstützung ist immer so eine Sache. Einerseits verspricht es eine gewisse finanzielle sowie organisatorische Erleichterung, was sicherlich von Vorteil ist. Andererseits muss man jedoch bedenken, dass staatliche Unterstützung nicht aus reiner Kulanz geschieht, sondern immer ein gewisses Maß an politischem Kalkül dahinter steckt, was die Islamverbände verständlicherweise argwöhnisch beäugen. Selbstkritisch ist hier anzumerken, dass die Islamverbände lernen müssen, aus eigener Initiative und Kraft Konzepte zu entwickeln, welche die Ausbildung von Imamen in Deutschland ermöglichen sowie bestehende Konzepte weiter auszubauen. Sich hilflos zu geben und rumzujammern, dass sie nicht gehört werden, bringt da nichts und zeugt nicht gerade davon, Verantwortung und Eigeninitiative zu übernehmen. Die Islamverbände sind deshalb gut beraten, statt ewig im selben Kreis zu drehen endlich Eigenverantwortung für die Imamausbildung in Deutschland zu übernehmen und hierfür eigene Akademien zu etablieren. Wenn den Verbänden dafür die Ressourcen und Kapazitäten fehlen, dann müssen sie sich zunächst die erforderlichen Ressourcen und Kapazitäten aneignen, auch wenn der Weg dahin beschwerlich ist.
28.10.20
0:59
Yahya L. sagt:
ANTWORT ZU VERA PRAUNHEIM --------------------------------------------- Sehr geehrte Frau Praunheim, Ich erwähne nur den jüdischen Staat der aufgrund eines "historischen Rechts" in den ersten Jahren schon knapp eine Million Menschen aus ihrer Heimat vertrieb? Dabei weiß ich aber gut zwischen dem Judentum und manchen Juden mit zionistischem Gedankengut zu unterscheiden. Sie mischen die Botschaft einer Religion mit den Leuten die sich auf sie berufen und sie zu verkörpern meinen. Ihnen sei dabei mangelnde Recherche vorzuwerfen, da sie ihr alltägliches Gehör nur dem Springer Verlag schenken, welcher die absolute Wahrheit vermittelt(Ich empfehle Ihnen auf YouTube "Volker Pispers Deutsche Medien"). Zu ihrer Unterscheidungsunfähigkeit zwischen Islam und Taten derer, die sich auf den Islam berufen gehört, dass Sie abscheuliche Reaktionen kritisieren, Muslime zur Stellungnahme drängen und somit den Auslöser, die islamfeindlichen Medien, islamfeindliche Politik, islamfeindliche Attentate, ignorieren. Letzteres wird natürlich in den großen Medien nicht so breit getreten, wie wenn es von muslimischer Seite passiert, obwohl beides verachtungswürdig ist, egal von welcher Seite es stammt. Ich würde gerne noch weiter ausholen, aber eins würde ich Ihnen noch ans Herz legen. Wenn sie wirklich selbst nicht vorurteilsbehaftet denken und schreiben, besuchen sie doch mal eine Moschee und schauen, was dort vermittelt wird. Verschlossene Türen werden sie nicht finden, sofern Sie sie nicht selbst verschließen.
31.10.20
12:35