Todestag von Marwa el-Sherbini

„Meine Schwester Marwa hatte dem Angeklagten vergeben“

Auch elf Jahre nach dem Mord bleibt Marwa El-Sherbini unvergessen. Ihr Bruder Tarek El-Sherbini spricht im IslamiQ-Interview über die Trauer der Familie und ihre Enttäuschung über das Gericht.

01
07
2020
Marwa El-Sherbini und ihr Ehemann Elwy © Facebook, bearbeitet by iQ.
Marwa El-Sherbini und ihr Ehemann Elwy © Facebook, bearbeitet by iQ.

IslamiQ: Was erzählte Ihnen Marwa über Deutschland? Wie lebte Sie in Dresden?

Tarek el-Sherbini: Marwa erzählte uns, dass es in Dresden ab und an zu rassistischen Vorfällen komme und sie wegen des Kopftuchs Anfeindungen erlebt habe. Nichtsdestotrotz führte meine Schwester zusammen mit ihrer Familie ein schönes Leben in Deutschland.

IslamiQ: Der Gerichtsprozess dauerte ein Jahr lang. Wie hat Marwa das Verfahren erlebt? Was hat sie Ihnen über den Angriff erzählt?

El-Sherbini: Weder meine Schwester Marwa, noch ihr Ehemann haben uns im Vorfeld der Verhandlung über den rassistischen Angriff aufgeklärt. Sie haben sich nach dem Vorfall sofort an die Polizei gewandt. Sie wollten, dass diese Sache schnell aufgeklärt und vor Gericht abgeschlossen wird.

IslamiQ: Wie haben Sie vom Mord an Marwa erfahren?

El-Sherbini: Leider haben wir zu Beginn keine offizielle Todesbestätigung aus Deutschland erhalten. Als Marwa mit einem Messer angegriffen und ihr Ehemann Elwy angeschossen wurde, lag er schwer verletzt im Krankenhaus. Obwohl das Gericht wusste, dass Marwa und Elwy in Dresden lebten und dort arbeiteten, haben sie ihren Arbeitskollegen oder ihren Nachbarn nichts von dieser Tat etwas mitgeteilt.

Ein Freund von Elwy hatte am Tag nach der Ermordung von einem Vorfall im Dresdner Gerichtssaal gehört. Sofort hat er uns angerufen, um zu fragen, ob wir wüssten, wo Marwa und Elwy seien. Wir haben wiederum ägyptische Freunde und Bekannte in Dresden kontaktiert. Erst sie haben dann herausgefunden, dass Elwy schwer verletzt im Krankenhaus lag und Marwa getötet wurde. Das Krankenhaus hat uns erst zwei Tage danach Bescheid gegeben. Mein dreijähriger Neffe Mustafa war in dieser Zeit in der Obhut von uns unbekannten und fremden Menschen.

Uns wurde mitgeteilt, dass Marwa dem Angeklagten Alex im Gerichtssaal vergeben hat, da der Islam auch eine vergebende und barmherzige Religion ist. Doch trotzdem musste meine Schwester Marwa sterben.

IslamiQ: Wie sind Sie mit der Ermordung von Marwa als Familie umgegangen? Wie sieht es heute aus, konnten Sie die Tat verarbeiten?

El-Sherbini: Als uns alle Details bezüglich dem Vorfall vorlagten, haben wir uns sofort um Elwy und Mustafa gekümmert. Es war ein großer Schock für uns. Hätten wir in dieser Zeit Allahs Kraft nicht gespürt, so wäre es unerträglich für uns gewesen. Niemand von uns hätte gedacht, dass so etwas in Deutschland und in der Welt im 21. Jahrhundert geschehen könnte. Sechs Monate nach der Ermordung von Marwa ist auch unser Vater verstorben.

IslamiQ: Die Ermordung von Marwa löste eine große Debatte über Islamfeindlichkeit in Deutschland aus. Haben Sie diese Diskussion verfolgt? Denken Sie, dass Deutschland bzw. die internationale Gemeinschaft dieses Thema ernst nehmen?

El-Sherbini: Wir als Familie sind der Meinung, dass nach der Ermordung und dem danach folgenden Gerichtsprozess viel härtere Strafen gefällt werden müssen. Wenn der Mörder die höchste und härteste Strafe bekommen hätte, dann wären solche schlimmen Morde an Muslimen in Deutschland nicht noch einmal passiert. Das Verfahren gegen den Polizisten der Marwas Ehemann Elwy angeschossen hatte, wurde eingestellt.

Der Mörder meiner Schwester hatte zehn Monate vor dem Gerichtstermin in einem Brief angekündigt, Marwa zu ermorden. Und obwohl das Gericht diese Bedrohung erhalten hat, wurden keine Sicherheitsmaßnahmen am Tag der Verhandlung getroffen. Meine Schwester musste auf grausamste Art und Weise sterben. Warum wurden nicht genug Sicherheitsmaßnahmen vorgenommen? Wie konnte der rechtsextremistische Mörder ein 18 cm langes Messer mit ins Gericht nehmen? Das sind Fragen, die wir auch noch nach elf Jahren nicht beantwortet bekommen haben.

Das Interview führte Elif Zehra Kandemir.

Leserkommentare

grege sagt:
"Auch elf Jahre nach dem Mord bleibt Marwa El-Sherbini unvergessen. Ihr Bruder Tarek El-Sherbini spricht im IslamiQ-Interview über die Trauer der Familie und ihre Enttäuschung über das Gericht." Islamiq.de hat offenbar die Angehörigen und Opfer der Morde von islamisch motivierten Anschläge vergessen, die zu Genüge in diesem Land leben. Vielleicht sollte in diesem Dunstkreis Menschen interviewen.
01.07.20
20:59
Richard Lederer sagt:
@grege: was haben nicht von Ihnen erwähnten Morde mit dieser ermordeten Frauen zu tun? Warum sollte man sie an dieser Stelle erwähnen.? Das ist doch völlig irrelevant!
03.07.20
12:42
grege sagt:
die meisten Islamverbände sowie islamiq.de beklagen stets die einseitige Berichterstattung über den Islam in den Medien. Genau dieses Fehlverhalten praktiziert islamiq.de selber, indem es über die zahlreichen religiös motivierten Gewaltverbrechen kaum bis gar nicht berichtet.
08.07.20
18:53